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Full text of "Archiv Für Dermatologie Und Syphilis. Ergänzungshefte 1903 ( Die Vereerbung Der Syphilis)"

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DIE VERERBUNG 
- DER SYPHILIS - 

VON 

DOZENT DR. RUDOLF MATZENAUER 


ERGÄNZUNGSHEFT ZUM „ARCHIV 
FÜR DERMATOLOGIE U. SYPHILIS“ 



WIEN UND LEIPZIG 

WILHELM BRAUMÜLLER 

K. U. K. HOF- UND UNIVERSlTÄTS-BUtHHÄNDEEK 
1903 


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INHALT. 

Pag. 


Einleitung; Gegenwärtiger Stand der Lehre von der Vererbung 

der Syphilis. 1 

Vererbung von Seite der Mutter .12 

Findet von der innerhalb der letzten zwei Schwangerschafts- 
monate infizierten Mutter eine Übertragung ihrer Syphilis statt? 18 

Placentarerkrankungen.26 

Intensität der Syphilis bei Mutter und Kind.39 

Die Intensität der Vererbungssyphilis wird im Laufe der Jahre 

allmählich eine immer geringere. 42 

Alternierende Vererbung.49 

Vererbung auf germinativem Weg . 53 

Klinische Erfahrungen für und gegen eine paterne Vererbung 74 

Der Mangel an nachweislichen Syphiliserscheinungen ist kein 
Beweis für das Fehlen einer dennoch wirklich vorangegangenen 

Syphilisinfektion.• . . •.111 

Choc en retour.129 

Collessches Gesetz.136 

Immunität. . . 169 

Schluß .195 

Literatur.•..208 


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Einleitung. 


Gegenwärtiger Stand der Lehre von der Vererbung der Syphilis.*) 

Seit mehr als hundert Jahren bildet die Erklärung des 
Vorganges, wie Syphilis von den Eltern auf die Nachkommen¬ 
schaft vererbt wird, den Gegenstand lebhafter Meinungs¬ 
verschiedenheit. 

Selbst die Existenz einer hereditären Syphilis wurde bestritten. 
Abgesehen von der sogenannten physiologischen Schule mit Broussais, 
Devergie, De Brus, Jourdan etc., welohe die Existenz eines spezifisch 
syphilitischen Virus überhaupt in Abrede stellten und folglich auch die 
Lehre von der Erblichkeit der Syphilis nicht anerkannten, hat bekanntlich 
Hunter die Infektiosität der sekundären Syphiliserscheinungen geläugnet 
und folgerichtig mußte er und seine Anhänger Brodie, Cooper, 
Dupuytren, Rust etc. auch die Vererbung von einem sekundär syphi¬ 
litischen Individuum negieren. Um jedoch das nicht ableugbare Vor¬ 
kommen von Syphilis bei Säuglingen zu erklären, nahmen Girtanner, 
Wendt, Henke, Kluge, Pauli u. a. eine „Infectio per partum“ 
(infection au passage) an, d. h. Infektion des Kindes während des Geburts¬ 
aktes von einem syphilitischen Primäraffekt der Mutter, welcher ja einzig 
und allein als infektiös galt nach Hunters und noch nach Ri c o r d s Lehren. 
Selbstverständlich mußte diese Erklärung der Syphilis im Säuglingsalter 
ausschließlich durch eine infectio per partum schon aus dem einen Grunde 
fallen gelassen werden, als Frauen ja nicht so viele Primäraffekte akqui¬ 
rieren als syphilitische Kinder gebären können. 

Eine Folge der Lehre von der Nichtinfektiosität sekundärer 
Syphiliserscheinungen war weiters die von Rioord und seinen Anhängern, 
in neuerer Zeit von Parker, Günsburg u. a. vertretene Lehre, daß 
die hereditäre Syphilis nicht infektiös sei. Mit der allgemeinen Aner¬ 
kennung der Infektiosität sekundärer Syphiliserscheinungen änderten die¬ 
jenigen, welche das Vorkommen einer hereditären Syphilis leugneten und 


•) Siehe über das gleiche Thema Vortrag und Diskussion in der 
k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien. Wiener klin. Wochenschrift. 1903. 
Nr. 7—13. 

Matzenaue r, Vererbung der Syphilis. ] 


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Matzenauer. 


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an einer Infectio per partum festhielten, ihre Erklärungs weise dahin ab, 
daß sie eine Infektion des Kindes bei der Geburt von einer lokalen 
syphilitischen Genitalaffektion der Mutter — gleichgültig ob primärer 
oder sekundärer Natur — annahmen. Es bedarf wobl keines besonderen 
Hinweises, daß ein derartiger Erklärungsversuch in jenen Fällen von 
vorneherein abgelehnt werden muß, wenn syphilitische Exantheme bei 
Neugeborenen schon frühzeitig innerhalb der ersten Lebenswochen vor¬ 
handen sind, da bei einer (selbst intra partum) akquirierten Syphilis die 
Allgemeinerscheinungen nicht vor zwei Monaten post infectionem auf« 
treten können. 

Die Existenz der hereditären Syphilis wird heute allerdings 
von niemandem mehr angezweifelt. Über diese nackte Tatsache 
hinaus herrscht aber in der Frage, auf welche Weise Syphilis 
auf die Kinder vererbt wird, heute noch fast die gleiche Ver¬ 
wirrung und der diametrale Gegensatz der Meinungen wie einst 
und ehe. Jede nur erdenkbare Erklärungsmöglichkeit wurde 
von verschiedenen Autoren durch angeblich unzweideutige Be¬ 
obachtungen als erwiesen angenommen und oft als die einzig 
mögliche Erklärungsweise hingestellt. 

A priori wäre eine Vererbung der Syphilis denkbar: 
1. auf germinativem Wege und zwar: a ) durch das Sperma, 
b) durch das Ovulum und 2. auf plazentarem Weg durch intra¬ 
uterine Infektion der Frucht. 

Die Möglichkeit einer intrauterinen, also postkonzeptio¬ 
nellen Infektion, d. h. Übertragung der Syphilis von der intra 
gravididatem infizierten Mutter auf die von ihrer Zeugung her 
gesunde Frucht wurde von fast allen Autoren angenommen, nur 
von Mandon, Behrend, v. Bärensprung, Geigel, 
KaBsowitz, Szadek in Abrede gestellt. 

Während aber Cullerier und Oewre annehmen, daß die post¬ 
konzeptionelle intrauterine Infektion unbedingt in jedem Falle statthaben 
müsse und in jedem Monate der Schwangerschaft erfolgen könne, ist für 
alle anderen Autoren dieser Vorgang nicht obligat, sondern fakultativ, 
d. h. Mütter, welche während der Schwangerschaft Syphilis akquiriert 
haben, können möglicherweise gesunde Kinder gebären, möglicherweise 
aber auch kranke und zwar sollte die Wahrscheinlichkeit der Vererbung 
nach Ricord, Bidencap, Zeissl, Köbner eine umso größere, viel¬ 
leicht ausschließlich mögliche sein, wenn die Infektion innerhalb der 
ersten Hälfte oder der ersten zwei Drittel der Schwangerschaft stattge¬ 
funden hat. Nach v. Rosen, Beyer, Oewre dagegen sollte gerade 
umgekehrt eine Übertragung nur in den letzten Schwangerschaftsmonaten 
stattfinden, wenn die Frucht bereits lebenskräftig sei; Oewre empfahl 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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deshalb geradezu die künstliche Einleitung der Frühgeburt, wenn die 
Matter nach dem siebenten Schwangerschaftsmonate Syphilis akquiriert 
hatte. D i d a y endlich behauptete, daß eine intrauterine Infektion nur in 
den mittleren Monaten der Schwangerschaft eintreten könne. 

Die Tatsache der Vererbung der Syphilis von Mutter auf 
Kind überhaupt wurde nur von wenigen bestritten. In den 
Fällen von postkonzeptioneller Syphilis der Mutter, d. h. wenn 
die Mutter also erst intra gravididatein infiziert wurde, bleibt 
— vorausgesetzt, daß beide Eltern zur Zeit der Zeugung ge¬ 
sund waren — schließlich keine andere Erklärung übrig als 
die intrauterine Infektion der Frucht. Anders aber, wenn die 
Mutter bereits vor der Konzeption syphilitisch war. ln diesem 
Falle ist die Erkrankung der Frucht sowol durch intrauterine 
Infektion als auch auf germinativem Wege durch das von Haus 
aus infizierte Ovulum denkbar. Die meisten Autoren ließen diese 
offene Frage unbeantwortet. Nur jene, welche die Möglichkeit 
einer intrauterinen Infektion negieren, vor allem Kassowitz | 
mußten natürlich den Standpunkt des germinativen Ursprungs 
vertreten, d. h. die Syphilis der Frucht auf ein ex origine 
krankes Ovulum zurückführen. 

Während also der Übergang der Syphilis von Mutter auf 
Kind heute von niemandem bezweifelt wird und nur die Frage 
strittig ist, oh die Ursache hiefiir auf der intrauterinen oder 
ovulären Infektion beruht, ist überhaupt die Möglichkeit der 
Vererbung von Vater auf Kind bis in die jüngste Zeit immer 
wieder in Frage gestellt worden. 

Die paterne Vererbung der Syphilis ist von Swediauer, 
Colles als ausschließlicher Modus der Vererbung hingestellt 
worden (in gewissem Sinne aber auch von Mayer und Bednaf, 
die behaupteten, syphilitische Frauen würden überhaupt nicht 
konzipieren). 

Dagegen wurde die paterne Vererbung vollständig negiert 
von Hufeland, Vassal, Beyer, Cullerier, Notta, 
Follin, Charrier, Oewre, Roth, Lewin, Sturgis, 
Sigmund, Wolff, Langlebert, Augagneur u. a. 

Die meisten Autoren gaben jedoch eine paterne Vererbung 
der Syphilis zu, zumal diese Annahme die beste Erklärung für 
jene Fälle gibt, in welchen bei der Mutter eines hereditär 

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syphilitischen Kindes keine Syphiliserscheinungen nachzuweisen 
sind trotz längerer, oft mehrjähriger Beobachtung. 

Sobald wir aber auf die Frage näher eingehen, auf welche 
Weise man sich den Vererhungsvorgang auf spermatischem 
Wege eigentlich vorzustellen habe, begegnen wir den diffe¬ 
rentesten Erklärungsversuchen der einzelnen Autoren. Denn die 
große Schwierigkeit liegt darin, daß Sperma nicht in¬ 
fektiös ist: das Sperma vermag keinen syphili¬ 
tischen Primäraffekt zu erzeugen. 

Der innere Widersprach wurde durch Behrendsund Knoblauchs 
Erklärung nicht aus dem Wege geräumt, welche meinten, daß, wenn 
auch kein Primäraffekt durch Sperma erzeugt wird, doch durch wieder¬ 
holte Einwirkung des Samens auf den weiblichen Qenitaltraktus Syphilis 
ohne Primäraffekt übertragen werden könne. 

v. Bärensprung und Geigel lehrten: „DerSamen eines syphi¬ 
litischen Mannes, welcher unter gewöhnlichen Umständen unschädlich 
für die Frau ist, infiziert sie, sobald er sie befruchtet;* „Sperma wirkt 
dadurch infektiös, daß die betreffende Frau zur Mutter wird„Sperma 
ist nur in seiner Beziehung zum Ovulum Träger des syphilitischen Kon- 
tagiums.“ 

Dieser etwas apogryph klingenden Lehre liegt eigentlich dieselbe 
Idee zu Grunde, welche später Kassowitz in vollendeter Gestalt aus¬ 
baute, indem er die Vererbung der Syphilis in jedem Falle von germi- 
nativem Ursprung, d. i. von infizierten Keimzellen, Spermatozoon oder 
Ovulum, herleitete. Nur fehlte v. Bärensprung damals die Ausdrucks¬ 
weise des modernen Sprachgebrauches. 

Während also die meisten Autoren eine paterne Ver¬ 
erbung der Syphilis Zugaben, teilen sich die Meinungen dar¬ 
über, ob die Mutter eines von Vater her syphilitischen Kindes 
unbedingt in jedem Falle selbst als syphilitisch zu betrachten 
ist, d. h. ob eine Frau eo ipso dadurch, daß sie eine syphi¬ 
litische Frucht in utero beherbergt, mit Syphilis infiziert wird 
(Choc en retour), oder aber ob anderseits eine Frau, obwohl 
sie eine vom Vater her hereditär luetische Frucht geboren hat, 
trotzdem gesund, d. h. gänzlich frei von Syphilis bleiben kann. 

Es ist nämlich eine durch vielfache Beobachtungen all¬ 
gemein anerkannte Tatsache, daß man nicht selten bei Frauen, 
die eine oder mehrere hereditär luetische Früchte geboren 
haben, trotzdem keine Erscheinungen von Syphilis nachweisen 
kann. Diese Erfahrung an sich ist unbestritten. Aber die eine 
Hälfte der Autoren erklärt das Fehlen von Syphiliserschei- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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nungen durch eine latente Syphilis der Mutter, die andern 
halten solche Mütter für wirklich gesund. 

Die erste Hälfte der Autoren stützt sich namentlich auf 
die Erfahrungstatsache des sog. Colles’schen Gesetzes, wo¬ 
nach die Mutter eines vom Vater her hereditär luetischen 
Kindes immun gegen Syphilis ist, d. h. eine scheinbar gesunde 
Frau, welche eine syphilitische Frucht gehören hat, kann weder 
durch ihre eigenen hereditär luetischen Kinder (etwa heim 
Säugen), noch überhaupt mit Syphilis (auch nicht von anderen 
Personen) infiziert werden. Wenn also auch keine Syphilis¬ 
erscheinungen an der Mutter nachweisbar seien, so beweise 
die bestehende Immunität gegen Syphilis, daß eine Syphilis¬ 
infektion yorausgegangen sein müsse. Zum Grundsatz „keine 
hereditäre Syphilis ohne syphilitische Mutter“ bekennen sich 
außer jenen, welche eine paterne Vererbung überhaupt leugnen, 
noch Colles, Baumes, Oewre, Diday, Hutchinson, 
v. Rosen, Fournier, Boeck, Engelstedt, Sigmund, 
Zeissl, Wolff, Jullien, Gailleton u. a. 

Jene anderen Autoren, welche behaupten, daß eine nicht 
geringe Zahl von Frauen, obwohl sie vom Vater her hereditär 
luetische Bänder zur Welt gebracht haben, dennoch von Sy¬ 
philis völlig frei und wirklich gesund bleiben können, stützen 
sich auf das Vorkommen von Ausnahmen vom Colles’schen 
Gesetz und darauf, daß sie Mütter von hereditär luetischen 
Kindern trotz jahrelanger Beobachtung stets frei von Syphilis¬ 
erscheinungen befunden haben (Ri cord, Vidal, Bä um ler, 
Kassowitz, Finger u. a.) 

Im Jahre 1875 erschien das epochemachende Werk von 
Kassowitz „Die Vererbung der Syphilis“. Wenn ich auch 
jetzt in meinen Ausführungen den gerade entgegengesetzten 
Standpunkt in der Hauptfrage vertrete und zu erweisen suche, 
so bleibt es doch immerdar das ungeschmälerte und nicht hoch 
genug zu schätzende Verdienst Kassowitz’s, alle bis dahin in 
der Literatur zerstreuten Beobachtungen und verschiedenen 
Meinuhgsäußerungen gesammelt und diese sowie seine eigenen 
umfangreichen Erfahrungen von einem einheitlichen Gesichts¬ 
punkte kritisch verarbeitet zu haben, so daß es dadurch spä¬ 
teren Autoren möglich wurde, erst einen Überblick über das 


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G Matzenauer. 

gesamte vorliegende Beobachtungsmaterial zu gewinnen, sich 
selbst ein Urteil darüber zu bilden und fragliche Punkte durch 
sorgsames Sammeln neuer unzweifelhafter Beobachtungen klar¬ 
zustellen. Da ich in meinen Erörterungen auf die bedeutsame 
Arbeit Kassowitz’s immer wieder zurückgreifen muß, seien 
hier vorerst die Kardinalpunkte der Kassowitz’schen Thesen 
vorgebracht : 

1. Die germinative Vererbung ist für andere Krankheiten erwiesen, 
ein Analogieschluß daher bei Syphilis statthaft. 

2. Die hereditäre Syphilis ist eioe eigenartige Affektion und mit 
der acquirierten Syphilis nicht identisch. A priori ist es daher wahr¬ 
scheinlich, daß der verschiedene Symptomenkomplex der hereditären 
Syphilis auch eine andere Entstehungsursache habe. Eine intrauterine 
Infektion wäre aber einfach eine syphilitische Ansteckung des Kindes. 
Abgesehen davon, daß eine solche alternative Vererbung in der gesamten 
Pathologie vereinzelt dastünde, indem es keine Krankheit gibt, welche 
sowohl durch Zeugung vererbt, als durch intrauterine Infektion auf den 
Fötus übertragen werden könnte, können aber auch unmöglich zwei 
Vorgänge, die selbst so außerordentlich verschieden von einander sind, 
denselben Effekt hervorbringen. 

3. Eine nicht syphilitische Mutter kann ein syphili¬ 
tisches Kind gebären. Das zeigen: 

A) Direkte Beweise: Die Beobachtungen vieler Autoren und die 
eigenen Beobachtungen. (In 119 Fällen waren 43mal die Mütter 
frei von Syphilis.) 

B) Indirekte Beweise: 

a) die Konstatierung der SypbiÜ9 des Vaters; 

&) die Geburt eines reifen, lebensfähigen, wenn auch syphili¬ 
tischen Kindes, welcher Umstand gegen eine rezente 
(1—2jährige) Syphilis des Vererbenden spricht; 
c) Geburt gesunder Kinder nach spontanem oder künstlich her¬ 
beigeführtem Erlöschen der Vererbungsfahigkeit der Syphilis 
des Vaters. 

4. Die Mütter eines vom Vater her syphilitischen Kindes können 
auch weiterhin gesund bleiben. Die Angaben vieler Autoren (Colies, 
Ricord, Diday, Hutchinson, Bäumleru. a.), daß früher gesunde 
Mütter ohne vorhergegangenen Primäraffekt sekundäre Symptome oder 
oft erst nach vielen Jahren unvermittelt tertiäre Erscheinungen zeigen, 
sind nicht auf die Infektion der Mütter von Seite ihres hereditär syphi¬ 
litischen Kindes zurückzuführen (Choc en retour), sondern erklären sich 
einfach in mangelhalter Beobachtung, indem der Primäraffekt leicht über¬ 
sehen werden kann, und sekundäre Erscheinungen entweder unbeachtet 
geblieben sind oder absichtlich geleugnet wurden. Einen Choc en retour 
gibt es also nicht; denn das syphilitische Gift überschreitet die Scheide- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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wand des fötalen und mütterlichen Gefäßsystems nicht in der Richtung 
vom Fötus zur Mutter. 

6. Die im Verlauf der Schwangerschaft akquirierte Syphilis der 
Mutter wird auf den von der Zeugung her gesunden Fötus nicht über¬ 
tragen. Ein Kind, dessen beide Eltern im Momente der Zeugung nicht 
syphilitisch waren, wird nicht syphilitisch, selbst wenn seine Mutter zu 
irgend einer Zeit der Schwangerschaft von allgemeiner Syphilis befallen 
wird; die letztere kann störend auf den Verlauf der Schwangerschaft 
wirken und sie frühzeitig unterbrechen, sich aber niemals auf den Fötus 
übertragen. Das syphilitische Gift überschreitet die Scheidewand des 
fötalen und mütterlichen Gefäßsystemes auch nicht in der Richtung von 
der Mutter zum Fötus. Die Falle von Zwillingsgeburten, in denen der 
eine Zwilling syphilitisch, der andere gesund befunden wurde, würden 
bei der Annahme einer placentaren Infektion vollständig rätselhaft 
bleiben. 

6. Die Übertragung der Syphilis der Eltern auf das Kind geschieht 
einzig und allein durch den Akt der Zeugung. Vater und Mutter sind in 
Hinsicht auf die Fähigkeit und den Vorgang der Vererbung der Syphilis 
vollständig gleichberechtigt. Die Erkrankung der Mutter an allgemeiner 
Syphilis nach stattgefundener Konzeption bleibt ohne Einfluß auf die 
Vererbung der Syphilis. 

7. Latent syphilitische Eltern können hereditär syphilitische 
Kinder zeugen. 

8. Günstiger Einfluß der Quecksilberbehandlung auf die Zeugungs- 
syphilis. 

9. Die Dauer der Vererbungsfähigkeit kann sich auf 9 oder 10 
Jahre, selbst auf 11—12 Jahre ausdehnen. 

10. Die Vererbungsfähigkeit ist ganz und gar unabhängig von 
tertiär syphilitischen Affektionen beim vererbenden Individuum. In der 
Regel werden im tertiären Stadium gesunde Kinder geboren. Andrerseits 
wurde aber auch wiederholt beobachtet, daß Eltern mit ausgesprochen 
tertiären Symptomen noch Kinder mit hereditärer Syphilis erzeugten. 
(Sigmund, Köbner, Kassowitz u. a.) 

11. Die Vererbung der Syphilis von rezent syphilitischen Eltern 
ist nicht eine bloß fakultative. Sie erfolgt im Verlaufe einer Syphilis, die 
weder durch ausgiebige Quecksilberkuren noch durch eine längere Reihe 
von Jahren abgeschwächt ist, notwendig; die Immunität der Frucht, wenn 
sie überhaupt vorkommt, muß jedenfalls zu den allergrößten Ausnahmen 
gerechnet werden. 

12. Gesetz von der spontanen graduellen Abschwächung der In¬ 
tensität der Syphilisvererbung. 

Seit jener berühmten Arbeit von Kassowitz ist, wie 
Kassowitz selbst in seiner mehrere Jahre später erschienenen 
Arbeit „Über Vererbung und Übertragung der Syphilis“ mit 
Genugtuung konstatieren konnte, die Frage der hereditären 


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Syphilis vielfach nach verschiedenen Richtungen hin lebhaft 
erörtert worden und „es ist der große Fortschritt unverkennbar, 
daß in der großen Mehrzahl der erschienenen Abhandlungen 
die einzelnen Streitfragen, welche sich an die Vererbung der 
Syphilis knüpfen, viel genauer formuliert sind, als dies früher 
wohl der Fall war“. 

Von allen diesen Arbeiten möchte ich vorerst nur jene 
von Finger „Über Immunität gegen Syphilis“ herausgreifen, 
weil dieselbe für unsere Frage besonders bedeutungsvoll ge¬ 
worden ist und gewissermaßen die von Kassowitz aufgestellte 
Lehre zu stützen vermag. 

Ein Hauptdogma der Kassowitz sehen Lehre ist ja die 
Behauptung, daß eine große Zahl von Frauen, wenngleich sie 
syphilitische Früchte geboren haben, doch völlig frei von Sy¬ 
philis bleiben. 

Kassowitz erklärt ausdrücklich, daß „Mütter hereditär¬ 
syphilitischer Kinder, wenngleich sie immun gegen Syphilis 
sind, doch nicht deshalb notwendiger Weise selbst als syphi¬ 
litisch angesehen werden dürfen“. 

Er sagt: „Vorderhand kann man daraus, daß die Mütter hereditär¬ 
syphilitischer Kinder in der Regel von diesen nicht an der Brust infiziert 
werden, keineswegs folgern, daß alle Mütter hereditär-syphilitischer Kinder 
syphilitisch sind; und wenn durch wiederholte direkte Untersuchungen 
das Fehlen eines jeden syphilitischen Symptomes konstatiert wurde und 
die Syphilis auch aus anderen Umständen ausgeschlossen werden muß, 
so muß man ein solches Individuum eben für nicht syphilitisch erklären, 
ob sie nun von ihren Kindern an der Brust infiziert wurde oder nicht. 

Fingers Theorie von den Syphilistoxinen erklärt 
nun, daß ebenso wenig wie bei anderen Infektionskrankheiten 
aus der Immunität auf das Bestehen der Krankheit selbst ein 
Schluß gezogen werden kann, und man auch aus der Immunität 
gegen Syphilis noch nicht auf das wirkliche Bestehen der 
Krankheit selbst schließen darf. Denn die Immunität kann auch 
bei Syphilis unabhängig von dem Krankheitserreger übertragen 
werden. Wenn auch die Scheidewände des fötalen und mütter¬ 
lichen Gefaßsystemes nicht für den geformten Syphiliserreger 
selbst durchgängig sind, so können und müssen doch zweifellos 
die im Blutserum gelösten toxischen Stoffe übergehen. Wenn 
daher die Mutter eines vom Vater her hereditär luetischen 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Kindes immun gegen Syphilis ist, so beweist dies noch nicht, 
daß die Frau syphilitisch ist, sondern nur, daß immunisierende 
Substanzen von der syphilitischen Frucht auf die Mutter über¬ 
gegangen sind. 

Nach Kassowitz ist „der einzige wirklich bemerkens¬ 
werte Einwurf gegen das völlige Verschontbleiben der Mutter 
eines mit ererbter Syphilis behafteten Fötus das Coli es sehe 
Gesetz. Die wenigen Ausnahmen (Fall von Cazenave, Bri- 
zio Cocchi, Müller) sind nicht verläßlich genug geschil¬ 
dert. Ich selbst habe niemals eine Infektion der Mutter an der 
Brust von ihrem hereditär luetischen Kinde finden können“. 

Dieser „bemerkenswerte“ Eiuwurf der Immunität an¬ 
scheinend gesunder Mütter wurde nun durch die Fing ersehe 
Theorie in befriedigender Weise erklärt, daß eben von einem 
hereditär luetischen Kinde zwar nicht der Sypbiliserreger, also 
nicht die Krankheit selbst, sondern bloß die immunisierenden 
Substanzen auf die Mutter übergehen. Unter der Voraussetzung, 
daß die Mutter wirklich zweifellos frei von Syphilis ist, liegt 
darin, daß eine gesunde Mutter ein hereditär luetisches Kind 
gebären kann, geradezu der Beweis, daß die Syphilis des 
Kindes vom Vater her vererbt wurde. 

Heutzutage gilt es bei den meisten Autoren als eine all¬ 
gemein anerkannte, festgestellte Tatsache, daß die Vererbung 
der Syphilis sowohl vom Vater als auch von der Mutter her 
möglich ist. Während aber beim Vater die Vererbung natürlich 
ausschließlich auf germitativem Wege gedacht werden kann, 
ist die Vererbung von Seite der Mutter sowohl auf germinativem 
Wege durch das schon von Haus aus kranke Ovulum als auch 
auf placentarem Weg durch intrauterine Infektion möglich. 

Der heutige Stand von der Lehre der hereditären Syphilis wird 
vielleicht am besten gekennzeichnet durch Finger’s Arbeit 1898 „Die 
Vererbung der Syphilis“ und durch das Referat Fingers „Über das 
C o 11 e ssche Gesetz und die Frage des Choc en retour“auf der 69.Versammlung 
deutscher Naturforscher und Ärzte zu Braunschweig 1897, wo Finger 
die Frage in die folgenden 16 Thesen zusammenfaßte: 

I. Es gibt eine zweifellos rein paterne Syphilisvererbung. Beweise: 

a) Ausschließliche Behandlung des Vaters in Ehen mit syphilitischer 
Nachkommenschaft reicht meist hin, gesunde Kinder zu er¬ 
zielen. 


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6) Die Matter ex patre syphilitischer Kinder ist in der Mehrzahl 
der Fälle gesund. 

1. Sie wird klinisch gesund befunden. 

2. Sie zeugt später mit einem gesunden Manne gesunde Kinder. 

3. Sie wird nach der Geburt des syphilitischen Kindes 
von diesem oder in anderer Weise syphilitisch infiziert 
(These IX). 

II. Es gibt eine zweifellos materne Syphilisvererbung. Beweise: 

1. Jene syphilitischen Mütter, die von mehreren Vätern syphili¬ 
tische Kinder gebären. 

2. Die rein postkonzeptionelle Syphilis. 

III. Die rein materne Syphilis kann sich auf den Fötus sowohl 
ovulär als postkonzeptionell per plaoentam übertragen. Der zweite 
dieser Wege, die postkonzeptionelle-placentare Infektion 
ist durch eine Reihe exakter klinischer Beobachtungen 
(48 Fälle) erhärtet. Die ovuläre mütterliche Übertragung 
ist nicht erwiesen, nur durch Analogie mit der sperma¬ 
tischen Vererbung zugegeben. 

IV. Die Syphilis der Mutter, selbst im letzten Graviditätsmonate 
akquiriert, vermag auf den von gesunden Eltern gezeugten Fötus in utero 
noch überzugehen. 

V. Der Aufenthalt eines ex patre syphilitischen Fötus im Uterus 
einer gesunden Mutter ist meist nicht ohne Rückwirkung auf diese und 
äußert sich in verschiedener Weise. 

A) Die Mutter wird syphilitisch, konzeptionelle Sy¬ 
philis, Choc en retour. 

a) Frühzeitige konzeptionelle Syphilis, Auftreten unvermittelter, 
von Primäraffekten nicht eingeleiteter Sekundärerscheinungen 
während der Gravidität. 

VI. Die Tatsache des Überganges des syphilitischen Virus per 
placentam von dem ex patre syphilitischen Fötus auf die Mutter ist 
exakt bisher nicht erwiesen, nur per analogiam mit der konzeptionellen 
fötalen Syphilis zugegeben. Zweifellos aber dürfte ein Teil der als früh¬ 
zeitige konzeptionelle Syphilis geltenden Fälle, insbesondere jene, in 
denen die sekundären Symptome bereits im 2. und 3. Monat der Gravi¬ 
dität auftreten, eher auf spermatische Infektion übersehener und wegen 
ihrer hohen Lage im Uterus, Tuben, nicht zu diagnostizierender Initial¬ 
affekte zurüokzuführen sein. Zu dieser Annahme Bind wir berechtigt, da 
einige Beobachtungen analogen Verlaufes der Syphilis bei Frauen latent 
syphilitischer Männer auch ohne interkurrente Gravidität vorliegen. 
(V e r c h e r e.) 

b) Tardive konzeptionelle Syphilis, Auftreten unvermittelter, 
weder von primären noch sekundären Symptomen eingelei¬ 
teter, tertiärer Syphilis. 

VII. Gleich der frühzeitigen ist auch die tardive konzeptionelle 
Syphilis in klinisch exakter wissenschaftlicher Weise nicht zu diagnosti- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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zieren. Die große Zahl der von den exaktesten Beobachtern vorliegenden 
Beobachtungen läßt die Annahme, daß e3 sich in allen diesen Fällen um 
Beobachtungsfehler handelte, nicht berechtigt erscheinen, umsomehr als 
ja diese Annahme nicht den Wert eines wissenschaftlichen Gegenargu¬ 
mentes beanspruchen kann. 

B) Die Mutter wird nicht syphilitisch, aber gegen 
Syphilis immun. 

VIIL Die weitaus größte Zahl der gesund bleibenden Mütter ex 
patre syphilitischer Kinder erwirbt während und durch diese Gravidität 
eine Immunität gegen Syphilisinfektion (Coli es sehet Gesetz). 

C) Die Mutter bleibt völlig gesund und unbeeinflußt. 

IX« In einer kleinen Zahl einwandsfreier Fälle (21 Beobachtungen) 

bleibt die Mutter durch die Syphilis des Fötus im Uterus so wenig be¬ 
einflußt, daß sie nach der Geburt des syphilitischen Kindes von diesem 
oder in anderer Weise infiziert zu werden vermag. 

X. Als Ausnahmen vom Coli es sehen Gesetz werden noch eine 
Gruppe von Fällen beigezogen, deren Zuziehung aber entschieden unstatt¬ 
haft erscheint. Diese Fälle verlaufen nach dem Typus: Vater zur Zeit 
der Zeugung syphilitisch, die Mutter zeigt spät in der Gravidität Primär¬ 
affekt und sekundäre Symptome, das Kind ist luetisch. Der aus diesen 
Fällen abgeleitete Schluß, die Mutter des vom Vater syphilitischen Kindes 
vermöge noch spät in der Gravidität infiziert zu werden, stelle also dann 
eine Ausnahme vom Collessehen Gesetz dar, ist unzulässig, da die 
wichtigste Prämisse dieses Schlusses, die Syphilis des Kindes rühre vom 
Vater her, nicht erwiesen, aber auch nicht erweislich, die postkonzep¬ 
tionelle placentare Infektion des Fötus von der Mutter nicht auszu- 
schließen ist. 

XI. Die Zahl der bisher bekannt gewordenen einwandfreien Fälle 
von Ausnahmen des Collesschen Gesetzes (21 Fälle) ist so groß, daß 
es fraglich erscheint, ob das Stillen der ex patre syphilitischen Kinder 
durch ihre gesunden Mütter auch weiterhin als völlig gefahrlos zu 
empfehlen sei (16 Fälle). 

XII. In analoger Weise zeigen auch die Kinder syphilitischer 
Eitern, die der Syphilis entgehen, Immunität gegen Syphilisinfektion 
(Profetasches Gesetz). 

XIII. Auch von dem Profetaschen Gesetze ist eine Zahl zweifel¬ 
loser Ausnahmen (15 Fälle) bekannt geworden. 

XIV. Es ist heute wohl als zweifellos anzusehen, daß diese Immu¬ 
nität von der Syphilisinfektion unabhängig und durch Zufuhr von Toxinen 
von dem syphilitischen zu dem nicht syphilitischen Organismus zu 
erklären ist. 

XV. Von den verschiedenen Wegen der Vererbung sind somit 
die paterne spermatische und die materne postkonzeptionelle plaoentare 
Übertragung zweifellos erwiesen, die materne ovuläre wahrscheinlich, 
aber bisher unerwiesen. 

Was die Placenta speziell betrifft, so ist dieselbe 


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Matzenauer. 


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o) durchlässig für Yirus in einer Gruppe von Fällen, 
b) undurchlässig für Virus, durchlässig für immunisierende Toxine, 
e) absolut undurchlässig, weder Virus noch Toxine passieren. Der 
gesunde Organismus bleibt von dem Kranken völlig unbeeinflußt. 
XVI. Unter welchen Umständen und Bedingungen die Placenta 
sich bald durchlässig, bald undurchlässig erweist, entzieht sich bisher 
unserer Einsicht. Wohl gilt für eine Reihe von Fällen der Satz, daß die 
gesunde Placenta für das Virus undurchlässig, die kranke durchlässig sei. 
Aber von diesem Satz kommen die barocksten Ausnahmen vor und gesunde 
Mütter bei paterner fötaler Syphilis trotz intensiver Erkrankung der 
Placenta materna wurden beobachtet. 

Und nun wollen wir unvoreingenommen an diese Fragen 
und Lehren herantreten. Wir wollen bei jedem einzelnen denk¬ 
bar möglichen Übertragungsmodus sehen, inwieweit derselbe 
durch Tatsachen erwiesen ist oder bloß auf theoretischen Er¬ 
wägungen beruht. Wir wollen prüien, ob ein bestimmter Ver¬ 
erbungsmodus durch unzweideutige Beobachtungen und unum¬ 
stößliche Erfahrungen bewiesen ist, oder ob man einen solchen 
bloß aus dem Grunde annehmen zu müssen glaubte, weil man 
ihn auf andere Weise nicht zu erklären wußte. 

Haben wir eine bestimmte Art der Vererbung als absolut 
sicher und erwiesen gefunden, so wird unsere weitere Frage 
die sein, ob auf die gleiche Weise die Vererbung der Syphilis 
in jedem Falle zu erklären ist, oder ob wir gezwungen sind, 
die Vererbung der Syphilis noch auf eine andere Weise anzu¬ 
nehmen, wenngleich wir hieftir keine direkten Beweise erbringen, 
sondern nur per exclusionem und per analogiam darauf schließen 
können. 


Vererbung von Seite der Mutter. 

Die Vererbung der Syphilis von Seite der Mutter kann 
entweder durch die infizierte Keimzelle oder auf placentarem 
Weg durch intrauterine Infektion der Frucht gedacht werden. 
Wenn die Mutter schon vor der Konzeption Syphilis akquiriert 
hatte und auf das Kind vererbt, so bleibt die Frage unent¬ 
schieden, welche der beiden supponierten Vererbungsweisen 
verantwortlich gemacht werden darf. 

Wenn Konzeption und Infektion der Mutter gleichzeitig 
erfolgte, so kann zwar nicht schon die weibliche Keimzelle 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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krank gewesen sein, wohl aber könnte das befrachtende Sperma 
als Infektionsträger gedacht werden. 

Nur wenn die Mutter erst nach der Konzeption mit 
Syphilis infiziert wurde, und beide Eltern zur Zeit der Zeugung 
gesund waren, ist eine syphilitische Frucht nur.durch eine ein¬ 
zige Übertragungsweise denkbar: durch die intrauterine pla- 
centare Infektion. 

Diese müssen wir deshalb klar erweisen oder ausscbließ?n 
können. 

Bei anderen Infektionskrankheiten ist durch die bakterio¬ 
logischen Arbeiten im Verlaufe der letzten 2 Dezennien die 
intrauterine Infektion der Frucht auf placentarem Wege voll¬ 
ständig sichergestellt worden, so sicher, daß dieser Vererbungs- 
modus heute überhaupt als der einzig sicher bewiesene gilt. 

Lubarsch kommt bei seinen Ausführungen über „Übertragung 
von Infektionskrankheiten von Ascendenten auf Descendenten“ zu dem 
Schluß: Fassen wir zum Schlüsse alles zusammen, was über die Über¬ 
tragung pathogener Spaltpilze von den Vorfahren auf die Nachkommen 
festgestellt ist, so kommen wir zu folgenden Sätzen: 

1. Die germin&tive Infektion ist, ausgenommen die 
Syphilis, nicht sioher bewiesen. . . . 

2. Die plaoentare Infektion kann nur zu stände kommen, wenn die 
krankmachenden Spaltpilze die Fähigkeit besitzen, durch Epithelien hin¬ 
durch in die fötalen Zotten hinein zu wachsen, oder wenn sie gröbere 
Veränderungen in der Placenta hervorbringen können. 

3. Im einzelnen ist die Virulenz der Bakterien, ihre Aufenthalts¬ 
dauer und Vermehrungsfähigkeit in der Placenta von großer Bedeutung 
für das Zustandekommen der placentaren Infektion. 

Für zahlreiche Infektionskrankbeiten ist es also sowohl 
beim Menschen wie bei Tieren einwandsfrei nacbgewiesen, daß 
Bakterien von Mutter auf Kind auf placentarem Weg 
übergehen können, so bei Typhus, Milzbrand, 
Tuberkulose, Pneumonie, Eiterkokken, Cholera, 
Recurrens, Variola, malignes Ödem, Botlauf, 
Hühnercholera, Kaninchensepticämie, Rotz etc.etc. 

Nach Lubarsch (1896, I.) ist „beim Menschen mit Sicherheit eine 
plaoentare Übertragung für folgende Mikroorganismen nachgewiesen 
worden: Milzbrand (Marchand, Paltauf), Typhus (Eberth, 
Ernst, Hildebrandt, Frasconi, Oiglio), Pneumonie (Levy, 
Netter, Carbonelli, Viti), Tuberkulose (Birch-Hirschfeld, 
Charrin, Lehmann, Rindfleisch, Sarwey, Schmorl, Kockel) 


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Staphylokokken (Fraenkel und Kiderlen), Streptokokken 
(Auche).“ 

Die Zahl ähnlicher Beobachtungen ließe sich durch Anfahrung 
neuerer und älterer Arbeiten noch beträchtlich erhöhen. So fand Neu- 
haus Typhusbazillenira 4monatlichen Fötus, welchen eine typhus¬ 
kranke Frau abortiert hatte; ebenso Reher. Tizzoni und Cattani 
erhielten aus dem Blut eines ömonatlichen Fötus einer Frau, die am 
3.Tage der Choleraerkrankung abortierte, Cholerabazillen. Dieselben 
Autoren konnten im Darminhalt und Blut eines ömonatlichen Fötus einer 
cholerakranken Frau Cholerabazillen konstatieren. Spitz fand Rekurrens- 
Spirillen im fötalen Blut. 

Bei Thieren hatten 1882 und 18S5 schon Strauß und Chamber¬ 
land, sowie Koubasoff den Übergang von Milzbrandbazillen von Mutter 
auf Fötus nachgewiesen; mit gleich positivem Erfolg haben bei Tieren 
experimentiert: bei Milzbrand Malvoz, Marchand, Max Wolff, 
Rosenblatt, Latis; bei Typhus Chantemesse und Vidal. 
Eberth, Ernst, Hildebrandt; bei Cholera Vitanza; bei Pneu¬ 
monie Marchand, Levy, Netter, Viti; bei Hühnercholera 
Malvoz, Strauß und Chamberland; bei Kaninchensepticämie 
Kröner; bei Rotz Löffler etc. 

Bei Variola wurden die verschiedensten Möglichkeiten in der 
Vererbung von Mutter auf Kind beobachtet. Das Kind mag lebend oder 
tot, mit oder ohne Variola geboren werden, das Kind mag anscheinend 
gesund geboren werden und trotzdem treten in den nächsten Tagen 
Blattern auf. Das Kind mag aber auch gesund bleiben und später in 
seinem Leben einmal Blattern bekommen. Das Kind kann aber auch selbst 
mit Variola zur Welt kommen, während die Mutter durch vorausge- 
gangene Vaccination der Erkrankung gelegentlich einer Epidemie ent¬ 
gangen ist. Von Zwilligen endlich kann einer gesund, der andere mit 
Pocken zur Welt kommen. 

Neben den akuten Infektionskrankheiten, Milzbrand, 
Cholera, Blattern, Typhus etc. ist es namentlich die Tuber¬ 
kulose, die wie v. Düring betont, das größte praktische 
und experimentelle Interesse bietet: „Über den Punkt, daß die 
kongenitale Tuberkulose im Sinne der placentaren Infektion 
ein häufiges Vorkommnis sei, sind sich alle Forscher einig.“ 

Johne bemerkt hierüber: „Auch ich bin der Überzeugung, daß 
congenitale Tuberkulose tatsächlich häufiger vorkommt, als man im 
allgemeinen zugeben will. Daß sie wohl öfters übersehen werden mag, 
dürfte darin begründet sein, daß die kongenitale Tuberkulose in der 
Mehrzahl der Fälle einer placentaren Infektion ihre Entstehung verdankt. 
Eine solche führt vielfach nur zu einer Knötchenbildung in der Leber, 
wohin die Bazillen von der Placenta durch die Nabelvene verschleppt 
werden. Diese Knötchen können aber, wie ich mich selbst überzeugte, 
anfänglich sehr klein sein, daß sie wohl oft genug übersehen werden. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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namentlich von denjenigen* welche nach derartigen Knoten nur in der 
Lnnge suchen, wo gar keine vorhanden zu sein brauchen. 

Ich brauche wohl auf die große Zahl der einschlägigen 
Arbeiten nicht näher einzugehen und möchte nur auf die aus¬ 
gezeichnete Studie von Gärtner, welcher die gesamte frühere 
Literatur kritisch berücksichtigt, verweisen. 

Gärtners Versuche (zit. nach Lubarsch), die sich direkt auf 
placentare Infektion beziehen, teilt Gärtner selbst ein in solche bei 
a) akuter Miliartuberkulose und 6) bei chronischer Allgemein¬ 
tuberkulose infolge primärer Lungentuberkulose. 

Bei der Versuchsreihe a) wurden, um die Verhältnisse bei der 
akuten Miliartuberkulose des Menschen einigermaßen nachzuahmen, 
trächtigen Kaninchen in die Ohrvene */»—2 cm 9 einer Aufschwemmung 
von Glycerinagar-Tuberkelbazillenkultur eingespritzt. Im ganzen wurden 
10 Tiere so behandelt, die 61, darunter 26 tote oder unreife Früchte 
lieferten. Zwischen der Injektion und der Geburt lagen 4—17 Tage. Zum 
Nachweis der Tuberkel-Bazillen in den Föten wurde so vorgegangen, daß 
die kleinen Embryonen ganz in einem Mörser zerstampft wurden und 
das so gewonnene Pulver Meerschweinchen in die Bauchhöhle injiziert 
wurde; bei größeren Föten wurde nicht der ganze Körper, sondern nur 
sämtliche Organe der Bauchhöhle inklusive Lymphknoten zerstampft und zur 
Injektion verwendet. Das Ergebnis dieser Versuche war, daß 
von den 61 Föten 6, d. h. ca. 10% tuberkulös befunden wurden. 
Sowol in den lebenden wie totgeborenen, iu reifen und unreifen . . . 
konnten Tuberkel-Bazillen nachgewiesen werden. 

Bei der Versuchsanordnung b) wurden ausschließlich Mäuse benützt, 
denen einige Tropfen einer starken Tbk.-Bazillenaufschwemmung in die 
Luftröhre gespritzt wurden. Von 66 Tieren einer Versuchsreihe gebaren 
4 Tiere einmal, 1 zweimal, 4 dreimal, 1 viermal, so daß im ganzen 
22 Würfe mit 89 Jungen zur Untersuchung kamen, wovon jedoch noch 
4 Würfe mit 16 Jungen abgehen, da die mit dem Organextrakt geimpften 
Meerschweinchen bald nach der Impfung starben. Von den übrigen 
9Mäuseweibchen gebaren 7 tuberkulöse Junge. Von3 Weibchen, 
die nur einmal gebaren, hatten 2 gesunde, 1 tuberkulöse Nachkommen, 
6 Weibchen gebaren in einem Wurfe nur gesunde, in anderen auch 
tuberkulöse Früchte. 

Gärtner kommt zu dem Schlußresultat, daß bei vielen 
Tieren, Mäusen, Kaninch en und wohl auch beim Menschen 
Tuberkelbazillen recht oft von der Mutter auf die Frucht 
übergehen. 

Für zahlreiche Infektionskrankheiten steht es also außer 
jedem Zweifel, daß die Krankheit selbst von der Mutter auf 
die Frucht in utero vererbt werden kann durch intrauterine 
Infektion, da bei den akut auftretenden Infektionskrankheiten 


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Matzenaaer. 


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mit kürzerer InkubatioDsdauer eine Erkrankung der Mutter vor 
der Konzeption leicht absolut ausgeschlossen werden kann. 

Aus der Analogie mit anderen Infektionskrankheiten kann 
man also a priori die intrauterine Infektion auch bei Syphilis 
nicht negieren. Im Gegenteil ist zu erwarten, daß auch bei 
Syphilis dieser Übertragungsmodus Platz greift. Und in der 
Tat haben einwandsfreie Beobachtungen von einer ganzen Reibe 
von Autoren bald nach Kassowitzs erster Arbeit über here¬ 
ditäre Syphilis das Vorkommen der intrauterinen Infektion 
außer jeden Zweifel gesetzt. Ich erinnere außer den schon vor 
Kassowitzs Arbeit bekannt gewordenen Beobachtungen von 
Rosen, Chabalier, Lewin, De Meric bloß an die Fälle 
von Zeißl, Vajda, Wiede-Rinecker, Frank, Hudson, 
Behrend, Barduzzi, Hutchinson, Neumann, Göring, 
v. Düring, Post, Welander etc. Finger konnte (1898) 
schon 50 publizierte Fälle registrieren. Heute weiß jeder 
Kliniker, selbst wenn er auch nur über ein geringes Beobachtungs¬ 
material verfugt, über derartige unzweifelhafte Vorkommnisse 
zu berichten. Sie sind so häufig, daß sie gar nicht mehr 
speziell publiziert werden. Ich selbst habe eine Vererbung der 
Syphilis von intra gravi ditatem infizierten Müttern in 11 Fällen 
grsehen. 

Übrigens sind in der Fing er sehen Zusammenstellung 1 Fall von 
Zilles, 3 Fälle von Schwab, 8 Fälle von Wolif (die allerdings nicht 
ausführlich publiziert, sondern bloß flüchtig skizziert sind) gar nicht 
erwähnt. 

Aus einer übersichtlichen Zusammenstellung jener Fälle 
ergibt sich, daß unter den 50 Fällen 9 mazerierte Frühgeburten 
(= 18%) und weiters 14 Kinder (= 28%) teils als Frühgeburten, 
teils als schwächlich und marastisch bald nach der Geburt zu 
Grunde gingen, was mit Einschluß der mazerierten Früh¬ 
geburten 23 Todesfälle von 50 Kindern = 46% Mortalität 
ergibt. 

Finger selbst macht darauf aufmerksam, daß diese Statistik zu 
der jüngst von Neisser und Jadasson geäußerten Ansicht, wornach 
der Verlauf der eigentlichen hereditären, also spermatisch oder 
ovulär dem Fötus überkommenen Syphilis bedeutend schwerer als der¬ 
jenige durch placentare Infektion sei, in krassem Widerspruch steht, 
zumal die Mortalitätszahl (46%) für die oben angeführten Fälle von 
postkonzeptionell acquirierter und auf den Fötus übertragener Syphilis 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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eine weit höhere ist, als bei der durch angeblich rein paterne Vererbung, 
deren Mortalität Fournier mit 28% angibt. 

Die obige Tabelle über 50 Fälle von postkonzeptionell 
akquirierter und vererbter Syphilis gibt, wie Finger selbst 
schon hervorhebt, die fast aprioristiscb aufzustellende Tatsache 
bekannt, „daß, je früher in der Gravidität die Mutter infiziert ist, 
desto schwerer die kindliche Syphilis in der Regel verläuft“. 

Die 9 mazerierten Früchte betreffen sämtlich Kinder, deren 
Mütter innerhalb der ersten 5 Schwangerschaftsmonate infiziert worden. 
Von den 14 Todesfällen trafen 8 denselben Zeitraum, so daß bei Infektion 
der Matter im 2. Graviditätsmonate von 2 Kindern 1, im 8. Monate von 

7 Kindern ö, im 4. von 9 Kindern 7, im 5. von 9 Kindern nor mehr 
4 starben, während bei Infektion der Matter im 6. Schwangerschafts- 
monate von 5 Kindern 2, im 7. von 13 Kindern 8, im 8. Graviditäts¬ 
monate keines und im 9. wieder ein Kind stirbt. (Fall von Weiander, 
tatsächliche Infektion im Beginne des vorletzten Monates I) 

„Aber dieses Gesetz hat seine bizarrsten Ausnahmen und 
neben schwerer, letal endigender Syphilis des Kindes stehen 
in demselben Monate mütterlicher Infektion leichte Fälle kind¬ 
licher Syphilis unvermittelt nebeneinander.“ (Finger). 

Aus jener Zusammenstellung wird (nach Finger) 
ersichtlich, daß die Infektion der Mutter erfolgt war zweimal 
im 2. Monat, 7mal im 3. Monat, dmal im 4. Monat, 9mal im 
5. Monat, 5mal im 6., 13mal im 7., 3mal im 8. und 2mal im 
9. Monat. Daraus ist ersichtlich, daß durch intrauterine 
Infektion zu jeder Zeit der Schwangerschaft 
Syphilis von der Mutter auf das Kind übertragen 
werden könne. 

Die Vererbung der postkonzeptionell akquirierten Syphilis 
(auf intrauterinem Wege) ist kein eswegs obligat, sondern 
nur fakultätiv; sie ist im allgemeinen umso wahr¬ 
scheinlicher, je früher während der Gravidität 
die Mutter inflcirt wurde. Fälle, in denen die postkon¬ 
zeptionell akquirierte Lues nicht auf das Kind 
tibergegangen ist, kommen recht häufig vor. 

Nach Finger „gehören außer den von Kassowitz zitierten 
10 (?) Fällen von Pick, 88 Fälle von Mevis, 46 Fälle von Hecker, 
16 Fälle von A nton, aas der neueren Zeit hieher ein Fall von Wolff 

8 Fälle von Zillea, 2 Fälle von Hutchinson, 9 von Schlichter, 
8 Fälle von Bielinaki. In welchem Verhältnis die positiven zu den 
negativen stehen, ist noch nicht genügend bekannt. Nach der Statistik 

Ma tzenauer, Vererbung der Syphilis. 2 


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Matzenauer. 


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von Neomann, der unter 28 F&Uen postkonzeptioneller Syphilis 7 Abortns, 
3 Frühgeburten, 6 kranke und 6 gesunde Kinder anführt, würde die Zahl 
der gesund bleibenden Kinder kaum */ 4 betragen, w&hrend Mayer von 
20 Müttern, die postkonzeptionell infiziert wurden, 15 gesunde, 4 syphi¬ 
litische Kinder und 1 mazerierten Fötus zur Welt bringen sah.* 

Eine bestimmte Prognose bezüglich des Kindes ist also 
bei einer postkonzeptionell infizierten Mutter nicht zu stellen. 
Es kann, wann immer die Infektion während der Gravidität 
erfolgt sein mag, das Kind syphilitisch sein oder gesund bleiben. 

In 11 Füllen Neumanns war die Infektion der Mutter des 
gesunden Kindes erfolgt: je zweimal im 1., 3., 6. und7. Monat, Smal im 
4. Monat, je zweimal im 6. und 8. Monat. 

Von der zu irgend einer Zeit intra gravididatim infizierten 
Mutter kann also möglicherweise die Syphilis auf die Frucht 
übertragen werden. Selbst Kassowitz gibt in seiner späteren 
Arbeit über „Vererbung und Übertragung der Syphilis“ die 
intrauterine Infektion des Fötus als „ausnahmsweise“ zu, so 
daß heute dieser Übertragungsmodus von allen Autoren als 
sicher konstatiert betrachtet wird. 

Die heute allgemein als erwiesen angenommene Behauptung 
daß auch die innerhalb der letzten 2 Schwanger¬ 
schaftsmonate akquirierte Syphilis der Mutter 
noch aufs Kind übertragen werden kann, ist aber 
nach den bisherigen Beobachtungen noch keines¬ 
wegs sichergestellt. 

Es bedarf die Angabe Fingers, daß in 6 Fällen, die im 
letzten oder vorletzten Monat der Schwangerschaft akquirierte 
Syphilis der Mutter noch vor Ausbruch der Allgemeinerschei¬ 
nungen auf das Kind übergegangen sei, einer berichtigenden 
Erläuterung. Es läßt sich leicht nachweisen, daß .die angeblich 
im letzten oder vorletzten Mouat erfolgte Infektion der Mutter 
tatsächlich schon früher stattgefunden hat, und nur der Aus¬ 
bruch des Exanthems entweder verzögert oder unbeachtet blieb. 

Diese 6 Fülle sind: 

1. Fall von Rineoker (publiziert von Wiede). 

„Erstes Kind der Mutter, von einem Lokomotivführer, 10 Jahre alt, 
vollkommen gesund. Die Mutter konzipierte 1878 im Juli zum zweiten 
Mal, gibt als Vater einen 8chreiner an, welcher die Vatersoh&ft leugnet 
und syphilisfrei sein will. Die Mutter kam im November 1878 nach 
Würzburg und hatte geschlechtlichen Umgang mit mehreren Münnern, 
zuletzt im Mürz 1879. Eintritt ins Spital im April 1879: Sklerose am 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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rechten großen Labium, kein Exanthem. Am 4. Mai 1879 Partus eines 
8300 g schweren gesunden Kindes. Nach 10 Tagen Pemphigus an den 
Oberschenkeln, später auch am Kopf. Spezifische Behandlung beim Kind, 
welches gut gedeiht. Am 12. Juni trat bei der Mutter Psoriasis palm. et 
plant, auf; Angina. 

„In diesem Falle präsentierte sich also die Mutter eines hereditär- 
syphilitischen Kindes 10 Tage vor der Entbindung mit einer frischen 
spezifischen Induration. Erst 29 Tage nach der Geburt des Kindes und 
19 Tage nach Ausbruch der äußeren Symptome von Syphilis hereditaria 
bei demselben zeigte die Mutter die ersten Kundgebungen von Sekundär¬ 
syphilis.“ 

Die 1 Monat nach der Entbindung aufgetretenen Syphiliserschei¬ 
nungen stellen eine typische Rezidivform dar: Psoriasis palm. et plant, 
und Angina specifica, kein Exanthem weisen auf eine schon mehrmonat¬ 
liche Krankheitsdauer der Syphilis! Die Sklerose war, als die Frau zuerst 
ins Spital kam, wenngleich noch nachweisbar, doch offenbar nicht rezent, 
sondern schon älteren Datums, die Infektion mußte schon 9—4 Monate 
vorher erfolgt sein, also etwa zur Zeit, als die Frau zugestandenermaßen 
im Winter in Würzburg mit verschiedenen Männern geschlechtlichen 
Verkehr hatte. 

2. Boulengier: „Herr D., seit mehreren Jahren verheiratet, kinder¬ 
los, litt nie an venerischen Afiektionen. Als seine Frau im 4. Monate 
gravid war, akquirierte der Ehemann eine Sklerose mit Consecutivis in¬ 
folge eines außerehelichen Coitus. Er wurde behandelt und der Verkehr 
mit seiner Frau verboten, die völlig wohl schien. Da gebar die Frau am 
normalen Graviditätsende ein schwächliches Kind, das zweifellos Symp¬ 
tome hereditärer Syphilis, Pemphigus, papulo-erosive Formen an den 
Hautschleimhautgrenzen, Koryza darbot. Die Frau schien zur Zeit der 
Entbindung wohl, zeigte aber 4 Wochen später eine frische Roseola, 
Psoriasis, Plaques muqueuses“. 

ln diesem Falle scheint es wohl ganz evident, daß die Roseola, 
Psoriasis und Plaques Rezidiverscheinungen und nicht ein rezentes Exan¬ 
them darstellen. 

8. Neumann: „L. A. konzipierte von einem gesunden Mann und 
wurde im 7. Graviditätsmonate durch Coitus mit einem andern lue¬ 
tischen Manne infiziert Am 29. März 1885 an der Klinik aufgenommen, 
zeigte sie Plaques am Genitale, -abblassende Roseola. Ihr Kind wurde 
reif und gesund geboren, zeigte, 13 Tage alt, syphilitische Papeln an 
Palma und Planta, starb an Darmkatarrh. Die Sektion ergab makro- und 
mikroskopisch Hepatitis syphilitica. 

Die Mutter wurde also anfangs des 7. Monates infiziert. 

4. v. Rosen (zit. nach Finger): „Eine 24jährige Frau wurde von 
ihrem syphilitischem Manne im vorletzten Monate der Gravidität an¬ 
gesteckt. Sie kam mit Primäraffekt ins Spital und gebar ein lebendes 
Mädchen. 7 Wochen nach der Geburt bekam die Frau syphilitische 
Rachengeschwüre, das Kind in der 7.Woche ein papulopustulöses Syphilid.“ 

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Matzenaue r. 


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Dieser Fall ist in seiner dürftig skizzierten Gestalt überhaupt nicht 
zu verwerten. Da jedoch bei dem Kind ausdrücklich das Auftreten 
eines Exanthems angeführt wird, bei der Mutter jedoch nicht, sondern 
bloß „syphilitische Racbengeschwüre“, so scheint bei der Mutter eben 
kein Exanthem, sondern bloß eine lokale Rezidiverscheinung im Mund 
aufgetreten zu sein. 

6. v. Düring: „Im November 1873 stellte sich mir ein Patient 
vor mit schweren Allgemeinerscheinungen sekundärer Lues. Er war extra¬ 
genital infiziert. Die Diagnose auf Primäraffekt war lange nicht gestellt 
worden. Erst die sehr heftigen Allgemeinerscheinungen machten die 
Natur der Ulzeration klar. Die Frau des Patienten stand unmittelbar 
vor der Entbindung. Da es sich um Türken handelte, konnte ich nicht 
auf eine geuaue Untersuchung dringen, fand aber sekundäre Symptome 
und Drüsenschwelluog nicht. 14 Tage nach der Entbindung sah ich eben¬ 
falls Mutter und Kind. Die Mutter bot einige suspekte Erscheinungen, 
Halsschmerzen und eine Gruppe von lichenoiden Papeln über dem linken 
Trochanter. 8 Tage später waren bei der Mutter die Symptome einer sehr 
milden Syphilis ausgesprochen. Das Kind zeigte 1 Monat post partum 
Lue8crscheinungen. tt 

Aus der Beschreibung v. Dürings geht nicht hervor, wann die 
Infektion der Mutter erfolgt ist. Jedenfalls war dies nicht im letzten 
Monat der Gravidität der Fall. Denn die Mutter bot ja schon 8 Tage 
nach der Entbindung Zeichen sekundärer Syphilis, die noch dazu wahr¬ 
scheinlich gar keine rezenten, sondern bereits Rezidivformen waren, weil 
außer „Halsschmerzen“ schon „gruppierte lichenoide Papeln über dem 
linken Trochanter“ vorhanden waren und ein gruppierter Lichen 
immer schon Kennzeichen einer Rezidiverscheinung ist. Überdies gibt 
v. Düring ausdrücklich an, daß der Primäraffekt beim Mann längere 
Zeit verkannt blieb und die Diagnose auf Syphilis erst aus den Sekundär¬ 
erscheinungen gestellt wurde. Offenbar war also die Frau schon mehrere 
Monate vor der Entbindung infiziert worden. 

6. Welander: „Ein Ehemann hatte sich, als seine Frau im 8. 
Monate gravid war (die Schwangerschaft datiert von Ende April 1891), 
am Ende Oktober 1891 auf einer Reise außerehelich einen Initialaffekt 
geholt, nach der Heimkehr wiederholt, bis zuletzt im Dezember 
1891 seiner Frau beigewohnt. Dieselbe konstatierte Ende Dezember 1891 
zuerst eine Wunde am Genitale. 30. Jänner 1892 fand die Entbindung 
von einem reifen gesunden Kind statt, das am 7. März die ersten Erschei¬ 
nungen hereditärer Syphilis, Exanthem an Mund und Nase, am 11. März 
den Ausbruch eines papulo-krustösen allgemeinen Syphilides darbietet und 
am 17. März stirbt. Die Sektion ergab neben den erwähnten Hautsymp¬ 
tomen eine lobuläre Pneumonie, diffuse Hepatitis und Perisplenitis, Ne¬ 
phritis interstitialis. Milz bedeutend vergrößert. Am 11. März, also 5 
Wochen nach der Geburt des Kindes, zeigte die Mutter eine große, nicht 
geheilte Sklerose, multiple Skleradenitis, eine rezent kleinfleckige Roseola 
als Zeichen frischer rezenter Syphilis.“ 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Nachdem die Frau Ende Dezember bereits selbst eine Wunde am 
Genitale bemerkte, mußte die Infektion mindestens zirka 1 Monat 
früher erfolgt sein, und da die Entbindung 1 Monat später statthatte, so 
betrug die Zeit von der Infektion bis zur Entbindung mindestens 
2 Monate. 

Daraas ist ersichtlich, daß die Infektion der graviden 
Matter in keinem Falle bisher sicher später als zwei Monate 
vor der Entbindung erfolgt war, daß daher die Angabe über 
Vererbung der Syphilis von im 8. oder 9. Graditätsmonate in¬ 
fizierten Müttern auf historischen Unrichtigkeiten beruht. Aller¬ 
dings ist sichergestellt, daß im letzten oder vor¬ 
letzten Monat der Gravidität Primäraffekte be¬ 
standen, nicht aber daß die Infektion zu dieser 
Zeit erfolgte. 

Wohl wurden in den zitierten 6 Fällen die ersten sekun¬ 
dären Symptome an der Mutter erst 10 Tage bis 7 Wochen 
post partum beobachtet und es hat sogar die Mutter in dem 
Fall von Wiede-Rinecker 19 Tage, im Falle Boulengier 4 
Wochen später als das Kind Syphiliserscheinungen geboten. 
Doch waren gerade in den beiden letztgenannten 
Fällen die zuerst beobachteten Syphilissymptome 
der Mutter keine rezenten, sondern bereits Re¬ 
zidivformen und in den übrigen 4 Fällen war, wenngleich 
das Exanthem erst nach der Entbindung auftrat, die Infektion 
doch schon mindestens 2 Monate früher erfolgt, so daß die 
Mutter zur Zeit der Entbindung selbst schon das 
Stadium der gewöhnlichen Inkubationszeit durch¬ 
gemacht haben muß. 

Ich habe selbst mehrere Fälle von gleichem Typus ge¬ 
sehen: Mutter im letzten Graviditätsmonate mit Primäraffekt 
und bedeutender regionärer Drüsenschwellung, Partus eines 
kräftigen, anscheinend gesunden Kindes, welches erst mehrere 
Wochen später Erscheinungen der hereditären Syphilis zeigt; 
an der Mutter wurde 8—14 Tage post partum zuerst ein 
Exanthem bemerkt. In allen diesen Fällen mußte man aber 
wegen der Drüsenschwellung annehmen, daß die Mutter zur 
Zeit des Spitaleintrittes mit Primäraffekt schon vor mindestens 
6 Wochen infiziert war; und wenn auch die Mutter nach 2—3- 
wöchentlichem Spitalsaufenthalt zur Zeit der Entbindung noch 


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Maizenauer. 


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kein Exanthem hatte und dasselbe erst später auftrat, war 
doch die Matter schon vor der Entbindung in einem Stadium, 
in welchem die vorschriftsmäßige Inkubationsfrist der Syphilis 
sonst gewöhnlich schon verstrichen ist. 

In einem Falle kam eine Frau mit Primäraffekt an der Oberlippe 
zur Aufnahme; ans der begleitenden Halsdrüsenschwellung schätzte icb 
die Zeit seit der Infektion auf 5 Wochen (mindestens). In der 8. Woche 
des Spitalsaufenthaltes gebar die Frau ein kräftiges Kind, bei welchem 
6 Wochen später Syphiliserscheinungen auftraten. Bei der Mutter wurde 
zuerst 10 Tage nach der Entbindung ein blasses Fleokensyphilid bemerkt. 
Ich erblicke hierin keine Berechtigung zu weitergehenden Schlüssen, 
wahrscheinlich dürfte die Infektion der Mutter trotz allem doch schon 
früher als 5 Wochen vor Spitalseintritt erfolgt' sein! 

Einen analogen, von Zeissl publizierten Fall von in¬ 
trauteriner Infektion der Frucht durch eine in der letzten Zeit 
der Schwangerschaft infizierte Mutter hält Kassowitz „aus dem 
Grunde für die Frage (der placentaren Vererbung) nicht ver¬ 
wertbar, weil die Allgemeinerscheinungen der Syphilis bei der 
Mutter erst nach der Entbindung zum Vorschein kamen“. 

Kassowitz als Vertreter der paternen Vererbung glaubt, 
daß die Syphilis des Kindes vom syphilitischen Vater herrühre, 
daß die Mutter dabei gesund blieb, so daß sie selbst in den 
letzten Monaten der Schwangerschaft noch (von außen) infiziert 
werden konnte. 

Wenn wir uns demgegenüber eineu Augenblick auf den 
Standpunkt der heute allgemein akzeptierten Fingerschen 
Toxintheorie stellen, so werden wir 1. es schwer begreiflich 
finden, daß eine Mutter von ihrem ex patre syphilitischen 
Kinde am Ende der Schwangerschaft noch nicht immunisiert 
sein soll: denn wie lange soll sie denn hiezu benötigen? 2. mag 
die Mutter zwar erst nach der Entbindung Allgemeinerschei¬ 
nungen i. e. Hautausschläge bekommen und doch zur Zeit der 
Entbindung schon die Inkubationszeit hinter sich haben; 3. ab¬ 
gesehen davon sind wir aber aus dem Umstand, daß nur ein 
Primäraffekt und noch keine Allgemeinerscheinungen bestehen, 
noch nicht berechtigt zu schließen, daß wirklich keine All¬ 
gemeininfektion bestehe, und der Primärafiekt als lokales Leiden 
aufgefaßt werden darf. 

Nach der heute herrschenden Lehre nimmt man allerdings 
zumeist an, daß eine bazilläre Durchseuchung des Gesamt- 


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Die Vererbung der 8yphiÜ8. 


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Organismus vor Ausbruch des Exanthems nicht besteht; die 
bereits während des Primäraffektes, also vor Ausbruch der 
Allgemeinerscheinungen bestehende Immunität des Gesamt¬ 
organismus gegen Neuinfektion, d. h. die schon bestehende 
Allgemein-Affektion vor der Allgemein-Infektion kann 
man dadurch erklären, daß, wenn auch zu dieser Zeit noch 
keine Syphiliserreger im Blute kreisen, doch bereits Syphilis¬ 
toxine in die allgemeine Säftemasse übergegangen sein 
müssen. Man betrachtet darnach den Ausbruch der Allgemein¬ 
erscheinungen als den Markstein für die Zeitrechnung, daß 
von nun an Syphiliserreger seihst im Blute kreisen. Ich selbst *) 
habe diesen Standpunkt noch vor wenigen Jahren scharf ver¬ 
treten. 

Ich kann mir heute jedoch nicht mehr verhehlen, daß 
alle diese Erklärungen nichts als Spekulation sind. Grau ist 
hier jede Theorie, solange bis wir den Syphiliserreger seihst 
kennen. Es wäre ebensogut denkbar, daß die Syphiliskeime 
während ihrer Inkubationszeit nicht bloß in den Lymphwegen, 
sondern bereits auch im Blute kreisen. Einen positiven Beweis 
haben wir jedoch vorläufig weder nach der einen, noch nach der 
andern Richtung. 

Wenn wirklich Syphilisbakterien schon vor Ausbruch der 
Allgemeinerscheinungen im Blute kreisen sollten, dann wäre es 
ja denkbar und vielleicht möglich, daß von der im vorletzten 
Graviditätsmonate infizierten Mutter Bakterien aufs Kind über¬ 
gehen; doch würden einer derartigen Annahme noch immer 
schwerwiegende Bedenken entgegenstehen: man kann doch 
wohl kaum annehmen, daß die gleichen Bakterien eine kür¬ 
zere Inbubationszeit benötigen, um eine Placentar- 
erkrankung hervorzurufen, als sonst wie gewöhn¬ 
lich (8 Wochen), um überhaupt Allgemeinerschei¬ 
nungen zu erzeugen! Man kann sich vielleicht ja vor¬ 
stellen, daß die Bakterien an der Placenta, dem locus minoris 
resistentiae infolge der gewaltigen Blutfluxion während der 

*) Siebe Matzenauer: Ausfall der regionären Lymphdrüsen- 
schwellung nach Excision des syphilit. Primäraffektes. (Zugleich ein Beitrag 
zur Frage: Wann wird Syphilis konstitutionell?) Archiv f. 
Dermat. u. Syph. 1900. 


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Matzeuauer. 


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Gravidität, zuerst nach der üblichen Inkubationszeit ihre 
Wirkung entfalten. Aber daß sie noch vor Ablauf der vor¬ 
schriftsmäßigen Inkubationsfrist das Placentargewebe schä¬ 
digen, ist schwerlich anzunehmen! 

Als feststehend kann betrachtet werden, daß bis heute 
keine Beobachtung vorliegt, wonach von einer 
später als 2 Monate vor der Entbindung infizierten 
Mutter Syphilis aufs Kind übertragen worden 
wäre. 

Ich glaube jene Fälle, in welchen die in der letzteren 
Schwangerschaftszeit infizierten Mütter erst nach der Ent¬ 
bindung das Exanthem bekommen, dahin deuten zu müssen, 
daß die Proruption des Exanthems im Vergleich zur Norm 
zwar etwas verspätet auftritt, vielleicht gerade durch die Ent¬ 
bindung selbst (Blutverlust?) verzögert, daß aber die Bakterien 
doch schon über das Stadium der Inkubation hinaus in das 
Stadium ihrer Wirkungsäußerung getreten sind. Es ist ja 
übrigens eine bekannte Tatsache, daß bei manchen (relativ 
häufig bei kacbektischen, schwer anämischen) Individuen 
die Proruption des Exanthems spontan verspätet auftritt, statt 
nach 8 Wochen oft erst nach 11—12 Wochen und noch später, 
ferner daß manchmal nach 8 oder 9 Wochen zuerst eine oder 
die andere vereinzelte prodromale Papel aufschießt, worauf 
in weiteren 8 oder 14 Tagen der eigentliche Schub des Ge¬ 
samtausschlages nachfolgt. Bei solchen Fällen von verspätetem 
Ausbruch des Exanthems haben die betreffenden Individuen 
oft über nicht unbedeutende anhaltende prodromale Kopf¬ 
schmerzen, Gelenksschmerzen, Knochenauftreibungen, Ge¬ 
lenksschwellungen etc. zu klagen, was wohl alles darauf hin¬ 
deutet, daß, obwohl noch kein Exanthem sichtbar ist, doch 
schon die Inkubationszeit vorüber ist und Allgemeinerschei¬ 
nungen vorhanden sind. 

Wir haben eingangs erwähnt, daß die Vererbung der 
Syphilis von Mutter auf Kind a priori auf zweierlei Weise 
denkbar möglich ist: auf germinativem Weg durch ovuläre Über¬ 
tragung (eigentliche Vererbung) und auf placentarem Weg durch 
intrauterine Infektion. Die letztere Übertragungsweise haben wir 
durch eine große Reihe exakter Beobachtungen einwandsfrei 
nachweisen können. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Für die ovuläre (eigentliche) Vererbung man¬ 
gelt uns vorläufig ein stringenter Beweis. Finger, 
bekanntlich ein eifrigster Vertreter der paternen Vererbung und 
daher der Vererbung durch die Keimzellen überhaupt, muß 
bekennen: „DieserVorgang ist per analogiam mit der ja zweifellos (?) 
erwiesenen paternen, spermatischen Vererbung zugegeben, aber 
umsonst würden wir uns nach einem exakten Beweis 
dieses Übertragungsmodus umsehen. Ja es ist auch 
absolut nicht abzusehen, wie dieser Vererbungs¬ 
modus exakt erwiesen werden könnte, denn, wenn zur 
Zeit der Zeugung der Vater gesund, die Mutter syphilitisch 
ist, und nun eine syphilitische Frucht zur Welt kommt, so 
kann diese ihre Syphilis von der Mutter schon mit dem Ovulum, 
oder erst später per placentam erhalten haben; welche dieser 
Möglichkeiten faktisch stattfand, ist in keinem Falle zu ent¬ 
scheiden, und wenn daher Boulengier zum Schluß kommt, 
die postkonzeptionelle fötale Infektion als die einzige Form 
anzuerkennen, unter der die Syphilis von der Mutter zum Kind 
übergehe, und die ovuläre Übertragung ganz zu leugnen, so 
können wir diese Ansicht durch keinen stringenten Beweis 
widerlegen.“ 

Wir werden daher mangels eines Beweises der ovulären 
Vererbung bei Syphilis speziell und mangels einer Analogie 
hiefür bei anderen Infektionskrankheiten überhaupt im nach¬ 
folgenden auf diese bisher nur theoretisch angenommene Ver¬ 
erbungsmöglichkeit verzichten und uns auf den Standpunkt 
stellen müssen, daß in jedem Falle die materne Syphilis Vererbung 
durch placentare intrauterine Infektion der Frucht erfolge. 

Gleichwie von einer intra gravididatem infizierten Mutter 
die Syphilis nicht in jedem Fall auf das Kind übertragen wird, 
ebenso findet auch die Vererbung der Syphilis von der schon 
vor der Konzeption syphilitischen Mutter, nicht unbedingt, 
sondern nur möglicherweise statt. 

Gegen das Dogma von Kassowitz, daß die rezente 
Syphilis der Eltern unbedingt in jedem Falle auf das 
Kind übertragen werde, haben bald die meisten Autoren 
Stellung genommen und durch gegenteilige Erfahrungen er¬ 
wiesen, daß die Vererbung kein obligater, sondern 


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Matzenauer. 


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nur fakultativer Vorgang ist, wobei allerdings 
die Wahrscheinlichkeit der Vererbung umso 
größer wird, je rezenter die Syphilis der Eltern ist. 

Nach Neumannz Statistik worden von 115 syphilitischen Müttern 
208 Kinder geboren, wovon 61 gesund waren. „Von diesen 115 Müttern 
hatten 71 rezente, meist nicht behandelte Syphilis nnd diese hatten 20 
gesunden Kindern (von 99 Geburten) das Leben geschenkt“. 

Die Geburt eines gesunden Kindes beobachtete Wolff, nachdem 
die Mutter einige Wochen vor der Konzeption infiziert worden war, 
Krowozinsky 1 Jahr post infektionem, Hutchinson 2 Jahre später. 

„Wie sehr bei der Vererbung der Syphilis alle Voraus¬ 
setzungen täuschen können,“ beweisen insbesondere, wie 
Finger hervorhebt, die Vererbungsverhältnisse bei Zwillingen, 
die sich doch unter anscheinend gleichen Verhältnissen be¬ 
finden; und trotzdem findet man Zwillinge entweder nicht in 
gleicher Intensität erkrankt (wie in den Fällen von Campbell, 
Clemens, Price, Caspary, Heim, Müller, Fournier, 
Ahlfeld, Rosinski), oder aber man findet den einen davon 
syphilitisch, den andern aber gesund (wie in den Fällen von 
Luczinsky, Puzin, .Weber, Hutchinson (2 Fälle), Gauly, 
Diday, Buhe (2 Fälle), Mewis, Kassowitz, Rosinski). 

Placentarerkrankungen. 

Die Tatsache, daß von einer kranken Mutter auf den 
bisher gesunden Fötus Mikroorganismen übergehen können, 
ist durch zahlreiche, vollständig einwandsfreie Beobachtungen 
sichergestellt und unbezweifelt. Sicher ist ferner auch, daß 
diese Übertragung nicht in jedem Falle stattfindet, sondern 
nur möglicherweise eintreten kann. Eine weitere Frage 
ist die, unter welchen Umständen der Übergang 
von Mikroorganismen von der Mutter auf das 
Kind eintritt, welche Bedingungen hiefür er- 
forderlich sind? 

„Von Belang kann möglicherweise auch die Übernahme des Reserve- 
blutes in das geborene Kind sein,“ worauf Gärtner aufmerksam machte. 
Gärtner betont, daß während des Geburtsaktes, besonders während der 
Austreibungsperiode die Teile des Uterusinhaltes, welche hinter den 
vorliegenden Kindesteilen liegen, unter einem Drucke stehen, der 
V 4 Atmosphäre Überdruck gleichkommt. Die Gefäße des vorliegenden 
Teiles müssen also stärker gefüllt sein, und um diese Überfüllung über* 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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wiegt der Druck in der mütterlichen Placenta den der fötalen 

Placenta.Obscbon die vielleicht geringe Druckdifferenz nicht 

genügt, um bei gesunder Placenta geformte Elemente übertreten zu 
lassen, so ist doch möglich, daß ein Tuberkelbazillus, welcher schon in 
die Scheidewand eingedrungen ist, nun durchgedrückt wird. 

Es wird durch die Nabelvene, wenn die Abnabelung nicht gleich 
erfolgt, noch durchschnittlich mehr als 50 cm 8 , ja bis zu 100 cm 8 
Placentarblut in das Kind übergeführt. Sind nun in der letzten Zeit 
Bazillen in den kindlichen Teil des Mutterkuchens übergetreten oder 
haben, was bei der stärkeren Krümmung und Schiebung der Placenta 
unter positivem Druck nicht unwahrscheinlich ist, hie und da Zerreißungen 
statt gefunden, so können die ersten Atemzüge die Bakterien auf das 
Kind noch überführen, und so kann in der Geburt selbst der Keim zum 
frühen Tode gelegt werden.“ 

Da wir wohl annehmen müssen, daß „die völlig normale 
Placenta einen Schutz gegen den Übergang selbst belebter 
corpusculärer Elemente darbietet“ (Lubarsch), zumal ja eine 
direkte Kommunikation zwischen mütterlichem und fötalem 
Blut nicht besteht, musste schon „die Verschiedenheit im 
Verhalten der einzelnen Infektionserreger“ die Frage auf¬ 
drängen, unter welchen Bedingungen es zur intrauterinen 
placentaren Infektion kommen kann. 

In den ersten Arbeiten, welche über den Übergang der 
Bakterien von der Mutter auf den Fötus berichten, ist von 
einer Placentarerkrankung in der Regel keine Rede. Erst in 
den neueren Arbeiten ist auf eine genaue Untersuchung des 
mütterlichen und fötalen Teiles der Placenta Rücksicht ge¬ 
nommen. Nach den allseits sich mehrenden Beobachtungen 
scheint die Annahme naheliegend, daß wahrscheinlich in jedem 
Falle von intrauteriner Infektion der Frucht eine wenn auch 
an sich unbedeutende Läsion des Placentargewebes, speziell 
Gefäßveränderungen vorhanden sein müssen. 

Max Wolff kam zu dem Ergebnis, daß ein Übergang pathogener 
Mikroben nur dann stattfinden kann, „wenn es zu schweren krank¬ 
haften Veränderungen (besonders Blutungen) in der Placenta gekommen ist. 

Malvoz schloß aus seinen Versuchen, „daß unbelebte corpusculäre 
Elemente, sowie nicht pathogene Mikroorganismen nicht im stände sind, 
die Schranke der Placenta zu durchbrechen.“ Den Übergang pathogener 
Spaltpilze konnte er aber um so häufiger beobachten, je mehr diese im 
stände waren, die Placenta selbst zu schädigen. 

Bei Kaninchen, welche mit Hühnercholerabazillen geimpft waren 
die bekanntlich besonders leicht Blutungen hervorbringen, wurde der 


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M a 1 2 e n a u e r. 


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Übergang der Bazillen auf den Fötna fast regelmäßig beobachtet: in den 
betreffenden Placenten fanden sich grob anatomisch erkennbare Blutungen. 

Bei Kaninchen verursacht Milzbrand viel seltener Placentar- 
erkrankungen, infolge dessen wurde der Übergang der Bakterien auf den 
Fötus nur sehr selten beobachtet. 

Bei Meerschweinchen dagegen verursacht Milzbrand häufig Blutungen 
in den Placenten: und in der Hälfte alle Fälle waren Bakterien auf den 
Fötus übergegangen. Malvox folgerte daraus, „daß eine placentare 
Infektion nur möglich ist bei Läsionen der Placenta, die allerdings bei 
verschiedenen Krankheiten verschiedener Natur sein können; von 
sekundärer Bedeutung ist die verschiedene Virulenz der Bakterien, der 
verschiedene Bau der Placenta, die wechselnde Dicke des Chorionepithels u . 

Auch Eberth, Ernst, Hildebrandt neigen auf Grund ihrer 
Untersuchungen über Typhus der Ansicht zu, daß gröbere Läsionen der 
Placenta vorhanden 6ein müssen, um den Übergang der Mikroorganismen 
zu ermöglichen. 

Fraenkel und Kid er len, welche beim Fötus einer an Typhus 
und eitriger Salpingitis verstorbenen Mutter Staphylokokken (keine 
Typhusbazillen) nach weisen konnten, fanden die Placenta von Hämor- 
rhagien durchsetzt. Ebenso fanden sie Hämorrhagien in der Placenta von 
Föten zweier mit Typhusbazillen geimpfter Meerschweinchen. 

Birch-Hirschfeld, Latis, Lubarsch dagegen sind „keine 
Anhänger der Blutungstheorie“. Denn in der Mehrzahl der Fälle vermißt 
man Blutungen oder überhaupt histologisch nachweisbare Veränderungen 
der Placenta völlig. „Wenn die übrigen Bedingungen für die placentare 
Infektion erfüllt sind, dann kann freilich durch Placentarblutungen der 
Übergang wesentlich unterstützt werden.“ 

Nach Birch-Hirschfeld kann der Übergang statt finden, 
ohn e daß irgend welche nachweisbare pathologische Ver¬ 
änderungen in der Placenta vorhanden sind, 1. in der Weise, 
daß vereinzelte Bazillen durch das Epithel der Chorionzotten hindurch¬ 
treten, 2. dadurch, daß sie aus den feineren Bluträumen der Placenta 
materna in das Gewebe der epithellosen sogenannten Haftzotten durch¬ 
wachsen. 

Der verschiedene Bau der Placenta ist hier von 
großer Bedeutung. Ist der Epithelüberzug der Zellen ein zarter 
(wie bei der Placenta von Ziegen), so können bei starker Vermehrung 
der Bazillen in der mütterlichen Placenta besonders leicht Schädigungen 
der Epithelien zu stände kommen. Bei Mäusen ist die fötale Placenta 
durch ein dichtes und hohes Epithel der Chorionzotten relativ besser 
geschützt. Bei der Kaninchenplacenta ist nicht nur der Zusammenhang 
zwischen mütterlicher und fötaler Placenta ein sehr fester, sondern es 
wird durch das Angrenzen epithelloser, gefäßhaltiger Chorionfortsätze 
(sogenannte Haftzotten) an mit mütterlichem Blute gefüllte Hohlräume 
das Hineinwachsen der Mikroben in den fötalen Teil der Placenta 
geradezu begünstigt. Da auch in der menschlichen Placenta 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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epithellose Haftzotten vorhanden sind, so hält Birch- 
Hirsehfeld sie für ungefähr ebenso leicht lädierbar, wie die Kaninchen - 
placenta. Im Übrigen gibt er auch zu, daß verschiedene Momente, wie 
Virulenz der Bakterien, Empfänglichkeit der Versuchstiere, für den 
Ausfall der Experimente von Bedeutung sind. 

Latis, der bei Meerschweinchen 8mal unter 16 Versuchen den 
Übergang von Milzbrandbazillen beobachtete, ohne jemals Hämorrhagien 
in der Placenta anzutreffen, sieht die Hauptursache des Übergangs 
der Bazillen in ihrer Fähigkeit, die Gefäßwänd e zu durch¬ 
wandern. 

Auch Lubarsch pflichtet Latis darin bei, „daß die Milzbrand¬ 
bazillen im stände sind, durch die Kapillaren und die Epitbelien hindurch- 
zuwachsen und zieht zur Analogie die Verhältnisse des Inhalationsmilz¬ 
brandes herbei, wo ebenfalls die Bazillen aus den Alveolen durch die 
Epitbelien hindurch in die Blutbahn eindringen. Es sei dann ein Streit 
mit Worten zu diskutieren, ob es sich dann um eine intakte Oberfläche 
handle oder nicht; denn wie schon Birch-Hirschfeld hervorgehoben 
hat, liegt die Ursache der Durchlässigkeit dann eben in der Eigenschaft 
der Bakterien, die Gewebe zu schädigen, und es ist zweifellos, daß 
pathogene Bakterien die Fähigkeit besitzen, bis dahin intakte Oberflächen 
zu durchwachsen." 

„Wenn nuntrotzdem dieBazillen nicht immer vonden 
Muttertieren auf den [Fötus übergehen, so liegt das an 
folgenden Punkten. Damit die Bazillen aus der mütterlichen 
Placenta in die fötale eindringen können, müssen 2 Be¬ 
dingungen erfüllt sein: 1. sie müssen sich in den intra- 
villösen Räumen so reichlich vermehrt haben, daß sie 
dort kaum mehr Platz finden, 2. sie müssen genügend 
Giftstoffe produziert haben, um den Zusammenhang der 
schützendenEpitheldecke lockern zu können. Es kommt also 
auch die Zeitdauer in Betracht, die Zeit, die von der Ansammlung 

der Bazillen in der Placenta (bis zum Tode des Tieres) verläuft. 

Es kommt selbstverständlich nicht nur auf die Dauer des Aufenthaltes 
der Bazillen in der Placenta an, sondern vor allem auch auf ihre Ver¬ 
mehrung daselbst. Länge der Krankheit deckt sich weder bei allen 
Tierklassen noch bei allen Individuen mit höchster Vermehrung der 
Bazillen." 

Nicht bei allen Infektionskrankheiten kommen die Bakterien 
gleich häufig überhaupt in die Blutbahn und in die Placenta, und die¬ 
selben Bakterien verhalten sich verschiedenen Tieren (und Individuen) 
gegenüber verschieden. (So ruft Milzbrand bei Kaninchen selten, 
bei Meerschweinchen häufig Placentarerkrankungen hervor.) 

Der besonders häufige Übergang von Pneumokokken sowohl beim 
Menschen wie beim Kaninchen erklärt sich daduroh, daß diese Kokken 
1. relativ frühzeitig in die Plazenta gelangen und 2. sich dort reichlich 
vermehren können. 


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Matzenauer. 


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Wenn beim Menschen durchaus nicht so regelmäßig wie beim 
Kaninchen der Übergang von Pneumoniekokken stattfindet, so liegt das 
daran, daß durchaus nicht in allen Fällen von Pneumonie die Kokken 
reichlich im Blute auftreten, sondern nur spärlich in der Milz zurück¬ 
gehalten werden nnd dann gar nicht oder nur in minimaler Menge in 
die Placenta gelangen. 

Fälle von fötaler Tuberkulose beim Menschen wurden 
BohoQ von Charrin, Demme, Berti, Sanchez-Toledo, Baum¬ 
garten und Roloff beschrieben. (Bei Tieren von Johne, Malvoz 
und Brouvier.) 

Die ersten Untersuchungen über Placentarerkran- 
knngen bei fötaler Tuberkulose des Menschen stammen 
aber erst aus dem Jahre 1890. 

Seither wurden von Birch- Hirschfeld, Rindfleisch, Leh¬ 
mann (3 Fälle), Schmorl und Kockel (5 Fälle), Londe (6 Fälle), 
Thiercelin und Londe, Sabouraud, im ganzen 10 Fälle von 
kongenitaler Tuberkulose bekannt, wovon 4 bei akuter 
Miliartuberkulose der Mutter entstanden. In weiteren 
6 Fällen konnte zwar Placentartuberkulose, nicht aber 
Tuberkulose der Föten beobachtet werden. 

In dem berühmten Falle von Birch-Hirschfeld (1890) konnten 
in der totalen Leber, Milz, Niere Tuberkelbazillen mikroskopisch und 
kulturell nachgewiesen werden. Tuberkelbildungen wurden aber im 
ganzen Körper nicht beobachtet. In der Placenta fanden sich in den 
intervillösen Räumen große Mengen von Tuberkelbazillen, in den totalen 
Gefäßen waren sie nur spärlich vorhanden. Tuberkelbildungen oder 
Blutungen konnten in der Placenta nicht gefunden werden, wohl aber 
kleine Defekte im Epithel der Chorionzotten. Da die 7monatliche 
Frucht der an Miliartuberkulose leidenden Mutter durch Sectio caesarea 
entnommen wurde, beweist dieser Fall auch, daß es der austreibenden 
Kräfte nicht bedarf, um die Tuberkelbazillen durch die Placenta in den 
Fötus gelangen zu lassen. 

Lubarscb kommt zu folgenden Schlüssen: 

1. Auch beim Menschen kommt eine placentare Infektion mit Tuber¬ 
kelbazillen nicht ganz selten vor. 

2. Dieselbe wird nicht nur bei akuter allgemeiner Miliartuberkulose, 
sondern auch bei chronischer ulzeröser Lungentuberkulose mit 
geringfügiger Dissemination in anderen Organen beobachtet. 

3. Der Übergang auf den Fötus scheint ausnahmslos nur 
beim Vorhandensein von Place ntartub erkul ose vorzu¬ 
kommen. (Auch in dem ersten Fall von Birch-Hirschfeld und 
Schmorl wurden nachträglich Tuberkel in der Placenta gefunden. 

4. Die Placentartuberkulose beginnt bald an der Oberfläche der 
Zotten in den intervillösen Räumen, bald — aber selten — im Zotten¬ 
grundgewebe als primäre Zottentuberkulose. 


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Die Vererbung’ der Syphilis. 


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6. Die geringe Anzahl von Tuberkelbazillen in den fötalen Ge¬ 
fäßen trotz reichlichstem Vorhandensein derselben in den Placentar- 
tuberkeln erklärt sich durch Gefäßveränderungen in den tuberkulösen 
Zotten, die zum Teil durch hyaline Thromben, zum Teil durch Endothel¬ 
wucherung verschlossen werden. 

Bei Syphilis wurden zweifellos spezifische 
Erkrankungen der Placenta erst durch Virchow 
sichergestellt, welcher eine Endometritis diffusa decidualis 
und Endometritis placentaris gummosa beschrieb. 

Bei der diffusen Form bilden sich Verdickungen und fibröse 
Indurationen, welche mit Atrophie der Zotten endigen; ist diese Form 
der Endometritis decidualis circumscript, so kann es zu papulösen oder 
kondylomatösen Knoten kommen. Bei der Endometritis placentaris 
gummosa fanden sich an mehreren Stellen harte, geschwulstartige Knoten, 
welche keilförmig von der mütterlichen Placenta in die fötale Placenta 
sich hineinsenkten. 

Oedmansson fand in der Placenta (unter 9 Fällen 6mal) teils 
keilförmige oder runde kompakte „Bindegewebsbildungen 11 , teils eine 
Placentitis interstitieller Natur, teils endlich bedeutende Alterationen 
der Gefäße des Nabelstranges. 

Weitere Fälle von Endometritis decidualis gummosa wurden von 
Slavjansky, Kleinwächter (5 Fälle), Casati, Godfrey, Henning, 
Fränkel, Goschler u. a. mitgeteilt. 

Ercolani beschrieb cirkumscripte oder diffuse deformierende 
Granular-Hyperplasie und Hypertrophie der Placentarzotten. Die Er¬ 
krankung und Verdickung der Arterien führt schließlich zur Verengung 
und Verschluß des Lumens. 

Fränkel fand bei 20 Placentaruntersuchungen die Placenten 
größer, schwerer und mit weißgelben Knoten durchsetzt. Volum, Kon¬ 
sistenz und Gewichtszunahme, sowie die blaßgelbgraue Farbe hält er für 
charakteristisch. Die fötalen Zotten fand er plump verdickt, die Zotten¬ 
räume mit Granulationszellen erfüllt, das Zottenepithel proliferiert. Bei 
stärkerer Wucherung kam es zu Verödung der Gefäße und Verkümmerung 
der Zotten, zu einer „deformierenden Granulationswucherung der Placentar- 
zotten“. Nebenbei häufig Verkalkung der Zotten. Amnion und Chorion 
bisweilen verdickt, getrübt, miteinander verklebt. Auf der Fötalfläche 
mitunter zahlreiche miliare weiße Knötchen. Meist besteht fettige 
Degeneration des Zottengewebes. 

Wertvolle Beiträge über Placentarsyphilis an einem mehr 
minder umfangreichen Untersuchungsmaterial lieferten bald 
Macdonald, Leale, Hervieux, Sinety (1880), Hayes, 
Gils, Caspary, Duchamp, Vallois, Saxinger, Zilles 
(1885), Gascard, Godinho, Ribemont-Dassaignes 


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Matzenaue r. 


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et Lepage, Correa-Dias, Debray, Prinzig, Steffek, 
Schwab (1897). 

Nach Zille 8 sind syphilitische Placenten meist durch Größe und 
Schwere ausgezeichnet, sie sind von blaßroter Farbe, in den erkrankten 
Partien mehr gelblich weiß, hier im Gewebe resistenter, dichter and 
brüchiger. Im Gewebe der Placenta fanden sich meist mehrere, mit 
der Basis in der Decidua fußende nnd sich gegen die 
Placenta foetalis hin keilförmig ergänzende, knotige, 
fibrösem Gewebe ähnliche Gebilde, sog. Gummaknoten bis 
zu Wallnußgröße. Dieselben zeigten auf dem Durchschnitt eine kon¬ 
zentrische Schichtung, die äußere mehr feste, fibrösem Gewebe ähnliche, 
periphere Zone hatte eine mehr graugelbliche Farbe, wogegen das 
Zentrum aus einer mehr gelblichroten, orangegelben, käseähnlichen 
weichen oder mehr flüssigen Mittelmasse bestand. 

Die Uterinfläche der Placenta zeigte die Decidua stark verdickt, 
trübe und gelblichweiß gefleckt; in den erkrankten Partien läßt sich die 
Decidua nur schwer von der übrigen Placenta abziehen. 

Unter dem Amnion finden sich häufig dem Ghorion aufsitzende 
Knoten, welche ebenfalls keilförmig in das Placentargewebe sich ein¬ 
senken; an diesen Stellen ist es unmöglich, diese beiden Schichten von 
einander zu trennen. Die Nabelschnur ließ vielfach Bchon makroskopisch 
eine bedeutende, teils cirkumscripte, teils einseitig halbmondförmige 
Verdickung der Gefäße erkennen; manchmal fanden sich schon makro¬ 
skopisch erkennbare Herde von der Größe eines miliaren Tuberkels im 
eigentlichen Nabelschnurgewebe selbst. In einzelnen Fällen fanden sich 
auch der Decidua aufsitzende kleine Knötchen von der Größe miliarer 
Tuberkel, kleine Syphilome der Decidua. 

Die Zotten zeigen meist eine kolbenartige Anschwellung, welche 
in einer hochgradigen Wucherung der kleinzelligen Elemente ihren 
Grund hat. 

Die intervillösen Räume erwiesen sich manchmal vollgepfropft mit 
kleinen Granulationszellen und stellenweise durch diese beträchtlich aus¬ 
gedehnt. 

Die kleinzelligen Herde durchsetzen manchmal die ganze Dicke 
des Chorions und zeigen ihre stärkste Entwicklung stets am placentaren 
Teile desselben. 

Zilles bezeichnet jene Fälle, in welchen neben miliaren Gummen 
in der Placenta auch Syphilome der Decidua sich finden, als Endometritis 
placentaris et decidualis gummosa. 

Ich möchte hier nur kurz auf die — wie mir scheint — 
nicht glücklich gewählte Bezeichnung der Pla- 
centarerkrankung „gummös 4 aufmerksam 
machen. 

Es kommt allerdings vor, daß von einer Mutter im Spät¬ 
stadium, im sog. gummösen Stadium, Syphilis aufs Kind ver- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


33 


erbt wird. Fälle, in denen eine Vererbung der Syphilis nach 
10—12, ja selbst noch nach 20 Jahren beobachtet wurde, sind 
genug bekannt; hauptsächlich erfolgt aber doch die Vererbung 
im Frühstadium. Wenn die Bezeichnung gummös auch für 
manche Fälle zutreffen mag, so dürften doch in der Mehrzahl 
der Fälle die „keilförmigen" oder „knotigen" In¬ 
filtrate nicht als Gummen, sondern einfach als syphi¬ 
litische Infiltrate anzusprechen sein, umsomehr als zu unserer Vor¬ 
stellung über den Verlauf einer durchaus milden, ganz rezenten 
Syphilis (oft erst von mehrmonatlicher Dauer) die Entwicklung 
eines Gumma nicht recht paßt. 

Durch die neueren Untersuchungen von Schwab ist 
übrigens die Deutung vieler dieser „keilförmigen Knoten" als 
Gummen sebr in Frage gestellt worden, und erscheint es nicht 
unwahrscheinlich, daß ein großer Teil der früher als Placentar- 
gummen angesprochener Befunde auf Verwechslungen mit nicht 
spezifischen Veränderungen beruht, wie „weißer Infarct", fettig 
degenerierte oder fibröse Knoten. 

Die ersten Autoren, von der Voraussetzung einer paternen 
Vererbung ausgehend, suchten zu erweisen, daß der Sitz der 
syphilitischen Plazentarerkrankungen ein verschiedener sei, je 
nachdem die Mutter gesund bleibe, und das syphilitische Virus 
vom Vater direkt auf das Ei durch den Samen übertragen wird, 
oder je nachdem auch die Mutter erkrankt ist. Im ersten Falle, 
also bei paterner Syphilis erkranke, wenn überhaupt, was nicht 
unbedingt nötig ist, der fötale Anteil derPlacenta. (Fränkel.) 
Macdonald und Dohm erklären, „daß die Erkrankung der 
Placenta stets von der Seite des an der Syphilis schuldigen 
Teiles beginne, also bei paterner Vererbung die fötale, bei ma- 
teroer Vererbung der mateme Teil der Placenta zuerst er¬ 
kranke". Einschränkungen erfuhren diese aprioristischen An¬ 
nahmen bald durch die eingehende Studie von Zilles, trotz¬ 
dem derselbe im Grunde auch noch je nach der paternen oder 
maternen Vererbungsquelle Unterschiede zu konstruieren sucht. 

Schwab, welchen Finger selbst „als den jüngsten und 
sorgfältigsten Untersucher an einem größeren Material" nennt, 
und welcher allerdings selbst auch die Möglichkeit einer paternen 
Vererbung nicht negieren will, kommt zudem Ergebnis: „Diese 

Matieotner, Vererbung der Syphilis. 3 


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34 


Matzenauer. 


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Konklusionen wären alle sehr schön und präzis, wenn sie wahr 
wären! Elles (ces conclusions) n’ont qu’un defaut, celui d’ötre 
trop nettes et trop precises. Et pour employer une expression 
quelque peu triviale, nous dirons volontiere: C’est trop beau 
pour Stre vrai!“ 

Schwab kommt za folgenden Schlußsätzen: „Die Syphilis erzeugt, 
wenn sie auf den Fötus auf intrauterinem Wege übertragen wird, kon¬ 
stante und charakteristische Läsionen in der Placenta. 

Eine Placentarsyphilis wird in der Kegel bei Fötalsyphilis gefunden« 

Die Placentarsyphilis dokumentiert sich sowohl in makroskopischen 
als auch mikroskopischen Veränderungen. Diese letzteren sind beweisend. 

Dem bloßen Auge kann eine syphilitische Placenta auffallen durch 
die oft beträchtliche Hypertrophie. Während eine normale Placenta 
ungefähr 7a des Gewichts des Fötus hat, zeigt die syphilitische 
Placenta 7« des Gewichtes eines am normalen Ende der 
Schwangerschaft geborenen syphilit. Fötus und 7a des Ge¬ 
wichtes eines 7—Ömonatl. Fötus. Die syphilit. Placenta ist außerdem 
blaß, ödematös, manchmal weich und leicht zerreißlich, 
manchmal fest und derb. 

Die erwähnten Charaktere können die Annahme einer 
Placentarsyphilis nahelegen, aber nicht sichern. 

Die mikroskopischen Veränderungen der syphiliti¬ 
schen Placenta sind dagegen konstant und spezifisch. Sie 
sind charakterisiert durch eine echte Placentarcirrhose. (Gewöhnlich im 
hypertrophischen Stadium.) 

Die Läsionen sind im allgemeinen diffus und betreffen 
sowohl den fötalen als auch den mütterlichen Teil der 
Placenta. 

Die Chorionzotten sind hypertrophiert und deformiert. Die 
primäre Läsion wird gebildet durch eine Endo-peri-arte- 
riitis und eine Endo-peri-phlebitis, welche in mehr minder 
großer Ausdehnung die Gefäße der Chorionzotten betrifft und teils im 
Stadium lebhafter Zellproliferation, teils im Stadium fibröser Umwandlung 
angetroffen wird. 

Diese Gefäßveränderungen sind konstant und führen oft zur Oblite¬ 
ration einer großen Zahl fötaler Gefäße. 

Das Stroma der Zotten ist durch eine oft beträchtliche, 
hauptsächlich perivaskuläre Infiltration neugebildeter Zellen verändert, 
manchmal beobachtet man bindegewebige Umwandlung. 

Das auskleidende Epithel der Zotten ist entweder 
zerstört oder proliferiert. 

Die Membrana chorii ist oft verdickt. Die Gefäße, welche sie 
enthält, können von Endo-peri-arteriitis befallen sein. 

Die Placenta materna und die Serotina enthalten niemals (nach 
eigenen Erfahrungen) makroskopisch sichtbare Gummen. Man kann hier 
manchmal mikroskopische Gummen entdecken. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


35 


Der Nabelstrang kann eine mehr minder stark ausgeprägte 
Zellproliferation zeigen sowie Gefäßveränderungen. 

Die Verteilung der Placentarerkrankung entsprechend 
dem Ursprung der Syphilis nach dem Zeuger, wie sie von 
Fränkel aufgestellt wurde, ist unhaltbar („illusoire“). 
Welchen Ursprung auch die Syphilis haben mag, können 
alle Partien der Placenta erkrankt sein; Placenta materna 
und foetalis können in gleichmäßig diffuser Weise be¬ 
troffen sein. Wahr ist bloß, daß trotz allgemeiner Ausbreitung der 
Veränderungen die syphilit. Placentarerkrankung sich mit mehr minder 
ausgesprochener Intensität in der einen oder anderen Partie der Placenta 
lokalisiert. (Entsprechend dem Ursprung des Virus [?]). 

Die syphilitischen Placentarveränderungen genügen, um das häufige 
Absterben der Frucht in utero oder den kachektischen Zustand zu er¬ 
klären durch eine Art Anoxämie, welche sie erzeugen. Aus demselben 
Grund erklären sich auch die häufigen Aborten. 

In einer syphilitischen Plazenta findet man nicht selten nicht 
spezifische (banale) Läsionen, wie hämorrhagische Infarcte, 
weiße Infarcte, fettig degenerierte oder fibröse Knoten 
u. s. w. 

Aus den bisherigen Erfahrungen ergibt sich: 1. daß aller¬ 
dings nicht in jedem Falle von Vererbung eine Placentar¬ 
erkrankung nachweisbar war; 2. daß aber eine auffallende, 
ausgedehnte pathologische Veränderung der Plaecnta auch gar 
nicht notwendig ist und nicht etwa die Intensität der Placentar¬ 
erkrankung zur Intensität der mütterlichen und kindlichen Er¬ 
krankung in geradem Verhältnis steht, sondern daß vielmehr 
schon geringfügige, makroskopisch oft nicht wahrnehmbare 
Gefäßveränderungen genügen, um Bazillen vom mütterlichen 
in den fötalen Kreislauf übertreten zu lassen; 3. daß angeblich 
trotz Placentarerkrankung das Kind gesund bleiben kann. 

Diese letzte Angabe ist jedoch nach den bisherigen Beobachtungen 
noch durchaus nicht sichergestellt. Allerdings fand Schwab in einem 
Falle eine Erkrankung der Placenta materna und Zille 8 in 2 Fällen 
eine Erkrankung der Placenta materna und foetalis, sowie in 3 Fällen 
außerdem auch den Nabelstrang krank, und trotzdem blieben die Kinder 
während der Beobachtungszeit angeblich syphilisfrei. Aber die Be¬ 
obachtungszeit (von 2—3 Wochen 1) ist in diesen Fällen viel zu kurz, um 
uns auch nur annähernd dafür zu garantieren, daß die Kinder auch 
fernerhin gesund geblieben sind. 

Daß nicht in jedem Falle von Fötalsyphilis eine Placentar- 
syphilis nachgewiesen werden kann, ist eigentlich selbstverständ¬ 
lich; haben wir doch überhaupt erst angefangen, Placentar- 

8 * 


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Sß Matzenauer. 

erkrankungen infolge Syphilis kennen za lernen I Noch ist uns 
sicherlich das volle Bild nicht erschlossen! Ebenso wie wir 
über Placentarerkrankungen infolge Tuberkulose erst seit dem 
letzten Dezennium überhaupt etwas erfahren haben, ebenso 
müssen wir erst die pathologischen Veränderungen der Pla- 
centa infolge Syphilis sehen lernen. 

So fand also Fränkel in einem Fall von Fötalsyphilis bei einer 
schon vor der Konzeption syphilitischen Matter, Schwab in einem Fall 
bei postkonzeptionell akquirierter Syphilis der Mutter die Placenta auch 
mikroskopisch normal. 

Aus den bisherigen Erfahrungen ergibt sich auch, „daß 
eine Übertragung der Syphilis erfolgt war sowol in den Fällen, 
wo eine Erkrankung des mütterlichen und fötalen Teils der 
Placenta nachgewiesen werden konnte, als auch dann, wenn 
bloß die Placenta materna oder bloß die Placenta fötalis spe¬ 
zifisch erkrankt sich fanden. 

Bei postkonzeptionell akquirierter und vererbter Syphilis 
fanden Göring und Schwab in je 2 Fällen die Placenta materna und 
foetalis krank. 

In Fällen, wo beide Eltern zur Zeit der Konzeption syphilitisch 
waren, fanden Zilles und Schwab je einmal die Placenta materna 
und foetalis krank, in 2 Fällen Schwabs war nur der fötale Teil krank. 

In Fällen, wo die Mutter zur Zeit der Konzeption 
sicher selbst syphilitisch war, fand man nicht nur eine 
Erkrankung der Placenta materna (in vielen Fällen ausschlie߬ 
lich), sondern es fanden F r ä n k e 1 einmal, Zilles und Schwab 
je zweimal die Placenta materna und foetalis erkrankt. 
Schwab endlich fand in 2 Fällen ausschließlich die 
Placenta foetalis erkrankt. 

In den Fällen von Zwillingsgehurten von Müller, Ro¬ 
sinski und Buhe, bei welchen einer von den Zwil¬ 
lingen krank, der andere gesund war, verhieltsich die 
betreffende getrennte Placenta ebenso. 

In einem Falle von Zilles, welchen der Antor als Choc en 
retour auffaßt, hatte die anscheinend gesunde Frau bereits Smal 
abortiert und zeigte nach dem 3. Abortus die ersten Erscheinungen 
sekundärer Syphilis. Zilles fand eine Erkrankung sowohl der Placenta 
foetalis als auch der Placenta materna. In 8 Fällen, welche Fränkel 
als Choc en retour auffaßt, war zweimal die Placenta materna and 
foetalis erkrankt, in einem Falle die Placenta materna gesund. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


37 


Höchst bedeutsam und lichtbringend in der ganzen Frage 
über angeblich paterne Vererbung sind die Beobachtungen von 
Placentarsyphilis bei angeblich gesunden Müttern. 

Frankel fand unter insgesamt 17 Fällen von Placentar¬ 
syphilis die Mütter 13malangeblicbgesundundsyphilisfrei. 

Unter den 17 F&llen war lömal eine Erkrankung der Zotten der 
totalen Placenta vorhanden; von diesen 15 F&llen war llmal die Mntter 
angeblich gesund. 

Einmal (Fall XVI) griff die Erkrankung der Pla¬ 
centa foetalis auf die Placenta materna über 
und doch blieb angeblich die Mutter gesund I (?) 

Einmal (Fall XVIII) bestand eine „primäre Erkran¬ 
kung der Placenta materna, Endometritis placen- 
taris gummosa“, und doch war die Mutter gesund! (?) 

Zille8 fand unter insgesamt 32 Fällen (wovon 6 keine 
Eigenbeobacbtungen sind) 19mal die Mutter frei von 
Syphilis. Von diesen 19 Fällen jene 6 Beobachtungen ab¬ 
gerechnet, verbleiben 13 Fälle, für welche Zilles eine rein 
paterne Vererbung annimmt, trotzdem nicht nur 
die Placenta foetalis, sondern auch materna krank 
war. Von 4 Fällen (XIV—XVH) sagt Zilles sogar aus¬ 
drücklich zum Schluß: „Daß es sich in allen 4 Fällen um eine 
Endometritis decidualis et placentaris gummosa 
handelte, unterliegt keinem Zweifel.“ 

Schwab land in 3 Fällen von angeblich patemer Ver¬ 
erbung (keine Syphilis an der Mutter nachweisbar) genau so 
wie in seinen übrigen Fällen bei mütterlicher Syphilis eine 
histologisch konstant nachweisbare Erkrankung der Zotten u. 
zw. sowohl der Gefäße, des Stromas und des Epithelüberzuges. 

Finger, welcher diesen Befund „in höchstem Grade merkwürdig 
findet*, meint, mau könnte daran denken — dies wäre das Nächstliegendste 
— die Mutter seien in diesen Fällen doch nicht gesund gewesen, ihre 
Syphilis sei dem Untersucher entgangen, aber für 3 Fälle (von Zilles 
Nr. 14, 15, 17) sei die Gesundheit der Mutter fast zweifellos (?) demon¬ 
striert, indem diese Mütter kurze Zeit nach ausschließlich antisyphilitischer 
Behandlung ihrer Gatten gesunde Kinder gebärten. Und so stehen 
wir einem Rätsel gegenüber, das schwer zn lösen ist. 
Denn auch die Annahme, diese Mütter seien vorher schon vom Fotos 
immunisiert worden und daher nicht mehr infizierbar gewesen, als 
die Placentarerkrankung auf den mütterlichen Anteil überging, i9t nicht 
statthaft, da die Placenta materna, die, ein Teil des mütterlichen Orga- 


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38 


Matzenauer. 


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nismus, an dieser Immanität hätte teilnehmen mössen, nicht hätte erkranken 
dürfen, und dies umsomehr, als die Placenta materna, die ja dem mütter¬ 
lichen Organismus die immunisierenden Toxine vermittelt, diese aus 
erster Hand empfängt, am frühesten immun sein müßte. tf 

Finger suoht nach einer Erklärung hiefür, daß „neben (angeblich) 
paterner Syphilis des Fötus eine Erkrankung der Placenta, die von dem 
fötalen auf den mütterlichen Placentaranteil übergeht und in demselben 
recht bedeutende Extensität und Intensität erreicht, auch Gesundheit, 
d. h. Syphilisfreiheit der Mutter bestanden habe und daß neben Syphilis 
der Mutter mit mütterlicher placentarer Syphilis, die auf den fötalen 
Anteil und Bogar auf den Nabelstrang übergreift, doch gesunde Kinder 
zur Welt kamen". 

Während er aber die Gesundheit dieser Kinder (in den 5 Fällen von 
Zilles) nicht für erwiesen hält, weil die Beobachtungsdauer nur wenige 
Wochen fortgesetzt werden konnte, hält er die Konstatierung der mütter¬ 
lichen placentaren Syphilis bei gesunden Müttern hereditär luetischer 
Kinder (nach Finger „13 Fälle, in denen die Erkrankung der Placenta 
sich nicht nur auf den fötalen, sondern auch auf den mütterlichen Anteil 
ausbreitete und die Mutter doch gesund blieb") für „einen umso auf¬ 
fälligeren Befund, als für einen Teil der Mütter wenigstens (die 3 Fälle 
von Zilles) der Beweis der Syphilisfreiheit dadurch ziemlich einwands¬ 
frei (?) hergestellt ist, daß diese Mütter bald darauf nach ausschließlicher 
Behandlung der paternen Syphilis gesunde und gesund bleibende Kinder 
gebaren". 

Den einen Erklärungsversuch, „die Erkrankung der Placenta ihrer 
Natur als syphilitische Affektion zu entkleiden und als einfache entzünd¬ 
liche Affektion aufzufassen", lehnt Finger selbst ab, „da die bezüglichen 
Veränderungen der Placenta und des Nabelstranges nur bei elterlicher 
und fötaler Syphilis Vorkommen, und da auch alle die zahlreichen 
Bearbeiter dieses Themas von Virchow an darin einig sind, daß diese 
Veränderungen der Placenta als spezifisch syphilitisch aufzufassen seien". 

„Sind aber diese Veränderungen der Placenta syphi¬ 
litischer Natur, dann könnten sie (meint Finger), doch nicht 
virulenter Natur sein! Denn es wäre ganz unfaßbar, daß das 
Syphilisvirus im mütterlichen Anteil der Placenta entzündliche Pro¬ 
liferationsherde erzeugt und die Mutter nicht infizieren sollte. Finger 
findet, „es könnte sich um eine syphilitische, aber nicht virulente Ver¬ 
änderung handeln analog dem Gumma und seine Hypothese von der 
Natur der gummösen Formen (durch Toxin Wirkung) bekäme dadurch 
eine neue Stütze!" 

Finger mußte durch seine Theorie hier natürlich in eine 
unrettbare Klemme sich verirren: er kam wirklich dahin, die 
hereditäre Syphilis einmal (die sog. sekundären Erscheinungen) 
durch die Bakterien selbst und ein andermal (die sog. terti¬ 
ären Formen, Visceralsyphilis) durch Toxine entstehen zu lassen! 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Die Einheitlichkeit der Entstehung aller 
Syphilisprodukte in allen (sogenannten) Stadien, 
d. h. die Entstehung auch der sog. tertiären For¬ 
men durch Syphiliserreger (und nicht durch To¬ 
xine) dokumentiert sich gerade durch die Ver¬ 
erbung der Syphilis noch im Spätstadium (nach 
10—20 Jahren) in unzweideutigster Weise. Denn ob 
die Mutter nach einer einjährigen oder 15jährigen Dauer 
der Syphilis ihre Krankheit vererbt hat, die Krankheit des 
Kindes ist Syphilis und ist daher infektiös! 

Wir werden später sogleich sehen, wie trügerisch es wäre, 
aus dem Umstande, daß eine Frau mit mehrjähriger Syphilis 
ein gesundes Kind gebärt, schließen zu wollen, daß dieselbe 
syphilisfrei sei. Es ist eine allgemein anerkannte Erfahrung, 
daß mitunter ganz rezent syphilitische Mütter doch gesunde 
Kinder gebären können, andererseits gebären syphilitische 
Mütter trotz sorgfältiger Behandlung meist doch durch Jahre 
hindurch syphilitische Früchte; umso hinfälliger muß daher 
jene Annahme Fingers, die Geburt gesunder Kinder auf eine 
Behandlung des Vaters zurückzuführen, erscheinen, wenn einem 
gesunden Kind schon die Geburt einer oder mehrerer kranker 
Kinder vorausgegangen ist, also die mütterliche Syphilis im 
Laufe der Zeit abgeschwächt und die Vererbungsfähigkeit 
bereits spontan erloschen sein mag, und endlich gar dann, 
wenn ein Teil des mütterlichen Organismus (Placenta materna) 
spezifisch erkrankt gefunden wurde! 

Wir müssen vielmehr gerade in der Tatsache, 
daß bei angeblich paterner Vererbung eine Er¬ 
krankung der mOtterlichen Placenta konstatiert 
werden konnte, einen Beweis erblicken, dass jene 
anscheinend gesunden Mütter nicht wirklich sy¬ 
philisfrei, sondern nur latent syphilitisch sind! 

Intensität der Syphilis bei Mutter und Kind. 

ln früherer Zeit wurde vielfach angenommen, daß die 
Schwere der hereditären Syphilis beim Kinde der Intensität der 
Syphilis der Eltern entspreche, so von Sedoul, Basseron, 
Mandon u. a. In neuerer Zeit ist diese Anschauung längst 


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Matzenaue r. 


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verlassen und es ist durch zahlreiche Beobachtungen und Er¬ 
fahrungen (auch von Kassowitz) erwiesen, daß sogar von 
latent syphilitischen Eltern, d. h. also von Eltern, die 
zur Zeit der Zeugung und oft schon jahrelang früher keine 
Erscheinungen von Syphilis boten, dennoch schweraffi- 
zierte hereditär luetische Kinder gezeugt werden: 
es muß also die Intensität der Syphilis beim 
Kinde nicht proportional sein der Intensität der 
Syphilis der Eltern. Die Intensität und der wei¬ 
tere Verlauf der Syphilis hängt im allgemeinen 
unter sonst gleichen Umständen hauptsächlich 
von der Widerstandskraft des befallenen Indivi¬ 
duums ab. Es ist eine alte und tagtäglich sich bestätigende 
Erfahrung, daß bei gesunden kräftigen Individuen die Syphilis 
durchaus milde verläuft, während sie bei herabgekommenen, ka- 
chektischen, skrofulösen Individuen oder bei Potatoren einen 
schweren, oft unheilvollen Verlauf nimmt. 

Der kindliche Organismus ist ein anderer als jener der 
Mutter. 

Wir müssen die Verschiedenartigkeit der In¬ 
tensität der Syphilis beim Kinde und der Mutter 
hauptsächlich auf Rechnung der verschiedenen 
Widerstandskraft von Mutter und Kind beziehen. 
Eine sonst gesunde, kräftige Mutter mag eine Syphilis von 
außerordentlich mildem Verlauf haben, welche einige Zeit vor, 
während und nach der Geburt des Kindes selbst gar keine 
Erscheinungen bot, und dennoch kann das Kind mit schwerer 
hereditärer Lues zur Welt kommen oder schon früher im Mutter¬ 
leibe abgestorben sein. Der Grund dafür ist einfach der, daß 
im allgemeinen die Widerstandskraft des Erwach¬ 
senen eine weitaus größere ist als die Wider¬ 
standskraft des Säuglings oder der Frucht. 

Es ist dies eine Tatsache, welche durch exakte neuere Unter¬ 
suchungen bei verschiedenen Infektionskrankheiten in einwands¬ 
freier Weise nachgewiesen wurde. Ich erinnere bloß an die 
jüngsten Untersuchungen von Halban und Landsteiner, 
welche die Resistenz des kindlichen Organismus deshalb ge¬ 
ringer gefunden haben, weil im kindlichen Organismus 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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im allgemeinen weniger Schutzstoffe vorhanden 
sind. 

»Die wirksamen Serumstoffe sind beim Neugeborenen zwar vor¬ 
handen, aber nicht in dem Maße wie beim Erwachsenen. Das mütter¬ 
liche Serum wirkt stärker agglutinierend, starker bakterizid, anti¬ 
fermentativ und autitoxisch u. s. w. u. s. w. Es liegt daher nahe, den 
geringeren Gehalt des Blutes an wirksamen Serurastoffen beim Neu¬ 
geborenen mit einer etwa vorhandenen geringen Resistenz desselben in 
Zusammenhang zu bringen." 

Auf der gleichen Ursache basiert auch die Beobachtung, 
daß oft Erwachsene von einer bestimmten Infektionskrankheit 
z. B. Diphterie, Scharlach, Masern u. s. w. ungleich seltener 
befallen werden als Kinder, offenbar, weil eben erstere schon 
mehr Schutzstoff dagegen enthalten. 

Die Reaktion des mütterlichen und des kindlichen Organismus auf 
ein verleibte Gifte ist manchmal außerordentlich verschieden, z. B. reagiert 
der kindliche Organismus gegen Tuberkulininjektionen weniger als der 
Organismus des Erwachsenen. (Schreiber.) Im allgemeinen weist jedoch 
der kindliche Organismus gegen Gifte eine geringere Resistenz auf. 

Es wird daher durchaus begreiflich erscheinen, daß das¬ 
selbe Gift, also dieselbe Ursache eine andere Wirkung bei der 
Mutter als beim Kinde produziert. 

Für die Intensität der vererbten Syphilis dürfte unter 
sonst gleichen Umständen wahrscheinlich noch ein anderes 
Moment eine entscheidende Rolle spielen, d. i. der Zeit¬ 
punkt, zu welchem die Bakterien infolge Placentar- 
erkrankung von Mutter auf Kind übertragen 
werden, ln je früherer Lebensperiode die schädliche Noxe 
den kindlichen Organismus trifft, desto weniger kann ihr der¬ 
selbe Widerstand leisten, desto schwerer muß er unter sonst 
gleichen Umständen afßziert werden, ln je späterer Periode 
des intrauterinen Lebens die Infektion von Mutter auf Kind 
übergeht, desto entwickelter und widerstandskräftiger ist bereits 
der kindliche Organismus. Wenn endlich die Infektion erst in 
den letzten Wochen des intrauterinen Lebens stattfindet, so 
nähern sich die Infektionsbedingungen bereits einer im frü¬ 
hesten Kindesalter akquirierten Syphilis des Säuglings. 

Nun können wir bei einer schon vor der Konzeption syphi¬ 
litischen Mutter, welche ein syphilitisches Kind gebärt, aller¬ 
dings nicht den Zeitpunkt genau bestimmen, wann die Infektion 


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Matzenauer. 


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von Mutter auf Kind infolge einer Placentarerkrankung über¬ 
gegangen ist. Bei einem Abortus oder einer Frühgeburt muß 
natürlich die Infektion der Frucht sehr frühzeitig erfolgt sein. 
Bei einem vollständig ausgetragenen syphilitischen Kind dagegen 
mag die Frage offen bleiben, wann die Infektion des Fötus statt¬ 
gefunden hat. Wir können jedoch annähernd genau den Zeit¬ 
punkt der fötalen Infektion verfolgen in den Fällen von post¬ 
konzeptioneller Infektion der Mutter; hier wissen wir wenigstens 
genau, wann frühestens eine Placentarerkrankung eingetreten 
sein kann. Wir sehen nun ganz gewöhnlich bei einer erst in der 
zweiten Hälfte der Schwangerschaft infizierten Mutter reife und 
anscheinend gesunde Kinder zur Welt kommen, bei welchen die 
Syphiliserscheinungen erst mehrere Wochen nach der Geburt 
auftreten und sich nur in Hauteruptionen manifestieren. Es ist 
bisher kein Fall bekannt geworden, daß eine in der zweiten 
Hälfte der Schwangerschaft infizierte Frau eine Totgeburt ge¬ 
boren hätte. 

In jenen Fällen dagegen, wo die Frau schon in der ersten 
Zeit der Schwangerschaft infiziert wurde, wo daher die Infektion 
auf das Kind schon frühzeitig übergehen konnte, waren die Kinder 
in der Regel schwer affiziert, schwächlich, starben bald nach 
der Geburt, oder es kamen bereits Aborten, Frühgeburten, 
mazerierte Früchte zur Welt. Je frühzeitiger die Mutter post¬ 
konzeptionell infiziert wurde, desto mehr nähern sich die Ver¬ 
erbungsverhältnisse jenen, wo die Mutter schon kurze Zeit vor 
der Konzeption rezent syphilitisch war. 

Die Intensität der Vererbungssyphilis wird im Laufe der Jahre 
allmählich eine immer geringere. 

Kassowitz sagt: „Wir sehen eine stetige, man möchte sagen, 
eine in arithmetischer Progression fortschreitende Abnahme in der Inten¬ 
sität der Vergiftung, welche sich ganz besonders in dem allmählich ver¬ 
zögertem Ausbruch der akuten syphilitischen Symptome bei den einzelnen 
Früchten kundgibt." 

Also anfangs werden demnach Aborten, später Frühgeburten, 
dann reife aber schwächliche und syphilitische Kinder und 
noch später endlich reife kräftige, anscheinend gesunde Kinder 
geboren, bei welchen erst in späteren Wochen oder Monaten 
die ersten Syphiliserscheinungen auftreten. 


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UNIVERSETY OF MICHSGAN 



Die Vererbung der 8yphilis. 


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Zur Erklärung dieses eigentümlichen Verhaltens, welches man 
gewiß in der Mehrzahl der Fälle bestätigt finden wird, nimmt Kasso- 
witz aber nicht eine qualitative Abschwächung des Syphilisvirus an, 
sondern glaubt die graduelle Abschwächung der syphilitischen Vererbung 
nur so erklären zu können, daß die Zeugungszellen die syphilitisch ver¬ 
änderte organische Materie in verschiedenem Maße, also nur quanti¬ 
tativ verschieden enthalten, und daß die Masse des in der Generations¬ 
zelle enthaltenen Giftes in der Kegel proportional ist der Masse des in 
dem elterlichen Organismus verbreiteten Giftes. 

Eassowitz stellt sich also vor, daß ein Spermatozoon oft nicht 
bloß einen einzelnen Syphiliskeim enthält, sondern unter Umständen 
„bei rezenter Lues der Eltern sogar mit einer großen Zahl derselben 
beladen sein könne tt . Eassowitz findet nämlich, man würde bei der 
Annahme „einer qualitativen Verschiedenheit des Giftes in den in ver¬ 
schiedenen Stadien der elterlichen Syphilis produzierten Fortpflanzungs¬ 
zellen, also einer verschiedenen Entwicklungsstufe desselben, in den 
unlösbaren Widerspruch verfallen, daß eine jüngere rezente elterliche 
Syphilis, deren Gift sich dann doch auch notwendiger Weise in einem 
jüngeren Entwicklungsstadium befinden müßte, trotzdem in einer viel 
kürzeren Zeit zur vollen Entwicklung der Krankheit bei der Frucht führt, 
als das Gift, welches von einem mit älterer Syphilis behafteten Organis¬ 
mus der Zelle mitgeteilt wird und welche, trotzdem es sich dann in 
einem vorgerückteren Stadium der Entwicklung befinden müßte, den¬ 
noch um einige Monate länger braucht, bis es die Krankheit in der Frucht 
zur vollen Entwicklung bringen kann u . 

Es ist nun nicht zu verstehen, warum ein Gift in einem Jüngeren 
Entwicklungsstadium“ längere Zeit brauchen sollte, bis es zur vollen 
Entwicklung der Krankheit bei der Frucht führt, als ein Gift in einem 
späteren Zeitpunkt, welches alscrdurch die Antitoxine des Körpers jeden¬ 
falls schon mitigiert sein muß. Es ist vielmehr zu erwarten, daß ein vor 
kurzem dem müterlichen Körper einverleibtes Gift, gegen welches der 
Körper noch nicht genügend Antitoxine gebildet hat, auch stärker auf 
die Frucht in utero ein wirken kann, als ein schon seit Jahren abge¬ 
schwächtes Gift. 

Eassowitz meint aber, daß man zur Annahme einer quantitativen 
Verschiedenheit gedrängt werde: „es würde bei rezenter Syphilis des 
Vererbenden aus der größeren Masse des in seinem Organismus ange¬ 
häuften Giftes auch eine proportional größere Menge der einzelnen Fort¬ 
pflanzungszelle auf den Weg gegeben und diese größere Menge der in 
der Zelle enthaltenen spezifisch veränderten Materie würde die volle 
Entwicklung der Krankheit bei der Frucht in kürzerer Zeit bewerk¬ 
stelligen als die geringere Menge des Giftes.“ 

Dieser etwas drastische Erklärungsversuch steht doch 
wohl schon in krassem Widerspruch zu der Erfahrung, daß es 
bei der Syphilis ganz gleichgültig ist, ob dieselbe eingeleitet 


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Matzenaue r. 


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wird von einem einzelnen unscheinbaren Primäraffekt oder von 
mehreren großen etwa auch gleichzeitig verschieden lokalisier¬ 
ten Primäraffekten. Die Quantität der übertragenen Bazillen 
hat durchaus keinen Einfluß auf die Intensität im weiteren 
Verlauf der Syphilis. 

Die Intensität der Syphilis kann, abgesehen 
von der individuell verschiedenen Reaktion und 
Widerstandskraft des Organismus, von der Viru¬ 
lenz, also von der Qualität der ü bertragenen Bak¬ 
terien abhängen: So wissen wir, daß bei verschiedenen 
Infektions-Krankheiten mit epidemischer Ausbreitung zu Beginn 
einer Epidemie eine viel stärkere Virulenz besteht als später 
bei allgemeiner Verbreitung der Krankheit. Dieselbe Erfahrung 
haben wir auch bei der Syphilis gemacht, welche zu Beginn 
ihres Auftretens am Ende des XV. und Anfang des XVL Jahr¬ 
hunderts außerordentlich heftige Erscheinungsformen zeigte, 
während sie jetzt größtenteils einen durchwegs milderen Ver¬ 
lauf nimmt im Vergleiche zu damals. 

Die Intensität der Virulenz schwächt sich bekanntlich bei 
jedem einzelnen Individuum im Laufe der Jahre spontan ab. 
Diese Abschwächung der Virulenz wird besonders durch den 
Einfluß einer spezifischen Therapie begünstigt. Im rezenten 
Stadium ist die Virulenz sicherlich größer als nach längerer 
Dauer der Erkrankung; mit zunehmendem Alter der Erkran¬ 
kung pflegt eine stetige Abnahme der Virulenz in gleichem 
Schritte zu gehen; die jeweiligen Syphiliserscheinungen werden 
ja auch durch immer größere Latenzperioden unterbrochen. 

Proportional mit derAbnahme der Intensität 
der mütterlichen Erkrankung pflegt in derRegel 
(aber nicht mit absoluter Gesetzmäßigkeit) eine 
Abnahme der Intensität der vererbten Syphilis 
einherzugeben, bei welcher Visceralerkrankun¬ 
gen entweder vollständig fehlen oder doch in ge¬ 
ringerem Grade vorhanden sind, und welche sich, wie Kasso- 
witz hervorhebt, „in dom allmählich verzögerten Ausbruch der 
akuten syphilitischen Symptome bei den einzelnen Früchten 
kundgibt.“ 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Man könnte also vielleicht daran denken, daß die mit zu¬ 
nehmendem Alter der mütterlichen Erkrankung stetig abneh¬ 
mende Intensität der vererbten Syphilis von der allmählich im 
Laufe der Jahre sich abschwächenden Virulenzkraft, also von 
der Qualität der übertragenen Bakterien direkt abhängig sei, d. h. 
Kinder von syphilistischen Müttern mit mehrjähriger Erkran¬ 
kung könnten deshalb im allgemeinen weniger schwer erkrankt 
sein, weil die von der Matter überkommenen Bakterien weniger 
virulent sind, und umgekehrt könnten Kinder von Müttern mit 
rezenter Syphilis schwerer erkrankt sein, weil sie von ihren 
rezent syphilitischen Müttern stärker virulente Bakterien auf¬ 
genommen haben. 

Diese Anschauung steht aber im Widerspruche zu der 
Tatsache, daß ein gesundes Individuum, welches sich 
von einer mit älterer Syphilis behafteten Person 
infiziert, doch wieder eine vollvirulent e Syphilis 
akquiriert. Man hätte nach der Voraussetzung von der all- 
mähligen Abschwächung der Virulenz aber erwarten sollen, 
daß eine Infektion von einer alten Syphilis milder verlaufe als 
yon einer rezenten; und doch flackert bekanntlich bei jedem 
frisch infizierten Individuum die Virulenz der Infektionskeime 
immer wieder neu auf! Es vollzieht sich hier ein ähnlicher 
Vorgang von Wiederbelebung und Regeneration der schon in 
ihrer Lebenskraft geschwächten Bakterien in natürlicher Weise, 
wie wir ihn künstlich bei unseren Züchtungsversuchen mit ver¬ 
schiedenen Bakterien nachahmen können. Vollvirulente Bakte¬ 
rien verlieren in einem und demselben Nährboden allmählich 
ihre Virulenz und endlich im Laufe der Zeit selbst vollständig 
ihre Lebenskraft. Wenn man sie jedoch noch rechtzeitig über¬ 
impft auf frische Nährböden, erwachen sie zu neuem Lehen, 
ja es kann sogar ihre Virulenz noch gesteigert werden, wenn 
man sie in besonders günstige Lebensbedingungen bringt, z. B. 
sie durch geeignete Tierkörper passieren läßt. 

Einen ähnlichen Vorgang beobachten wir mit den Sy- 
philisbakterien beim Menschen: im selben Individuum 
verlieren sie mit der Zeit ihre Lebenskraft, auf 
ein andereslndividuum aber überimpft gewinnen 
sie sogleich wieder ihre Virulenz, die noch unter 


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Matzenauer. 


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Umständen sich steigern kann, wenn die Bakterien besonders 
geeignete (wenig widerstandskräftige) Organismen befallen. 

Die allmählche Abschwächung der Syphilisvirulenz im Laufe der 
Jahrhunderte kann nicht dadurch erklärt werden, daß die Syphilis bei 
ihrer allgemeinen Ausbreitung heute immer schon Kinder und Kindes - 
kinder syphilitischer Eltern befällt. Denn die Kinder syphilitischer Eltern 
sind entweder gesund, oder sind selbst syphilitisch und im letzteren 
Falle immun gegen eine neue Infektion. Bei der immensen Seltenheit von 
Reinfektionen kann die Tatsache, daß die Syphilis bei dem zum zweiten 
Mal infizierten Individuum in der Regel besonders leicht verläuft, nicht 
für die allgemeine Abschwächung der Syphilis Virulenz herangezogen werden. 
Die gesunden Kinder syphilitischer Eltern aber haben keinerlei Vorrecht 
eines milderen Syphilisverlaufes gegenüber den anderen gesunden Menschen, 
sie verhalten 9ich vielmehr gegen eine Syphilisinfektion genau so wie 
diese. Die heute im Vergleich zu früheren Jahrhunderten allgemein 
mildere Form der Syphilis muß deshalb doch auf die Abnahme der Bak¬ 
terienvirulenz zurückgeführt werden, welche sich innerhalb eines einzelnen 
jeweilig erkrankten Individum9 im Laufe der Jahre vollzieht, so zwar, 
daß in der Tat von mehreren Individuen unter ganz genau gleichen 
Bedingungen jenes eine mildere Syphilis akquirieren müßte, welches sich 
von einer älteren bereits mitigierten Syphilis infiziert hat. In jedem ein- 
zelnen speziellen Falle ist dies freilich schwer zu erweisen, weil für den 
weiteren Verlauf der Syphilis bei dem einzelnen Individum noch viele 
andere Momente entscheidend sind, so namentlich die individuell ver¬ 
schiedene konstitutionelle Widerstandskraft. Ein Vergleich könnte ja nur 
unter absolut gleichen Bedingungen gewonnen werden. Es würde aber 
gewiß schwer fallen, auch nur zwei absolut gleich reagierende Individuen 
zu finden. 

Die geäußerte Anschauung, daß von einer schon längere Zeit 
bestehenden Infektionskrankheit mit daher in dem betreffenden Individuum 
bereits abgeschwächten Bakterien die Krankheit bei einem andern Indi¬ 
viduum in milderer Form verlaufe, entspricht tatsächlichen Beobachtun¬ 
gen, wie man sie nicht selten bei verschiedenen Infektionskrankheiten 
zu machen Gelegenheit hat. 

So z. B. kann es heute wohl nicht mehr zweifelhaft sein, daß ein 
bisher immer gesunder Mann von einer Frau mit chronischer Endometritis 
nicht immer eine akut verlaufende Gonorrhoe akquiriert, wie dies allerdings 
bei der ersten Infektion mit Gonorrhoe die Regel zu sein pflegt, sondern 
daß bei ihm die erste Gonorrhoe von Anbeginn einen schleichenden subakuten 
Verlauf nehmen kann; und ebenso muß bei einer Frau, welche von ihrem 
mit chronischer Gonorrhoe behafteten Manne infiziert wird, durchaus nicht 
immer anfangs eine akute Urethritis oder Endometritis auftreten, sondern 
es kann von vornherein die Endometritis einen subakuten Charakter 
haben (wie schon bei einem älteren chronischen Bestände), Ich habe solche 
Beobachtungen, die in Lehrbüchern gewöhnlich entweder nicht angeführt 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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oder sogar negiert werden, manchmal in ganz eklatanten Fällen zu machen 
Gelegenheit gehabt. Eine Erstlingsgonorrhoe mit schleichen¬ 
dem Verlauf wird nicht selten von einer Frau mit chronischer 
Endometritis akquiriert, wenn die Kohabitation zur Zeit der Menses 
stattgefunden hat, (während in der Zwischenzeit in der Regel überhaupt 
keine Infektion erfolgt). Die in ihrer Virulenz abgeschwächten Gonokok¬ 
ken entfalten dann bei Überimpfung auf ein anderes Individuum doch 
nicht mehr die volle Aktivität. 

In analoger Weise könnte man sich also vorstellen, daß 
auch bei der Syphilis durch Bakterien, die bereits in ihrer 
Virulenz stark abgeschwächt sind, bei einem frisch infizierten 
Individuum mildere Erscheinungen hervorgerufen werden, als 
dies der Fall wäre, wenn dasselbe Individuum von vollviru¬ 
lenten Bakterien infiziert worden wäre. 

Der Vorstellung nun, daß mit abnehmender Virulenz, d. h 
mit zunehmendem Alter der mütterlichen Erkrankung auch 
proportional die Intensität der vererbten Syphilis abnehme, 
liegt die stillschweigende, aber nicht erwiesene und irrige Vor¬ 
aussetzung zu Grunde, daß die Bakterien, weil sie von Mutter auf 
Kind übergegangenen sind, zu gleicher Zeit die gleiche Virulenz 
entfalten. Diese Annahme ist aber nicht statthaft! Denn die 
(ex origine) glei ch en Bakterien sind eben durch 
den Übergang vonMutter aufKind in einen neuen 
Nährboden verpflanzt worden und ihre weitere 
Entwicklung und Virulen z entfal tung hängt fer¬ 
nerhin von diesem ab. Es vollzieht sich hier ganz der¬ 
selbe Vorgang, wie sonst bei einer extrautrin akquirierten 
Infektion : in dem neu infizierten Individuum flackert die schon 
abgeschwächte Bakterienvirulenz zu neuem Leben wieder auf. 

Die mit zunehmendem Alter, d. h. mit abnehmender In¬ 
tensität der mütterlichen Erkrankung in der Regel proportional 
sich abschwächende Intensität der kindlichen Erkrankung darf 
also nicht direkt durch Abschwächung der Bakterienvirulenz 
erklärt werden, so zwar, daß die Bakterien, weil sie im mütter¬ 
lichen Organismus allmählich in ihrer Virulenz sich abgeschwächt 
haben, dann auch im kindlichen Organismus eine geringere 
Virulenz entfalten würden. 

Die allmählic h abnehmende Intensität der 
Vererbungssyphilis ist vielmehr wahrschein- 


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Matzenaue r. 


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lieh dadurch bedingt, daß bei rezenter und da¬ 
her vollvirulenter mütterlicher Syphilis eine 
Placentarerkrankung relativ häufiger, früh¬ 
zeitiger und raschereintrittals bei älterer und 
daher schon abgeschwächter Syphilis. 

Im allgemeinen gilt es ja bei der Syphilis als Regel, daß 
im Frühstadium Rezidiverscheinungen häufiger und relativ 
rascher sich entwickeln als im Spätstadium, wo die betreffen¬ 
den Krankheitserscheinungen einen langsamen, schleichenden 
Entwicklungsgang nehmen. Im Frühstadium spielen Reizungen 
hei der Provokation von Syphiliserscheinungen bekanntlich eine 
hervorragende Rolle, weitaus viel mehr als im Spätstadium; und 
es ist gerade für das Frühstadium sehr charakteristisch, daß« 
wenn überhaupt Reize ein lokales Syphxlisrezidiv veranlassen, 
dieses sich oft schon kurze Zeit nach Einwirkung des Reizes 
und sehr rasch entwickeln kann; im allgemeinen entsteht ein 
lokales Rezidiv infolge Reizwirkung umso rascher« 
je rezenter und virulenter die Syphilis ist; im Spät¬ 
stadium hei einer schon abgeschwächten Syphilisvirulenz muß 
derselbe Reiz (z. B. Reibung der Zunge oder Wangenschleim¬ 
haut durch einen scharfen Zahn) viel länger und nachhaltiger 
andauern, um eventuell noch ein (nicht rapid wie im Früh¬ 
stadium aufschießendes, sondern) allmählich sich entwickelndes 
Infiltrat zu provozieren. 

Bei der Gravidität stellt die Fluxion und Hyperämie der 
Genitalorgane sicherlich einen großen und permanent einwir¬ 
kenden Reiz dar, infolge dessen am Orte der Reizwirkung ein 
syphilitisches Produkt provoziert wird. Ein solches muß nach 
der allgemein gütigen Regel bei rezent syphilitischen Individuen 
im allgemeinen früher zur Entwicklung kommen als bei Indi¬ 
viduen mit alter schon abgeschwächter Syphilis und infolge 
dessen muß auch der Übergang der Bakterien von einer rezent 
syphilitischen Mutter auf den Fötus durch die frühzeitig er¬ 
krankte Placenta früher möglich sein. Je früher aber die intra¬ 
uterine Infektion erfolgt ist, desto schwerer ist im allgemeinen 
die kindliche Erkrankung. Je älter die Syphilis der 
Mutter ist, desto später und langsamer, ja desto 
seltener kommt es überhaupt zu einer Placenta- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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rerkrankung, respektive zur Vererbung der Sy¬ 
philis. 

Die allmählich abnehmende Intensität der Vererbungs- 
Syphilis ist also deshalb in der Regel proportional der In¬ 
tensität der mütterlichen Erkrankung, weil bei rezenter 
mütterlicher Syphilis schon frühzeitiger inten- 
siverePlacentarerkrankungen sich zu entwickeln 
pflegen, als bei älterer mütterlicher Syphilis, bei 
w elcher in Folge d e r 1 angs ameren, allmählich sich 
entwickelnden Placen tarerk rankung relativ spät 
— wenn überhaupt noch — Bakterien von Mutter 
auf Kind übergehen. 

Die Regel, daß mit zunehmendem Alter, d. h. mit ab¬ 
nehmender Intensität der mütterlichen Erkrankung gewöhnlich 
auch die Intensität der Vererbungssyphilis abnimmt, sehen wir 
in der Mehrzahl der Fälle eingehalten, doch involviert dies kein 
starres, unverbrüchliches Gesetz, wie esKassowitz formuliert 
hat; Kassowitz’s Standpunkt ist, wie Finger sagt, heute 
wohl als verlassen anzusehen. 

Es kommen von diesem Schema des Verlaufes der Ver¬ 
erbungssyphilis, welches man sicherlich im allgemeinen bestä¬ 
tigt finden wird, bisweilen die überraschendsten Abweichungen 
vor. Die Tatsache, daß rezent syphilitische Mütter 
trotzdem gesunde Kinder gebären können, ist be¬ 
reits allgemein anerkannt 

Aber eine andere auffällige Beobachtung scheint mir bis¬ 
her allgemein nicht gebührend gewürdigt worden zu sein, deren 
sichere Konstatierung geeignet ist, verschiedene Mißverständ¬ 
nisse und scheinbar verblüffende Tatsachen lichtbringend zu 
erklären: das ist das Vorkommen einer alternierenden 
Krankheitsvererbung, die Geburt eines gesunden Kin¬ 
des zwischen zwei Kranken, was zumeist nur bei einer 
schon älteren mütterlichen Syphilis sich ereignet 

Fournier hat zwar schon das Vorkommen einer alter¬ 
nierenden Vererbung hervorgehoben (und als einen bisher nicht 
genügend aufgeklärten, mysteriösen Vorgang bezeichnet); von 
anderen Autoren haben aber die wenigsten davon Notiz ge¬ 
nommen. Einschlägige Beobachtungen finden sich mehrfach zer- 

Matzenaue r, Vererbung der Syphilid. 4 


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Matzen auer. 


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streut in der Literatur, gewöhnlich nur nebenbei erwähnt oder 
versteckt, weil der betreffende Fall in anderer Richtung mehr 
Interesse zu bieten schien. Dadurch aber, daß das nicht all zu 
seltene Vorkommen eines derartigen Rückschlages bisher zu 
wenig allgemeiner Anerkennung sich erfreute, haben verschie¬ 
dene Autoren in einem speziellen Falle, verblüfft durch ein 
solch unerwartetes Ereignis, itrige Erklärungen gesucht, z. B. 
darin einen Beweis für die paterne Vererbung erblickt, wenn 
die anscheinend gesunde Mutter von ihrem syphilitischen Mann 
zuerst syphilitische Kinder, dann nach antiluetischer Kur des 
Mannes (!) ein gesundes und später wieder ein krankes Kind 
gebar (Taylor), oder wenn eine anscheinend gesunde Frau 
von ihrem ersten syphilitischen Mann zuerst kranke Kinder, 
dann mit einem gesunden Mann ein gesundes und schließlich 
mit ihrem ersten Mann wieder ein syphilitisches Kind gebar 
(Behrend, Weil-Richter). Wenn wir aber den Nachweis 
erbringen, daß eine sicher selbst syphilitische Frau zwischen 
kranken Kindern ein gesundes gebären kann, so können wir 
jenen Fällen, welche im Sinne der paternen Vererbung irrig 
gedeutet wurden, natürlich keinerlei Beweiskraft mehr bei¬ 
messen. 

Einen hieher gehörigen Fall, der gleichzeitig eine Aus¬ 
nahme vom Profetaschen Gesetz bildet, teilt Bo eck mit: 

„Eine Frau von 47 Jahren wurde im Alter von 10 Jahren wegen 
konstitutioneller Syphilis im Krankenhause behandelt und hatte sp&ter 
zwei tertiäre Rezidiven; verheiratet hatte sie 5 Kinder, deren erstes im 
Alter von 2 Jahren starb, das II. 1861, das III. 1863, das IV. 1866 wurde 
gesund geboren, blieben es, bis sie 1865 alle 3 von einem kranken 
Dienstmädchen mit Syphilis infiziert wjurden. Die Mutter 
aber gebar 1866 ein hereditär syphilitisches Kind. Der Vater 
soll gesund gewesen sein.* 

Von den Kassowitzschen Beobachtungen sind Nr. 12 und 
Nr. 16 hier anzuführen. 

In Beobachtung 12 hatte eine Frau mit älterer Syphilis zwisohen 
2 lebenden syphilitischen Kindern ein gesundes Kind. Sie hatte zuerst im 
Jahre 1865 eine 5 monatliche, im Jahre 1866 eine 6 monatliche Tod- 
peburt, 1868 ein reifes Kind, das eine halbe Stunde lebte, 1869 ein Kind, 
das bald nach der Geburt einen Ausschlag bekam, an hartnäckigem Schnupfen 
litt und 4 Jahre später starb. 1871 ein Mädchen bei der Geburt 
und später immer gesund. Zu3'/ t Jahren untersucht zeigte 
es nicht die geringste Spur einer überstandenen Syphilis. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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1874 ein Mädchen, reif geboren, erkrankt mit 4 Wochen an Koryza und 
maculo-papulösem Exanthem. 

In Beobachtang Nr. 16 waren beide Eltern syphilitisch. Es wurde 
dabei eine 12 jährige Dauer der Syphilisvererbung und Geburt von 
7 syphilitischen Früchten beobachtet. Bei erlöschender Vererbungsfahigkeit 
Geburt eines gesunden Kindes zwischen mäßig affizierten syphilitischen 
Infektion der Mutter 1862, sodann 1863—69 Tod- und Frühgeburten 
1870 ein reifes Kind, welches nach 6 Wochen an maculo-papulÖ9em 
Exanthnm erkrankte und 2 Jahre später starb. 1872 ein Mädchen, 
reif geboren, welches ganz gesund war und auch heute 
noch ist. 1874 ein reif geborener Knab3, welcher nach 6 Wochen Pal¬ 
mar- und Plantarsyphilid zeigte. 

Fournier zitiert als Typus dieser alternierenden Ver¬ 
erbung den folgenden Fall: 

„Ein syphilitischer Mann heiratete zu früh. Seine Frau, die rasch 
gravid wurde, zeigte in den ersten Monaten der Schwangerschaft zweifel¬ 
lose Erscheinung von Syphilis. 5 Schwangerschaften der Frau hatten den 
folgenden Ausgang. 1. Gravidität: syphilitisches Kind, das an schweren 
Erscheinungen starb. 2. Gravidität: gesundes Kind, das sorgfältig beobachtet, 
gesund bleibt. 3. und 4. Gravidität: Abortus, die nur auf Syphilis zurück¬ 
zuführen waren. 5. Gravidität: Zwillinge, die syphilitisch, auch an 
Syphilis starben. Also ein gesundes Kind mitten in einer Be ihe 
syphilitischer. 11 

Fournier fugt bei: „Beobachtungen dieser Art wurden 
von Kassowitz, Taylor, Milton, Behrend, Lancry 
mitgeteilt und ich selbst verfüge über 8. derartige 
Beobachtungen. Daä Abwechseln gesunder und syphiliti¬ 
scher Kinder ist also eine unanfechtbare Tatsache.“ 

Fournier fragt sich weiter: »Auf welche Ursachen ist diese eigentüm¬ 
liche Tatsache zurückzuführen? Zunächst einmal auf eine bekannte Ursache 
auf den Einfluß der Behandlung. Wir haben ja bereits im vorgehenden 
betont, daß unter Einfluß einer antisyphilitischen Behandlung eine 
Reihe von Geburten syphilitischer Kinder durch die Geburt eines gesun¬ 
den Kindes unterbrochen werden kann, daß aber bei vorzeitiger Unter¬ 
brechung der 'Behandlung deren Wirkung bald erlischt und auf das 
gesunde Kind wieder kranke folgen können.“ 

Fournier zitiert hiefür die interesante Beobachtung von Turh- 
mann, die eine syphilitische Krau betrifft, die llmal gravid war: 

„Im Laufe der ersten 7 Graviditäten keine Behandlung. Resultat: 
7 syphilitische Kinder, die alle starben. Im Laufe der 8. und 9. Schwan¬ 
gerschaft fand Behandlung statt Resultat: 21ebende gesunde Kinder. 
Während der 10. Gravidität keine Behandlung. Geburt eines syphilitischen 
Kindes, das an Syphilis stirbt. Elfte Gravidität, neuerliche Behandlung, 
Geburt eines lebenden gesunden Kindes.“ 

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Matzenaue r. 


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Fournier bringt außerdem folgenden Fall eigener Be¬ 
obachtung: 

„Beide Gatten syphilitisch — 4 Graviditäten. Während der 1. and 8. 
Gravidität bleibt die Frau ohne Behandlung und abortiert. Während der 
2. und 4. Gravidität wird die Frau einer Friktionskur unterzogen und 
bringt 2 gesunde reife Kinder zur Welt“. 

Fournier fragt sich aber: „Wie ist in jenen Fäll en d as 
Alternieren derVererbung zu erklären, bei welchen über¬ 
haupt keine Behandlung stattfand? Der Hypothese, wonach die 
Kinder syphilitisch sein sollen, wenn die Eltern in einer Phase aktiver 
Erkrankung standen, und umgekehrt die Kinder von Syphilis verschont 
sein sollen, wenn die Eltern frei von Erscheinungen waren, dieser Hypo¬ 
these steht doch die Erfahrung entgegen, dass man häufig die schwersten 
Formen hereditärer Syphilis beobachtet bei Kindern, deren Eltern sich 
schon lange im Zustand der Latenz befinden I“ 

Ich selbst batte einen eklatanten Fall von alternierender 
Vererbung an der Klinik Neumann zu beobachten Gelegenheit: 

Eine Frau, welche zu Beginn ihrer Ehe infiziert wurde, hatte anfangs 
2 Aborten, dann eine Todgeburt, dann ein schwer luetisches 
Kind, welches nooh lebt, dann folgte abermals ein 7monatlioher 
Abortus und die Geburt eines syphilitischen Kindes, das bald darauf starb. 
Nunmehr folgten 2 Kinder, welche angeblich immer gesund 
waren und heute noch leben und frei von syphilitischen Er¬ 
scheinungen sind, und endlich folgte ein 9. hereditär luetisches Kind, 
welches gleichfalls heute noch lebt und gummöse Zerstörungen im Nasen¬ 
rachenraum, Hutchinsonsche Zahndeformitäten, Keratitis parenchymatosa 
sowie auffallend prominente tubera frontalia zeigt. 

Ich habe wiederholt ähnliche Fälle von alternierender 
Vererbung bei der Erhebung der Familienanamnese hereditär 
luetischer Kinder in Erfahrung bringen können, glaube mich 
aber auf die oben angeführten Fälle beschränken zu dürfen, 
um nicht durch Wiederholung analoger Zitate zu ermüden. 

Häufiger noch als nach einem vollständig gesunden Kind folgt 
ein Rückschlag auf ein zwar reifes, aber doch syphilitisches 
Kind, so daß man zwischen 2 Aborten oder Frühgeburten ein 
vollständig ausgetragenes, anscheinend gesundes, aber nach 
mehreren Wochen doch mit den Erscheinungen von hereditärer 
Syphilis behaftetes Kind beobachtet. Ich beschränke mich auf 
die Wiedergabe einiger diesbezüglicher Beobachtungsfalle Kas- 
8 o w i t z 8 selbst. 

In Beobachtung Nr. 15 waren beide Eltern (1867) syphilitisch 
infiziert, 1868 folgte eine Todgeburt, 1870 ein Mädchen, reif u. anscheinend 


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gesund, welches 2 Monate alt an Keuchhusten starb, 1871 ein reifer 
Knabe, welcher mit 6 Wochen einen Ausschlag bekam. Nach l 1 /, Jahren 
konstatierte K. an ihm Kondylome ad anum. Das Kind starb nach 
4 Jahren an Blattern. 18724monatlicher Abortus, 1873 8monat- 
liche Frühgeburt, lebte einen Tag. 1874reifes Mädchen, bis 5 Wochen 
anscheinend gesund, dann makulöses Exanthem. 

In den Beobachtungen Nr. 28, 29 und 30 von Kassowitz war 
immer die Mutter selbst syphilitisch und erfolgte jedesmal ein verein¬ 
zelter Rückfall bei der 4 Geburt, so zwar, dass also früher schon ein 
vollständig ausgetragenes, reifes, wenngleich syphilitisches Kind geboren 
worden war, dann eine 7 monatliche Frühgeburt, respektive eine reife 
Todgeburt, respektive ein 4 monatlicher Abortus erfolgte, woraus das 
nächstfolgende Kind wieder reif und kräftig geboren wurde und erst in 
den folgenden Wochen Syphiliserscheinungen darbot. 

Es kann uns das Vorkommen solcher Rückfälle nicht 
Wunder nehmen, wenn wir bedenken, dass ja auch bei Ver¬ 
erbung anderer Infektionskrankheiten, z. B. der Tuberkulose, 
analoge Vorkommnisse bekannt sind, daß zwischen zwei tuber¬ 
kulösen Kindern ein oder das andere Kind vollständig gesund 
bleibt, und daß für die Übertragung der Syphilis von 
Mutter aufKind entscheidend ist,ob während der 
Gravidität ei ne PI acentarerkrankung Platz greift 
oder nicht. Es ist auch ganz gut möglich und sogar wahr- . 
scheinlich, daß durch eine merkurielle Behandlung der Mutter 
die Syphilis in ein Stadium der Latenz gedrängt wird, so daß 
dadurch eine plazentare Erkrankung verhütet wird, welche ohne 
vorausgegangene Therapie vielleicht noch eingetreten wäre. 

Vererbung auf germinativem Weg. 

Kassowitz führt zuerst an, daß „die germinative Ver¬ 
erbung für andere Krankheiten erwiesen ist, eine Ana¬ 
logieschluß daher bei Syphilis statthaft ist.* 

Kassowitz sagt: „So wie die vom mütterlichen und väterlichen 
Organismus sich abtrennenden Fortpßanzungszellen die Entwicklungs¬ 
möglichkeit für irgend eine physiologische Eigenschaft übertragen, ebenso 
können dieselben Zellen als integrierende Teile eines kranken elterlichen 
Organismus auch die Entwicklungsmöglichkeit einer Krankheit den durch 
Vereinigung beider Zellen entstandenen Wesen übermitteln .... Es 
besteht kein Unterschied zwischen väterlicher und mütterlicher Seite... 
Man weiß, dass Phthise und Skrofulöse, Karzinomatose, Bluterkrankungen, 
Gicht, daß selbst Geisteskrankheiten und Epilepsie, ja selbst Anomalien 
einzelner Organe, wie die Akkomodationsfehler der Augen und einzelner 
Gewebe, wie die Pigmentlosigkeit beim Albinismus, die Ichthyosis u. s. w. 


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M&tzenauer. 


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in dieser Weise vererbt wrrden können .... Eine große Zabl anderer 
Krankheiten kann anf diese Weise nicht vererbt werden. Dies gilt nicht 
nnr von allen eminent akuten Krankheiten, sondern auch von vielen 
chronischen. Um diese Behauptung zu illustrieren, müssen wir uns .... 
vorerst an den Vater allein halten. Da wird wohl niemand daran glauben, 
dass ein im Momente der Zeugung an Rheumatismus, Intermittens, Skor¬ 
but u. 8. w. leidender Mann eine dieser Krankheiten in irgend einer 
Weise seinem Sprößling mitteilen kann. Dasselbe gilt von allen akuten 
Infektionskrankheiten und es ist wol unnötig, weiter auszuführen, dass 
von einer Übertragung des Typhus, der Variola, Scarlatina 
u.s.w.vom Vater durch die Spermazelle auf das Kind keine 
Rede sein darf. Wenn nun dies der Fall ist, so ist auch die analoge 
d. h. ovuläre Übertragung von Seite der Mutter, die wir in allen Punkten 
identisch mit der spermatischen von Seite des Vaters gefunden haben, 
für diese Affektionen auszuschließen.“ 

Aus diesen Ausführungen geht hervor, daß Kassowitz, 
obwohl er eingangs die Phthise mit Geisteskrankheiten und 
Anomalien einzelner Organe zusammen nennt, welche von den 
Eltern, also auch vom Vater her auf das Kind übertragen 
werden sollen, doch die akuten Infektionskrankheiten den ana¬ 
tomischen Läsionen einzelner Organe gegenüberstellt und 
eigentlich nur für letztere die Vererbungsmöglichkeit annimm t. 

In der Tat muß man die Infektionskrankheiten 
getrennt von angeborenen anatomischen Mi߬ 
bildungen, Anomalien einzelner Organe und kon¬ 
stitutionellen Eigentümlichkeiten in der Frage 
der Vererbung betrachten. Auch die angeborenen Mi߬ 
bildungen dürfen mit den erworbenen Anomalien nicht unter 
einem abgehandelt werden. 

Während für erstere eine fakultative Vererbung zweifellos sicher¬ 
gestellt ist, ist sie für letztere noch durchaus fraglich; denn wäre die 
Vererbung für letztere ein häufiges Phänomen, warum sehen wir dann 
so gut wie niemals Judensprößlinge ohne Präpatium geboren werden, 
obwol die Circumcision schon Jahrtausende fortgesetzt wird? 

Von Belang ist für uns hier nur die Vererbungsweise der 
Infektionskrankheiten. Wir müssen uns die Frage vorlegen: 
Kennen wir eine Analogie bei anderen Infektionskrankheiten, 
daß die Krankheit selbst vom Vater auf das Kind vererbt wird 
und die Mutter dabei vollständig gesund war und blieb? 

Kassowitz führt für die germinative Vererbung 
an. daß Pasteur für die paterne Vererbung den 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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experimentellen Nachweis bei der Pebrine, der 
Seidenraupenkrankheit erbracht habe: die Vererbung der 
Krankheit erfolge auch, wenn ein kranker Vater 
die gesunde Mutter befruchte und diese gesund 
bleibend kranke Eier legt oder auch, wenn die Mutter 
krank ist und kranke Eier legt, in deren Innerem die auf¬ 
fallend großen Kokken direkt nachgewiesen wurden- Kassowitz 
meint, daß „abgesehen von der Analogie bei der Pebrine- 
krankheit auch für andere Infektionskrankheiten der Menschen 
eine Übertragung durch die Keimzellen keineswegs aus¬ 
geschlossen sei". 

v. Düring sagt sogar, Pasteur habe konstatiert, daß 
Pebrineorganismen auch in die Eier und Samenzellen über¬ 
gehen und letztere doch nicht absterben. 

Die angeblich sicher gestellte paterne Vererbung der 
Pebrinekrankheit bildet die einzige Analogie und ist überhaupt 
eigentlich der einzige Beweisgrund, welchen Kassowitz nnd 
die Anhänger der paternen Vererbung für diese erbringen 
können. 

Kassowitz beruft sich auf Neisser, welcher in 
Ziemssens Handbuch die Syphilisvererbung bespricht und 
hier für den paternen Vererbungsmodus als Analogie die 
Pebrine anführt, v. Düring beruft sich auf Neisser, 
Kassowitz und Baumgarten. 

Wegen der eminenten Wichtigkeit dieser prinzipell ent¬ 
scheidenden Frage, scheint es durchaus notwendig, näher dar¬ 
auf einzugehen. 

Neisser sagt: „Für Syphilia&bertragnng daroh Sperma and 
Ovalum berufen wir ans auf die Analogie mit der Körperchenkrankheit 
bei den Seidenraupen. Diese Krankheit (Pebrine oder Gastine) ist eine 
epidemisch-infektiöse and vererbliche Affektion, bei der sich im Blate 
and in allen Organen der kranken Raupen kleine glänzende Körperchen 
(Körperchen des Cornelia) finden, die von Cohn, Lebert, Nägeli 
als Schistomyceten erkannt wurden. Diese auffallend großen Kokken 
kommen auch im Innern des Eies vor, aus dem die kranken jungen 
Tiere sich entwickeln. Pasteur verdanken wir weiter den für uns über¬ 
aus wichtigen (experimentellen) Nachweis, daß die Vererbung der Körper¬ 
chen erfolgt, auch wenn ein kranker Vater die gesunde Mutter 
befruchtet und diese gesund bleibend kranke Eier legt 
(paterne Infektion), ferner wenn die Mutter krank ist und kranke 
Eier legt.“ 


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Malzenaue r. 


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Baumgarten sagt: 

„Die Ansicht, daß die parasitischen Erreger der Pebrine als pso- 
rospermienartige Gebilde anznsehen sind, war schon yon dem Ent¬ 
decker derselben Leydig geäußert worden. Nägeli, Lebert hielten 
sie für Spaltpilze, bis namentlich dnrch Balbianis hervorragende Unter¬ 
suchungen, welche von L. Pfeiffer vollkommen bestätigt worden sind, 
die ersterwähnte Ansicht zu fast allgemeiner Anerkennung gelangte. 
Nach Balbiani sind die Pebrineorganismen den niedrigsten, wenigst 
entwickelten aller bekannten 8porozoenarten, den von ihm so ge¬ 
nannten Mikrosporidien anzureihen. Der gesamte Entwicklungsgang von 
der Sporenkeimung bis zur Bildung der reifen, mit neuen Sporen dicht 
erfüllten Sarkodeformen vollzieht sich im Leibe des infizierten Insektes; 
nach vollendeter Reife zerfällt der Leib der Sarkode, da derselbe eben 
vollständig durch die Bildung der Sporen aufgezehrt ist und letztere zer¬ 
streuen sich nun in allen Richtungen, um an anderen Stellen des Körpers 
von neuem den Entwicklungsgang einzuleiten, bis bei intensiver Infektion 
der Organismus des infizierten Insektes schließlich durch und durch von 
Mikrosporidien durchsetzt ist.“ 

„Von größtem Interesse ist nun die zuerst von Pasteur konsta¬ 
tierte und von allen späteren Beobachtern bestätigte Tatsache, daß die 
Pebrineorganismen auch in die Ei- und Samenzellen!?) der pebrine- 
kranken Tiere übergehen und daß die betreffenden Generationszellen 
trotzdem nicht, wie man a priori geneigt sein könnte zu glauben, ver¬ 
nichtet werden, sondern ganz im Gegenteil die Fähigkeit der Befruchtung 
und Keimung beibehalten, um den todbringenden Parasiten auf das neu 
sich aus ihnen entwickelnde Insekt zu übertragen. 

Es bezeugt diese Tatsache in der denkbar klarsten unverwerflichen 
Weise das Vorkommen einer echt parasitischen Infektion auf dem Wege 
der Zeugung, was angesichts der herrschenden Abneigung gegen die 
Annahme eines derartigen Infektionsmodus bei den Infektionskrankheiten 
der höheren Tiere, respektive des Menschen, an dieser Stelle nach¬ 
drücklich betont sein mag. 

.„So einspruchslos die germinative Infektion 

insbesondere für die kongenitale Syphilis zugestanden 
ist(?), so fehlt es doch über diesen Infektionsmodus bei dem 
Menschen und höheren Tieren an direkten Beobachtungen. 
In Betreff der Tuberkulose hat die neuere Zeit wenigstens den Fortschritt 
zu verzeichnen, daß in einem der beiden Zeugungsstoffe, im Samen bei 
Phthisikern, die nicht zugleich an Genitaltuberkulose litten, Tuberkel¬ 
bazillen als nicht seltene Erscheinung von zuverlässiger Seite nachge¬ 
wiesen wurden. (Jani.)“ 

„Mit positiver Evidenz erwiesen ist die germinative 
Infektion unseres Wissens bisher nur für eine Mikroben¬ 
krankheit, nämlich die Pebrine der Seidenraupen; aus dem 
kranken Schmetterling dringen die Pebrineparasiten in die Ei- und Samen¬ 
zellen ein, die hiedurch den Krankheitskeim in das aus ihnen neu sich 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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entwickelnde Insekt hineintragen, so daß dieses, indem der Parasit mit 
der wachsenden Eizelle fortwächst, nunmehr ebenfalls von der Pebrine- 
kraukheit ergriffen wird.“ 

Klipp und klar wird also von Baumgarten behauptet, 
daß die Pebrineparasiten in den Ei- und Samenzellen, d. h. 
im Ovulum oder Spermatozoon nachweisbar seien und daß ein 
von einem kranken Vater befruchtetes, bisher gesundes Weibchen 
kranke Eier legt. Diese Angabe wird mit so großer Sicherheit 
hingestellt, daß man anzunehmen geneigt wäre, sie vertrage 
überhaupt keinen Einspruch mehr. 

Es muß uns freilich eigentümlich berühren, wenn Baum¬ 
garten meint, die germinative Infektion sei für die konge¬ 
nitale Syphilis einspruchslos zugestanden, während bei anderen 
Infektionskrankheiten für diesen Infektionsmodus noch direkte 
Beobachtungen mangeln. 

Diese Äußerung Baumgartens gemahnt fast an jeneu Mann, 
der Advokat und Violinspieler ist, und von welchem die Juristen be¬ 
haupten, er sei zwar kein guter Jurist, doch soll er ein guter Violin¬ 
spieler sein, während die Musiker behaupten, er sei allerdings kein guter 
Violinspieler, doch soll er ein guter Jurist sein. 

Bau mg arten, ein bekannter Anhänger der spermatischen 
Vererbung, führt dafür endlich den Befund von Tuberkel¬ 
bazillen im Samen bei Männern mit gesunden Hoden an. Wir 
werden später gleich näher darauf eingehen und richtig stellen 
müssen, daß man zwar Tuberkelbazillen im Samen als solchem, 
d. h. der Samenflüssigkeit beigemengt, nie aber innerhalb eines 
Spermatozoon gefunden hat und ebensowenig innerhalb einer 
weiblichen Keimzelle, innerhalb eines nicht befruchteten Follikels. 

Es muß sich uns daher die Frage aufdrängen, ob bei der 
Pebrinekrankheit die Pebrineparasiten wirklich innerhalb der 
Keimzellen oder nur dem Samen beigemengt gefunden wurden. 

Vor allem muß unser Mißtrauen erweckt werden 
durch die Verquickung der Angaben über infizierte 
Seidenraupen- Eier und infizierte Samenzellen. Denn das 
schon befruchtete Ei der Insekten oder der Vögel darf keines¬ 
wegs identifiziert werden mit der weiblichen Keimzelle höherer 
Säugetiere und des Menschen, welche ebenfalls als „Ei“ in unserer 
Sprache schlechthin bezeichnet wird. Eine solche Verquickung und 
Identifizierung toto coelo verschiedener Produkte muß durch- 


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Matzenauer. 


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aus perhorresziert werden. Wir müssten vielmehr das befruchtete 
Vogel- oder Insektenei mit dem menschlichen Fötus vergleichen, 
nicht mit dem menschlichen Ei. 

Ob aber die Keimzelle des weiblichen Schmetterlings schon ex 
origine infiziert war oder erst bei der Konzeption durch krankes Sperma 
infiziert wurde, oder aber erst postkonzeptionell gewissermaßen durch 
intrauterine Infektion, darüber wissen wir nichts. Wir wissen nur, daß die 
fertige Frucht (die wir in unserem Sprachgebrauche ebenfalls Ei nennen), 
also das gelegte Ei infiziert ist. 

Von Yorneherein darf man es wohl von der Hand weisen, 
daß die Cornaliasehen Körperchen, welche (nach Flügge) 
2—4 fi groß sind, innerhalb eines Spermatozoon oder der 
weiblichen Keimzelle des Seidenspinners gelegen sein könnten. 
Immerhin könnte man an die Sporen der Pebrinemikrobe 
denken. Ich habe daher gesucht, in den neueren bakteriolo¬ 
gischen Werken und in speziellen Arbeiten über die Seiden¬ 
raupenerkrankung Angaben hierüber zu finden. Aber von allen 
Autoren wird immer nur von der mikroskopischen Unter¬ 
suchung der bereits gelegten Eier gesprochen. 

So berichtet Duclaux über Experimente an Eiern, welche von 
Pebrine befalle Weibchen abgelegt hatten. Auf Orund von Pasteurs 
Vorschlag sucht man bekanntlich sich der Pebrine auf die Weise zu ent¬ 
ledigen, daß man jeden zur Zucht bestimmten weiblichen Schmetterling 
besonders auf einem eigenen Karton seine Eier ablegen laßt. Sobald er 
nach Ablage der Eier gestorben ist, wird er an seinem Karton mit einer 
Nadel befestigt, um später in aller Muße auf Pebrine untersucht zu 
werden. Findet man in dem mit Wasser verriebenen Körper des Schmetter¬ 
lings Pebrine, so kann man sicher sein, daß ein sehr bedeutender Teil 
der Eier auch damit behaftet ist. 

Sehr interessant sind die von A. Tenholdt mitgeteilten „neuen 
Studien über die Pebrinekrankheit der Seidenraupen tt , weil seine Be¬ 
obachtungen über das Zugrundegehen der aus pebrinösen Eiern stammen¬ 
den Baupen und die schlechte Entwicklung der aus pebrinösen Larven 
stammenden Schmetterlinge ungemein große Analogie mit den Tod¬ 
geburten und dem frühzeitigen Absterben der Kinder infolge Syphilis 
haben. 

Nach dem Muster von Pasteur wurde nach erfolgter Kopulation 
jedes Paar der Schmetterlinge in einem frei hängenden Beutel von Oaze 
bis nach vollbrachtem Einlegen isoliert, hierauf jedes Paar mikroskopisch 
untersucht, um schließlich die Eier von den nicht pebrinösen Schmetter¬ 
lingen in einer Versuchsreihe I, die von den pebrinösen in einer Versuchs¬ 
reihe II unterzubringen. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Die Entwicklung der Eier beider Reihen ging, obwohl unter 
gleichen äußeren Verhältnissen, nicht gans gleichmäßig vor sich. 

Wenn auch überhaupt in allen Züchtereien regelmäßig ein nennens¬ 
werter Perzentsatz der Eier die Reife nicht erlangt, so war doch hier 
der Perzentsatz in Reihe II erheblich größer als in Reihe I. In einigen 
Fällen hatte ich das Glück, das Auskriechen, respektive das mißlungene 
Auskriechen zu beobachten. Das junge Räupchen durchnagte die Eischale. 
Ich konnte wahrnehmen, wie es allmählich ei lahmte und schließlich von 
seiner Arbeit abließ, das Tierchen ging unter in seiner Arbeit. Die 
Untersuchung ergab einen ziemlich starken Gehalt des Körpers an 
Pebrine. Auch die innere Fläche der Eischale, die Eihaut enthielt Pebrine- 

körperchen.Die Raupen von den nicht pebrinösen Schmetterlingen 

erreichten die 8. und 4. Häutung ganz regelmäßig und lieferten gute 
Kokons. Mit der II. Versuchsreihe, der von den pebrinösen Schmetter¬ 
lingen ging 69 sehr mißlich. Es gingen 88% zu Grunde. 

Das Bild dieser Krankheit war das eines Siechtums, die 

Tiere blieben in der Entwicklung zurück etc." 

Da ich in neuen Arbeiten über dieses Thema nichts fand, 
was die angebliche Behauptung pebrinehaltigen Samens bestätigt 
hätte, mußte ich auf die ersten Arbeiten über die Pebrine- 
krankheit zurückgreifen. 

Baumgarten reproduziert in seiner Mykologie aus Balbianis 
Werk die Abbildung eines Spermab ü n d e 1 s, welches von Pebrinekörperchen 
durchsetzt ist. Leider war mir die Originalabhandlung von Balbiani 
nicht zugänglioh. Doch muß ich ausdrücklich betonen, daß Balbiani 
die Abbildung eines ganzen Spermabündels, nicht eines 
Spermatozoon bringt. 

Nach der eingehenden Studie von Haberl an dt kommen nämlich 
beim Begattungsakt der Schmetterlinge, welcher oft viele Stunden hindurch 
währt, die zu einem großen Bündel vereinigt bleibenden Spermatozoon 
in die weibliche Scheide, während sich die einzelnen Spermatozoen erst 
später aus dem Bündel ablösen, um eventuell dann in die weibliche Keim¬ 
zelle einzudringen. Bei dem stunden- und oft tagelang währenden Auf¬ 
enthalt der Samenbündel in der Scheide ist es nnu leicht verständlich, 
ja selbstverständlich, daß solche Samenbündel Pebrinekörperchen und 
namentlich Sporen derselben enthalten können. 

Weder bei Haberlandt und Verson noch bei Balbiani 
noch sonst bei irgend einem Autor findet sich eine Angabe 
über pebrinehältige Keimzellen. Wohl aber wird von Haber¬ 
landt und Verson auf die Schwierigkeit aufmerksam gemacht, selbst 
in den schon gelegten Eiern der Seidenspinner die Pebrine-Körperchen 
oder deren Sporen mit Sicherheit nachzuweisen oder zu erkennen, was 
im auffallenden Gegensatz zu dem Zitat von Neisser und Kassowits 
steht, welehe von den auffallend großen Kokken innerhalb der Eier 
sprechen. 


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Original from 

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„Andernteils darf aber die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit 
nicht verkannt werden, die feinen Körperchenkerne (= Sporen der Kör¬ 
perchen) von den zahllosen Fett- und Eiweißtröpfchen zu unterscheiden, 
welche in jedem Eispräparat das ganze Gesichtsfeld einnehmen.“ 

Um endlich doch die Angaben Pasteurs, auf welche 
sich Neisser, Kassowitz, v. Düring und Baum garten 
berufen, im authentischen Originaltext feststellen zu können, 
durfte ich die mühsame Arbeit nicht scheuen, die zahlreichen 
in den sechziger Jahren von Pasteur erschienenen Artikel 
über Seidenraupenerkrankung in den „Comptes rendus de 
l’Academie des Sciences“ nachzulesen. 

1868 wies Pasteur nach, daß die Pebrinekrankheit hauptsächlich 
auf hereditärem Wege Verbreitung fände. Wohl können sich auch die 
Raupen durch Nahrungsaufnahme infizieren und dadurch zu einem 
pebrinekranken Schmetterling Veranlassung geben; am häufigsten ist 
aber die Raupe deshalb pebrinekrank, weil sie schon von einem infizierten 
Ei stammt. Dabei beobachtete Pasteur, daß die Körperchen sich in 
allen Stadien der Entwicklung vom Ei bis zum Schmetterling finden 
können. Ihre Zahl wächst jedoch in dem Maße, als sich das Leben des 
Insektes verlängert, und erreicht ihr Maximum bei dem Schmetterling, 
während die Raupe oder Larve nur in ihrer letzteren Lebenszeit stärker 
davon durchsetzt sind.“ 

Man findet also die Pebrinekörperchen am reichlichsten in den 
Schmetterlingen und in älteren Larven oder Raupen, während sie bei 
eben ausgeschlüpften Raupen und Larven in viel geringerer Zahl sich 
finden und eventuell gar nicht nachweisbar sind. Noch viel 
schwieriger sind Sporen in den geleg ten Eiern aufzufinden. 

Ebenso wie Pasteur erklärt L. Pfeiffer: 

„Stark infizierte Raupen spinnen sich selten ein, sie gehen 
marastisch zu Grunde. Wenn dagegen ihre Ansteckung kurz vor der 
Häutung erfolgte (etwa durch Nahrungsaufnahme), bringt es die Raupe 
noch zur Puppen- und Schmetterlingsbildung, aber es vererbt sich die 
Ansteckung auf die Eier und die nächste Generation des Spinners. Nach 
Pasteurs „systöme de selection“ werden die ausgeschlüpften Schmetter¬ 
linge sofort zu je 2 und 2 in numerierte Gazesäckchen und Zellen 
zusammengepaart. Nach der Eierablage und dem Absterben werden 
beide Schmetterlinge mikroskopisch untersucht, indem aus dem Leibes- 
innern eine kleine Probe mit Wasser in einem Mörser verrieben wird.“ 

Nach Pasteur „können von kranken Schmetterlingen 
anscheinend gesunde Eier stammen, in welchen man auch bei 
inikroskropischer Untersuchung keine Körperchen nach weisen kann. In 
den Chrysaliden werden oft erst gegen das Ende der Zeit, wenn aus 
denselben die Schmetterlinge ausfallen, die Körperohen in reichlicher 
Zahl nachweisbar.“ 


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Pasteur spricht immer von den bereits ge* 
legten Eiern der Schmetterlinge, nirgends von 
der weiblichen Keimzelle, welche also mit einem 
Säugetierei undeinem menschlichen Ei verglichen 
werden könnte. 

Bei der Paste urschen Methode der Selektion und Zellengrainage 
werden die Schmetterlingspärchen in besonderen Säckchen isoliert, es 
können dann nachträglich Bowohl die Eier, wie jeder Schmetterling für 
sich auf den Oehalt an Prebinekörperchen untersucht werden; Pasteur 
hat auch in der Tat Tabellen darüber angelegt, aus welchen ersichtlich 
wird, ob die Eier überhaupt pebrinehältig sind, und wenn dies der Fall 
war, hat er weiters dabei genau registriert, ob die pebrinehältigen Eier 
von Schmetterlingen stammen, die beide ebenfalls Pebrinekörperchen 
enthalten, oder ob nur das Männchen oder ob nur das Weib¬ 
chen mit Pebrine infiziert war; und endlich hat dabei 
Pasteur in Zahlen den Grad der Intensität der Infektion 
ausgedrückt, indem er die bei einem infizierten Schmetterling in 
einer bestimmten Anzahl von Gesichtsfeldern unter dem Mikroskop 
gefundenen Pebrinekörperchen notiert hat. Wenn Pasteur in den 
Eiern Pebrinekörperchen finden konnte, so waren die daraus entstan¬ 
denen Raupen, eventuell Larven und Schmetterlinge sicherlich ebenfalls 
pebrinekrank. 

Wenn er in den Eiern jedoch keine Pebrinekörperchen finden 
konnte, mochte ein Teil davon immerhin auch infiziert sein, was bei der 
spärlichen Anzahl der Infektionskeime trotz mikroskopischer Untersuchung 
nicht nachweisbar war. Ebenso bei den Schmetterlingen: Von stark 
pebrinehältigen Schmetterlingspärchen stammten immer infizierte Eier. 
Doch waren nicht selten auch die Eier schlecht, trotzdem in den 
Schmetterlingeu, entweder in beiden oder nur in einem von beiden die 
• Pebrineorganismen nicht nachweisbar waren. In den Tabellen ist daher 
wiederholt angegeben, daß entweder bei den Weibchen oder bei den 
Männchen keine Pebrine nachweisbar war. Z. B. ist manchmal bei dem 
untersuchten Sohmetterlingsweibchen der Gehalt an Körperchen mit 
100 notiert, beim Männchen mit 0 oder umgekehrt. 

Daraus folgt aber nicht und folg er t auch Pasteurselbst 
nicht, daß der betreffende Schmetterling, bei welchem 
der Gehalt an nachweisbaren Pebrinekörperchen mit 0 
notiert wurde, auch sicher pebrinefrei war, sondern nur 
daß Pasteur in den untersuchten Gesichtsfeldern keine 
Pebrinekörperchen gefunden hat. Aus dem in manchen Fällen 
negativen Resultat bei dem Weibchen und gleichzeitigem positivem 
Resultat bei dem Männchen in Bezug auf den Gehalt an Pebrinekörperchen 
haben die Anhänger der paternen Vererbungstheorie den Schluß ge¬ 
sogen und den Beweis erblickt, daß in der Tat die Pebrinekrankheit von 


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den infizierten Männchen bei gleichzeitig pebrinefreien Weibchen auf 
die Eier übergegangen sei. 

Ich habe in den zahlreichen Abhandlungen 
von Pasteur nirgends eine Angabe gefunden, daß 
er Pebrinekörperchen oder Sporen in weiblichen 
Keimzellen oder in Spermatozoen gefunden hätte. 
Im Gegenteil muß ich verschiedene Äußerungen Pasteurs 
dahin deuten, daß er eine paterne Vererbung, wenn 
auch nicht vollständig für ausgeschlossen hält, doch für sehr 
unwahrscheinlich betrachtet. 

Denn in seinem größeren Werk „Etudes sur la maladie des vers 
k soie“ erörtert Pasteur in § 4 p. 71 die Frage: „Warum legen 
körperchenhaltige Schmetterlinge in bestimmten Fällen körperchenhaltige 
Eier und in anderen Fällen wieder Eier frei von Körperchen?“ und 
führt als besonders bedeutungsvoll zur Erklärung dieser Frage die Be* 
obachtungen von Comte de Rodez (1868) an, wonach die Vererbung 
der Krankheit auf dem überwiegenden Einfluß der mütterlichen gegenüber 
den männlichen Schmetterlingen beruht. 

„Ein Ei, welches von einem Schmetterlingspaar 
stammt, wovon das Männchen selbst in hohem Grade infi¬ 
ziert ist, enthält vielleicht niemals Körperchen, wenn 
das Weibchen d avon frei ist oder wenigstens annähernd frei 
ist. Und dieses Ei ist verhältnismäßig gut, wenigstens ist die Kör¬ 
perchenkrankheit nicht vorhanden. Immerhin erfordert diese Beobachtung 
noch eingehende Stadien.“ (Pasteur: „Une graine issue d’un couple 
dont le male est corpusculeux ä un trös haut degräs ne renferme peutötre 
jamais de corpuscules, si la femelle en est privöe ou ä peu präs, et celle 
graine est relativement bonne du moins la maladie corpusculaire est 
absente. Toutfois ce sujet exige encore quelques ötudes complementaires.“) 

In der Ära vor Pasteur und Koch wurde allgemein 
an eine paterne Vererbung geglaubt. Die meisten Forscher 
konnten sich von dieser überkommenen Lehre nicht plötzlich 
vollständig freimachen. 

So erklärt Haberlandt: „Jene, welche die alleinige Unter¬ 
suchung der Weibchen für genügend erachten, indem sie von der Ansicht 
ausgehen, daß gekörperte Männchen keinen Einfluß auf die 
Eier ungekörperter Weibchen auszuüben vermögen, sind unserer Ansicht 
nach im Unrecht, da allerdings in solchen Grains, die von vollkommen 
gesunden Weibchen und gekörperten Männchen herrühren, bei einer 
genauen mikroskopischen Untersuchung Körperchen anfgefunden werden 
können.“ 

Wenn also auch ein Teil der Autoren für die paterne Vererbung 
eintrat, so geht doch aus der Äußerung Haberlandts hervor, daß 


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Die Vererbong der Syphilis. 


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ein anderer Teil von Autoren die paterne Vererbung der Pebrinekrankheit 
leugnete. 

Die zitierte Äußerung Pasteurs steht im 
diametralen Gegensatz zu der ihm imputierten 
Angabe von einer paternen Vererbung. Aus dieser 
Äußerung geht doch ganz im Gegenteil hervor, daß Pasteur 
den väterlichen Einfluß, wenn vielleicht überhaupt nicht voll¬ 
ständig negieren will, so doch sehr gering schätzt. 

Die moderne auf den Grundlagen der Pasteurschen 
Untersuchungen basierende Seidenzüchterei bestätigt die von 
Pasteur angegebene Erfahrungstatsache, daß die Erkrankung 
der männlichen Schmetterlinge keine kranken Eier bedingt, 
wenn nur die Weibchen pebrinefrei blieben. So berichtet denn 
Pfeiffer hierüber: „Pebrineder männlichen Schmet¬ 
terlinge schließt in der Praxis der französischen 
Seidenzüchter die Benützung der von dem ge¬ 
sunden Weibchen geborenen Eier nicht aus.“ 

Es ist daher keineswegs berechtigt, wenn Baum garten, 
von seiner vorgefaßten Meinung der Existenz einer paternen 
Vererbung ausgehend, bei der Pebrinekrankheit diesen In¬ 
fektionsmodus als einspruchslos und vollkommen sicher gestellt 
erklärt. Im Gegenteil können wir aus Pasteurs letzten 
Arbeiten über die Seidenraupenkrankheit und aus der 
Gepflogenheit der Seidenzüchterei entnehmen, daß eine 
spermatische Vererbung wenig Glauben gefunden hat und daher 
in praxi keine Rücksicht darauf genommen wird. 

Wir sehen uns also bei der Pebrinekrankheit der Seiden¬ 
raupen genau so wie bei der Tuberkulose und Syphilis vor 
der offenen Frage stehen, ob überhaupt eine germinative und 
speziell eine paterne Vererbung vorkommt? 

Mit der paternen Vererbung der Tuberkulose 
geht es uns nicht besser als bei der Pebrine und bei der Syphilis. 
Ähnlich wie hei der Pebrine wurde auch bei der Tuberkulose 
von Baumgarten und auch noch von Lubarsch als Be¬ 
weis für die germinative Infektionsmöglichkeit angeführt, daß es 
Maf ucci und Baumgarten selbst gelungen sei, Hühner¬ 
eier mit Hühnertuberkulose künstlich zu impfen und darnach 
tuberkulöse Küchlein zu erhalten. Also derselbe Irrtum 
hier wie dort: ein bereits befruchtetes Ei, welches 


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Matzenaue r. 


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eigentlich dem Fötus eines Säugetieres entspricht, 
mit der menschlichen Keimzelle, welche wir ge¬ 
meiniglich schlechthin allerdings ebenfalls Ei 
nennen, zu verwechseln! 

Schon Gärtner hat diesen Vergleich eines Vogeleis 
mit dem Säugetierei für durchaus unstatthaft erklärt, und 
M a f u c c i selbst spricht die Vermutung aus, „daß die Infektion 
des Fötus von der Area vasculosa ausgehe tf , was 
vielmehr als ein Analogon der placentaren 
Infektion anzusehen ist. 

Kurt Jani und Spano haben jedoch angegeben, Tuberkelbazillen 
in den Secreten der Oenitalorgane nachgewiesen zu haben. Jani ver¬ 
mißte die Bazillen in 9 Fällen in den Samenbläschen, er fand sie jedoch 
im Hoden 5mal unter 8 Fällen, in der Prostata 4mal unter 6 Fällen 
und einmal in den Schleimhautfalten der Tuben. Spano hat nur einmal 
Samen aus dem Hoden untersucht, sonst Sekret aus der Samenblase und 
hatte angeblich unter 8 Fällen 6mal positive Resultate; Smal soll sogar 
die Kultur der Bazillen gelungen sein. 

Die Resultate Janis, welchen Bau mg arten so große Bedeutung 
beilegte, und insbesondere die Angaben Spanos sollte man doch mit 
mehr Vorsicht und Skepsis aufnehmen; denn außer den sonst oft an¬ 
geführten Einwendungen glaube ich noch darauf verweisen zu müssen, 
daß bei der ausschließlich mikroskopischen Untersuchung 
Janis umso leichter eine Täuschung mit Sroegmabazillen 
möglich war, als dieselben bekanntlich eine analoge Färbetechnik er¬ 
fordern wie die Tuberkelbazillen und schon oft genug zu Täuschungen 
Veranlassung gegeben haben. 

Gärtner spricht den Jani sehen Befunden alle Bedeutung für 
die Hereditätslehre ab, weil in ultimis bei Tuberkulösen in allen Organen 
Tuberkelbazillen gefunden werden. So findet man einen hohen Perzent¬ 
satz Tuberkelbazillen im Fleische perlsüchtiger Rinder, in der Milch 
tuberkulöser Kühe bei gesundem Euter. (Hirschberger, Kästner, 
Förster, Steinheil, zitiert bei Gärtner.) 

Die Angaben Spanos erscheinen auch Lubarsch umso 
weniger „vertrauenerweckend schon deshalb, weil S p a n o über 3 ge¬ 
lungene Kulturversuche berichtet; es erscheint doch äußerst unwahr¬ 
scheinlich, daß es aus dem Sperma von Leichen gelingen sollte, wenn 
das selbst aus tuberkulösen Lungen nur ungeheuer selten gelingt.“ 

Weitere Untersuchungen bestätigten auch wenig diese Angaben. 

Walther hatte in seinen Untersuchungen an 161 Hoden, 
48 Nebenhoden und 63 Prostatae (zum Teil bei gleichzeitig hochgradiger 
Lungen- und Darmtuberkulose) nur negatives Resultat trotz Tierversuohe. 
Auch Westermayer hatte in 14 Fällen (von vorgeschrittener Lungen¬ 
tuberkulose) trotz Tierversuche negatives Resultat. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Jäckh hat neuerdings Untersuchungen über den Bazillengehalt 
der Geschlechtsorgane durch Impfung bei Meerschweinchen und Kaninchen 
angestellt und fand, daß im Sperma Basillen enthalten sein können. 
Er hat 3mal in 5 Fällen positive Resultate. 

Landousi und Martin impften den sogenannten Samen¬ 
blaseninhalt tuberkulöser Meerschweinchen anderen Meerschweinchen in 
die Bauchhöhle und erzielten nur teilweise Erfolg, woraus sie auf eine 
geringe Menge vou Bazillen schlossen. Die Versuche sind aber nicht 
stichhältig, weil diese sogenannten Samenblasen gar keinen Samen ent¬ 
halten, sondern den sogenannten Vaginalpfropf. 

Rohlffs injizierte mit einer Platinöse entnommenen Samen¬ 
blaseninhalt tuberkulöser menschlicher Leichen Ziegen und Kaninchen in 
die vordere Augenkammer ohne jeden Erfolg. Auch diese Versuche 
sind nicht beweisend gegen J a n i wegen der geringen Samenmenge und 
der Unempfindlichkeit der Ziegen, sowie wegen des Umstandes, daß die 
geimpften Kaninchen nicht lange genug am Leben gelassen wurden. 

Scheimpflug, aus dessen Broschüre „DieTuberkulose* 1 ich die 
Angaben über Jäckh, Landouzi und Rohlffs entnommen 
habe, kommt zu der Konklusion: „Über die Invasion eines Tuberkel¬ 
bazillus in das unbefruchtete Ei wissen wir überhaupt nichts. Diese 
Art der germinativen Infektion läßt sich nicht getrennt von der abdomi¬ 
nellen Infektion eruieren. 

Gärtner fand (nach Lubarsch) bei tuberkulösen Meer¬ 
schweinchenböcken ömal unter 32 Versuchen Bazillen im Sperma und zwar 
war bei diesen Tieren stets eine hochgradige Miliartuberkulose vorhanden, 
da sie kurz vor ihrem Tode — 4—7 Tage — sich befanden. Ist 
allerdings Hodentuberkulose vorhanden, so ist es fast selbstverständlich, daß 
das Sperma bazillenreicher und häufiger infiziert ist; in den Versuchen 
Gärtners waren in jedem zweiten Falle von Hodentuberkulose 
Tuberkelbazillen im Samen vorhanden. Trotzdem sei die Gefahr, daß 
auf diese Weise eine Infektion des Eies stattfindet, minimal. Unter 
22 Versuchen an Kaninchen und 21 an Meerschweinchen konnte nicht 
einmal die Frucht durch den mit Hodentuberkulose 
behafteten Vater infiziert werden. Vielmehr kommt es weit eher 
zu einer Infektion der Weibchen, bei denen sich dann ausgebreitete 
Vaginal- und Uterustuberkulose vorfindet. (Von 66 Meerschweinchen¬ 
weibchen, die mit tuberkulösen Böcken zusammen waren, starben 5, von 
59 Kaninchenweibchen 11 an Tuberkulose.) Wenn man nach Gärtner 
selbst annehmen wollte, daß in einem Samenerguß eines tuberkulösen 
Mannes 10 Tuberkelbazillen sind, was — beim Fehlen von Genitaltuber¬ 
kulose — jedenfalls viel zu hoch gerechnet ist, so würde, da in einem 
Samenerguss durchschnittlich 226 Millionen Spermatozoon sind, auf 
22*/ f Millionen Samentierchen 1 Bazillus entfallen; da nun bekanntlich 
nur ein Spermatozoon befruchtet, so ist die Möglichkeit von Befruchtung 
und gleichzeitiger Infektion = 1 : 22 1 /, Millionen, d. h., wie Gärtner 

Matzenaner, Vererbung der Syphilis. 5 


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Matzenauer. 


bemerkt, „eine kaum auszudenkende Seltenheit, die überdies noch dadurch 
verringert wird, daß ja nicht jede Ejakulation überhaupt befruchtet 

Es ist aber gar nicht erwiesen, daß die Spermatozoon 
wirklich die Bazillen mitschleppen; letztere können 
geradesogut in der Samenflüssigkeit enthalten sein und 
in der Scheide Zurückbleiben. 

Man darf wohl die germinative Infektion durch das befruchtende 
Spermatozoon von Seite des Vaters, welcher zwar an florider Tuberkulose 
aber nicht an Hoden tuberkulöse leidet, als fast ausgeschlossen betrachten; 
noch unendlich viel schwieriger, ja direkt unmöglich ist die Infektion 
durch den latent tuberkulösen Vater. 

Gärtner hat, um die Übertragung von Tuberkelbazillen durch 
den mit Hodentuberkulose behafteten Vater auf die gezeugte Frucht in 
vivo zu prüfen, Kaninchen- und Meerschweinchenmännchen, deren Hoden 
vorher durch Bazilleninjektion tuberkulös gemacht worden war, mit 
brünstigen Weibchen zusammengebracht. Die erzielten Jungen oder Foeten 
wurden als Megma verimpft. Trotz reichlichen Bazillengehaltes 
des Spermas bei sehr empfänglichen Tierarten war das 
Endresultat in Bezug auf den „männlichen Erbgang“ ein 
negatives, d. h. auf die Jungen keine Tuberkulose übergegangen. 

Gärtner kommt zu dem Schlüsse: „Auch beim Menschen geht 
der Tuberkelbazillus oft von der Mutter auf die Frucht über. Die Tier¬ 
versuche bei Kaninchen und Meerschweinchen haben nichts ergeben, was 
für die Übertragung des Tuberkelbazillus von Seite des Vaters auf die 
Frucht spräche. Waren die Bazillen zahlreich im Samen enthalten, so 
erfolgte trotzdem nicht die Geburt infizierter Früchte, sondern die In¬ 
fektion der Mutter.Die Tuberkulose wird beim Menschen 

durch den Akt der Zeugung von Seite des Vaters nicht auf 
die Frucht übertragen.“ 

Bei der Lepra sind wir noch weniger als bei der Tuber¬ 
kulose über die Hereditätsfrage informiert; man dürfte indes 
kaum fehlgehen, hier analoge Verhältnisse anzunehmen wie bei 
der Tuberkulose. 

Während man vor Armauer Hansens Entdeckung des Bazillus 
die Kontagiosität der Lepra leugnete und ihre Verbreitung ausschließlich 
auf Heredität zurückfübrte, wurde auf der letzten Leprakonferenz in 
Berlin bekanntlich die These aufgestellt, daß Lepra fast ausschließlich 
nur durch Infektion, nicht durch Heredität sich verbreite. 

Wenn man die Verbreitung der Lepra durch Infektion auch im 
allgemeinen als richtig anerkennen muß, so wird man andererseits denn 
doch die Möglichkeit einer hereditären Übertragung nicht ganz abweisen 
können, zumal die Inkubationsdauer der Lepra bekanntlich viele Jahre 
betragen kann und man bei älteren Kindern dann unmöglich den einen 
oder den anderen Übertragungsmodus erweisen oder ausschließen kann. 
Es wäre wohl zu erwarten, daß die Lepra ebenso wie andere Infektions- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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krankheiten, sowohl (und zwar vielleicht hauptsächlich) durch Kontakt¬ 
infektion als aueh durch placentare Infektion übertragen wird. In letzterem 
Sinne dürfen wohl einige Beobachtungen Z&mbaco-Paschas angeführt 
werden, welcher nicht nur über Aborten und Frühgeburten, sondern über 
mehrere Fälle von Lepra bei Kindern innerhalb der ersten Lebens Wochen 
berichtet. 

Auch Babes spricht sich neuerdings dahin aus: „Was wir allen¬ 
falls zugeben können, wäre bloß die Möglichkeit einer direkten Vererbung 

im Sinne einer vererbten Infektion.daß man in der Placenta 

keine Bazillen gefunden hat, beweist nichts gegen eine solche Annahme. 

offenbar wurde die Placenta nicht in einem solchen Stadium oder bloß 
ungenügend untersucht. Jedenfalls muß ich umsomehr an der Möglichkeit 
einer direkten Übertragung festhalten, als ich Leprabazillen nicht nur 
im Samen, welcher noch lebende Spermatozoen enthielt, sondern auch in 
Eizellen gesehen habe. Es ist nicht zweifelhaft, daß die Seltenheit 
des Vorkommens hereditärer Lepra darauf zurückzuführen ist, daß die 
inneren Geschlechtsorgane bei Lepra sehr früh erkranken, namentlich die 
Hoden, in welchen in früheren Stadien ausnahmsweise Bazillen im 
gesunden Samen Vorkommen. In den allermeisten Fällen enthält 
schon sehr früh der Samen keine beweglichen Spermatozoen, wohl aber 
zahlreiche Leprabazillen. Dieses stimmt auch mit der Erfahrung überein, 
daß lepröse Männer etwa in 50% steril sind.“ 

Sichergestellt ist also bei Lepra wie bei Tuberkulose und 
Pebrine, daß Bakterien gelegentlich dem normalen Samensekret 
beigemengt sein können, n. zw. nicht bloß bei tuberkulösen 
resp. leprösen Hodenaffektionen, sondern auch ohne gleich¬ 
zeitige Hodenerkrankung. Doch wurden weder bei Tuber¬ 
kulose noch bei Lepra oder Pebrine die Bakterien direkt inner¬ 
halb der Spermatozoen nachgewiesen. 

Eine intraovuläre Infektion konnte gleichfalls 
bisher bei keiner Infektionskrankheit mit Sicher¬ 
heit nachgewiesen werden. 

Wir haben früher gesehen, daß bei Pebrine die Angaben 
über infizierte Eier nicht auf die weibliche Keimzelle, sondern 
auf die bereits befruchteten und gelegten Eier zu beziehen 
sind. Desgleichen können die mit Tuberkelbazillen infizierten 
Vogeleier nicht für eine germinative Vererbung herangezogen 
werden. 

Die schönen Fried mann sehen Versuche, bei welchen 
Tuberkelbazillen den Kaninchenweibchen bald nach der Kohabi- 
tation in den Uterus eingebracht und bei welchen schon 
8 Tage später im Embryo Tuberkelbazillen nachgewiesen wurden, 

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können natürlich gleichfalls nicht im Sinne einer ovulären 
Infektion verwertet werden, sondern diese Versuche beweisen 
vielmehr, daß in schon sehr frühem Stadium eine intrauterine 
Infektion der Frucht platzgreifen kann* 

Für die Infektion des Embryo zu einer Zeit, bevor noch 
eine Placenta ausgebildet ist, müssen wir selbstredend analoge 
(allerdings bisher noch nicht nachgewiesene) Veränderungen 
in der Decidua, wie sie in späterer Zeit in der Placenta Vor¬ 
kommen, annehmen, Veränderungen bestehend in spezifischen 
Infiltraten oder Gefäßerkrankungen, welche den Übergang der 
Bakterien von Mutter auf Kind vermitteln; denn eine direkte 
Kommunikation zwischen beiden besteht auch vor Entwicklung 
der Placenta nicht, der Embryo ist von Anfang an für sich 
abgeschlossen. 

Bei der Lepra endlich hat Arning Bazillen in den Ovarien nachge¬ 
wiesen; doch will Arning diesen Befand keineswegs im Sinne einer 
germinativen Vererbung verwertet wissen. Über das Vorkommen von 
infizierten weiblichen Keimzellen gibt es überhaupt keine positive Angabe, 
bis auf die früher erwähnte Angabe von Babes, welcher einen solchen 
Befund bei Lepra erhoben haben will. Man wird wohl diese einzig 
dastehende Angabe vorläufig mit umso größerer Vorsicht aufnehmen 
müssen, als Babes seihst auf diesen Befund gerade keinen besonderen 
Nachdruck legt und ihn nur nebenbei flüchtig erwähnt, u. zw. nicht im 
Sinne einer rein germinativen Vererbung, wie man erwarten möchte 
sondern gelegentlich der Besprechung einer möglicherweise vorkommenden 
Vererbung auf placentarem Weg; ich habe zum Beweis dessen absichtlich 
früher Babes wörtlich zitiert; überdies sagt Babes hinsichtlich der 
hereditären Verbreitung der Lepra selbst: „man müßte dann natürlich 
annehmen, daß zahlreiche gesunde Individuen im Sperma oder im 
Ei Leprabaziflen besitzen, alles Annahmen, welche durch¬ 
aus unwahrscheinlich undnicht im geringsten erwiesen 
sind. tf Es scheint daher durchaus fraglich, ob die erwähnte Angabe 
Babes einer genauen Prüfung Stand zu halten vermag, ob wirklich die 
Leprabazillen intraovulär, oder nicht etwa dem Ovulum auf- oder 
angelagert waren, was bei der Untersuchung eines leprösen Ovariums 
immerhin leicht zu einer Täuschung Anlaß geben mag, zumal wenn man 
auf den Befund kein sonderliches Gewicht legt. 

E9 gibt keine Infektionskrankheit, bei welcher man innerhalb 
eines Spermatozoon oder Ovulums pathogene Mikroorganismen 
sicher nacbgewiesen hätte. So lange aber nicht Bakterien inner¬ 
halb der Keimzellen direkt nachgewiesen sind, ist der Beweis für 
die germinative Vererbung nicht erbracht. Denn wenn auch 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Bakterien der Samenflüssigkeit beigemengt sind, so bliebe es 
vor allem noch immer schwer verständlich, wie ein in der 
Samenflössigkeit suspendiertes Bakterium zum Ovulum gelangen 
soll. Bekanntlich findet die Befruchtung des Eies 
nicht im Uterus, sondern zumeist in der 
Tube oder noch weiter entfernt hei den Fim¬ 
brien statt, wie aus den schönen Versuchen Sobotta’s 
an Mäusen hervorgeht, und wofür auch das ziemlich 
häufige Vorkommen von Extrauterinschwangerschaften beim 
Menschen spricht. Ein Spermatozoon kann freilich durch 
Eigenbewegung aus der Vagina zum Ovulum hinaufwandern, 
für die in der Vagina deponierten Bakterien ist ein so eigen¬ 
mächtiges Vorgehen noch nicht erwiesen, im Gegenteil pflegen 
sie nach dem Prinzip der Selbstreinigung der Scheide spontan 
wieder zu schwinden. Es wäre auch durchaus unwahrscheinlich, 
daß ein einem Spermatozoon vielleicht äußerlich anhaftendes 
Bakterium von diesem bis in die Tuben oder noch weiter 
geschleppt werde, und es wäre ferner noch imwahrscheinlicher 
daß ein einem Spermatozoon anhaftendes Bakterium mit diesem 
in das Ovulum einzudringen vermag, da ja nur ein gesundes, mit 
kräftigen Eigenbewegungen begabtes Spermatozoon befähigt ist, 
durch die Mikropyle des Ovulums aktiv einzudringen, bei wel¬ 
chem Vorgang doch wohl ein lose adhärenter Bazillus abgestreift 
werden müßte. Alle diese a priori unwahrscheinlichen Hypo¬ 
thesen haben umsoweniger einen Rückhalt, als ja eine intra- 
ovuläre Infektion bei keiner Krankheit bisher erwiesen ist. Es 
wäre auch schwer verständlich, daß ein mit einem pathogenen 
Parasiten beladenes Spermatozoon oder Ovulum lebenskräftig, 
bezw. normal furchungs- und entwicklungsfähig bliebe, worauf 
schon Virchow hingewiesen hat. 

Wir finden also in der gesamten Pathologie 
nicht eine einzige Infektionskrankheit, bei wel¬ 
cher eine germinative Vererbung und speziell 
die Vererbung der Krankheit vom Vater auf 
das Kind (bei gesunder Mutter) zweifellos erwiesen 
wäre, wir haben somit keine Analogie bei den an¬ 
dern Infektionskrankheiten gefunden, um die 
Übertragungsweise bei Syphilis a priori voraus- 


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setzen zu können. Im Gegenteil würde dieser 
Modus ein Novum vorstellen, die Syphilis würde 
in dieser Richtung ein Unikum und eine Ausnahme 
gegenüber allen andern Infektionskrankheiten 
bilden. 

Zu diesem Ergebnis kommen auch alle neueren Arbeiten 
über Vererbung von Infektionskrankheiten. Lubarsch (1896) 
erklärt: „Fassen wir zum Schlüsse alles zusammen, was über 
die Übertragung pathogener Spaltpilze von den Vorfahren auf 
die Nachkommen festgestellt ist, so kommen wir zu folgenden 
Sätzen: „Die germinative Infektion ist, ausgenom¬ 
men die Syphilis, nicht sicher bewiesen etc. etc.* 

Hochsinger (1898) macht gleichfalls „aufden überaus 
wichtigen Umstand aufmerksam, daß einzig und allein bei 
der Syphilis, sonst aberbei garkeiner Infektions¬ 
krankheit eine spermatische Infektionsübertra¬ 
gung von der Ascendenz auf die Descendenz sichergestellt ist, 
u. zw.: (bei Syphilis) selbstverständlich nicht auf dem Wege 
des Experimentes, sondern nur auf dem der klinischen Er¬ 
fahrung.“ 

Wir werden später noch die klinischen Erfahrungen näher 
zu prüfen haben, auf Grund deren man bei Syphilis eine Ver¬ 
erbung auf spermatischem Weg anzunehmen sich berechtigt 
glaubte. 

Vorläufig wollen wir zunächst feststellen, daß Sperma, 
wenngleich es vielleicht in irgend einer noch ungeahnten, myste¬ 
riösen Weise des Ovulum zu infizieren vermag (Fournier), 
doch im gewöhnlichen Sinne durch Eontaktwir¬ 
kung bekanntlich nicht infektiös ist. 

Kein physiologisches Sekret (Speichel, Milch, Träne, Urin) 
von Luetikern (wenn auch im rezenten Stadium) ist virulent! 
Auch Sperma wird von allen Syphilidologen (mit wenigen Aus¬ 
nahmen, darunter Fi n g e r) als nicht virulentes Sekret betrachtet. 

Daß das Sperma als solches per contactum nicht infiziert, 
ist bekanntlich durch die wiederholten Experimente Mireurs 
erhärtet worden, die stets negativ ausfielen. „Auch lehrt 
die tägliche Erfahrung, daß das Sperma eines syphilitischen 
Mannes als solches eine gesunde Frau nicht per contactum zu 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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infizieren vermag.“ (Hochsinger.) Fournier erklärt: „Die 
Nichtimpfbarkeit des Sperma Syphilitischer ist nun vollkommen 
erwiesen: Erwiesen durch 2 Reihen von Erfahrungen: 

1. Indirekte Erfahrungen, aus der täglichen Beobachtung ge¬ 
schöpft. Wäre das Sperma eines syphilitischen Mannes impf bar (etwa in 
der Weise wie das Sekret des syphilitischen Schankers oder von Papeln), 
dann würden wir häufig eine Beobachtung machen, die uns erfreulicher 
Weise erspart bleibt. Wir würden unzählige Male sehen, daß Frauen von 
ihren Männern oder Liebhabern mit Syphilis infiziert würden, ohne daß 
diese manifeste Erscheinungen von Syphilis darzubieten brauchten. Wir 
würden zahlreiche neuvermählte Frauen sehen, die einen Schanker als 
Andenken an die Brautnacht, an die ersten ehelichen Berührungen davon¬ 
tragen würden. Dies sehen wir aber nicht 1 Die tägliche Erfahrung lehrt uns 
vielmehr, daß ein syphilitischer Mann solange seiner Frau 
nicht gefährlich wird, als er selbst keine sezernierende, 
nässende oder eiternde syphilitische Läsion besitzt. Die 
direkte Kontagiosität des Sperma konnte bisher nie be* 
stätigt werden. 

2. Direkte Erfahrungen: Es sind zu wiederholten Malen Impfungen 
Qesunder mit dem Sperma Syphilitischer stets mit demselben negativen 
Erfolg vorgenommen worden. Die Tatsache, daß also das Sperma 
Syphilitischer auf Gesunde durch Impfung keine Syphilis 
überträgt, kann somit als feststehend angesehen werden. 

Gegenüber Finger, welcher Sperma doch für infektiös 
hält, glaube ich mich Hochsinger anschließen zu dürfen, 
welcher sagt: 

„Dies ist ein feststehender, auf Grund von Experimenten und 
klinischen Tatsachen, denen absolute Beweiskraft beizumessen ist, 
zu Tage geforderter Lehrsatz. Ich kann mich daher der Anschauung 
Fingers über diesen Punkt keineswegs anschließen, welcher den lmpf- 
experimenten Mir eure aus dem Grunde keine Beweiskraft beilegt, weil 
sie nur an einem bestimmten, im Vergleich zur großen Zahl syphilitischer 
Männer selbstverständlich geringfügigem Material angestellt wurden. 
Ginge man in seinem Skeptizismus so weit wie Finger, dann könnte 
man negativen klinischen und Impfergebnissen nirgends in der Pathologie 
der Infektionskrankheiten vertrauen und dürfte beispielsweise nur dann 
eine Nichtverimpfbarkeit des Sperma syphilitischer Männer glauben, wenn 
das Sperma jedes einzelnen Syphilitischen in dem fraglichen Sinne klinisoh 
und experimentell geprüft und erprobt worden wäre. Ich vielmehr hege 
auf Grund der veröffentlichten Experimente und der klinischen Erfahrung 
die Ansicht, daß, wenn irgend einmal durch syphilitisches Sperma den¬ 
noch eine Kontaktinfektion herbeigeführt würde, eine solche ganz gewiß 
nur von einer akzidentellenBeimischung von syphilitischem Virus 
herrühren könnte, welches sich aus in den Ejakulationswegen 
seßhaften Syphilisprodukten dem Sperma zugesellt hat.“ 


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Die von Max Joseph und Piorkowski mitgeteilten Befunde 
von mutmaßlichen (?) Syphilisbazillen im Sperma Syphilitischer, sowie 
die noch nicht näher publizierten diesbezüglichen Untersuchungen von 
Wälsch würden — selbst die Richtigkeit der Befunde vorausgesetzt — 
in keinem andern Sinne zu verwerten sein, als die analogen Befunde von 
Bakterien im Samen bei Tuberkulose, Lepra und Pebrine. Keineswegs 
wäre durch den Befund von Syphilisbazillen im Samen, d. h. von akzidentell 
dem Samen beigemengten Bakterien, die nicht wirklich innerhalb des 
Spermatozoon gelegen sind, der Beweis erbracht, daß eine Vererbung 
durch das infizierte Spermatozoon bei Syphilis möglich sei. 

Ich für meine Person halte übrigens die angeblichen Syphilis¬ 
bazillen von Max Joseph und Piorkowski für akzidentell dem 
Samen beigemengte, aus der Harnöhre stammende, nicht spezifische 
Bakterien. (Vielleicht Pseudodiphtheriebazillen?) 

Von vornherein muß man wohl die Möglichkeit zugeben, 
daß, ebenso wie bei Tuberkulose, Lepra, Pebrine Krankheits¬ 
erreger dem Samen beigem engt sein können, möglicherweise 
vielleicht auch bei Syphilis gelegentlich im Samen Bakterien 
enthalten sind, namentlich also hei bestehender Orchitis 
syphilitica, vielleicht auch bei rezenter Syphilis ohne gleich¬ 
zeitige Hodenaffektion. Aber ebensowenig wie bei Tuberku¬ 
lose, Lepra und Pebrine kommt diese Möglichkeit des gele¬ 
gentlich bazillenhältigen Samens auch bei Syphilis für die Ver¬ 
erbung der Krankheit nicht in Betracht. Dies beweisen weniger 
die negativen Impfresultate Mireurs, als vielmehr die über¬ 
zeugenden klinischen Erfahrungen. Ich möchte den negativen 
Versuchen Mireurs schon deshalb keine allzuhohe Beweiskraft 
zuerkennen, als M i r e u r bekanntlich von einem einzigen syphili¬ 
tischen Individuum das Sperma verimpfte, und als namentlich 
aber Impfversuche, wie sie in früheren Zeiten vielfach vorge¬ 
nommen wurden, selbst von sicher vollvirulenten Syphilis¬ 
produkten z. B. von nässenden Papeln, häufig negative Resul¬ 
tate gaben. 

Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß eine Haftung der 
Infektion in jedem Falle, wo Gelegenheit hiezu vorhanden war, 
auch wirklich stattfindet. Ärzte und Wartepersonale an syphili¬ 
tischen Abteilungen müßten sonst noch viel häufiger infiziert 
werden als dies tatsächlich der Fall ist. Meiner Meinung nach 
haftet die Infektion leichter an offenen, aber nicht blutenden 
Exkoriationen, die allerdings auch häufiger unbeachtet bleiben, 
als an frischen, noch blutenden Verletzungen, weil das Blut 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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selbst offenbar bis zu einem gewissen Grade bakterizid wirkt 
(bekanntlich gelingt es aus diesem Grunde auch schwerer bei¬ 
spielsweise aus Typhusroseolen die Bakterien zu züchten, wenn 
man den austretenden Blutstropfen direkt zur Kultur ver¬ 
wendet, als wenn man ihn mit Bouillon reichlich verdünnt 1) 

Wenn wirklich Sperma infektiös wäre, dann müßten wohl 
viel mehr Frauen mit Syphilis infiziert werden. Wie könnte 
man sich sonst vorstellen, daß eine junge Frau, welche doch 
gewiß zu ungezählten Malen einer Infektion durch das Sperma 
ihres syphilitischen Mannes ausgesetzt war, doch jahrelang 
syphilisfrei bleiben kann? Wie könnte man sich sonst vor¬ 
stellen, daß virginal in die Ehe tretende Mädchen trotz Ein¬ 
risse bei der Defloration nicht infiziert werden? Und wie 
wollte man sich vorstellen, daß der bazillenhaltige Samen die 
Frau nicht infiziere, wohl aber das Ovulum? 

Wir kämen hier ja hübsch wieder zur apokryphen Lehre 
Bärensprungs zurück: „das Sperma ist nur in seiner Beziehung 
zum Ovulum Träger des syphilitischen Kontagiums.“ Bei Tuber¬ 
kulose hat Gärtner, wie früher erwähnt, berechnet, daß die 
Chancen fiir ein Ovulum, bei einer Ejakulation infiziert zu werden, 
1 :227a Millionen betragen. Diese Unwahrscheinlichkeit der sper¬ 
matischen Infektion des Ovulum, die, wie Gärtner sagt, „kaum 
auszudenken“ ist, wollen die Anhänger der paternen Vererbung 
heranziehen, während nach ihrer Meinung die betreffenden 
Frauen gesund bleiben sollen, obwohl doch für diese die 
Chancen, bei einer Ejakulation durch bazillenhältiges Sperma 
infiziert zu werden, 1:1 wären! 

Nach der Annahme Fingers, wonach vielleicht Mutter 
und Ovulum durch Sperma gleichzeitig infiziert werden könnten, 
müßte die früher gesunde Mutter einen Primäraffekt akqui¬ 
rieren; wenn aber die Mutter einmal selbst syphilitisch ist, 
dann können wir den väterlichen Einfluß bei der Vererbung 
nicht mehr erweisen. Endlich könnte die Annahme einer gleich¬ 
zeitigen Infektion von Mutter und Ovulum überhaupt nur für 
die Geburt des ersten syphilitischen Kindes einer früher 
gesunden Frau in Betracht kommen, da ja späterhin die Frau 
schon vor der Konzeption selbst syphilitisch ist; nach Fingers 
Toxintheorie sollte übrigens, nebenbei bemerkt, auch das 


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Matsenaner. 


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Ovulum einer syphilitischen Frau immun gegen Infektion von 
außen sein. 

Wir haben also zu Gunsten einer germinativen Vererbung 
nirgends sichere Anhaltspunkte gewinnen können; bei anderen 
Infektionskrankheiten mit bekanntem Krankheitserreger wurde 
bisher der Nachweis nicht erbracht, daß die pathogenen Keime 
innerhalb der Keimzellen sich finden würden; bei anderen 
Infektionskrankheiten ist heute allgemein der Standpunkt ver¬ 
lassen, eine Vererbung im eigentlichen Sinne durch die Keim¬ 
zellen anzunehmen. Nur hei der Syphilis allein wird an der 
Möglichkeit einer germinativen Vererbung noch festgehalten. 

Wir wollen daher im nachfolgenden die verschiedenen, in 
diesem Sinne angeführten Argumente auf ihre Stichhaltigkeit 
prüfen. Beweise und Gegenbeweise werden sich naturgemäß 
ausschließlich um die Frage einer paternen Vererbung drehen, 
da wir eine Vererbung durch ovuläre Infektion mangels Kenntnis 
des Syphiliserregers weder beweisen noch von vornherein aus¬ 
schließen können. Die beiden Keimzellen müssen übrigens, 
wie Kassowitz richtig sagt, als gleichberechtigt angesehen 
werden, so daß die Hypothese einer ovulären Infektion mit 
dem Nachweis der Existenz oder Nichtexistenz einer sperma¬ 
tischen Vererbung steht und fällt. Auch Finger sagt in 
seinen Thesen ausdrücklich: „Die ovuläre mütterliche Über¬ 
tragung ist nicht erwiesen, nur durch Analogie mit der sperma¬ 
tischen zugegeben.“ 

Klinische Erfahrungen für und gegen eine paterne Vererbung. 

Die spermatische Vererbung ist nun allerdings von den 
meisten Autoren, auch von Finger in seinen Thesen mit 
großer Sicherheit hiugestellt worden. Wir wollen deshalb 
jeden einzelnen der von Kassowitz, Finger und anderen 
Autoren angeführten Beweise prüfen. 

Da das Sperma selbst (auch eines rezent syphilitischen 
Mannes) für die gewöhnliche Kontaktinfektion als nicht infektiös 
gilt, welche Erfahrungstatsache wohl so ziemlich von allen 
Syphilidologen (bis auf Finger) allgemein anerkannt wird, 
müssen die Anhänger der paternen Vererbung für die sper¬ 
matische Infektion des Ovulum irgend einen geheimnisvollen, 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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noch ungeahnten Vorgang annehmen, der sich unserer Erkennt¬ 
nis vollständig entzieht. 

So meint Fournier: „Schwängerung und Impfung sind Vorgänge, 
die keinen Vergleich vertragen. Das Sperma kann ganz wohl cur 
Syphilisinfektion ungeeignet sein, sich aber eignen, dieselbe auf das Ei 
durch Zeugungsvorgang zu übertragen. Kontaktinfektion und Befruchtung 
des Eies sind Vorgänge, welche keineswegs in Parallele gebracht werden 
dürfen. Das Ei wird vermittelst des Sperma durch einen völlig 
mysteriösen Prozeß zum Leben und zur Proliferation gebracht, es 
werden durch das Sperma die verschiedensten physiologischen und patho¬ 
logischen Anlagen, Eigentümlichkeiten von Gattung, Rasse, psychische, 
moralische, morbide Ähnlichkeiten übertragen. Es handelt sich hier also 
um eine Erscheinung, die nicht ihresgleichen hat, die völlig isoliert 
dasteht, eine Erscheinung, deren Natur wir nicht kennen. Es wird uns 
daher nicht auffallen, daß das Sperma, sowie jeden anderen Krankheits¬ 
keim ebenso auch den Keim der Syphilis wird übertragen können, wenn 
es auch auf dem Wege der Impfung nicht kontagiös erscheint.“ 

Gegenüber Fournier müssen wir natürlich vor allem geltend 
machen, daß die Vererbung konstitutioneller Eigentümlichkeiten, wie 
schon früher erwähnt, nicht mit der Vererbung von Infektionskrankheiten 
in Parallele gebracht werden darf. 

Ob es wirklich gerechtfertigt erscheint, eine paterne Ver¬ 
erbung der Syphilis anzunehmen, obwohl der supponierte Vor¬ 
gang durch ein mysteriöses Dunkel sich vorläufig unserer 
grobsinnlichen Vorstellung entzieht, wird erst die Erörterung 
der klinischen Argumente zeigen. Vorläufig wollen wir daran 
festhalten, daß das Sperma bei gewöhnlicher Kontaktinfektion 
allgemein (auch nach Fournier) als nicht infektiös gilt. 

Kassowitz stellte seinerzeit die neue Behauptung auf, daß die 
hereditäre Syphilis eine eigenartige, mit der akquirierten Syphilis nicht 
identische Affektion sei, woraus er eine Wahrscheinlichkeit für die 
spermatische Vererbung der Syphilis ableiten zu können glaubte. 

Kassowitz schließt daraus, es sei a priori wahrscheinlich, daß 
der verschiedene Symptomenkomplex der hereditären Syphilis auch eine 
andere Entstehungsursache als dio akquirierte Syphilis habe. Für die 
hereditäre Syphilis nimmt er daher den germinativen Ursprung an. Eine 
intrauterine Infektion wäre eine einfache Syphilisansteckung des Kindes, 
also derselbe Vorgang der Übertragung der Infektion wie bei der ac- 
quirierten Syphilis. Nach Kassowitz sollte sich aber der Symptomen¬ 
komplex der hereditären Syphilis so wesentlich von dem der akquirierten 
unterscheiden, daß er die Möglichkeit der Vererbung der Syphilis auf 
zweierlei Weise, sowohl auf germinativem als auf intrauterinem Wege 
ausschließt. Er sagt: „Vor allem stünde ein solcher alternativer Verlauf 
der Krankheit in der ganzen Pathologie vereinzelt da. Es gibt gar keine 


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Krankheit, welche durch die Zeugung verbreitet und zugleich durch die 
intrauterine Infektion auf den Fötus übertragen werden könnte. Noch 
wichtiger ist aber das Bedenken, daß unmöglich zwei Vorgänge, die selbst 
so außerordentlich verschieden von einander sind, denselben Effekt her¬ 
vorbringen können. Dieser Effekt ist aber.eine ganz eigenartige 

Affektion, welche dem Neugeborenen von seinem Ursprung an ihren 
Stempel autdrückt und von der akquirierten Syphilis.in der mar¬ 

kantesten Weise differiert.“ 

Dieses neue Dogma von Kassowitz, welches in gewissem 
Sinne auch von Jadassohn und N eisser Zustimmung fand, 
ist von späteren Autoren bereits vollständig widerlegt worden. 
Ich brauche auf die speziellen Argumente nicht näher einzugehen. 
Heute ist es eine allgemein anerkannte Tatsache, welche auch 
von Hochsinger, dem Schüler Kassowitz 9 , klar aus¬ 
gesprochen wurde, daß die hereditäre Syphilis in jeder Be¬ 
ziehung vollständig dieselbe Krankheit darstellt wie die 
acquirierte Syphilis und daß eigentlich kein Krankheitssymptom 
gibt, welches mit Sicherheit auf hereditäre Syphilis schließen 
und eine frühzeitig im Säuglingsalter acquirierte Syphilis aus¬ 
schließen läßt. 

Hocbsinger sagt: „Alle diese Stigmata.können ebenso 

gut durch frühzeitig erworbene wie durch ererbte Syphilis zu stände ge¬ 
kommen sein. Ich weiß nur ein Symptom, welches für hereditäre Sy¬ 
philis absolut charakteristisch iBt; dies ist gegeben durch das Vorliegen 
narbiger Lippensäume mit radienförmig von denselben nach dem Lip¬ 
penrot und der kutanen Umgebung hin ausgehenden Narbenlinien. Dieses 
Symptom ist meiner Ansicht und Erfahrung nach das einzig absolut char¬ 
akteristische für hereditäre Syphilis. Es stellt nämlich das Endresultat 
eines Prozesses dar, welcher ausschließlich nur der hereditären Früh¬ 
syphilis angehört, und dieser Prozeß ist die diffuse rhagadenförmige In¬ 
filtration der Lippensäume der Säuglinge. Wo daher diese narbige Be¬ 
schaffenheit der Lippensäume im späteren Alter gefunden wird, beweist 
sie, daß das betreffende Individuum in seiner frühesten Lebensperiode an 
manifester hereditärer Syphilis gelitten haben muß.“ 

Man muß wohl Hoch sing er beipflichten, daß die diffuse rhagadi- 
forme Infiltration der Lippensäume der Säuglinge in der Regel als Beweis 
einer hereditären Syphilis gelten kann. Aber eigentlich beweist das 
Symptom doch wohl nur, daß das betreffende Kind schon in seiner 
frühesten Lebensperiode, also in seinem Säuglingsalter, überhaupt an 
Syphilis gelitten habe. In der Regel wird es sich freilich in so frühem 
Kindesalter um eine hereditäre Syphilis handeln. Aber ich habe in der 
Tat einmal Gelegenheit gehabt, einen Ausnahmsfall zu sehen, in dem 
sich die rhagadenförmige Infiltration der Lippensäume bei einem Kind 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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entwickelte, da« wenige Tage nach seiner Geburt von einer syphilitischen 
Amme (mit einem Primäraffekt an der Brustwarze, den sie ihrerseits von 
einem anderen hereditär luetischen Kinde akquiriert hatte), infiziert 
wurde. Das Kind bekam einen harten Schanker an der Unterlippe und 
stand in den folgenden Monaten in fortgesetzter Beobachtung an der 
Klinik Hofrat Neumann. 

Nach Heilung des Primäraffektes und des folgenden dichten maculo- 
papulösen Exanthems entwickelten sich bei dem Säuglinge radiär ge¬ 
stellte infiltrierte Rhagaden an den Mundrändern, namentlich Mund - 
winkeln, welche bei ihrer Abheilung strahlige weiße Narben hinterließen, 
die auch jetzt noch, 2 Jahre später, bestehen. 

Dieses von Kassowitz neu aufgestellte Dogma, daß 
nämlich die hereditäre Syphilis mit der akquirierten Syphilis 
nicht identisch sei, ist demnach vollständig fallen gelassen 
worden, und infolge dessen kann auch der Versuch als voll¬ 
ständig mißglückt angesehen werden, in der Verschiedenheit 
der hereditären Syphilis von der akquirierten ein Gegenargument 
gegen die intrauterine Infektion des Fötus von der Mutter zu 
erblicken. Im Gegenteil würde die aufrecht erhaltene Lehre von 
der Identität und Einheitlichkeit der Syphilis auch für einen 
gleichen Modus der Entstehung der hereditären Syphilis wie der 
akquirierten und gegen die Anschauung Kassowitzs von einer 
verschiedenen Übertragungsweise sprechen. 

Die Annahme einer paternen Vererbung fällt und steht 
mit der Antwort auf die Frage: Kann eine nicht syphilitische 
Mutter ein syphilitisches Kind gebären? 

Es ist klar, daß diese Frage den Brennpunkt der Diskus¬ 
sion vorstellt. Denn wenn eine gesunde Mutter ein syphilitisches 
Kind gebären kann, so kann eben das Kind seine Syphilis nicht 
von der Matter überkommen haben und muß folglich der Vater 
dafür verantwortlich gemacht werden. Zum Beweise dieser Be¬ 
hauptung, daß eine nicht syphilitische Mutter ein syphilitisches 
Kind gebären kann, bringen die Anhänger der paternen Ver¬ 
erbung eine große Zahl von direkten und undirekten Beweisen. 
Kassowitz bringt als direkten Beweis die Erfahrung zahl¬ 
reicher Autoren und auch eine nicht unbedeutende Zahl von 
eigenen Beobachtungen, daß nämlich die Mütter hereditär-lue¬ 
tischer Kinder trotz längerer Zeit fortgesetzter, oft über Jahre 
sich erstreckender Beobachtung stets frei von Syphiliserschei¬ 
nungen gefunden wurden. Ich brauche nicht die große Zahl der 


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M atzenauer. 


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Autoren namhaft zu machen, welche über solche Erfahrungen 
verfügen. Jeder von uns weiß über ähnliche oder analoge Vor¬ 
kommnisse zu berichten. Kassowitz hat von 119 Fällen 43mal 
die Mutter frei von Syphilis gefunden. Kurz, die Tatsache als 
solche, daß die Mutter zur Zeit der wiederholten Untersuchungen 
keine Erscheinungen von Syphilis bot, steht außer jedem Zweifel. 
Die große, vielbestrittene Frage ist nur die, ob solche Mütter 
wirklich ganz gesund und immer frei von Syphilis waren, oder 
ob sie bloß zu Zeit der Untersuchungen latent syphilitisch sind. 

Wir wollen auf diese Frage, weil sie das Wesen der ganzen 
Sache entscheidet, später ausführlich zurückkommen und vorerst 
auf die anderen angeblichen Beweise der paternen Vererbung 
eingehen. 

Vor allem wird im Sinne der paternen Vererbung ge¬ 
wöhnlich geltend gemacht, daß in den meisten Ehen mit 
syphilitischen Kindern der Mann mit Syphilis 
von früher her in die Ehe eintrat und nur in 
einer geringen Zahl die Frau schon früher syphi¬ 
litisch war. So hat bekanntlich Fou rnier von 500 Ehen 
487mal den Mann und nur 13mal die Frau Syphilis von früher 
her in die Ehe mitbringen gesehen. Kassowitz führt an, 
daß sich bezüglich der Häufigkeit der Vererbung nach seinen 
Erfahrungen, welche mit den von Hutchinson, Rosen, 
v. Bärensprung u. a. vollständig übereinstimmen, ein be¬ 
deutendes Plus auf Seite des Vaters ergibt. In den 119 Ehen 
seiner Beobachtung war 76mal über den Vererbungsmodus kein 
Zweifel, davon war der Vater 66mal, die Mutter 33mal nach¬ 
gewiesener Maßen syphilitisch (davon in 10 Fällen allein syphi¬ 
litisch); es ergab sich also für den Vater zufällig gerade die 
doppelte Häufigkeitszahl. Kassowitz erklärt ganz richtig, daß 
der Grund hiefür einfach der ist, daß überhaupt mehr Männer 
mit früher akquirierter Syphilis in die Ehe treten als Frauen. 
Der Schluß, den aber Kassowitz daraus zieht, daß nämlich, 
weil der Mann in der Regel bereits ohne infizierende Symptome 
in die Ehe tritt, die Frau von Syphilis verschont bleibt, und 
daß also die väterliche Syphilis sich noch auf eine ganze 
Reihe von Kindern vererbt — dieser Schluß kann daraus nicht 
ohneweiters gezogen werden: denn der Schluß, daß die Syphilis 


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Die Vererbung der Syphilis. 


79 


der Kinder von den Vätern stammt, setzt voraus, daß die Mütter 
syphilisfrei geblieben sind; die Angabe aber, daß die Männer in der 
Regel bereits ohne infizierende Symptome in die Ehe treten, 
gibt uns keine Garantie, daß nicht doch während der Ehe in¬ 
fizierende Symptome wieder aufgetreten sind. Die stillschwei¬ 
gende Voraussetzung, daß die Mütter syphilisfrei geblieben sind, 
muß selbst erst erwiesen werden! 

Es ist klar, daß die Konstatierung der väterlichen Syphilis 
allein, ohne Sicherheit, daß die gesunden Frauen auch ferner¬ 
hin gesund geblieben sind, keinerlei Beweis dafür abgibt, ob 
die kindliche Syphilis wirklich vom Vater stamme. Denn in 
allen diesen Fällen läßt sich leicht einwenden, daß der syphi¬ 
litische Mann zuerst seine Frau infiziert habe, und diese erst 
ihre Syphilis auf das Kind übertragen habe. 

Wir wollen uns zunächst die Frage vorlegen, ob in den 
Ehen, in welchen der Mann Syphilis von früher her mitgebracht 
hat, regelmäßig syphilitische Kinder gezeugt werden, oder, wenn 
auch nicht regelmäßig, so doch in annähernd gleicher Häufigkeit 
wie in den Ehen mit syphilitischen Müttern. Selbstverständlich 
muß für einen derartigen Vergleich der beiden Eltern eine 
Syphilis von gleichem Alter herangezogen werden. 

Da die Syphilis der in die Ehe tretenden M&nner zumeist schon 
älteren Datums ist, können wir die meisten dieser Ehen für einen Ver¬ 
gleich mit den Fällen von rezent syphilitischen Frauen nicht verwerten, 
da, wenn man sich auf den Standpunkt der germinativen Übertragung 
mit der Gleichwertigkeit der ovulären und spermatischen Infektion stellt, 
im einen Falle die väterliche Keimzelle bei älterer und daher schon ab¬ 
geschwächter Syphilisvirulenz, und im anderen Falle die mütterliche 
Keimzelle bei noch rezenter und daher vollvirulenter Syphilis mit einander 
verglichen würde. 

Eine rezente mütterliche Syphilis wird bekanntlich nahezu 
regelmäßig auf das Kind vererbt. Kassowitz hat sogar die 
Vererbung von rezent syphilitischen Eltern als Gesetz von un¬ 
bedingter Gültigkeit hingestellt. Wenn wir auch heute die Ver¬ 
erbung von einer rezent syphilitischen Mutter nicht mehr als 
einen obligaten, sondern nur als einen fakultativen Vorgang an- 
sehen, so werden wir doch die von Kassowitz aufgestellte 
Regel bis auf relativ seltene Ausnahmen bestätigt finden. 

Sehen wir nun bei rezenter Syphilis des Vaters die gleiche 
Häufigkeit der Vererbung? Das Kassowitzsche Dogma von 


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Matzenaue r. 


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der unbedingt obligaten Vererbung der rezenten elterlichen 
Syphilis wurde bekanntlich zuerst dnreh eine Reihe von Be¬ 
obachtungen erschüttert, in welchen man aus einer Ehe mit 
rezent syphilitischem Vater und gesunder Mutter gesunde Kinder 
entstammen sah. 

Im nachfolgenden beschränke ich mich vorläufig, einige schon von 
Wolff und Finger angeführte besonders charakteristische Fälle zu 
zitieren. 

So berichtet Cullerier (zitiert nach Wolff) mehrere Fälle. Der 
eine betrifft einen Maun, welcher einige Monate, nachdem er eine 
schwere Syphilis durcbgemacht hatte, sich verheiratete. Seine Frau wurde 
gleich schwanger; das Kind kam gesund, blühend, sehr kräftig zur Welt 
und hat niemals spezifische Erscheinungen gezeigt. Das Kind hat G. bis 
zum 8. Jahre beobachtet. 

Der zweite ähnliche Fall betrifft einen jungen Mann, der sich 6 
Monate, nachdem er an einem Schanker gelitten hatte, verheiratete. 
Im Anfang der Ehe kam bei ihm multiple Drusenschwellungen, Roseola, 
Angina specifica zum Vorschein. Seine Frau, die sofort nach der Ver¬ 
ehelichung gravid wurde, gebar ein kräftiges gesundes Kind, das, bis 
zum 6. Lebensjahre beobachtet, stets gesund blieb. 

In einem Falle Didays (zitiert nach Wolff und Finger) hei¬ 
ratete ein Mann ein Jahr nach der Infektion. Als seine Frau im 8. 
Monate gravid war, zeigte sich beim Vater ein Rezidiv in Form eines 
papulösen Syphilides, breiter Kondylome. Das Kind kommt reif, gesund 
zur Welt und zeigt bis Ende des zweiten Lebensjahres keine Erschei¬ 
nungen von Syphilis. 

Langlebert (zitiert nach Finger) berichtet von einem kräf¬ 
tigen Landmann, der ihm behufs Heilung einer etwa 3 Monate alten 
schweren sekundären Syphilis aufsuchte. Patient zeigt ein ausgebreitetes 
groß-papulöses Syphilid, ulzerierte Plaques der Tonsillen. Von L. auf die 
Gefahr der Übertragung aufmerksam gemacht, erklärte er, er habe vor 
14 Tagen geheiratet. Einen Monat später wurde die Frau, die von Sy¬ 
philis verschont blieb, gravid und gebar am normalen Schwangerschafts¬ 
ende einen blähenden Knaben, der in siebenjähriger Beobachtung stets 
gesund blieb. 

Lang ledert (zitiert nach Wolff) erzählt mehrere Fälle aus seiner 
Praxis, z. B. einen Fall von einem Mann, der kurz nach einer außer¬ 
gewöhnlich schweren Syphilis sich verheiratete und jetzt 7 gesunde 
Kinder hat, wovon das älteste 20 Jahre alt ist. Die Mutter wurde nie 
angesteckt. 

Fournier (Die Vererbung der Syphilis) teilt einen Fall Ray¬ 
nauds mit, der einen Ehemann betrifft, der außerehelich Syphilis akqui¬ 
rierte, durch mehrere Monate unter verschiedenen Vorwänden seiner 
Frau fernblieb, bis er sich eines Tages vergaß. Tags darauf eilt der 
Patient zu R., der ausgebreitete Plaques im Halse des Patienten konsta- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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tiert. 9 Monate später, auf den Tag, genas die gesund gebliebene Frau 
des Patienten eines kräftigen Kindes, das, von R. sorgfältig beobachtet, 
nie die geringsten Erscheinungen von Syphilis darbot. 

Im Falle Grefsbergs (zitiert nach Finger) verlobte sich ein 
junger Mann 19 Wochen nach der Infektion, mit einem papulösen Exan¬ 
them bedeckt. Infolge zu vertraulichen Umgangs mit der Braut in den 
ersten Verlobungswochen, zur Zeit als Patient eine merkurielle Kur eben 
erst beginnen sollte, mußte die Hochzeit beschleunigt werden. Die Mutter 
blieb gesund und gebar ein kräftiges Kind, das während zweijähriger 
Beobachtung stets gesund blieb. 

Analog ist auch ein Fall Grünfelds, in dem ein Mann mit 8 1 /, 
Monate alter Syphilis ein gesundes und in zweijähriger Beobachtung ge¬ 
sund bleibendes Kind zeugte. 

Gegen solche Beobachtungen, daß sehr häufig von rezent 
syphilitischen Vätern gesunde Kinder stammen, läßt sich auch 
nicht einwenden, daß die anscheinend gesunden Kinder doch viel¬ 
leicht nicht wirklich syphilisfrei, sondern etwa bloß latent syphili¬ 
tisch seien. Denn in einer Anzahl von Fällen wurde eine nach¬ 
trägliche Infektion der gesunden Kinder von 
ihren syphilitischen Vätern beobachtet. 

So teilt Mireur einen Fall mit, daß ein Mann 11 Monate nach 
der Infektion heiratete; seine Frau blieb gesund, gebar ein gesundes 
Kind, das aber, 2 Jahre alt, vom Vater von rezidivierenden Papeln im 
Munde aus mit einer Lippensklerose infiziert wurde. 

Ju 11 ien zitiert folgenden Fall Langleberts: Ein Syphilitiker 
heiratet gegen den Rat seines Arztes, wird Vater eines gesunden Knaben 
und 2 Jahre später, als er zufälliger Weise Plaques an den Lippen hatte, 
infizierte er beim Küssen sein Kind, welches einen harten Schanker an 
der Lippe bekam. 

Kurz, die Tatsache, daß rezent syphilitische Männer, wenn 
sie ihre Frauen nicht infiziert haben, vollständig gesunde Kinder 
zeugen können, ist allgemein anerkannt. An dieser Möglich¬ 
keit zweifelt auch heute niemand mehr. 

v. Düring, welcher die Anschauung Fingers teilt, daß die In¬ 
fektion der Spermazelle eine fakultative, keine obligatorische ist, sagt 
zur Begründung seiner Anschauungen, „es wäre sonst nicht zu verstehen, 
wie ein rezent syphilitischer Mann ein gesundes Kind zeugen kann und 
nach der Geburt dieses Kindes seine Frau infiziert; Kassowitz meint 
zwar, solche Beobachtungen seien selten, aber sie kommen doch vor; 
Fournier erwähnt solche und ich selbst verfüge über einen gleichen 
Fall: Ich hatte den Vater kurz vor der Hochzeit an rezenter Syphilis 
behandelt. Er heiratete gegen meinen Rat. Die Frau gebar zur richtigen 
Zeit ein gesundes Kind. Einige Monate nach der Geburt des Kindes 

Matzen an er, Vererbung der Syphilis. g 


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Matzenauer. 


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stellte sich mir die Frau mit Primäraffekt am linken kleinen Labinm, 
Drnseuschwelluug und Roseola vor“. 

Die weitere heute in den Vordergrund gerückte Frage 
ist aber die, ob derartige, wenngleich nicht seltene Beobach¬ 
tungen nicht immerhin doch Ausnahmen von dem im allgemeinen 
gütigen Axiom yorstellen, daß nämlich in der Regel von einem 
rezent syphilitischen Vater trotz gesunder Mutter kranke Kinder 
stammen sollen, d. h. ob also jene Beohachtungsreihe 
von gesunden Kindern rezent syphilitischer Väter 
nicht einfach derAusdruck der (ja nicht obligaten 
sondern nur) fakultativen Vererbungsfähigkeit 
von Seite des Vaters ist. 

Wir müßten zur Entscheidung dieser Frage, ob die Geburt 
gesunder Kinder von syphilitischen Vätern bei gesunder Mutter 
ein relativ seltenes oder häufiges Vorkommnis büdet, eigentlich 
ein massenhaftes Beobachtungsmateriale mobilisieren. Ähnliche 
Beobachtungen nun, daß von einem kranken Vater gesunde 
Kinder stammen können, wenn nur die Mutter gesund geblieben 
ist, ließen sich aus der Literatur in der Tat in großer Zahl an- 
führen; ihre Zahl ist Legion geworden; doch können wir deren 
Aufzählung ruhig übergehen, da wir gleiche E rfahrungen 
sozusagen täglich machen können. 

Jullien sagt: „Es gibt keinen Praktiker, welcher nicht unter 
seinen Freunden und Klienten eine ansehnliche Zahl Syphilitiker kennen 
würde, die sich nach einer mehr minder guten Behandlung verheiratet 
haben und bei sorgfältiger Beachtung, die Frau nicht zu in¬ 
fizieren, gesunde Kinder gezeugt haben ohne die geringsten Sy¬ 
philiserscheinungen. Aber noch mehr, in zahlreichen Beobachtungen 
sehen wir eine Ehe eingehen im frischen Sekundärstadium; die Kon¬ 
zeption mag stattfinden zur Zeit, als der Vater gerade sehr 
charakteristische Erscheinungen zeigte und trotzdem wird die 
Mutter, wenn sie syphilisfrei geblieben ist, naoh einer nor¬ 
malen Schwangerschaft vollständig gesunde Kinder gebären, an welchen 
trotz mehrjähriger Überwachung keine Spur von Syphilis zu konstatie¬ 
ren ist.“ 

Lauglebert ruft aus: „Wie viele Syphilitiker könnte ich zitieren, 
welche sich verheiratet haben und, trotzdem manche in voller Sekundär¬ 
periode waren, doch gesunde Kinder bekamen ohne geringstes Symptom 
der väterlichen Erkrankung.“ 

Schon Diday sagte: „Wir gestehen gerne zu, daß ein Mann mit 
virulenter Syphilis ein gesundes Kind zeugen kann, wir halten das 
sogar für die Regel (nous en ferons meme la rägle genärale).* 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Boeok, welcher die theoretische Möglichkeit paterner Vererbung 
swar zugibt, stellt sie doch als ein sehr seltenes Vorkommnis hin und 
sagt, „daß der Mann die Syphilis nur selten vererbe; daher 
jedem ohne Rücksicht auf vorangegangene Infektion die Ehe zu gestatten 
sei, da derselbe, sobald er das rezente Stadium durchgemacht 
hat, weder auf seine Frau noch auf die eventuellen Nachkommen die 
Syphlis überträgt; und noch nie, sagt Boeck, habe ihm jemand Vor¬ 
würfe gemacht, wenn er ihm unter den angegebenen Umständen die 
Ehe gestattete“. 

Notta hat 18 Fälle publiziert, in welchen der Vater allein mit 
Syphilis in die Ehe trat; 14 dieser Männer hatten gesunde Kinder, 4 
zeugten syphilitische Kinder, in diesen letzteren Fällen war jedesmal die 
Matter angesteckt worden. 

Wolff hat 12 Beobachtungen ausführlich mitgeteilt, in welchen 
aus Ehen mit rezent syphilitischen Männern gesunde Kinder stammten 
und zwar heirateten von diesen Männern 3 nach 1 Jahr, 4 nach 2 Jahren, 
2 nach 3 Jahren, 2 nach 4 Jahren, 1 nach ? 

Adam Oewre verfolgte als Familienarzt die Ehen von 60 Syphi¬ 
litikern, welche, ohne ihre Frau zu infizieren, alle gesunde Kinder be¬ 
kamen. Er schließt daraus, daß die hereditäre Syphilis immer eine In¬ 
fektion der Frau voraussetzt und ausschließlich auf diese zurückzu- 
fuhren ist. 

Fonrnier (Syphilis et manage) berichtete über 87 einschlägige 
Beobachtungen, in denen die verheirateten Syphilitiker ihre Frauen nicht 
infiziert hatten und absolut gesunde Kinder zeugten (im ganzen 156 
Kinder) und bekennt sogar in seiner neueren Arbeit über: „Die Ver¬ 
erbung der Syphilis“, daß er „heute diese Zahl (87) verdreifachen könnte“. 

Kassowitz citiert diese höchst beachtenswerten Be¬ 
obachtungen in anderem Sinne und sagt: 

„Fournier hat nicht weniger als 87 Falle skizziert, in 
denen der Vater rezent syphilitisch war, wiederholt mit Queck¬ 
silber behandelt wurde und mit einer gesunden Frau gesunde 
Sinder zeugte. a 

Kassowitz meint allerdings, „Fournier denke gar 
nicht daran, aus dieser Tatsache eine andere Konsequenz zu 
ziehen, als daß man durch eiue energische merkurielle Behandlung 
des Vaters eine syphilisfreie Nachkommenschaft erzielen könne“. 

Kassowitz interpretiert eben die Tatsache, welche 
Fournier gibt, nach seiner Weise. Die Tatsache steht jeden¬ 
falls fest, daß sehr häufig rezent syphilitische Väter 
mit einer gesunden Frau gesunde Kinder zeugen 
können. Daß Fournier im Gegenteil gar nicht daran dachte, 
^was Kassowitz ihm imputieren will, erhellt aus folgenden 

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Matze Dauer. 


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eigenen Worten Fonrniers: „Man könntezam Glauben geneigt 
sein, daß es sich in diesen Fällen um Männer handelte, deren 
Syphilis durch Behandlung oder Zeit geheilt ist. Dem ist 
aber nicht so! Analysiert inan diese Fälle, so kommt man 
vielmehr zur Überzeugung, daß auch von Syphilis nicht 
geheilte Männer gesunde Kinder zeugen können! 
Beweis dafür: zahlreiche Fälle, in denen seit längerer Zeit 
syphilitische Männer gesunde Kinder zeugten und dann Monate 
oder Jahre später noch Erscheinungen von Syphilis darboten, 
zum Beweis, daß ihre Syphilis noch nicht geheilt war, als 
sie jene Kinder zeugten.“ 

Die Erfahrungstatsache von F o u r n i e r, wornach zahl¬ 
reiche rezent syphilitische, aber behandelte Männer mit gesunden 
Frauen gesunde Kinder zeugen, legt vielmehr eine andere 
Deutung viel näher: Die sorgfältig behandelten Män¬ 
ner werden naturgemäß seltener mit nässenden 
d. h. infektiösen Syphilis formen behaftet sein, 
und infolge dessen wird sich der Fall seltener ereignen, daß 
sie ihre Frauen infizieren. Aus diesem Grunde, weil also ihre 
Frauen frei von Syphilis geblieben sind, erleben sie die Freude, 
gesunde Kinder zu haben! 

Eine schöne Bestätigung dieser Anschauung bringt C h a r- 
riers Fall: 

1855 leidet der Mann an Psoriasis palmaris, die Fran an Kondy¬ 
lomen ad anum; sie ist gravid im 8. Monat; das hereditär luetische Kind 
starb bald. 1856 abortierte die Frau im 4. Monat, 1858 hatte sie eine 
Frühgeburt im 7. Monat. Zu gleicher Zeit bekam der Mann von 
seiner Maitresse ein Kind, welches ebenso wie seine Mutter — bis jetzt, 
wo das Kind 8 Jahre alt ist — gesund geblieben ist. Es könnte bezweifelt 
werden, ob dieses Kind wirklich von diesem Vater ist; ich muß aber bei¬ 
fügen, daß es ganz seinem Vater gleicht und eine Mißbildung des Daumens 
zeigt, wie sie in seiner Familie hereditär ist. 

Cullerier fugt noch bei: „Für mich ist diese Beobachtung voll¬ 
ständig beweiskräftig: sie enthält Probe und Gegenprobe. tt 

Sehen wir dagegen diesen Fall durch die Brillen an, 
welche uns Kassowitz aufsetzt: 

„Charier erzählt, daß ein syphilitischer Mann seine Frau infi¬ 
zierte und später mit ihr 8 syphilitische Kinder zeugte. Dieser unterzog 
sich selbst zu wiederholten Malen merkuriellen Kuren, während seine 
Frau nur höchst unvollständig und lässig behandelt wurde. Gleichzeitig 
mit der 8. Entbindung seiner Frau gebar seine Maitresse, angeblich 


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Die Vererbung der Syphilis. 


85 


von ihm (!), ein gesundes Kind. — Dieser Fall ist — selbst die außer¬ 
eheliche Paternität als verläßlich angenommen — nur so su interpretieren, 
daß das 3. Kind seine Syphilis nur mehr der unvollständig behandelten 
syphilitischen Mutter verdankte, während der durch die Merkurialkuren 
von seiner Zeugungssyphilis befreite Vater mit einem gesunden Weibe 
ein gesundes Kind sengte.“ 

Durch die Kassowitzsche Brille gesehen erkennen wir 
diesen schönen Fall Charriers kaum wieder, er ist zu einem 
Zerrbild geworden! Die Vaterschaft des außerehelichen 
Kindes wird in Zweifel gezogen, die familiäre Daumen¬ 
mißbildung wird verschwiegen, die legitime Frau muß schlecht 
behandelt worden sein, dagegen ist der Vater durch glänzende 
Merkurialkuren von seiner Zeugungssyphilis befreit worden, 
so daß er — mit einem gesunden Weibe ein gesundes Kind 
erzeugte 1 

Ich habe selbst gleichfalls eine ganze Reihe 
(Uber 100) rezent syphilitischer Männer in ihrer 
Ehe behandelt und immer beobachtet, daß sie mit 
ihren gesunden Frauen gesunde Kinder zeugten. 

Ein besonders illustrativer Fall dieser Art betraf einen ehemaligen 
Arzt unserer Klinik, welcher wenige Wochen vor seiner Hochzeit 8yphilis 
akquirierte und trotzdem heiratete. Ein Jahr später rief er mich zu 
seinem vollständig gesunden, bei der Geburt 4200 g schweren Kinde wegen 
eines Eczema intertrigo. Auf meine Frage, wie er es aber wagen konnte, 
mit einer floriden Syphilis trotzdem mit seiner Frau zu verkehren, ant¬ 
wortete er, daß er infolge der von mir (wiederholt in Kursen 
und den übrigen Ärzten der Klinik gegenüber) geäußerten 
Anschauung von der nicht erwiesenen Existenz einer 
paternen Vererbung vollständig überzeugt, nur sorgfältig 
darauf achtete, daß er nicht zur Zeit von nässenden 
Syphiliserscheinungen mit seiner Frau Verkehr habe, um diese 
vor einer Infektion zu bewahren. Und in der Tat blieb die Frau frei von 
Syphilis und ebenso das Kind (bis heute noch, 2 Jahre nach der Geburt 
des Kindes). 

Während also einerseits von einer rezent syphilitischen 
Matter mit großer Gesetzmäßigkeit fast immer die Krankheit 
auf das Kind vererbt wird, sehen wir andererseits in einer 
außerordentlich großen Zahl von rezent syphilitischen 
Vätern keine Vererbung auf das Kind eintreten, wenn nur die 
Mutter sicher gesund blieb. 

Diesen Fällen, in welchen eine Vererbung von Seite des 
rezent syphilitischen Vaters auf das Kind nicht erfolgte, steht 


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Matzenauer. 


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aber eine ansehnliche Zahl von Beobachtungen gegenüber, in 
welchen trotz „anscheinend“ gesunder Mutter bei sicher 
constatierter Syphilis des Vaters eine Vererbung der Krankheit 
wirklich eintrat. 

Nach der bisherigen Lehre der germinativen Vererbung 
und der dabei geforderten Gleichberechtigung der Keimzellen 
müßte man erwarten, daß die Vererbung von einem rezent 
syphilitischen Vater in annähernd gleicher Häufigkeit erfolgt 
wie von einer rezent syphilitischen Mutter. Das ist aber keines¬ 
wegs der Fall, sondern nach unserer Anschauung, welche mit 
jener der soeben zitierten Autoren übereinstimmt, entspringen 
aus Ehen von syphilitischen Vätern und gesunden Müttern 
immer gesunde Kinder. Nach der Anschauung der Anhänger 
der paternen Vererbung allerdings nicht immer! Immerhin 
aber geben doch auch die Anhänger der paternen Vererbung 
fast ausnahmslos übereinstimmend zu, „daß beide Eltern 
in dem Anteile, der ihrer Syphilis bei der Vererbung zukommt, 
nicht gleichberechtigt sind, indem die Syphilis 
des Vaters sich relativ seltener auf die Nach¬ 
kommenschaft vererbt als die der Mutter“. (Finger.) 
Lesser sucht die Tatsache, daß die Vererbbarkeit der 
mütterlichen Syphilis die der väterlichen zeitlich 
bedeutend überdauert, aus der verschiedenen Ent¬ 
wicklung der Keimzellen bei beiden Geschlechtern zu erklären. 
In allen Lehrbüchern wird ausnahmslos zugestanden, daß dem 
mütterlichen Elinfluß eine größere Bedeutung zukommt als dem 
väterlichen bezüglich der Häufigkeit und der Dauer der Ver¬ 
erbung. 

Von einer aprioristisch geforderten Gleichberechtigung der 
beiden Keimzellen bei der Vererbung kann also in Wirklichkeit 
keine Rede sein. 

Wenngleich man in früheren Jahren aus dem Umstande 
allein, daß die Syphilis in der Majorität der Fälle von dem 
Manne in die Ehe gebracht wird, auf die Häufigkeit patemer 
Vererbung hinweisen zu dürfen glaubte, so haben doch selbst 
die Anhänger der paternen Vererbung diese Tatsache sehr vor¬ 
sichtig verwertet und sich wohl gehütet, daraus weiter gehende 
Schlüsse zu deduzieren. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Denn umgekehrt kann man und hat mau aueh tatsächlich 
wiederholt schon auf das auffällige, unleugbare Mißverhältnis 
zwischen der großen Zahl syphilitischer Ehemänner und der 
relativ geringen Zahl syphilitischer Kinder verwiesen. Fournier 
selbst gesteht: „Diese Beobachtung ist richtig. Gewiß, es 
gibt viel mehr syphilitische Väter als hereditär¬ 
syphilitische Kinder.“ 

Natürlich beweist auch diese Beobachtung allein nichts. 
Denn es ist klar, daß die Konstatierung der väterlichen Syphilis 
allein in keinem Falle genügt und daß (in solchen Ehen zwischen 
einem schon von früher her syphilitischen Mann und einer bis 
dahin gesunden Frau) die ganze Frage, ob für die Syphilis des 
Kindes wirklich nur der Vater verantwortlich gemacht werden 
darf, sich natürlich immer um den einen Punkt dreht, ob die 
früher gesunden Frauen auch weiterhin in der Ehe von Syphilis 
verschont geblieben sind. 

Da sich aber die Möglichkeit einer Syphilisübertragung in 
der Ehe von dem schon früher infizierten Mann auf die 
bisher gesunde Frau schwer ausschließen oder negieren läßt, 
da vielmehr in vielen solcher Ehen eine Infektion der Frau 
nachgewiesenermaßen stattfindet, und da endlich außerdem 
solche anscheinend gesunde Frauen immun gegen eine 
spätere Syphilisinfektion sind, standen die allermeisten Autoren 
und speziell Syphilidologen, wenngleich sie die theoretische 
Möglichkeit einer paternen Vererbung zugaben, doch allerzeit 
auf dem Standpunkte, daß doch auch eine anscheinend gesunde 
Mutter, sobald sie einmal ein syphilitisches Kind geboren habe, 
selbst syphilitisch sei. Insbesondere steht die weitaus größte 
Gruppe der französischen Autoren mit Fournier, Juliien, 
Diday auf dem Standpunkte, daß es wohl eine paterne Ver¬ 
erbung gebe, „drücken aber die Bedeutung der paternen Ver¬ 
erbung“, wie Finger hervorhebt, „dadurch herunter, daß sie 
die Behauptung aufstellen, jede Mutter eines syphilitischen 
Kindes sei stets und immer syphilitisch, wenn auch die Syphilis 
derselben sich oft durch kein Symptom äußere.“ (Die Quelle 
der mütterlichen Syphilis suchten diese Autoreu durch Choc 
en retour zu erklären.) 

Mauriac erklärt ausdrücklich, „die paterne Syphilis sei nie rein, 
sondern kompliziere sich stets durch den Anteil der vom Fötus infi¬ 
zierten Matter“. 


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88 


Matzenauer. 


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„P&8 de Syphilis hereditaire sans infection de la mere!“ 
Von diesem Grundsätze ausgehend kann die 
Frage einer paternen Vererbung überhaupt nur 
beim Erstgeborenen aufgeworfen werden, denn bei allen späteren 
Kindern, wenn einmal die Mutter selbst als syphilitisch be¬ 
trachtet wird, muß ja trotz theoretischer Annahme der Möglich¬ 
keit einer paternen Vererbung die Frage offen bleiben, ob das 
syphilitische Kind seine Krankheit vom ursprünglich infizierten 
Vater oder von der später infizierten Mutter überkommen hat. 

Es hat sich im Laufe der Zeit mit der allgemein zu¬ 
nehmenden Exaktheit der Beobachtungen und der genaueren 
Kenntnis der Krankheitserscheinungen ein auffälliger Umschwung 
der Meinungen in der Richtung vollzogen, daß angebliche 
Beobachtungen von vermeintlich rein paterner 
Vererbung immer seltener wurden. 

Langlebert, 1864 noch auf dem Standpunkt der paternen Ver¬ 
erbung, sagt 1873: „Ich erkläre, niemals in meiner Praxis syphilitische 
Kinder, die von syphilitischen Vätern stammen, gesehen zu haben, ohne 
daß die Mutter selbst früher infiziert worden wäre.“ 

Mirenr spricht sich dahin aus, daß die paterne Nichtübertragung 
die Regel und nicht die Ausnahme sei. 

Sigmund sagt: „So oft ein Kind zweifellos Syphilis aus dem 
Uterus auf die Welt brachte (also eine wahre und angeborene Syphilis 
darbot), fand sich auch an der Mutter mehr oder minder deutlich ent¬ 
wickelte Erscheinungen der Syphilis, und mir ist kein genau untersuchter 
und lange genug beobachteter Fall bekannt geworden, in welchem die 
Übertragung dor Syphilis auf sein Kind durch dessen Erzeuger vermittelt 
worden und die Mutter dabei gesund geblieben wäre. Ich bin daher zu 
der Ansicht gelangt, daß die Erbschaft der Syphilis zunächst 
von der Mutter ausgeht.“ 

Ga i Ile ton (zitiert nach Jullien), einst ein eifriger Vertreter 
der paternen Vererbung, „hat doch selbst niemals hievon ein über¬ 
zeugendes Beispiel angetroffen; er habe zwar oft gesehen, daß ein syphi¬ 
litisches Kind aus einer Ehe stammt, in welcher nur der Vater früher 
syphilitisch war, aber bei sorgfältiger Nachforschung habe er doch immer 
gefunden, daß die Syphilis von dem Oatten auf die Frau 
zu verschiedenen Zeiten des Ehelebens übergegangen sei.* 
Finger erklärt: „Daß Väter mit rezenter, florider, unbehandelter 
Syphüis gesunde Kinder zeugen, ist schon deshalb selten zu beobachten, 
weil in einem solchen Falle meist die Frauen infiziert werden,* 
und gesteht sogar zu, „daß die Syphilis des Vaters sich rela¬ 
tiv seltener auf die Nachkommenschaft vererbt, als die 
der Mutter.* 


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Die Vererbung der Syphilis. 


89 


Jnllien hält die Einflußnahme des Vaters für äußerst selten, 
sogar für ausnahmsweise (Influence du p&re: Nous la croyons 
extrömm einen t rare, exceptionelle meine) und gesteht zu, daß 
die Annahme einer väterlichen Vererbung „nous est bien plutöt 
commandee par le nombre et l’autoritö des maitres qui 
croient ä l’influence du gönitenr, que parlavaleur de leurs 
observation8. En efiet, nous ne pouvons nous empecher de remarquer, 
combien les faits qu‘on nous oppose pretent le flance ä la critique“. 

„Nous ne croyons point nous eloigner de la vörite en ne lui (s. ä 
l’höreditä paternelle) assignant qu’un role inflniment restreint; nous ne 
croyons point etre injuste en demandant que son influence soit demontree 
par des faits nouveaux empreints d’une plus grande rigueur.“ 

Wolff erklärt: „In allen Fällen, wo der Vater syphilitisch war 
und er seiner Frau die Krankheit nicht übertragen hatte, werden die 

Kinder gesund geboren und bleiben es auch.Wir müssen nun 

in allen Fällen, wo ein Kind syphilitisch geboren wird oder nach der 
Geburt Erscheinungen von Lues hereditaria zeigt, die causa proxima der 
Krankheit des Kindes bei der Mutter und nicht beim Vater suchen. Ich 
habe niemals ein hereditär luetisches Kind gesehen, wo die Mutter nicht 
mehr oder minder ausgeprägte Zeichen von Lues an sich trog uder zugab, 
syphilitisoh gewesen zu sein. Wenn ein Mann an Lues leidet oder ge¬ 
litten hat, kann er die Krankheit nicht auf seine Nachkommenschaft 
übertragen, ohne daß er seine Frau infiziert. Kurz gefaßt lautet dann das 
Gesagte: es gibt keine paterne Vererbung. 

Fournier gibt zu: „Bis vor kurzem war die Vererbbarkeit der 
Syphilis vom Vater zum Kinde fast einstimmig und widerspruchslos zu¬ 
gegeben . . . . In der letzten Zeit hat sich jedoch die Sach¬ 
lage sehr geändert. Zahlreiche Beobachtungen, hervorragende Ar¬ 
beiten erschienen (siehe Fournier: Syphilis et mariage, IL Auflage), 
die alle den Zweck verfolgten, die Möglichkeit der paternen Vererbung 
der Syphilis sehr einzuschränken. Für zahlreiche Autoren |ist die väter¬ 
liche Vererbung eine seltene, ja geradezu ausnahmsweise Beobachtung. 
Ja man ging noch weiter, man ging so weit, die väterliche Vererbung 
ganz zu leugnen und zu sagen: Der Einfluß des Vaters ist null, absolut 
null. Das Kind eines syphilitischen Vaters wird gesund geboren und bleibt 
gesund, frei von Syphilis. 41 (Fournier selbst glaubt natürlich heute 
noch an die Möglichkeit einer paternen Vererbung.) 

Zur Stütze der Annahme einer paternen Vererbung führt 
Kassowitz an: „Oie eingestandene und konstatierte 
ältere und im Beginn der Ehe entweder latente 
oder in nicht infizierenden Symptomen sich 
äußernde Syphilis des Mannes.“ 

Kassowitz bringt in dieser Richtung mehrere Beobach¬ 
tungen, daß Männer mit 7- und 9jähriger Syphilis geheiratet 


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Matzenauer. 


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haben, die Frauen frei von Syphiliserscheinungen blieben und 
die Kinder hereditär luetisch waren. Der Schluß, welchen 
Kassowitz zwar nicht ausspricht, welcher aber zwischen den 
Zeilen zu lesen ist, nämlich daß die Frau Ton ihrem Manne 
deshalb wahrscheinlich nicht mehr infiziert worden sei, weil dieser 
eine bereits ältere Syphilis hatte, wodurch die Annahme einer 
paternenVererbung umso wahrscheinlicher wird, ist absolut uustatt- 
haft, da man mit demselben Anrecht auf Wahrscheinlichkeit oder 
Unwahrscheinlichkeit die Möglichkeit der Übertragung durch Kon¬ 
taktinfektion wie durch Vererbung nach so langer Zeit annehmen 
oder ablehnen mag. Wenn es auch nicht zu den gewöhnlichen 
Ereignissen gehört, daß ein Mann mit einer 7- oder 8jährigen 
Syphilis seine Frau noch infiziert, so sind doch derartige sicher 
konstatierte Beobachtungen häufig genug, um uns nicht mehr 
zu überraschen. Eine Übertragung der Syphilis durch Kon¬ 
taktinfektion selbst noch nach vielen Jahren ist also mit 
ebensoviel Wahrscheinlichkeit anzunehmen als eine Ver¬ 
erbung nach gleich langer Zeit. Berichtet ja auch Kasso¬ 
witz selbst über derartige Erfahrungen! 

Beim zweiten Falle, welchen Kassowitz unter diesen Beob¬ 
achtungen an fahrt, dürfte übrigens eine Verwechslung zwischen „tertiärer“ 
Syphilis und 8yphilis maligna praecox unterlaufen sein. 

Kassowitz glaubt wie Finger, daß die „tertiären“ 
Syphilisformen durch Kontaktinfektion nicht übertragbar 
sind, er muß aber gleichwohl zugestehen, daß eine Vererbung 
noch im „tertiären“ Stadium vorkommt. Finger dagegen hält 
die „tertiäre“ Syphilis, welche er durch Toxine und nicht 
durch Syphilisbakterien entstehen läßt, weder durch Kontakt¬ 
infektion noch hereditär übertragbar. 

Znr Erklärung der jedoch nicht wegzuleugnenden Tatsache, daß 
Syphilis bisweilen noch nach vielen Jahren vererbt werden kann, nimmt 
Finger an, daß, ebenso wie ausnahmsweise Gummen schon im Früh- 
stadium erscheinen können, sich auch gelegentlich umgekehrt das 
Sekundärstadium ausnahmsweise über längere Zeit ausdehnen könne, d. h. 
wenn ausnahmsweise eine Vererbung noch nach späten Jahren statt- 
findet, so müsse man annehmen, daß die betreffende Mutter doch noch 
im Sekundärstadium sich befunden habe. 

Diese ganze Irrlehre muß endlich fallen gelassen werden 1 

Die Behauptung Fingers, wonach die tertiäre Syphilis 
hereditär nicht übertragbar sei, widerspricht einfach rundweg 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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den tatsächlichen Erfahrungen. Fälle, in welchen noch nach 
10—20 Jahren (also doch sicher im Spätstadium!) Syphilis 
vererbt wurde, sind keineswegs allzuseltene Beobachtungen. 
Fournier sagt: .Es gibt keinen Zweifel, daß selbst eine 

sehr alte Syphilis sich noch zu vererben vermag. Und dieB 

ist so sicher, daß ich nicht verstehe, wie die so verbreitete 

Ansicht aufkommen konnte, die tertiäre Syphilis sei nicht 
infektiös.“ 

Ana Fournier« Tabelle ist zu entnehmen, daß er sogar Fehl¬ 
geburten noch beobachtete je 4 mal nach 10 und 11 Jahren, je 3mal 
nach 12 und 13 Jahren, 2mal nach 14 Jahren und je einmal nach 16, 
resp. 16, re«p. 17 Jahren. Die Geburt eines syphilitischen Kindes beob¬ 
achtete Fournier einmal nach 19 Jahren, Henooh und Weil nach 
20 Jahren. Fournier berichtet über eine nicht behandelte Frau, bei 
der 19 Graridit&ten zu 19 toten Kindern führten. 

Es bedarf wohl kaum mehr einer besonderen Erwähnung, 
daß häufig genug in solchen Fällen, in welchen bei einer 

alten, oft 10—15jährigen Syphilis noch eine Vererbung statt¬ 
fand, an den betreffenden Müttern gleichzeitig .tertiäre“ 
Syphilisformen sich fanden (Weiander u. a.) 

Es ist daher selbstverständlich, daß jenen Fällen, in 
welchen Männer trotz gummöser Hodensyphilis gesunde Kinder 
zeugten, Fälle, welche immer als Beweis für die Nichtinfektiosität 
der tertiären Syphilis angeführt werden, keinerlei Beweiskraft 
zukommt; denn einerseits ist es ja noch durchaus fraglich, 
ob überhaupt eine spermatische Vererbung existiert, und 
andererseits käme diesen negativen Beobachtungen angesichts 
der ihnen gegenüberstehenden zweifellos positiven Tatsachen, 
wonach tertiär syphilitische Frauen die Krankheit wirklich 
vererbt haben, ohnehin keine Bedeutung zu. 

Die Tatsache also, daß Frauen noch im Spätstadium ihre 
Syphilis vererben können, steht jedenfalls fest. Ebeuso unan¬ 
fechtbar ist, daß die hereditär-luetischen Kinder von solchen 
Müttern mit sehr alter Syphilis denselben Symptomenkomplex 
der stets einheitlichen Erkrankung bieten wie die syphilitischen 
Kinder von Müttern mit rezenterer Syphilis. Die syphilitischen 
Kinder von rezent syphilitischen Müttern können sog. .gummöse“ 
Formen bieten, umgekehrt können die Kinder von tertiär- 
sypbilitischen Müttern sog. „Sekundärerscheinungen“ zeigen, 


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häufig genug kommen sekundäre und tertiäre Erscheinungen bei 
den hereditär-luetischen Kindern gleichzeitig neben einander 
vor (Hochsinger), immer aber ist es dieselbe Syphilis, und 
diese ist immer infektiös; von einem hereditär-luetischen Kind, 
das von einer tertiär-syphilitischen Mutter stammt, kann 
Syphilis eventuell auf die gesunde Amme übertragen werden! 
(Mraöek.) 

Es gibt auch beim Erwachsenen keinen prinzipiellen 
Unterschied zwischen sekundärer und tertiärer Syphilis, es 
gibt nur eine einheitliche Syphilis, die sich allerdings zu ver¬ 
schiedener Zeit meist in verschiedener Form manifestiert; aber 
zwischen den Formen des Früh- und Spätstadiums gibt es 
alle Übergangsformen (Jadassohn); es gibt keine scharfe 
Grenze, bei einem und demselben Individuum können Früh- 
und Spätformen gleichzeitig vorhanden sein (z. B Gummen an 
der Haut, gummöse Zerstörung des Nasengerüstes und gleich¬ 
zeitig nässende Papeln am Genitale oder im Mund etc.), ja 
es können sogar in umgekehrter Reihenfolge erst nach 
gummösen Formen später nochmals sog. sekundäre Formen 
auftreten. 

Es würde zu weit führen, hier auf alle Argumente einzu¬ 
gehen, welche die Annahme einer Sonderstellung des Gumma 
widerlegen; ich verweise diesbezüglich auf meine näheren Aus¬ 
führungen in meinem Lehrbuch der Syphilis. Auch M. v. Zeissl, 
Jadassohn, Neisser, Hochsinger u. a. treten der Toxin¬ 
theorie Finger8 energisch entgegen, und nehmen für die 
Gummen dieselbe EntstehungsUrsache, nämlich die Syphilis¬ 
bakterien selbst, an. 

Als wichtigstes, prinzipiell unterscheidendes Moment 
zwischen Sekundär- und Tertiärerscheinungen wird zumeist 
geltend gemacht, daß die tertiären Formen nicht infektiös 
seien; dies sei eine sowohl durch die Erfahrungen, als auch 
durch Impfexperimente (Profeta, Diday, Finger) erhärtete 
Tatsache. Wenngleich es durch tausendfache Erfahrungen zweifel¬ 
los ist, daß durch Gummen in der Regel keine Infektion ver¬ 
mittelt wird, so stehen doch diesen negativen Erfahrungen 
einige wenige positive Beobachtungen entgegen, und diese 
müssen wohl als entscheidend gelten (Landouzy, Fournier 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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und Landouzy zit. von Feulard, Fournier, Petrini de 
Galatz, Fall Gellhorn zit. von Proksch). Wir müssen 
demnach mit Leloir, Mauriac, v. Zeissl u. a. eine andere 
Erklärung für die Erfahrungstatsache heranziehen, daß die 
Spätformen der Syphilis in der Regel nicht infektiös sind. Die 
Erklärung ergibt sich eigentlich schon von selbst aus der 
meist verschiedenen Entwicklung und Erscheinungsform der 
Früh* und Spätformen: während erstere rasch entstehen, mit 
Vorliebe am Genitale und im Mund immer wieder rezidivieren, 
also an Stellen, von welchen hauptsächlich die Infektion über¬ 
tragen wird, und während sie gerade hier häufig schon in 
kurzer Zeit zu nässender Oberfläche fuhren und einer harm¬ 
losen, nicht spezifischen Erosion oft täuschend ähnlich sehen, 
entwickeln sich dagegen die Spätformen meist ganz allmählich, 
sie sind verhältnismäßig selten am Genitale lokalisiert, und 
wenn ausnahmsweise Gummen am Genitale z. B. an der 
Glans penis auftreten, so bildet sich langsam ein derber Knoteu, 
der in der Regel keine nässende, sondern eine solid über¬ 
häutete Oberfläche hat, ein Knoten, der dem betreffenden 
Individuum auffallen muß, es dauert fernerhin Wochen, oft 
Monate, bis der anfänglich aufgetretene Knoten in der Mitte 
allmählich erweicht und endlich aufbricht. Mundaffektionen 
im Spätstadium repräsentieren sich in der Regel entweder als 
tiefgreifende gummöse Knoten und Geschwüre oder als Ver¬ 
dickungen der Schleimhaut, beide Formen entwickeln sich 
gleichfalls langsam, oft in jahrelang schleichender Verlaufs¬ 
weise. All diese Formen können nicht unbeachtet bleiben, und 
es ist selbstverständlich, daß die Gefahr einer Infektion, vor 
welcher man während und durch die langsame Entwicklung 
der Symptome rechtzeitig gewarnt wird, leichter vermieden 
werden kann. 

Im Frühstadium sind es auch nicht etwa mächtig exulce- 
rierte Primäraffekte oder hypertrophische Papeln, von welchen 
die Infektion gewöhnlich übertragen wird, sondern gerade die 
unscheinbaren, verkannten, oft plötzlich wie über Nacht auf¬ 
schießenden syphilitischen Erosionen, welche in der Regel die 
Infektion vermitteln. 


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Anderweitig lokalisierte Gummen kommen für die zufällige 
Infektionsübertragung noch weniger in Betracht. Daß die 
Impfversuche mit dem Sekret von Gummen wiederholt negative 
Resultate gegeben haben, darf uns nicht Wunder nehmen. 
Wie schon früher erwähnt, fielen ja die in früheren Jahren 
oft versuchten Inokulationen mit sicher virulentem Syphilis¬ 
sekret häufig genug negativ aus; auch viele andere sicher 
infektiöse Erkrankungen wurden in früheren Jahren auf Grund 
häufig negativer Impfversuche für nicht ansteckend erklärt: 
so z. B. wurde bis in die jüngste Zeit Bubonen-Eiter für nicht 
virulent gehalten (v. Zeissl), so auch bedurfte es langer 
Zeit, bis die Entstehung der skrofulösen Drüsen durch Tuberkel¬ 
bazillen allgemein anerkannt wurde etc.; ich erinnere nur 
noch, wie lange die Infektiosität der Lepra geleugnet wurde, 
und ich erinnere an Noma und an Spitalsbrand, *) bei dem 
künstliche Übertragungsversuche auf Menschen und Tiere 
zumeist negativ ausfielen (Willaume, Puhlmann, Fritz, 
Percy, Richeraud, Dupuytreu, Thomas etc.), so daß 
eine große Zahl namhafter Chirurgen die Ansteckungsfähigkeit 
des Spitalsbrands leugneten. 

In dieser Frage müssen wir eine einzige sichere positive 
Beobachtung allen früheren negativen gegenüber als beweisend 
anerkennen. Für die Übertragung der Syphilis noch im Spät¬ 
stadium nach 14, resp. 20 Jahren, sowohl vom Genitale als von 
Mundaffektionen aus liegen wohl konstatierte Beobachtungen 
vor: Nach Landouzy akquirierte die Frau eines Mannes, 
welcher an der rechten Seite des Penis ein Gumma hatte, an 
der linken Vaginal wand einen syphilitischen Primäraffekt, der 
von einem makulösen Exanthem gefolgt war; nach Feulard 
beobachteten Fournier und Landouzy bei der Frau eines 
Mannes, welcher an „tertiärer glatter Zungensyphilis u litt, einen 
Primäraffekt an der Tonsille mit nachfolgenden Allgemein- 
erscheinungen. 

l ) Vgl. Matzenauer. Zur Kenntnis und Ätiologie des Hospital¬ 
brands. Archiv f. Derm. u. Syph. 1901. 

Matzenauer. Noma und Nosocomialgangrän. Archiv f. Derm. 
u. Syph. 1902. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Wir müssen demnach die Möglichkeit der Infektions- 
Übertragung auch noch im Spätstadinm von sog. tertiären 
Erscheinungen zugeben. 

Für unsere Frage jedoch haben wir es gar nicht nötig, 
solche exzeptionelle Fälle heranzuziehen. In den fraglichen 
Ehen handelt es sich ja zumeist gar nicht um eine Infektion im aus¬ 
gesprochenen Spätstadium, sondern die früher gesunden Frauen 
werden von ihren Männern infiziert, welche meist vor wenigen 
Jahren Syphilis akquiriert hatten: allgemein gilt als Regel, 
daß den betreffenden Männern nach 3 Jahren der ärztliche 
Ehekonsens gegeben wird. Wenngleich nach dieser Zeit vielleicht in 
der Mehrzahl der Fälle wohl keine Infektion der Frau mehr 
stattfinden mag und daher der Ehe gesunde Kinder entstammen, 
so ist es andererseits doch auch keineswegs selten oder über¬ 
raschend, daß der Mann auch noch nach einer 3jährigen 
Quarantäne doch nässende Syphilisformen bekommt und dadurch 
seine Frau infiziert, so daß diese syphilitische Kinder gebärt. 

Wir können daher in dem Umstand, daß der Mann zu 
Beginn der Ehe eine „ältere entweder latente oder in nicht 
infizierenden Symptomen sich äußernde Syphilis“ hat, keines¬ 
wegs eine Garantie erblicken, daß er nicht über kurz oder lang 
doch wieder infektiöse Syphilisformen bekommen wird. 

Kassowitz führt ferner als indirekten Beweis für die 
Gesundheit der Mutter eines hereditär luetischen Kindes an, 
daß „die Geburt eines reifen, lebensfähigen, wenn 
auch sypolitischen Kindes gegen eine rezente 
(1—2 jährige), nicht behandelte Syphilis des Ver¬ 
erbenden spreche“. 

Nach seinem Gesetz der Vererbung der Syphilis erfolgt von rezent 
syphilitischen Eltern bei spontanem Verlauf der Syphilis die Vererbung 
in jedem Falle unbedingt, und zwar derart, daß anfangs Aborten, später 
Frühgeburten, dann reife, lebensfähige, wenn auch syphilitische Kinder 
und endlich nach Jahren anscheinend gesunde, kräftige Kinder geboren 
werden, bei welchen Syphiliserscheinungen erst mehrere Wochen später 
anftreten. Die Geburt eiues reifen, lebensfähigen, wenn auch syphilitischen 
Kindes soll also nach Kassowitz nicht innerhalb der ersten 2 Jahre 
nach der Infektion eines der beiden Eltern zu erwarten sein. Ein Beispiel 
(Beobachtung von Kassowitz) illustriert das Gesagte besser: Eine ge¬ 
sunde Frau hat in erster Ehe ein gesundes Kind. Sie löste dann das 
Verhältnis und lebte 2 Jahre mit einem Manne, der früher Soldat war. 


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Sie gebar dann ein reifes Kind, welches 16 Wochen lang gesund schien und 
dann an maculösem Exantbem erkrankte. 

Kassowitz erklärt den Fall folgendermaßen: „Hier spricht nicht 
nur die Lebensfähigkeit des Kindes, sondern speziell auch der späte Aus¬ 
bruch und die sehr geringe Intensität der Erkrankung des Kindes 
für eine veraltete und bedeutend abgeschwächte Syphilis des Vererbenden. 
Da aber die Mutter 2 Jahre früher ein ganz gesundes Kind geboren 
batte, so ist sie schon aus diesem Grunde, abgesehen von dem ganz 
negativen Befand, von der Vererbung der Syphilis auf ihr Kind aaszu¬ 
schließen. Die Mutter war und ist vollkommen gesund." 

Abgesehen davon, daß man in diesem Falle von der Dauer der 
Syphilis des Mannes keinerlei Kenntnis hat, setzt aber die Beobachtung 
der Mutter erst 2 Jahre später nach einer eventuell möglichen Infektion 
einl Auf die negative Angabe der Mutter und das negative Resultat 
zur Zeit der Untersuchung 2 Jahre nach dem wahrscheinlichen Infek¬ 
tionsdatum basiert Kassowitz seine Angabe, daß die Mutter stets 
gesund war. 

Wenngleich das Kassowitsche Gesetz derVer- 
erbung aber häufig zutrifft, so sind doch gegen¬ 
teilige Beobachtungen, daß rezent syphilitische 
Eltern, und speziell Mütter, selbst vollständig 
gesunde Kinder haben können, wiederholt be¬ 
obachtet worden; die Vererbung muß nicht uu- 
bedingt in jedem Falle erfolgen, sondern bloß 
fakultativ. Dies beweisen am klarsten jene Fälle von 
Zwillingsgeburten, in welchen ein Zwilling gesund, der andere 
syphilitisch ist; dies beweisen ferner alle Ausnahmen vom sog. 
P r o f e t a sehen Gesetz, wonach gesunde Kinder rezent syphili¬ 
tischer Mütter innerhalb der ersten Lebensjahre mit Syphilis 
infiziert werden konnten; für diese Fälle kann auch nicht 
etwa eingewendet werden, daß die Gesundheit der Kinder 
vielleicht nur eine scheinbare gewesen sei, da durch die spätere 
Akquirierung eines Primäraffektes die frühere Gesundheit 
erwiesen ist 

Wenn also von rezent syphilitischen Müttern sogar voll¬ 
ständig gesunde Kinder geboren werden können, so ist es 
eigentlich schon selbstverständlich, daß noch häufiger leicht 
affizierte syphilitische Kinder Vorkommen. 

Ich darf mich in diesem Sinne wohl darauf beschränken, 
nur gegenüber Kassowitz die neuere Arbeit Fingers 1898 
zu zitieren: „Kassowitz erklärt also die Vererbung der 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Syphilis im Frühstadium für obligatorisch und beide Eltern 
für gleichberechtigt Dieser Standpunkt ist heute 

wohlalsverlassenanzusehen.trotzrezenter, 

nicht behandelter Syphilis selbst beider Eltern 
werden gesunde Kinder beobachtet.“ Man kann daher 
aus dem Umstande, daß eine Frau am normalen Ende der 
Schwangerschaft ein anscheinend gesundes Kind gebärt, das 
mehrere Wochen später erst Zeichen von hereditärer Lues bietet, 
keineswegs schließen, daß die Infektion der Eltern mit Syphilis 
vor mehr als 2 Jahreu stattgefunden habe, noch weniger aber, 
daß diese Frau frei von Syphilis sei. 

Während Kassowitz auf der einen Seite selbst zugibt, 
daß man aus der Intensität der Erkrankung des Kindes 
keinen Rückschluß auf die Schwere der elter¬ 
lichen Syphilis ziehen dürfe, so daß schwer syphi¬ 
litische Kinder selbst von latent syphilitischen 
Eltern stammen können, stellt er andererseits das Dogma 
aut, daß man aus der Intensität der kindlichen Erkrankung 
absolut sicher auf das Alter der elterlichen Syphilis rück¬ 
schließen dürfe, indem von einer rezenten und deshalb inten¬ 
siveren Syphilis der Eltern eine proportional schwerer erkrankte 
Frucht stammen müsse als von einer älteren und deshalb schon 
mitigierten Syphilis der Eltern. 

Wir haben dagegen früher gefunden, daß die verschiedene 
Intensität der Syphila bei Mutter und Kind hauptsächlich durch 
die ungleiche Widerstandskraft des mütterlichen und kindlichen 
Organismus erklärt werden muß, und daß sie zweitens davon 
abhängt, zu welchem Zeitpunkt während der Gra¬ 
vidität Bakterien infolge einer Placentarer- 
krankungvon Mutter auf Kind übergegangen sind. 
Wir sind daher zu dem Schlüsse gekommen, daß die mit zu¬ 
nehmendem Alter, d. h. mit abnehmender Intensität der müt¬ 
terlichen Erkrankung in der Regel (aber durchaus nicht 
immer) proportional abnehmende Intensität der vererbten Sy¬ 
philis dadurch bedingt ist, daß bei einer älteren und 
daher abgeschwächten mütterlichen Syphilis eine Placentar- 
erkrankung relativ später, langsamer und seltener, wenn über¬ 
haupt noch, sich ausbildet, als bei einer rezenten und daher 

Xatsenioer, Vererbung der Syphilis. 7 


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Matzen&uer. 


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virulenten mütterlichen Syphilis, die fast regelmäßig, rasch und 
schon frühzeitig eine Placentarerkraukung bedingt 

Weiters führt Kassowitz als indirekten Beweis für die 
paterne Vererbung der Syphilis bei gleichzeitigem Gesundbleiben 
der Mutter an: „die Geburt gesunder Kinder nach 
spontanem oder künstlich herbeigeführtem Er¬ 
löschen der Vererbungsfähigkeit der Syphilis des 
Vaters.“ 

Beispiele mögen das Gesagte wieder deutlicher illustrieren. 

Kassowitz führt hieför 2 Beobachtungen an: 1. „Der Vater hat 
vor 6 Jahren Syphilis akquiriert, die Mutter gebärt ein gesundes Kind, 
welches in der 6. Woche syphilitische Erscheinungen bietet. Zwei Jahre 
später folgt ein vollständig gesundes Kind." 

2. „Vater vor 8 Jahren Syphilis akquiriert, die Mutter gebärt 
zuerst ein reifes Kind, welches 3 Wochen später an Syphilis hereditaria 
erkrankte und starb. Ein Jahr darauf ein zweites reifes Kind, welches 
6 Wochen später Syphiliserscheinungen zeigt und lebenskräftig ist. 
4 Jahre nach der zweiten Geburt, also 6 Jahre nach der Ehe, kommt 
ein vollständig gesundes Kind zur Welt" 

Diese Frau steht seit 4 Jahren in Beobachtung von Kassowitz, 
wurde also 2 Jahre nach ihrer Heirat zum ersten Mal von Kassowitz 
gesehen 1 

Kassowitz argumentiert nun folgendermaßen: Wäre die Syphilis 
von der Mutter auf das Kind übertragen, so kann dieselbe nach dem 
Gesetz der Vererbung der Syphilis nicht schon nach 1 oder 2 Jahren 
ein lebenskräftiges, wenn auch syphilitisches Kind zur Welt bringen. Es 
wäre vielmehr eine Früh- oder Todtgeburt zu erwarten. Da in beiden 
Fällen aber die Mutter lebenskräftige Kinder zur Welt brachte, die erst 
mehrere Wochen später Symptome von hereditärer Syphilis zeigten, so 
läßt dieser Umstand auf eine ältere Syphilis des Vererbenden rück¬ 
schließen, was in diesen beiden Fällen darauf hindeutet, daß die Kinder 
die Syphilis vom Vater ererbt haben. 

Es ist selbstverständlich, daß hier analoge Einwände wie 
früher gegen das von Kassowitz aufgestellte Gesetz geltend 
gemacht werden müssen. Denn wenngleich die von Kassowitz 
aufgestellte Erfahrungstatsache von der allmählichen Abschwä¬ 
chung der Syphilis des Vererbenden häufig zutrifft und im all¬ 
gemeinen als Schema der Verlaufsweise gelten mag, so kann es 
doch keineswegs als ein unverbrüchliches Dogma aufgestellt 
werden, da wir ja schon Ausnahmen und gegenteilige Beobach¬ 
tungen genug gesehen haben, daß nämlich ganz rezent syphi¬ 
litische Mütter vollständig gesunde Kinder zur Welt bringen 


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Oie Vererbung der Syphilis. 


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können. Aas dem Umstande also, daß eine Frau nach 2jähriger, 
resp. nach 6jähriger Ehe ein gesundes Kind zur Welt bringt, 
kann daher absolut nicht der Schluß gezogen werden, daß die 
Frau selbst nicht die Syphilis vererbt hat oder gar frei von 
Syphilis geblieben sei, wenn auch Kassowitz zurZeit seiner 
Untersuchung bei der Mutter keine Syphiliserscheinungen mehr 
gefunden hat. Ganz besonders kühn aber erscheint eine solche 
Behauptung, wenn die Mutter erst 2 Jahre nach der Verehe¬ 
lichung das erste Mal untersucht worden istl 

„Dieselbe Schlußfolgerung auf die Gesundheit der Mutter,“ 
führt Kassowitz weiter aus, „gestatten jene Fälle, in denen 
nach der Geburt einer oder mehrerer syphilitischer Früchte der 
Vater allein sich einer ausgiebigen Merkurialbehandlung unter¬ 
zieht, wodurch die Vererbungsfähigkeit temporär oder definitiv 
unterdrückt und sogleich dies zunächst gezeugte Kind von der 
Syphilis frei bleibt.“ 

Finger führt diesen Grund ebenfalls und zwar gleich 
als den ersten Beweis für die rein paterne Syphilisvererbung 
an: „Ausschließliche Behandlung des Vaters in 
Ehen mit syphilitischer Nachkommenschaft reicht 
meit hin, gesunde Kinder zu erzielen.“ 

Wenn man dieses Dogma hört oder liest, so scheint es 
natürlich sehr bestechend, hierin einen Beweis für die paterne 
Vererbung der Syphilis zu erblicken. Denn wenn nach einer 
energischen Merkurialbehandlung des Vaters plötzlich gesunde 
Kinder geboren werden und eventuell später, wenn schon lange 
keine Quecksilberkur mehr gemacht wurde, vielleicht wieder 
syphilitische Kinder gezeugt werden, kurz wenn wir ein Gesetz 
und eine Regelmäßigkeit in der Wechselbeziehung zwischen 
Hg-Kur des Vaters und der Geburt gesunder Kinder aufstellen 
könnten, so müßten solche auffallende Wechselbeziehungen 
zwischen Ursache und Wirkung in der Tat sehr zu Gunsten 
der Übertragung der Syphilis von Seite des Vaters sprechen. 

Wir wollen nun sehen, welche Erfahrungen von verschie¬ 
denen Beobachtern diesbezüglich vorliegen. 

Kassowitz zitiert Evans: „Nachdem eine Frau fünfmal abortiert 
hatte and der Mann einer intensiven Merlrarialkur unterworfen wurde, 
war das n&chste Kind gesund.“ 

: : .... . .. 7 * 


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Dieser Pall wird uns wohl noch nicht beweisend erscheinen, denn 
wenn eine Kran schon fünfmal abortiert hat, so ist ihre Syphilis gewiß 
schon mehrere Jahre alt. Es ist daher gar nicht« Wunderbares, wenn die 
Frau endlich ein gesundes Kind gebärt, auch wenn sie selbst syphi¬ 
litisch war. 

Weiters zitiert Kassowitz eine Beobachtung von Marti ne z 
y Sanchez : 

„Der Vater heiratet l 1 /* Jahre nach der Akquirierung der Syphilis. 
Die Mutter gebärt ein Jahr später ein hereditär luetisches Kind, das bald 
stirbt. Der Vater behandelt sich gegen Syphilis. Die Mutter gebärt 
darauf ein zweites, aber gesundes Kind.“ 

Derartige Beobachtungen kämen in unserer Richtung sohon eher 
in Betracht. Doch kann ja immerhin ein oder der andere Fall hier gar 
nichts beweisen, weil wir ja wissen, daß auch eine sicher selbst syphi¬ 
litische Mutter nach 2 Jahren ein ganz gesundes Kind gebären kann. 

Ferner zitiert Kassowitz Davosky: 

V„ater 5 Jahre vor der Ehe infiziert. 1. und 2. Kind deutliche 
Zeichen von Syphilis; hierauf Einreibungskur des Vaters und Geburt 
mehrerer gesunder Kinder.“ 

Wieder kann es uns hier nicht Wunder nehmen, wenn eine Frau 
nach 2 syphilitischen Kindern, also mehrere Jahre nach der wahrschein¬ 
lichen Infektion, gesunde Kinder gebärt. 

Kassowitz bringt endlich eine eigene Beobachtung: 

„Der Vater hat 8 Jahre vor der Ehe Syphilis akquiriert Die Mutter 
hat zuerst 8 Todtgehurten, im 7. Jahre der Ehe aber ein reifes und 
gesundes Kind zur Welt gebracht. Vor der Geburt des gesunden Kindes 
hatte der Mann serpiginöse Geschwüre und wurde deshalb mit Queck¬ 
silber und Jod behandelt.“ 

Kassowitz meint nun, „daß auch dieser Fall durch die Geburt 
eines gesunden Kindes auf das eklatanteste (1) das Freibleiben der Mutter 
von der syphilitischen Affektion demonstriert, umsomehr, als bei dieser 
vom Hausarzte niemals Syphiliserscheinungen beobachtet wurden.“ 

Kassowitz sah die Frau zuerst 7 Jahre nach der Heirat. Wenn 
Kassowitz sagt, daß dieser Fall das Freibleiben der Mutter von 
Syphilis auf das eklatanteste demonstriere, so muß man wohl verblüfft 
sich fragen: Warum denn? Wenn man die Mutter zum ersten Mal 7 Jahre 
naoh deren Verheiratung zu sehen bekommt, so ist doch natürlich gar 
nicht zu erwarten, daß bei derselben noch Syphiliserscheinungen gerade 
zur Zeit der Untersuchung vorhanden sind 1 Sie kann also sehr wohl selbst 
8yphilis vor 7 Jahren akquiriert haben, trotz ihrer eigenen negativen 
Angaben und der Bestätigung von Seite des Hausarztes. Die Geburt 
eines gesunden Kindes 7 Jahre nach der Heirat, also auoh naoh der 
wahrscheinlichen Infektion der Mutter, darauf zurückzuführen, daß der 
Vater ein Jahr früher eine antisyphilitische Kur wegen gummöser Haut¬ 
geschwüre durchgemacht hat, dafür können wir unmöglich einen swin¬ 
genden Grund sehen. Denn es ist ja nahezu nichts anderes zu erwarten, 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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alt daß die Mutter 7 Jahre nach der Infektion ein gesundes Kind gebärt! 
Warum hiefür erst eine antiluetische Kur des Vaters verantwortlich ge¬ 
macht werden soll, ist nieht einzusehen. 

Diese spärlichen Beobachtungen beweisen also keineswegs 
die mit Emphase bingestellte These, daß nach einer antilue¬ 
tischen Kur des Vaters sogleich das zunächst gezeugte Kind 
von Syphilis frei bleibt. 

Die den Anhängern der paternen Vererbung sehr passende 
Angabe, daß eine Frau, welche von ihrem ersten syphilitischen 
Mann syphilitische Kinder geboren hat, selbst ohne Erschei¬ 
nungen von Syphilis blieb und später mit einem gesunden Mann 
gesunde Kinder zeugte, wird immer wieder seit Kassowitz 
von den späteren Autoren als Hauptargument für die paterne 
Vererbung angeführt, ohne daß sie jedoch seither neuerliche 
Beweise erbringen würden. 

Hochsinger versucht, derartige Beobachtungen an¬ 
zuführen. 

»Der Mann hat sich 1 Jahr nach der Heirat außerhalb der Ehe 
8yphilia zugezogen. Die Frau gebärt 2 Jahre, 3 Jahre, 6 Jahre darauf 
Frühgeburten, Totgeburten und ein hereditär-luetisches Kiud mit Pem¬ 
phigus syphiliticus. 8 Jahre nach der Infektion stirbt der Mann. 2 Jahre 
später, also 10 Jahre nach der Infektion des ersten Mannes, heiratet die 
Frau ein zweites Mal und gebärt von dem zweiten gesunden Manne 
11 Jahre nach der Infektion ihres ersten Mannes ein gesundes Kind. u 

Ist es in diesem Falle nicht wieder selbstverständlich, daß ein 
Kind einer offenbar vor 11 Jahren infizierten Frau gesund zur Welt kommt? 

Endlich bemüht sich Finger zur Stütze der Behauptung, 
daß eine antiluetische Kur des Vaters ausreiche, um gesunde 
Kinder zu zeugen, noch einige weitere Fälle zu bringen. 

„In Behrends Fall hatte sich ein verheirateter Mann außerhalb 
der Ehe infiziert. Seine Frau soll angeblich gesund geblieben sein, über¬ 
stand aber dreimal Abortus und hatte dann ein syphilitisches Kind. Nach 
antiluetischer Kur des Vaters gebar die Frau ein gesundes Kind.“ 

Nachdem also 3 Aborten und ein syphilitisches Kind vorausgegangen, • 
folglich schon mehrere Jahre verstriohen waren, folgte endlich ein ge¬ 
sundes Kindl 

Blaise zitiert einen Fall Li&gois: »Nachdem eine Frau dreimal 
abortiert hatte und der Mann eine antiluetische Kur unternahm, brachte 
die Frau ein gesundes Kind zur Welt* 

Riocreux teilt einen Fall Fourniers mit, „wonach der Mann 
sich im Jahre 1866 infiziert hatte, 1870 zerebrale Erscheinungen zeigte, 
welche behandelt wurden; 1874 und 1875 abortierte die Frau, im 3., 


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Matzenaaer. 


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resp. 7. Monat. In der Zwischenzeit und nach dem 2. Abortus wurde der 
Mann wieder antiluetisch behandelt, 1876 gebärt die Frau ein syphi¬ 
litisches Kind, das bald stirbt, 1877 unterzieht sich der Mann abermals 
einer antiluetischen Kur und seine Frau gebärt endlich ein gesundes 
Kind.“ 

Es ist mir nicht recht verständlich, wie dieser Fall die Behauptung 
erweisen soll, daß infolge einer antilaetischen Kur des Vaters gesunde 
Kinder gezeugt werden. Denn 10 Jahre hindurch wurde doch 
der Mann umsonst wiederholt antiluetisch behandelt und 
trotzdem erfolgten immer wieder Aborten und syphilitische Kinderl 
Daß aber endlich die Vererbungsfahigkeit nach 10 Jahren erlischt, auch 
wenn die Syphilis von der Mutter auf das Kind vererbt worden war, ist 
wohl eigentlich zu erwarten gewesen uud muß hiefär nicht erst die letzte 
Behandlung des Vaters verantwortlich gemacht werden. 

Ganz analog ist auch der Fall Fourniers, „einen Kollegen be¬ 
treffend, der sich kurz vor der Ehe infiziert hatte; nachdem seine Frau 
viermal abortiert und er sich selbst wieder einer antiluetischen Kur 
unterzog, wurde ein gesundes Kind geboren.“ 

ln Leloirs Fall „hatte ein syphilitischer Mann, der anfangs sich 
sorgfältig behandeln ließ, mit seiner Frau ein völlig gesundes Kind. Als 
er dann später seine Behandlung vernachlässigte und ezcedierte, traten 
Rezidiven bei ihm, Psoriasis palm. et plant auf, und die Frau abortierte. 
Es folgte dann die Geburt eines syphilitischen Kindes. Der Mann unterzog 
sich abermals einer antiluetischen Kur und die neuerliche Gravidität der 
Frau endete mit der Geburt eines gesunden Kindes.“ 

Dieser Fall legt doch offenbar nur die Annahme nahe, daß die 
Frau während der anfänglich sorgfältigen Behandlung des Mannes von 
Syphilis verschont blieb und deshalb ein gesundes Kind gebar. Als dann 
der Mann seine Behandlung vernachlässigte und Syphilisrezidiven auf¬ 
traten, wurde die Frau offenbar infiziert und nun folgte ein Abortus 
und ein syphilitisches Kind, und bei der 4. Geburt nach mehreren Jahren 
brachte sie endlich wieder ein gesundes Kind zur Welt. 

Finger zitiert hier auch 5 Fälle von Z i 11 e s, „Frauen betreffend, 
die entweder mit mazerierten Föten abortiert hatten oder syphilitische 
Kinder zeugten. Die Männer, die zugaben, vor der Ehe an Syphilis ge¬ 
litten zu haben, wurden einer energischen Therapie unterzogen, und 
bald darauf kamen die Frauen, welche bei wiederholter sorgfältiger 
Untersuchung gesund, d. h. ohne Syphiliserscheinungen befunden wurden, 
mit gesunden, reifen, gesund bleibenden Kindern nieder.“ 

Gegen die anscheinende Gesundheit dieser Mütter spricht wohl 
sehr laut der von Zille s selbst erhobene Placentarbefund, daß die 
Placenta materna — doch ein Teil des mütterlichen Organismus! — 
syphilitisch erkrankt war. 

Der einzig wirklich beachtenswerte Fall, welcher für diese Frage 
herangezogen werden könnte, ist der von Taylor. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


103 


„Im Falle I gebar die anscheinend gesunde Frau eines syphilitischen 
Mannes zuerst ein totes und dann 5 syphilitische Kinder. Mach einer 
antiluetischen Behandlung des Mannes gebar die Frau nun ein gesundes 
Kind. Die Syphilis des Mannes rezidiTierte später und die Frau gebar 
ein syphilitisches Kind. Nach abermaliger antiluetischer Kur des Mannes 
folgt wieder ein gesundes Kind." 

In diesem Fall gebar also die Frau nach 6 vorausgegangenen 
syphilitischen Früchten ein gesundes Kind und darauf abermals ein 
syphilitisches. Daß eine Frau nach 6 vorausgegangenen syphilitischen 
Früchten ein gesundes Kind gebärt, kann uns wohl nicht Wunder nehmen, 
weil ihre Syphilis ja schon im Laufe der Jahre sich abgeschwächt haben 
muß und daher eigentlich die Geburt eines gesunden Kindes zu erwarten 
war. Auffallend ist in diesem Falle nur, daß hierauf nach der Geburt 
eines gesunden Kindes abermals ein syphilitisches Kind folgte. 

Es ist dies eine alternierende Vererbung, wie 
sie bei einer älteren, seit Jahren bestehenden 
Syphilis der Mutter ab und zu gelegentlich beobachtet 
werden kann und wie analoge Vorkommnisse auch bei Vererbung 
anderer Infektionskrankheiten z. B. der Tuberkulose bekannt 
sind, daß nämlich zwischen 2 tuberkulösen Kindern ein oder 
das andere Kind vollständig gesund bleibt. Wir haben schon 
früher auf derartige Vorkommnisse nachdrücklich aufmerksam 
gemackt und solche Beobachtungen bei sicher selbst 
luetischen Müttern zitiert. Auch Kassowitz berichtet 
ja über ähnliche Beobachtungen, aber nicht bei paterner Ver¬ 
erbung, sondern bei Syphilis der Mutter, welche er allerdings 
gleich wie Finger ausschließlich auf die Wirkung der Queck¬ 
silbertherapie bezieht. 

Kassowitz und Finger scheinen doch allzugroße 
Hoffnungen an die Hg-Therapie zu knüpfen. Obwohl ich selbst 
natürlich ein überzeugter Vertreter der Merkurialbehandlung 
bin, muß ich aber doch gestehen, daß der Einfluß und die 
Wirkung der Quecksilbertherapie weitaus überschätzt würde, 
wenn man glauben wollte, daß durch eine energische Queck¬ 
silberkur die Vererbungsfähigkeit der Syphilis koupiert 
würde. Warum gebärt denn eine syphilitische Frau, trotzdem 
sie wiederholt ausgiebigen Quecksilberkuren sich unterzogen 
haben mag, trotzdem immer noch nach vielen Jahren hereditär¬ 
luetische Kinder ? Es mag ja sein und es ist auch durchaus 
wahrscheinlich, daß durch wiederholte Quecksilberkuren die Ver- 


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104 


Matzenauer. 


erbungsfähigkeit früher erlischt als bei spontanem Verlauf der 
Syphilis. In der Regel wird man immerhin trotz oftmaliger 
Quecksilberkur der Mutter die Vererbungsfähigkeit der Syphilis 
von Seite derselben auf viele Jahre sich erstrecken sehen. 

Es ist daher ganz ungerechtfertigt, wenn F i n g e r als Pendant 
den Fällen von angeblichem Erfolg der luetischen Kur des Vaters 
jene Fälle gegenüberstellen zu dürfen glaubt, „wo die angeblich 
gesunde Mutter des syphilitischen Kindes einer antiluetischen 
Kur unterzogen wird, ohne daß hiedurch der erwünschte Erfolg 
der Gehurt gesunder Kinder erzielt wird“. Finger meint: 
„Der Erfolg iu der ersten Gruppe, der Mißerfolg der Therapie 
in den letztgenannten Fällen sei wol ein zwingender Beweis, 
daß die Syphilis der Kinder in diesen Fällen ausschließlich vom 
Vater stammt!“ 

Finger führt noch zum Belege dieser Mißerfolge der 
Therapie bei den Müttern ö Fälle von A. Schönberg und 
eine Beobachtung von Blaise an. Gleiche Erfahrungen von 
leider recht häufigen therapeutischen Mißerfolgen bei sicher selbst 
syphilitischen Müttern aber haben wohl leider alle Syphilidologen 
der ganzen Welt gemacht, das ist ja der ganze Jammer! 

Wenn also bei der syphilitischen Mutter die Quecksilberkur 
oft nicht den erwünschten Erfolg herbeiführt, wie darf man 
dann erwarten, daß durch die Behandlung des Vaters plötzlich 
die Reihe syphilitischer Früchte abbricht, und von nun an 
gesunde Kinder geboren werden? Selbst bei der Kassowitz- 
sehen Voraussetzung der germinativen Vererbung müßte man 
doch zum mindesten eine Gleichberechtigung der weiblichen 
und männlichen Keimzelle auch hier fordern. Wenn aber 
auf wiederholte Quecksilberbehandlung die weibliche Keimzelle 
nicht gesundet, wie darf man erwarten, daß die männliche 
Keimzelle durch eine einmalige Quecksilberkur von ihrer 
Virulenz dauernd befreit werde ? 

Wenn wirklich durch eine väterliche Behandlung die 
Nachkommenschaft vor Syphilis bewahrt werden könnte, dann 
ist nicht einzusehen, warum überhaupt noch in den Ehen so 
viele syphilitische Kinder geboren werden, obwohl der Vater 
ja in der besseren Familienpraxis gewöhnlich kurz vor und 
oft auch noch während der Ehe behandelt wird. Und wenn 


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Die Vererbung der Syphilis. 


105 


schon zuerst ein unerwarteter Abortus vorkommt, angeblich 
weil die Virulenz der väterlichen Zeugungszelle nicht recht¬ 
zeitig unschädlich gemacht wurde, dann wäre ja das Unglück 
nicht so groß, weil ja die Frau angeblich doch gesund bleibt, 
und weil man es vollständig in der Hand hätte, die Zukunft 
zu regulieren, indem man einfach den Vater wieder einmal 
behandelt! Ich muß offen gestehen, daß ich diese Anschauung 
der Dinge geradezu unbegreiflich finde. Sie steht in krassem 
Widerspruch zur tagtäglichen Erfahrung und zu den von Kas- 
sowitz, Finger, Hochsinger u. a. selbst zitierten Be¬ 
obachtungen, daß meist erst nach mehreren vorausgegangenen 
Aborten, Frühgeburten etc. und oft erst nach mehrfach wieder¬ 
holter vergeblicher Behandlung des Mannes endlich gesunde 
Kinder zur Welt kamen. 

Wenn ich früher sagte, daß die syphilitischen Frauen 
häufig trotz wiederholter Quecksilberkur dennoch ihre Syphilis 
noch weiter vererben und ich aus diesem Grande dem Argument 
Fingers keine Beweiskraft beimessen konnte, welcher den 
angeblichen Erfolgen der väterlichen Behandlung die Mi߬ 
erfolge der Therapie bei den angeblich gesunden Müttern, 
über welche A. Schönberg und Blaise berichten, gegen¬ 
überstellt, so muß ich jetzt doch beifügen, daß ich in den 
letzten Jahren etwa 50—60 angeblich gesunde Mütter behandelt 
habe und daß ich keinen Grund habe, mit den Erfolgen der 
Therapie bei diesen angeblich und anscheinend gesunden 
Müttern unzufriedener zu sein als bei der Behandlung von 
Müttern mit nachweisbaren Syphiliserscheinungen. Ich habe 
mich jedoch nicht darauf beschränkt, die Mütter einer bloß 
einmaligen Kur zu unterziehen, sondern habe den Frauen 
immer geraten, nach mehrmonatlichem Intervall eine 2. und 
eventuell 3. Quecksilberkur durchzumachen und in der Zwischen¬ 
zeit auch Jod zu gebrauchen. Ich glaube wohl sagen zu dürfen, 
daß diese Behandlungsart bei den angeblich gesunden Müttern 
luetischer Kinder weit eher geeignet ist ‘als die väterliche 
Behandlung, um die Vererbung der Syphilis zu koupieren, 
wenn man überhaupt von einer Möglichkeit des Koupierens 
der Vererbung8fähigkeit sprechen dürfte. 


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106 


Matzenauer. 


Die Vererbungsfähigkeit erlischt spontan —- oder unter 
Einfluß der mütterlichen Behandlung vielleicht etwas früher — 
nach individuell sehr verschieden langer Zeit, bei der einen 
Frau mag sie nach 2 — 3 Jahren, bei der anderen erst nach 
10—20 Jahren erlöschen. 

Endlich führt Eassowitz als Beweis noch jene Fälle 
an, in denen „Frauen von ihren Männern, die an 
alter Syphilis litten, syphilitische Kinder ge¬ 
bären, ohne angeblich selbst zu erkranken, und 
nachdem Tode des ersten Mannes mit dem zweiten 
nicht syphilitischen Mann sofort gesunde Kinder 
zeugen“. 

Im Falle Behrends hatte „der syphilitische Mann von seiner 
ersten Frau zwei Todtgeburten, von seiner zweiten Frau (die Witwe war 
nnd von ihrem ersten Manne gesunde Kinder hatte) ein welkes, elendes 
Kind, das nach wenigen Stunden starb, und später noch ein zweites, 
syphilitisches Kind. 2 Jahre später starb der Mann, seine Witwe heiratete 
zum dritten Male und hatte nunmehr zwei gesunde Kinder.“ 

Da diese zweite Frau von ihrem Manne bereits 2 syphilitische 
Kinder hatte und dann 2 Jahre später heiratete und von ihrem dritten 
Manne dann gesunde Kinder bekam, so muß man, wenn sie selbst von 
ihrem zweiten Mann infiziert worden ist, ihre Syphilis auf mindestens 
5 Jahre datieren, als sie das erste gesunde Kind gebar. Gesunde Kinder 
bei einer 5jährigen Syphilis der Mutter stellen aber durchaus kein über¬ 
raschendes Ereignis vor. 

In einem anderen Falle Behrends hatte „der Mann sioh 1 Jahr 
vor der Heirat infiziert; die Frau gebar zuerst ein syphilitisches Kind, 
das rasch starb; sie hatte dann 2 Abortus. Sie ging dann eine zweite Ehe 
ein und gebar nun ein gesundes Kind.“ 

Auch in diesem Falle ist, wenn man die Syphilis der Mutter vor* 
au88etzt, die Erkrankung jedenfalls schon mehrere Jahre alt und es ist 
daher durchaus nicht wunderbar, daß die Frau endlich gesunde Kinder 
gebärt. 

In einem dritten Falle Behrends hatte „ein Mädohen von ihrem 
syphilitischen Geliebten ein syphilitisches Kind, das bald starb. Innerhalb 
der 3 folgenden Jahre hatte sie von einem anderen gesunden Manne 
2 gesunde Kinder. Als sie darauf ihr Verhältnis mit dem ersten Geliebten 
wieder erneuerte, hatte sie von diesem wieder ein syphilitisches Kind“. 

Ähnlich lautet ein von Weil zitierter Fall Richters, in welchem 
„eine Frau von ihrem syphilitischen Manne zuerst ein syphilitisches Kind, 
dann mit einem gesunden Manne ein gesundes Kind und dann mit dem 
ersten Manne wieder ein syphilitisches Kind hatte“. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


107 


Die beiden letzgenannten Fälle von Bohrend und Weil-Richter 
stellen analoge Vorkommnisse von alternierender Vererbung wie der 
früher zitierte Fall Taylors vor, daß nämlich zwischen der Geburt 
kranker Kinder gelegentlich ein gesundes Kind vorkommt. Wir haben 
früher konstatiert, daß solche Vorkommnisse bei sicher selbst syphilitischen 
Müttern beobachtet werden, die ihre Kinder alle von demselben Manne 
bekommen haben, wo also für die Gesundheit, resp. Erkrankung der Kinder 
die Ingerenz verschiedener Väter nicht verantwortlich gemacht werden 
kann. Dadurch ist aber die Bedeutung derartiger, anfangs vielleicht ver¬ 
blüffender Beobachtungen vollständig benommen. (Der Fall Behrends 
wird übrigens schon von Fournier zur alternierenden Vererbung ge¬ 
rechnet.) 

Der Fall von Engelhart und 2 Fälle von Kassowitz aus dem 
Jahre 1880, in welchen Frauen mit ihren ersten syphilitischen Männern 
syphilitische Kinder zeugten, und in zweiter Ehe mit gesunden Männern 
gesunde Kinder gebaren, sind natürlich in keinerlei Weise beweiskräftig, 
da dieselben Frauen, auch wenn sie selbst syphilitisch waren, doch nach 
mehreren Jahren durch spontanes oder infolge Behandlung früher herbei¬ 
geführtes Erlöschen der Vererbungsfähigkeit gesunde Kinder gebären 
können. 

Ebenso kommt dem Falle von Nevins Hy de keine Beweiskraft 
zu, „wo ein Mann 3 Jahre nach seiner Infektion ein totes, syphilitisches 
Kind zeugte und die Mutter dieses Kindes 1 Jahr später mit einem ge¬ 
sunden Manne sich verheiratet und von demselben 2 gesunde Kinder hat. 
Der erste Mann heiratete zur selben Zeit und hatte mit seiner späteren 
Frau vier syphilitische Fruchte“. 

Die Schilderung dieses Falles legt nur die Annahme nahe, daß 
dieser Mann zuerst seine Maitresse, und später seine wirkliche Frau in¬ 
fiziert hat; bei der Maitresse ist die individuell sehr verschieden lang 
dauernde Vererbungsfähigkeit früher erloschen als bei der legitimen Frau. 

Solchen Beobachtungen, daß anscheinend gesunde Frauen 
von einem syphilitischen Mann syphilitische Kinder gebären 
und später von einem gesunden Mann nach mehreren Jahren 
gesunde Kinder bekommen, steht aber eine große Zahl gegen¬ 
teiliger Erfahrungen gegenüber, wonach anscheinend gesunde 
Mütter sowohl von ihrem syphilitischen ersten Mann syphilitische 
Kinder zur Welt brachten, als auch von ihrem zweiten ge¬ 
sunden (eventuell auch vom dritten Manne) wieder syphilitische 
Kinder zur Welt brachten, obwol die Mütter selbst in der 
ganzen Zeit ohne Syphiliserscheinungen angeblich geblieben sind. 

Ich selbst kann über einen derartigen Fall berichten. 

Der erste Mann hat vor 5 Jahren Syphilis akquiriert, die Frau ab¬ 
ortierte im 7. Monate. 2 Jahre später starb der 'erste Mann an progres¬ 
siver Paralyse. Die Frau heiratete ein halbes Jahr später den Bruder 


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Matzenauer. 


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ihres verstorbenen Mannes, welcher angeblich niemals Syphilis überstanden 
hat. Die Frau hatte bald darauf eine todtfaule Frucht zur Welt gebracht 
und 1 Jahr später abortierte sie abermals im 7. Monat Dieser zweite 
Mann verstarb plötzlich an einem Schlaganfall in einem bekannten 
Wiener Vergnügungsetablissement Etwa 3 Jahre später heirate die Frau 
zum dritten Mal einen Beamten, der angeblich niemals Syphilis gehabt 
hat Die Frau gebar jetzt ein reifes, lebenskräftiges Kind, welches 
4 Wochen später ein maculöses Syphilid am Stamm und Psoriasis pal- 
maris und plantaris zeigte. Der Hausarzt kam nunmehr mit der Mutter 
und dem Kinde, mich zu konsultieren, ob man nicht doch Syphilis bei 
der Mutter annehmen müsse, obwohl sie niemals Erscheinungen von 
Syphilis hatte. Der Arzt gab an, in der Familie der jungen Frau seit 
vielen Jahren der Hausarzt gewesen zu sein und die Frau seit ihrer 
ersten Verheiratung wiederholt wegen anderweitiger Leiden, namentlich 
wegen eines leichten Lungenspitzenkatarrhes untersucht zu haben. Auch 
war er zu den wiederholten Geburten und Frühgeburten immer beigezogen 
worden und hatte deshalb die Frau auf Syphilis hin untersucht, jedoch 
mit negativem Erfolg. 

ln diesem Falle kann man selbstverständlich nur an¬ 
nehmen, daß die Frau trotz ihrer eigenen Angabe und jener 
des Hausarztes von ihrem ersten Manne zu Beginn der Ehe 
infiziert worden war, da ja sowohl ihr 2. als ihr 3. Mann frei 
von Syphilis waren, und sie dennoch hereditär-luetische Kinder 
zur Welt brachte, die also gewiß nicht ex patre die Syphilis 
überkommen haben können. 

Fournier teilt folgende Beobachtung von Porak mit: 

„Eine junge Frau wird im Alter von 17 Jahren infiziert. Mit 20 
Jahren Witwe geworden, vermählt sie sich von neuem mit einem gesunden 
Manne. In 15 Jahren folgen 11 Graviditäten, die ersten 10 gehen in Fehl¬ 
geburt aus, die eilfte bringt ein reifes, aber syphilitisches Kind.“ 

Eine ähnliche Beobachtung bringt Vidal de Cassis. 

Eine anscheinend gesunde Frau hat von ihrem ersten syphilitischen 
Mann ein syphilitisches Kind. I 1 /* Jahre später heiratet die Frau einen 
gesunden Mann und gebärt ein Kind, bei welchem einige Zeit später 
Syphiliserscheinungen auftreten. 

Hieher sind auch 2 Fälle von Lewin zu zählen. 

Im ersten Falle hatte eine angeblich immer gesunde Frau von 
ihrem syphilitischen Manne ein syphilitisches Kind geboren und gebar 
später mit einem zweiten, gesunden Mann abermals ein syphilitisches Kind. 

Im zweiten Falle war eine Frau mit einem syphilitischen Manne 
verheiratet, hatte von demselben zwar keine Kinder, soll auoh selbst 
gesund geblieben sein, gebar aber in zweiter Ehe mit einem gesunden 
Manne ein syphilitisches Kind. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


109 


Es ist selbstverständlich, daß gegen solche Fälle von den 
Anhängern der paternen Vererbung die Einwendung erhoben 
wird (Fiüger), es sei in diesem Falle die Gesundheit der 
Mütter nicht erwiesen, sie könne von ihrem syphilitischen Manne 
selbst infiziert gewesen sein und habe deshalb auch bei ihrer 
späteren Konzeption von einem gesunden Manne wegen ihrer 
eigenen Syphilis keine gesunden Kinder gebären können, sie 
habe also ihre Syphilis einfach übersehen oder unbetrachtet 
gelassen. 

Es ist ebenso selbstverständlich, daß wir diesen Einwand 
vollinhaltlich gelten lassen müssen und in allen diesen Fällen 
die Mütter selbst für syphilitisch erklären werden. Aber die 
Anhänger der paternen Vererbung wollen ein Übersehen vor¬ 
ausgegangener Syphiliserscheinungen nur hier zugeben und 
erheben diesen Einwand gegen die angebliche 
Gesundheit der Mutter nur in diesen Fällen, 
welche mit der Annahme einer paternen Ver¬ 
erbung direkt unvereinbar sind, behaupten jedoch in 
einer großen Zahl analoger Fälle, daß das Fehlen syphilitischer 
Erscheinungen nicht durch ein Übersehen derselben erklärt 
werden dürfe. 

Wenn also eine Frau in ihrer ersten Ehe vod ihrem 
syphilitischen Mann syphilitische Kinder gebärt, so kann 
sie in den folgenden Jahren, ob sie nun einen luetischen oder 
syphilisfreien Mann heiratet, sowohl syphilitische als auch nicht 
syphilitische Kinder zur Welt bringen. Keineswegs läßt sich 
also aus vereinzelten Beobachtungen, daß eine Frau in zweiter 
Ehe von ihrem gesunden Mann gesunde Kinder gebärt, der 
Schluß ziehen, daß die Kinder deshalb gesund sind, weil der 
Vater syphilisfrei ist. Vielmehr sind die Kinder deshalb syphilis- 
frei, weil die Syphilis der Mutter eben in diesen Fällen nicht 
vererbt wurde, trotzdem diese selbst Syphilis hat. 

Kassowitz führt endlich zur Stütze seiner Theorie von 
der spermatischen Vererbung der Syphilis die Beobachtung an, 
„daß bei Zwillingsgeburten der eine Zwilling entweder stärker 
als der andere von Syphilis betroffen (Fälle von Camp¬ 
bell, Price [de Margate], Clemens, Caspary), oder 
der eine Zwilling vollständig gesund, der andere syphilitisch 


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110 


Matüenaner. 


sein kann (Pnzin, Luszinsky, Hutchinson)“, und 
meint „derartige Vorkommnisse blieben vollständig rätselhaft, 
wenn man an eine placentare Infektion des Fötus denkt“. Es 
scheint ihm dagegen „vollkommen begreiflich und durch viel¬ 
fache Analogien ganz plausibel, daß von zwei gleichzeitig ge¬ 
lieferten Fortpflanzungszellen (z. B. Spermatozoon) die eine das 
syphilitische Gift in größerer, die andere in geringerer Menge 
oder auch gar nicht mitbekommt“. 

Abgesehen davon, daß wir einen so rätselhaften Vorgang, 
wie den, daß ein Spermatozoon überhaupt einen pathogenen 
Mikroorganismus in sich tragen kann, wenig begreiflich finden 
und uns dieser Vorgang auch Mangels aller Analogie keineswegs 
plausibel erscheint, bleibt es uns dagegen bei der Annahme 
einer intrauterinem Infektion der Frucht durchaus nicht rätsel¬ 
haft, warum bei Zwillingen der eine schwächer oder gar nicht 
mit Syphilis infiziert gefunden wird als der andere. Denn 
gleichzeitig ob man eine paterne oder materne Vererbung an¬ 
nimmt, in jedem Falle muß man zur Erklärung das 
Vorhandensein von getrennten Placenten anneh¬ 
men. Das von Kassowitz selbst aufgestellte Dogma, daß die 
Scheidewände des mütterlichen und fötalen Gefäßsystems nicht 
für Mikroorganismen durchgängig sind, trifft ja in der Tat für 
eine normale physiologische Placenta vollwertig zu. Wenn aber 
das Placentargewebe Schädigungen erlitten haben (spezifische 
Infiltrate, Gefäßveränderungen, Epithelverlust u. s. w.) so wird 
das sonst dichte Filter der placentaren Gefäßwände für die 
Mikroorganismen durchgängig. Bei Zwillingen, wovon der eine 
syphilitisch und der andere gesund ist, müssen wir daher for¬ 
dern, daß bei dem einen die placentaren Scheidewände für Mikro¬ 
organismen durchlässig geworden, bei dem andern unpassierbar 
geblieben sind. Und in der Tat sehen wir diese aprioristische 
Forderung durch die Fälle von Müller, Bosinski und Buhe 
bestätigt, bei welchen diese Autoren die Placenta des syphi¬ 
listischen Zwillings krank, die des gesunden aber gesund fanden. 


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Die Vererbung des Syphilis. 


111 


Ist der Mangel an nachweisbaren Syphiliserscheinungen ein 
Beweis fOr das Fehlen einer dennoch wirklich vorangegangenen 

Syphilisinfektion ? 

Die verschiedenen indirekten Beweise, durch welche man 
eine paterne Vererbung zu erweisen suchte, haben uns die An¬ 
nahme einer solchen nicht nahegelegt. Das Hauptinteresse in 
der Kardinalfrage: .Kann eine nicht syphilitische 
Mutter ein hereditär syphilitisches Kind ge¬ 
bären?“ muß sich nunmehr auf den direkten Beweis konzen¬ 
trieren, welchen Kassowitz für die wirkliche Gesundheit der 
Mutter hereditär syphilitischer Kinder anfdhrt. 

Kassowitz zitiert in diesem Sinne vor allem die Er¬ 
fahrungen zahlreicher Autoren und auch eine große Zahl eigener 
Beobachtungen, daß nämlich die Mütter hereditär syphilitischer 
Kinder trotz längerer Zeit fortgesetzter Beobachtung stets 
frei von Syphiliserscheinungen gefunden wurden. Kassowitz 
hat von 119 Fällen 43mal die Mütter frei von Syphilis gefunden. 
Hochsinger fand bei 98 Familien 72mal angeblich eine rein 
paterne Vererbung ohne Infektion der Mutter. Jeder von uns 
hat analoge Erfahrungen gemacht: Kurz die Tatsache als solche, 
daß eine Mutter eines hereditär syphilitischen Kindes zur Zeit 
der wiederholten Untersuchungen keine Syphiliserscheinungen 
bieten mag, steht außer Diskussion. Die große vielbestrittene 
Frage ist nur die, ob solche Mütter wirklich ganz gesund und 
immer frei von Syphilis waren oder ob sie bloß als latent 
syphilitisch zu betrachten sind. 

Kassowitz würde es vielleicht nicht gewagt haben, aus 
dem Mangel von Syphilissymptomen allein den weitergehenden 
Schluß zu ziehen, daß diese 43 Mütter ganz gewiß frei von 
Syphilis zu jeder Zeit waren, wenn seine Beobachtungen sich 
nicht mit analogen Erfahrungen zahlreicher anderer Autoren 
vollständig decken möchten. Kinderärzte, Frauenärzte, Haus¬ 
ärzte und Syphilidologen wissen in großer Zahl über analoge 
Verhältnisse zu berichten. In dem übereinstimmenden Resultat 
der eigenen Erfahrungen mit jenen so vieler anderer Autoren 
erblickt Kassowitz einen Beweis, daß die negativen Be- 


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112 


Matzeoauer. 


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obachtungen nicht durch zufälige Latenzperioden, sondern 
durch völliges Freibleihen von Syphilis sich ergaben. 

Als besonders beweiskräftig für den Gesundheitszustand 
der Mütter hereditär luetischer Kinder führt Kassowitz 
also abgesehen von deu Einzelbeobachtungen der Hausärzte, 
Kinder- und Frauenärzte noch insbesondere Massenbeobachtungen 
an den Gebäranstalten und Findelanstalten an. 

Er zitiert diesbezüglich namentlich Mevis, Anton and v. H e c k e r. 
Der entere teilt aas der Dresdener Oebäranstalt (v. W in ekel) mit, daß 
in einem Zeitraum von fünf viertel Jahren 109 syphilitische Kinder von 
108 M&ttern geboren wurden, bei denen von Syphilis in keiner Weise 
etwas nacbgewiesen werden konnte. Anton berichtet ans Berlin 
(geburtshilfliche Klinik von Guss er ow) Aber einen Zeitraum von dreizehn 
Monaten, in welchem von 70 Müttern syphilitische Kinder geboren wurden. 
Von diesen waren 15 gewiß frei von Syphilis. Endlich hat v. Hecker 
(Oebäranstalt in München) in 53 Fällen von syphilitischer AfFektion der 
Neugeborenen und Kinder keine Spur der Krankheit bei den Müttern 
auffmden können. 

Die Angabe von Mevis und v. Hecker, bei 108, resp. 
53 Müttern keine Syphiliserscheinungen gefunden zu haben, be¬ 
friedigt unsere Neugierde nicht über die Frage, von wieviel 
Gesamtbeobachtungen sie in den angegebenen Fällen keine 
Syphilissymptome beobachten konnten. Die Angabe von Anton, 
von 70 Müttern 15 ohne Syphiliserscheinungen gefunden zu 
haben, dürfte durchaus dem durchschnittlichen Perzentverhält¬ 
nisse entsprechen, daß man in etwa 20% bei den Müttern 
hereditär luetischer Kinder Syphilis nicht nachweisen kann. 

An diese Massenbeobachtungen der Gynäkologen reiht 
Kassowitz die Massenbeobachtungen von ßednaf in der 
Wiener Findelanstalt, welcher 99 syphilisfreie Mütter beobachtet 
hat. Doch erfahren wir auch aus diesen Angaben nicht, unter 
wieviel Gesamtbeobachtungen Bednaf diese Zahl gefunden 
bat. Außerdem hat Kassowitz aus den Berichten der Wiener 
Findelanstalt von den Jahren 1854—68 166 solche Fälle ver¬ 
zeichnet gefunden. 

Mit diesen Massenbeobachtungen war aber seiner Ansicht 
nach die Möglichkeit des Übersehens von Syphiliserscheinungen 
in so und so vielen Fällen ausgeschlossen und daher „jeder 
Zweifel an der Möglichkeit der direkten Übertragung der 
Syphilis vom Vater auf die Frucht beseitigt“. 


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Die Vererbung des Syphilis. 


113 


Nach der Kassowitzschen Gruppierung verfügen die 
Kinderärzte und namentlich die Frauenärzte über ein großes 
Beobachtungsmaterial syphilisfreier Mütter. 

„Die dritte Gruppe der Beobachter, nämlich die Syphili- 
dologen, nehmen (nach Kassowitz) infolge äußerer Ver¬ 
hältnisse zu der speziellen Frage einen ganz aparten Stand¬ 
punkt ein, und auffallender Weise sind es fast ausschließlich 
Syphüidologen von Fach, welche entweder die väterliche Ver¬ 
erbung der Syphilis bei gesunder Mutter gänzlich in Abrede 
stellen oder sie doch als eine seltene Eventualität bezeichnen.“ 
Während wir uns also aus dem Fehlen einer Angabe über vor¬ 
ausgegangene primäre und sekundäre Erscheinungen, ebenso 
wie Kassowitz in der Frage des Tertiarismus d’emblee, nicht 
für berechtigt halten, die betreffenden Mütter hereditär luetischer 
Kinder als ganz gewiß frei von Syphilis zu erklären, kommt 
Kassowitz dagegen zu dem Schlüsse, daß es „für jeden 
objektiv Denkenden erwiesen sei, daß in solchen Fällen die 
Syphilis der Kinder in direkter Linie von der zumeist auch 
sicher konstatierten Syphilis des Vaters herstammt“, und 
Kassowitz fährt weiter fort: „Ich zögere daher nicht, es 
auszusprechen, daß die direkte väterliche Vererbung der Sy¬ 
philis unter die bestkonstatierten wissenschaftlichen Tatsachen 
eingereiht werden kann.“ 

Kassowitz schließt aus dem Mangel anamnestischer 
Daten von syphilitischen Antezedentien und aus dem Mangel 
bestehender Syphiliserscheinungen auf die völlige Gesundheit 
der Mutter und wendet jenen Syphüidologen, welche da be¬ 
haupten, daß diese Mütter nur latent syphilitisch seien, ein, 
daß es „eine symptomenlose Syphüis eben nicht gebe und die 
betreffenden Frauen hätten bisher keine sicher konstatierte 
Syphilis gezeigt“. 

Die Überzeugung und den direkten Beweis, daß in seinen 
119 Eällen 43mal die Mütter ganz gewiß frei von Syphilis ge¬ 
blieben sind, verschaffte sich Kassowitz „durch wiederholte 
Untersuchungen, oft durch Jahre lang fortgesetzte Beobachtung“. 

Die Versicherung von Kassowitz, daß in sound soviel 
Fällen die Mütter ganz gewiß frei von Syphüis waren, er¬ 
leidet jedoch eine starke Einbuße durch das 

Matsenauer, Vererbung der Syphilis, q 


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Matzenauer. 


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eigene Bekenntnis, daß »die Untersuchung ihrer 
Genitalien allerdings nur ausnahmsweise er¬ 
folgte". Auch Hochsinger gibt zu, daß er „nur ausnahms¬ 
weise die Mütter am ganzen Körper, insbesondere ad genitalia 
untersuchen konnte". 

Kassowitz fühlt selbst das große Manko and fügt daher 
mildernd bei, „daß aber gerade diese Untersuchung, wenn es sich um 
eine mehrere Jahre alte Syphilis handelt, von geringer Bedeutung sei". 
Dagegen, versichert er, „wurde die Mund-, Nasen- und Rachenschleim- 
haut, die der Untersuchung leicht zugänglichen Partien der Haut speziell 
an den Armen, Händen und Handflächen, dann die behaarte Kopfhaut, 
Schlüsselbeine und Schienbeine u. a. f. fast jedesmal einer genaueren 
Untersuchung untersogen.“ 

Kasaowitz gibt nun selbst zu: „daß eine einzelne derartige 
Untersuchung, wenn sie erfolglos bleibt, noch nicht den Beweis des 
Fehlens der Syphilis zu liefern vermag.“ Doch fügt er bei, er habe sich 
überzeugt, „daß in allen Fällen, in denen die Mütter selbst an 
Syphilis litten, es ihm bei jeder in der obigen Weise vorgenommenen 
Untersuchung gelang, irgend ein unzweifelhaftes Symptom der vorhan¬ 
denen Syphilis, meist sogar mehrere gleichzeitig zu konstatieren.“ In den 
48 genannten Fällen aber hat er niemals Erscheinungen von 8yphilia 
gefunden und glaubt daher eine Syphilis überhaupt ausschließen zu 
können. 

Kassowitz bekennt also, daß er niemals eine genitale 
Untersuchung vorgenommen habe. Der Mangel einer Unter¬ 
suchung am Genitale und am Stamm, sowie auch die Außer¬ 
achtlassung der Untersuchung auf Inguinaldrüsenschwellung ist 
jedenfalls geignet, unser Vertrauen zur Versicherung Kasso- 
witzs nicht unwesentlich zu erschüttern. Hals-, Nacken- und 
Ellbogendrüsen, welche ungleich weniger bedeutungsvoll sind, 
oft überhaupt nicht geschwellt Bind und in der überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle nicht in so charakteristischer Weise ge¬ 
schwellt sind, um daraus einen Rückschluß auf Syphilis ableiten 
zu können, hat Kassowitz untersucht; ob aber die für 
den Primäraffekt pathognomonische regionäre 
Lymphdrüsenschwellung in inguine vorhanden 
sei, die sich häufig noch längere Zeit, manchmal 
noch nach mehreren Jahren, nachweisen läßt, 
diese Untersuchung ist unterblieben. 

Schon v. Vajda hat einer derartigen Untersuchungs- 
metbodik, wie sie von Kassowitz geübt wurde, allen Wert 
abgesprochen. 


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Die Vererbung des Syphilis. 


115 


Das Ergebnis einer derartigen Untersuchung hängt nicht 
nnr von der Art derselben und von der Sachkenntnis des 
Untersuchers selbst ab, sondern namentlich auch vom Zeit¬ 
punkt, zu welchem sie vorgenommen werden kann. Die Wahr¬ 
scheinlichkeit, Syphiliserscheinungen zu finden, ist — ceteris 
paribus — umso größer, je kürzere Zeit nach der Infektion die 
Untersuchung stattfindet, und wird umgekehrt mit zunehmendem 
Alter der Syphilis umso geringer, da ja erfahrungsgemäß die 
Häufigkeit der Syphilisrezidiven im Laufe der Zeit wesentlich 
abnimmt. Bei einer in späterer Zeit vorgenommenen Unter¬ 
suchung darf man daher von vornherein ein negatives Resultat 
voraussetzen, es wäre Zufall, wenn man gerade ein Sypbilis- 
symptom entdecken würde. 

Der Zeitpunkt der Untersuchung ist aber für die ver¬ 
schiedenen Spezialärzte, welche hier in Frage kommen, ein 
verschiedener. Kassowitz selbst gruppiert diese in drei 
Hauptgruppen, nämlich: 1. die Beobachtungen der Haus- und 
Familienärzte, zu denen auch die Mitteilungen der Kinderärzte 
zu zählen sind, 2. die Massenbeobachtungen der Geburtshelfer 
und 3. die Erfahrungen der Syphilisärzte. 

Selbstredend wäre eigentlich der Hausarzt der berufenste, 
über diese Frage zu entscheiden, weil er scheinbar am genauesten 
die ganze Familiengeschichte kennen muß und durch viele 
Jahre Gelegenheit hat, eine Frau zu beobachten. Kassowitz 
meint auch, „daß dem Hausarzt gegenüber von einer absicht¬ 
lichen Verheimlichung doch kaum die Rede sein könne“. 

Ich muß nun gestehen, daß ich gegen diese Annahme 
vielfach widersprechende Erfahrungen gemacht habe. Nicht 
selten kamen Frauen ins klinische Ambulatorium oder auch in 
meine privatärztliche Ordination mit der Mitteilung, daß sie 
von ihrer Krankheit ihrem Hausarzt keine Mitteilung machen 
wollten, weil derselbe auch die übrigen Familienmitglieder 
kenne, und weil sie fürchteten, daß durch die notwendige 
Quecksilbereinreibungskur ihre Krankheit in der Familie be¬ 
kannt werde. Solche Frauen kamen lieber täglich zu einer In¬ 
jektionskur an die Klinik oder in Privatbehandlung, natürlich 
nur wenn sie die Syphilis auf außerehelichem Wege akquiriert 
hatten. Von derartigen wohl nicht ungewöhnlichen Vorkommnissen 

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Matsenauer. 


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außerehelicher Akquirierung der Syphilis erfährt der Hausarzt 
in der Regel nichts. 

Wenn aber die Frau von ihrem Manne syphilitisch infiziert 
wird und wenngleich der Hausarzt Kenntnis von der Syphilis 
des Mannes hat, so pflegt ein syphilitischer Mann ja nicht vor 
mehreren Jahren post infectionem und nicht ohne Einwilligung 
des Arztes zu heiraten. Oer Frau wird häufig genug keine 
Mitteilung von einer vorausgegangenen älteren Syphilis des 
Mannes gemacht. Der Hausarzt kann daher an die junge Frau 
gar nicht das Ansinnen stellen, sich genital regelmäßig, etwa 
nur jeden Monat einmal, untersuchen zu lassen, weil sonst 
durch eine so auffallende Maßnahme die Frau Verdacht schöpfen 
müßte. Es wird also eine genitale Untersuchung der Frau unter 
lassen, obwohl der Hausarzt Kenntnis von der Syphilis des 
Mannes hat; der Hausarzt motiviert die Unterlassung der Ge¬ 
nitaluntersuchung häufig mit der Argumentation, daß bei der 
Frau, wenn sie wirklich eine frische Syphilis akquiriert hätte, 
doch bald Allgemeinerscheinungen am Körper und namentlich 
im Mund zu erwarten seien. 

Das Übersehen eines Primäraffektes von Seite der Frau 
ist eigentlich selbstverständlich, da ein Primäraffekt weder 
Schmerzen noch sonstige Beschwerden zu verursachen braucht 
und häufig derart situiert ist, daß er überhaupt nicht auffallen 
kann, z. B. bei der Lokalisation an der Portio. Nach der 
Statistik unserer Klinik (Hofrat Prof. Neumann) ist der 
Primäraffekt bei Weibern in mehr als 15% an der Portio loka¬ 
lisiert, in welchem Falle auch keine DrüsenBchwellung in in- 
guine zur Entwicklung kommt. Das Übersehen eines Primär¬ 
affektes ist auch bekanntlich eine ungemein häufige Beobachtung. 

Aber auch die sekundären Erscheinungen werden von 
jungen Frauen, die einen vermeintlich gesunden Mann heiraten 
und sonst mit niemandem geschlechtlich verkehrt haben, umso 
leichter übersehen, als diese Frauen ja keine Ahnung davon 
haben, was ihnen bevorstehen kann, und sie von niemandem 
darauf aufmerksam gemacht wurden. In der Regel verläuft ja 
auch bei jungen, sonst gesunden Individuen die Syphilis durch¬ 
aus milde. 


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Die Vererbung des Syphilis. 


117 


Die erste Eruption pflegt aus einem Fleckenausschlag zu bestehen, 
welcher bekanntlich auch spontan nach wenigen Wochen schwindet. 
Kopfschmerzen, Störungen des Allgemeinbefindens sind bei leichtem 
Syphilis verlaufe in der Regel nicht vorhanden. Sollte dies aber doch der 
Fall sein, so werden derartige leichte und vorübergehende Störungen 
gerne auf anderweitige Ursachen, Indigestion, Verkühlung, Menstruations- 
anomalion etc. bezogen. Plaques im Monde, falls sie später auftreten 
sollten, werden häufig für eine Angina gehalten. Durch fleißiges Gurgeln 
können sie wieder spontan schwinden ohne antiluetische Behandlung. 
Plaques an der Zunge oder an der Wangenschleimhaut werden als 
Bläschen infolge Reizes durch einen hervorstehenden Zahn angesehen etc. 

Dazu kommt, daß bei der Entwicklung von Syphilis¬ 
rezidiven der Einfluß äußerer lokaler Reize tatsächlich 
eine große Rolle spielt. Beispielsweise würde ein Plaque an der 
Zunge oder Wangenschleimhaut vielleicht nicht entstanden sein, wenn 
nicht an der betreffenden Stelle eine scharfe Zahnkante an der Schleim¬ 
haut beständig wetzt und reibt. Häufig auch entwickelt sich unmittelbar 
im Anschluß an eine gewöhnliche Angina im Gefolge eines Schnupfens 
oder Bronchialkatarrhes bei einem rezent syphilitischen Individuum eine 
Angina spezifica, Plaques an den Gaumenbögen oder Tonsillen. 

Angesichts der mitunter nicht leichten Differentialdiagoose 
zwischen einem syphilitischen Plaque an der Tonsille und einer 
Angina lacunaris wird es sich daher der Hausarzt sehr genau 
überlegen müssen, mangels anderer Erscheinungen bloß aus 
einem vereinzelten Plaque an der Tonsille die Diagnose Syphilis 
mit Sicherheit auszusprechen, zumal wenn, wie gesagt, ein 
Plaque sich im Anschluß an eine abgelaufene Angina non spe- 
cifica entwickelt. 

In einer besonderen Publikation verbreitete sich Fournier über 
die enorme Häufigkeit der „unbewußten Syphilis“ und betont, daß nicht 
nur Frauen, sondern auch Männer den Primärafifekt, die Drüsenschwel¬ 
lungen mitsamt der primären Roseola übersehen: Auch in seinem Werke 
„Syphilis und Ehe“ äußert er sich in ähnlicher Weise, speziell über die 
Leichtigkeit, mit welcher der mit allgemeiner Syphilis behaftete Gatte 
jene unbedeutenden Haut- oder Schleimhautsymptome übersehen könne, 
mit denen er gleichwohl eine Infektion seiner Ehehälfte herbeifuhrt. 

Kurz, wenn die Syphilis, wie dies eben bei gesunden 
Menschen in der Regel zu sein pflegt, leicht verläuft, ist es 
durchaus nicht wunderbar, wenn eine junge Frau, die von all 
dem keine rechte Vorstellung hat, die Erscheinungen unbeachtet 
läßt oder verkennt. 

Es kann uns dies umsoweniger Wunder nehmen, wenn wir be¬ 
denken, wie oftmals eine Angina speoifica auch von berufenster Seite 


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* Matzenauer. 


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für eine nicht spezifische Halsentzündung betrachtet wird. Kein Arzt 
kann spezialistisch ansgebildet sein für alle F&cher der Medizin; und so 
weiß jeder von uns Spezialärzten über hundertfältige Erfahrungen zu 
berichten, daß ein charakteristisches Symptom vom Hausarzt schon längere 
Zeit irrig gedeutet wurde. Es ist den Hausärzten daraus umso weniger 
ein Vorwurf zu machen, als ja leider bis in die allerjüngste Zeit 
das Studium der Dermatologie und Syphilis nicht obligater Studiums* 
gegenständ war, sondern dem Privatfleisse des Einzelnen es überlassen 
blieb, ob er sich in dieser Richtung orientieren wollte. Aber noch mehr 
alle Vorstände und Assistenten der dermatologischen und venereologischen 
Abteilungen wissen, wie spät von den staatlich angesteilten Polizeiärzten 
die Prostituierten oft erst ins Spital zur Aufnahme geschickt werden, 
wenn bei denselben manchmal die Syphiliserscheinungen sicherlich schon 
seit Wochen bestanden haben müssen; und doch war der Untersuchungs¬ 
arzt noch im Zweifel, ob die jeweilige Erscheinung wirklich luetischer 
Natur ist. 

Es kommt nicht selten der Hausarzt erst zu einer Genital¬ 
untersuchung bei den Frauen, wenn diese bereits nahe der 
Entbindung sind. Dann wird eventuell noch ein Gynäkologe 
beigezogen und noch später der Kinderarzt. Alle diese sehen 
die Frau also in der Regel erst ein Jahr nach der Verheiratung, 
häufig aber auch erst bei einem zweiten, dritten Kind, also 
mehrere Jahre nach der Verehelichung. 

Nun wollen wir uns fragen: Was ist an Rezidiven bei 
einem milden Verlauf der Syphilis in der Regel nach 1 oder 
mehreren Jahren noch zu erwarten? 

Kassowitz erwähnt, daß er speziell die leicht zugänglichen 
Partien der Haut, also die Arme, Hände und Handflächen, dann die be¬ 
haarte Kopfhaut, ferner Hals-. Nacken-, Ellbogendrüsen, Kopfknochen, 
Schlüsselbein and Schienbein untersucht habe. 

Dem möchte ich entgegenhalteo, daß in der Regel bei einem 
milden Verlauf von Syphilis nach 1 oder l*/ t Jahren post infec- 
tionem kein Exanthem mehr auf der äußeren Haut über¬ 
haupt, geschweige denn gerade auf den leicht inspizierbaren Teilen anf- 
zutreten pflegt. Es kommt natürlich vor, daß Roseolen selbst noch nach 
mehreren Jahren vorhanden sind, doch ist dies nicht sehr häufig und zu 
erwarten ist jedenfalls ein Exanthem an der Haut nach 1 —17s Jahren 
nicht mehr. Palmar- und Plantarsyphili de treten mit Vorliebe 
nach 7s—2 Jahren post infectionem auf. Natürlich kommen auch später 
noch gruppierte Syphilide an den Handtellern und Fußsohlen vor, in der 
Regel aber nicht mehr. 

Ein gleiches gilt für die behaarte Kopfhaut. Wenn überhaupt der 
Kopf von einem syphilitischen Exanthem befallen wird, so pflegt dies 
gleich bei der ersten Eruption oder bei den ersten Rezidivaussohlägen 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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und zwar meist bei einem papnlo-pnstnlösen Exanthem der Fall zu sein. 
Nor ausnahmsweise treten im Gesieht Roseolen auf, auf der Kopfhaut 
fallen solche, wenn sie überhaupt gesehen werden können, jedenfalls 
nicht auf. Wenn also an der Kopfhaut Syphiliseruptionen auftreten, sind 
diese in der Regel papulo-krustöse Effloreszenzen oder rupiaahnliche 
ulzeröse Formen. Dieselben sind aber zumeist Begleiterscheinungen eines 
sonst schweren Verlaufes der Syphilis (bedingt durch Komplikation mit 
einem anderweitigen Leiden, infolge dessen der Körper geschwächt und 
heruntergekommen ist, wie namentlich durch Tuberkulose, Alkoholismus 
u. dgl.). Bei sonst gesunden Menschen mit einem gewöhnlichen milden 
Syphilisverlauf ist also eine derartige Eruption an der Kopfhaut über¬ 
haupt nicht zu erwarten, ganz besonders aber nicht mehr nach einem 
oder nach mehreren Jahren. Das Gleiche gilt für die Knochenauftrei¬ 
bungen an den Kopfknochen. Schlüsselbeinen und Schienbeinen. Deflu- 
vium capillitii kommt fast ausschließlich in der Zeit von '/,—l 1 /* 
Jahren post infectionem vor. 

Die Schwellung der Hals-, Nacken- und Cubitaldrüsen ist ein 
durchaus unverläßliches Symptom, welches nur ein ganz gewiegter 
Syphilidolog zu verwerten vermag, zumal eine Täuschung dabei 
allzuleicht Vorkommen kann, indem diese Drüsen auch durch anderweitige 
Affektionen z. B. Skrofulöse, Kopfekzem, Pediculi capitis etc. geschwellt 
werden und Cubitaldrüsenschwellung fast regelmäßig bei Arbeitern mit 
Verletzungen an den Fingern, ferner nach Überstehen von Variola und 
anderen Infektionskrankheiten, vorkommt. 

Daraus ist ersichtlich, daß zwar die von Kassowitz 
herangezogenen Erscheinungen möglicherweise sich einmal 
hätten finden können, und in solchen Fällen hätte ja auch 
Kassowitz Syphilis der Mutter konstatiert; für die Mehrzahl 
seiner Fälle aber konnte er solcher Erscheinungen von vorne* 
herein nicht gewärtig sein, und in diesen Fällen hat Kasso¬ 
witz den zu weit gehenden Schluß gezogen, daß Syphilis 
überhaupt nicht bestanden habe, was durchaus unzulässig ist, 
wie wir noch zu erörtern haben werden. 

Die Bedeutung eines Leukoderma, eines Symptomes, 
das bei der Weiberuntersuchung eine Hauptrolle spielt, war 
von Kassowitz bei seinen damaligen Untersuchungen (1875, 
1884) noch nicht gekannt. 

Es bleiben also eigentlich als wahrscheinlichste noch 
eventuell zu erwartende Symptome bei einer älteren, milde 
verlaufenden Syphilis in der späteren Zeit der Sekundärperiode, 
also bei einer ein- bis mehrjährigen Erkrankungsdauer haupt¬ 
sächlich übrig: Gruppierte Exantheme am Stamm, Papeln im 


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Matsenauer. 


Mond and in der Genital-Anal-Region. Die Untersuchung der 
letzteren Region sowie der Haut am Stamme ist in allen Fallen 
von Kassowitz und Hochsinger unterblieben. Aus dem 
Fehlen von Papeln im Munde ist natürlich wieder keineswegs 
der Schluß berechtigt, daß das betreffende Individuum keine 
Syphilis habe. Es gibt ja so manchen Syphilitiker, der (trotz 
häufiger Rezidivexantheme) niemals Erscheinungen im Munde 
gehabt hat In der Regel freilich pflegen wenigstens leichte 
Mundaffektionen innerhalb des ersten Jahres nicht zu fehlen. 
Je älter aber die Syphilis wird, desto seltener und desto un¬ 
wahrscheinlicher wird auch das Auftreten derselben sein. 

Von den Anhängern der paternen Vererbung wird dem 
häufigen Mangel an Syphiliserscheinungen bei Schwangeren 
gerne der Ausspruch Fourniers entgegengehalten, „daß die 
Schwangerschaft das Auftreten wuchernder Papeln am Genitale 
begünstige*. Doch steht das häufig negative Untersuchungs¬ 
ergebnis bei Schwangeren keineswegs in Widerspruch mit 
Fourniers Aussage; denn 1. können syphilitische Frauen, 
obwohl sie noch Aborten und Frühgeburten haben, doch schon 
aus dem kondylomatösen Stadium hinaus sein, sie mögen 
also eine schon mehrjährige Syphilis haben, während Papeln 
und speziell luxurierende Formen hauptsächlich bei rezenter 
Syphilis sich entwickeln; und 2. müssen ja syphilitische Frauen 
gar keine Kondylome überhaupt bekommen, selbst wenn sie 
gravid sind. Die Entstehung nässender Papeln und namentlich 
wuchernder Syphilisformen am Genitale wird durch die 
Schwangerschaft zwar begünstigt, aber eben nur begünstigt, 
nicht unbedingt in jedem Falle wirklich hervorgerufen. Das 
Auftreten von Papeln wird überdies nicht nur durch die 
Schwangerschaft, sondern noch durch verschiedene andere 
Momente, wie namentlich Unreinlichkeit begünstigt, und anderer¬ 
seits werden Papeln durch sorgsame Trockenlegung und Rein¬ 
haltung, wenn nicht immer vollständig hintangehalten, so doch 
auf ein Minimum beschränkt. Selbst schon vorhandene Papeln 
können einfach durch Trockenlegung, durch Einpudem etc. 
nach Wochen oder schon nach Tagen spontan wieder schwinden. 

In keinem einzigen Falle von allen seinen 
Beobachtungen hat Kassowitz die Mutter zu Be- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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ginn der Ehe za sehen Gelegenheit gehabt. Frü¬ 
hestens hat er sie das erste Mal nach der Geburt 
des ersten Kindes untersucht, in den meisten 
Fällen aber erst mehrere Jahre später. — 
Seine Behauptung, daß die Mutter früher frei von Syphilis stets 
gewesen war, basiert daher lediglich auf der Angabe entweder 
der Mutter selbst, wie dies in den meisten seiner Fälle zutrifft, 
oder auf der Aussage des Hausarztes. Denn er hat alle die 
angeblich von Syphilis freien Mütter erst untersucht, nachdem 
dieselben mindestens 1 Jahr verheiratet waren, also voraus¬ 
sichtlich vor mindestens einem Jahre infiziert zu werden Ge¬ 
legenheit hatten. 

Die angeblich gesunde Mutter hat Kassowitz im 1. Falle 10 Monate 
nach der Verheiratung, im 2. Falle 1 Jahr, im 3. Falle 3 Jahre später 
das erste Mal untersucht. Im 4. Falle hatte der Mann sich im Jahr 1866 
infiziert, nach seiner Heirat bald darauf hatte die Frau 1867 und 1868 
je eine Todgebart, 1871 ein syphilitisches Kind; jetzt, also fünf Jahre 
nach der wahrscheinlichen Infektion der Mutter, sieht Kassowitz 
diese zum ersten Mal und erklärt sie frei von Syphilis! 

Wann die Beobachtung von Kassowitz zuerst einsetzt, ist nicht 
aus jeder Krankengeschichte genau zu entnehmen; doch ist es wahr¬ 
scheinlich, daß seine Beobachtung seit der mutmaßlichen Infektion der 
Mutter erst einsetzt: im 6i Falle nach 8 Jahren, im 6. Fall nach5 Jahren, 
im 7. Fall nach 2 Jahren, im 8. Fall nach 1 Jabr, im 9. Fall nach bei¬ 
nahe 2 Jahren, im 10. Fall nach 7 Jahren, im Fall Nr. 18 nach 5 Jahren, 
im Fall Nr. 20 nach 4 Jahren, im Fall Nr. 21 nach über 2 Jahren, im 
Fall Nr. 22 nach 5 Jahren, im Fall Nr. 23 nach 8 Jahren, im Fall 
Nr. 24 nach 5 Jahren, im Fall Nr. 27 nach 5 Jahren. 

In den 17 Fällen von angeblich gesunden 
Müttern, wovon Kassowitz die Krankengeschichten 
kurz skizziert, hat er also die Mutter (nach der 
wahrscheinlichen Infektion) zuerst gesehen: in 
3Fällen nach lJahr, in 3 Fällen nach 2 Jahren, in 
2 Fällen nach 3 Jahren, einmal nach 4 Jahren, in 
6 Fällen nach 5 Jahren und je einmal nach 7 und 
8 Jahren. 

Wenn aber die Beobachtung erst nach ein oder mehreren 
Jahren nach der wahrscheinlichen Infektion einsetzt, dann 
kommt sie eben zu spät t Es geht doch wohl nicht an, auf eine 
Untersuchung, welche zuerst mehrere Jahre nach der mutma߬ 
lichen Infektionsmöglichkeit vorgenommen wurde und ein nega- 


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Matxenaner. 


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tives Resultat ergab, und auf die negativen anamnestischen Daten 
der Frau selbst die Behauptung zu basieren, daß eine derartige 
Frau wirklich frei von Syphilis sei. Einer derartigen Behauptung 
kann doch keinerlei wissenschaftlicher Wert beigemessen werden. 

Zur Stütze seiner Annahme, daß die Mütter wirklich voll¬ 
ständig gesund sind, führten Kassowitz und andere Anhänger 
der paternen Vererbung das „oft blühende Aussehen“ der 
betreffenden Mutter, die „sichtbar strotzende Gesund¬ 
heit“ an, und Kassowitz meint, „es sei geradezu undenkbar, 
daß hei einem nicht behandelten Individuum eine vorhandene 
Syphilis hei durch viele Jahre fortgesetzter aufmerksamer 
Beobachtung absolut verborgen bliebe und die blühende Er¬ 
nährung, den reichen Haarwuchs u. s. w. nicht im mindesten 
alteriere“. 

Da diese und ähnliche Redewendungen sich immer wieder 
finden, wenn die Gesundheit der Mutter behauptet wird, so 
scheint es mir doch vielleicht nicht ganz überflüssig, eine kurze 
Bemerkung anzuknüpfen. 

Diese Autoren scheinen nämlich noch den alten Volks¬ 
glauben zu teilen, daß man einem Menschen seine Syphilis 
sofort ansehen müsse, daß der Syphilitiker eine welke, fahle 
Hautfarbe bekomme, daß ihm die Haare ausgehen, kurz daß 
er kränklich aussehen müsse. Es wäre doch endlich an 
der Zeit, daß wenigstens in der Ärztewelt solche 
veraltete Anschauungen fallen gelassen werden! 
Einem sonst gesunden kräftigen Individuum, das momentan 
frei von Syphiliserscheinungen ist, kann man doch bekanntlich 
in keinerlei Weise ankennen, daß es Syphilis vor einem oder 
mehreren Jahren überstanden hat; selbst bei der exaktesten Cn- 
suchung sind wir ganz außer stände, eine voraus¬ 
gegangene Syphilis nachweisen zu können. Es gibt 
heute kein Mittel (auch nicht mit Blutuntersuchungen), eine 
vorausgegangene Syphilis zu erweisen. 

Ganz besonders aber möchte ich gegen das vielfach ge¬ 
äußerte Symptom des Haarausfalles Stellung nehmen, 
welches bei den Müttern mit einer wahrscheinlichen älteren 
Syphilis immer wieder angeführt wird. Es ist leider in unseren 
gebräuchlichen Lehr- und Handbüchern über Syphilis durchwegs 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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verabsäumt, eine übersichtliche Zusammenstellung der Syphilis¬ 
symptome zu geben, wie sie in der Regel in chronologischer 
Reihenfolge auf einander zu folgen pflegen und auf Grund 
deren man auf das jeweilige Alter der Syphilis mit großer 
Bestimmtheit rückschließen kann. 

Jch muß es nahezu als Specificum unserer Wiener Klinik 
für Syphilis bezeichnen, wo dank der systematischen Päda¬ 
gogik der klinischen Vorstände Professor Sigmund und Neu¬ 
mann seit Jahren darauf das allergrößte Gewicht gelegt wird, 
60 daß wir jederzeit in der Lage sind, ohne Zuhilfenahme 
anamnestischer Daten bloß aus den Erscheinungen der Syphilis 
das Alter derselben mit einer fast an Sicherheit grenzenden 
Wahrscheinlichkeitsdiagnose festzustellen. 

Und so läßt also mit fast absoluter Sicherheit 
das Symptom einer Alopecia specifica auf eine 
Syphilis schließen, welche mindestens seit einem 
halb en Jahre und höchstens seit 1% Jahren be¬ 
steht. Weder früher noch später pflegt in der 
Regel der syphilitische Haarausfall vorzukommen. 

Wenn Orth fragt, „wie lange soll denn die Syphilis der 
Mutter latent bleiben, obwohl sie gar nicht behandelt wurde?“, 
so können wir ihm nicht mit einer präzisen Zeitangabe ant¬ 
worten, aber die Versicherung geben, daß die Syphilis manch¬ 
mal viele Jahre lang ohne auffallende Symptome verlaufen 
kann! Um dies mit einem Beispiel zu illustrieren, möchte ich 
einige Fälle aus meiner Privatpraxis mitteilen, wie deren ich 
und gewiß jeder Syphilidologe noch viele andere in großer 
Zahl zitieren könnte. 

Ein den besten Ständen angehöriger Herr kam mit einem ausge¬ 
breiteten serpiginds-gummösen Syphilid an den Schultern zu mir mit 
der Angabe, seit mehr als einem Jahre wegen Ekzem in Behandlung 
gestanden zu sein. Yon einer vorausgegangenen Syphilis wußte Patient 
absolut nichts. Zu seiner eigenen Überzeugung beschrankte ich die anti¬ 
luetische Behandlung auf eine Injektionskur und verwendete keinerlei 
lokale Behandlung. Das serpiginöse Syphilid schwand nach 10—14 Injek¬ 
tionen, nachdem es bereits */ 4 Jahre bestanden hatte. Der sehr intelli¬ 
gente Patient erklärte später, vor 9 Jahren sei von Prof. Ehr mann 
ein Geschwür an der Penishaut exzidiert worden, welches Ehr mann 
als einen wahrscheinlichen syphilitischen Primäraffekt bezeichnete. In der 
Folge trat jedoch keine Drüsenschwellung und kein Exanthem auf; obwohl 


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Patient sich anfangs allwöchentlich, später alle 14 Tage durch ein halbes 
Jahr bei Ehr mann nnd später noch allmonatlich einmal von Hofrat 
Neumann untersuchen ließ, wurden doch keinerlei Syphiliserscheinungen 
damals beobachtet und sollen auch in den folgenden Jahren nie solche 
aufgetreten sein bis zur jetzigen Erkrankung, welche 8 Jahre post infec- 
tionem zuerst sich zeigte. 

In diesem Falle wurde also ein Patient im Verlauf des ganzen 
ersten Jahres regelmäßig untersucht und es wurden keine Syphilis- 
Symptome gefunden, und doch muß zu jener Zeit die von Ehr mann 
gestellte Diagnose eines syphilitischen Primäraffektes die richtige ge¬ 
wesen sein. 

Wenn nun trotz einer so scharfen Kontrolle bei einem 
hochintelligenten Patienten, der auf Syphilissymptome gewärtig 
ist, trotzdem sekundäre Syphiliserscheinungen unbeachtet bleiben 
können, um wie viel leichter, ja sogar selbstverständlich muß 
es uns erscheinen bei einer Frau, die von der Möglichkeit einer 
Syphilisinfektion keine Ahnung hat und unter keiner ärztlichen 
Überwachung steht! 

ln meine Privatbehandlung kam vor 4 Jahren ein Herr mit einer 
unzweifelhaften Sklerose, begleitet von multipler, indolenter, mächtiger 
Drüsenschwellung, aber von keinem Exanthem gefolgt Als Beweis der 
richtigen Diagnose kam v bald seine Frau auch mit einem syphilitischen 
Primärafiekt, dem in gewöhnlicher Weise wiederholte Rezidiven folgten, 
die mit Quecksilber behandelt wurden. Der Mann aber war bis heute 
(nach 4 Jahren) zu keiner Quecksilberkur zu veranlassen, weil er weder 
selbst an sich noch je ein Arzt an ihm Syphilisersoheinungen beob¬ 
achten konnte. 

ln einem anderen Falle hatte ich wegen Phimose und gangränöser 
Sklerose die Circumcision vorgenommen vor 3 Jahren. Nach mehreren 
Monaten kam der Mann mit seiner Frau wieder, welche er von nässenden 
Papeln im Penoscrotalwinkel an der Commissura posterior und am Peri¬ 
neum (2 Sklerosen) infiziert hat. Die Frau zeigte multiple indolente 
Leistendrüsenschwellung, aber nie seither ein Exanthem weder an Haut 
noch Schleimhäuten; die Frau gebrauchte niemals eine Quecksilberkur. 
Das im September 1902 geborene Kind ist syphilitisch. 

Analoge Beispiele mit mehr minder genau fortgesetzter 
Beobachtung weiß gewiß jeder Praktiker in Hülle und Fülle 
zu erzählen! 

Derartige Erfahrungen müssen uns wohl die Überzeugung 
unabweisbar aufdrängen, daß die Syphilis eben in manchen 
Fällen spontan einen mehr minder ausgesprochen abortiven 
Verlauf nehmen kann. Schon Diday unterschied bekannt¬ 
lich zwischen einer Syphilis progressive uud einer Syphilis 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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decroissante; während erstere behandelt werden müsse, komme 
die letztere oft von selbst zur Ausheilung. Ebenso wio nämlich 
andere Infektionskrankheiten gelegentlich einen abortiven Ver¬ 
lauf nehmen können, z. 6. Diphtherie, Scarlatina, Variola, Typhus, 
Tetanus etc., so kommen auch bei Syphilis Infektionen vor, 
welche außerordentlich geringe, kaum nennenswerte Krankheits¬ 
erscheinungen hervorrufen. Solche spontan abortiv verlaufende 
Fälle von Syphilisinfektiouen beobachtet man zumeist nur bei 
jungen, sonst gesunden Individuen, wie dies gerade für die 
Jungverheirateten Frauen in der Regel zutrifft. 

Kassowitz schließt also aus dem Fehlen des Nachweises 
von Primäraffekt und sekundären Erscheinungen bei den 
Müttern hereditär-luetischer Kinder auf das Fehlen von Sy¬ 
philis, aber nur in diesem Falle, in einem völlig analogen Falle, 
nämlich beim plötzlichen Auftreten von sekundären oder ter¬ 
tiären Erscheinungen in späteren Jahren bei Individuen, die 
angeblich keine Syphiliserscheinungen früher jemals gehabt 
haben, nämlich beim Choc en retour und dem sogeoannten Ter- 
tiari8mus d’emblee, zieht Kassowitz genau denselben Schluß, 
den auch wir ziehen müssen: nämlich daß aus dem Fehlen 
eines nachweisbaren Primäraffektes und der sekundären Er¬ 
scheinungen durchaus noch nicht das unvermittelte Auftreten 
sekundärer resp. tertiärer Erscheinungen erwiesen ist. In 
diesem Falle erklärt Kassowitz, „daß ein Irrtum in zweierlei 
Richtung möglich sei: entweder sind die Früberscheinungen 
unbedeutend gewesen und wurden vergessen, werden auch 
vielleicht absichtlich geleugnet oder die angeblich syphilitische 
Kachexie hat mit der Syphilis gar nichts zu tun und ist nicht 
spezifisch.“ 

Ich kann es Kasso witz nicht ersparen, den Vorwurf v. 
Dürings hier abermals zu wiederholen, daß er „in diesem 
Punkte parteiisch sich verhältdenn dasselbe Vorkommnis, 
das Fehlen von nachweislich vorangegangenen Primär- und 
Sekundärerscheinungen interpretiert er einmal dahin, daß es 
ein Beweis für das Fehlen der Syphilis überhaupt sei, ein 
andermal jedoch erblickt er in dem Fehlen von nachweislich 
vorangegangenen Primär- und Sekundärerscheinungen durchaus 


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12 fi Matzenaue r. 

keinen Beweis, daß sie nicht doch übersehen oder unbeachtet 
geblieben sind. 

Kassowitz verlangt sichtbare Zeichen von Syphilis bei 
den Müttern, sonst will er sie nicht als syphilitisch gelten 
lassen. Bei den syphilitischen Früchten sowohl der sicher 
selbst syphilitischen als auch der anscheinend gesunden Mutter 
ist aber bekanntlich auch sehr häufig weder bei klinischer 
noch bei pathologisch-anatomischer Untersuchung irgend ein 
Zeichen von Syphilis zu finden; bei diesen nimmt Kassowitz, 
wie schon Weil aufmerksam gemacht hat, anstandslos an, 
daß dies 6 Individuen doch sicher selbst syphilitisch sind und 
gründet sogar auf diese symptomenlose Syphilis sein Gesetz 
der allmählichen Abschwächung der Vererbungsintensität. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß gerade die ersten, an Syphilis 
an Grande gehenden Früchte rezent syphilitischer Mütter, also Aborten t 
Früh- und Todgeburten, häufig keine nachweisbaren Syphiliserscheinungen 
bieten. Kassowitz selbst sagt: „Es ist sogar überaus häufig, daß in 
dem Fötus selbst bei genauester Untersuchung kein zweifelloses Symptom 

seiner ererbten Dyskrasie aufgefnnden werden kann.Im ganzen 

genommen sind die Fälle mit negativem Resultat der postmortalen 
Untersuchung die häufigeren, weil die Frühgeburt und der Tod der 
Früchte gewöhnlich schon vor dem Ausbrach der sichtbaren und greif¬ 
baren Symptome erfolgt.“ 

Über die Frage, wie hoch denn die Zahl jener an¬ 
scheinend gesunden Frauen, die syphilitische 
Kinder gebären, perzentuell sein mag, erfährt man 
einige Aufschlüsse durch Umwege aus Statistiken über angeblich 
paterne Vererbung. Nach Fourniers Statistik beträgt die 
Häufigkeit paterner Vererbung 38%, d. h. in ebensoviel Fällen 
war eine Syphilis der Mutter nicht nachweisbar. Anton hat 
von 70 Müttern 15 = 20% ohne Syphiliserscheinungen gefun¬ 
den. Kassowitz fand in 119 Fällen 43mal (= 36% die 
Mutter syphilisfrei. Schönberg behauptet, daß (75%) aller 
Mütter syphilitischer Kinder auch nachweisbar syphilitisch seien, 
d. h. daß) 25% syphilisfrei seien. 

Da nun aber bekanntlich in etwa 30—40% aller 
Gummen (also sicherer Syphiliserscheinungen!) 
eine vorausgegangene Syphilis nicht zu eruieren 
ist (Sigmund), kann es uns da Wunder nehmen, wenn auch 
bei einem Teil der Mütter von hereditär luetischen Kindern 


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Die Vererbung der Syphilis. 


127 


keine vorausgegangene Syphilis anamnestisch zu erheben ist? 
Mußt en wir nicht vielmehr von vornherein einen 
mindestens ebenso hohen Perzentsatz von angeb¬ 
lich negativen Antezedenzien erwarten? 

Eassowitz meint, wir müßten uns doch entschließen, 
solche Individuen, die niemals ein Zeichen der Syphilis an sich ge¬ 
tragen haben und welche auch nicht befähigt sind, 
die Krankheit auf andere Individuen zu übertra¬ 
ge n, für nicht syphilitisch zu erklären. Eassowitz hat daher 
schon in seiner ersten Arbeit über hereditäre Syphilis die Forderung 
aufgestellt, daß, wenn diese gegen Syphilis immunen Frauen 
eigentlich als latent syphilitisch zu betrachten wären, es doch 
möglich sein müßte, daß von diesen latent syphi¬ 
litischen Individuen Syphilis auf einen zweiten 
Organismus übertragen werden könne und er bat 
in diesem Sinne den Satz niedergeschrieben: „Es wäre eigent¬ 
lich an jenen, welche eine jede Mutter eines hereditär syphili¬ 
tischen Kindes für latent syphilitisch halten, auch wenn sie 
gar keine Symptome der Syphilis darbietet, durch direkte 
Impfversuche die Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen; 
nur in dieser Weise könne man „die symptomenlose Syphilis“ 
über das Niveau der vagesten Vermutungen erheben. Solange 
aber solche Impfungen nicht stattgefunden hätten, müßten wir 
weiter forschen, ob diese Individuen vielleicht in einer 
anderen unserer Beobachtung und Kontrolle zu¬ 
gänglichen Weise ihr verborgenes Gift auf einen 
zweitenOrganismus übertragen können.“ Eassowitz 
spricht dabei mit großer Emphase aus: „Es gibt nun eine 
solche Art derÜbertragung und diese ist dieVer- 
erbung“ . . . . „Haben wir einen Anhaltspunkt 
dafür, daß die inFrage stehenden Individuen ihre 
symptomenlose Syphilis in einer an den Kindern 
nachweisbaren Form durch den Zeugungsakt über¬ 
tragen? Die Antwort hiefiir lautet entschieden verneinend.“ 

Eassowitz meint, daß solche Mütter sich genau so ver¬ 
halten wie wirklich gesunde, d. h. daß sie gesunde Kinder ge¬ 
bären, wenn sie von einem gesunden Manne konzipiert hatten. 


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Matzenauer. 


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Kassowitz trifft mit seiner scharfen Kritik hier wieder 
einmal den Nagel auf den Kopf. In der Präzisierung dieser 
Frage und in der Beantwortung derselben liegt in der Tat ein 
wichtiges entscheidendes Moment. Wenn Kassowitz allerdings 
meint, daß durch den Zeugungsakt eine symptomenlose 
Syphilis auf die Kinder nicht rererbt wird, so können wir ihm 
nur beipflichten. Da wir jedoch annehmen, daß nicht durch 
den Zeugungsakt direkt (durch die infizierten Keimzellen), son¬ 
dern durch placentare Infektion die Krankheit vererbt werde, 
so wollen wir das Wort „Zeugungsakt“ durch „Schwan¬ 
gerschaft“ ersetzen; und wenn wir die Frage also 
dann abermals stellen, ob wir Anhaltspunkte haben, 
daß derartige Mütter ihre symptomenlose Syphi¬ 
lis in einer an den Kindern nachweisbaren Form 
durch die „Schwangerschaft“ übertragen, so muß 
die Antwort entschieden mit „Ja“ ausfallen. An¬ 
scheinend gesunde Mütter mit symptomenloser 
Syphilis können ja eben hereditär luetische 
Kinder gebären und wir erblicken gerade darin 
wieder einen neuerlichen Be weis, daßdie anschei¬ 
nend gesunden Mütter nur eine symptomenlose, 
d. h. latente Syphilis, aber trotzdem Syphilis 
haben: Die symptomenlose Syphilis der Mutter 
wird durch die Geburt eines syphilitischen Kindes 
geradezu entlarvt! 

Wir können also niemals, selbst wenn öfter wiederholte 
und längere Zeit fortgesetzte Untersuchungen ein negatives 
Resultat geben, mit Sicherheit behaupten, daß keine Syphilis 
bestehe oder vorausgegangen sei, wir können immer nur aus- 
sagen, daß keine Anhaltspunkte dafür nachweisbar sind. 
Jullien, welcher ebenfalls energisch Stellung nimmt gegen 
jene, welche aus dem Fehlen von Syphilissymptomen auf die 
wirkliche Gesundheit der Mutter rückschließen wollen, sagt: 
l’argument general revient toujours ä ceci: nous n’avons point 
reconnu que la mfere fut syphilitique, et cependant l'enfant est ne 
infecte. Ces auteurs oublient que scientifiquement 
il n’äxiste qu’un seul signe qui permette d’affirmer 
que la mere est exempte de syphilis, c’est l’inocu- 
lation positive du virus. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Es bleibt dabei noch die Frage offen, ob diese Frauen 
auch fernerhin allezeit frei von Syphilis bleiben oder ob sie 
nicht vielleicht später doch sekundäre oder etwa plötzlich ter¬ 
tiäre Formen zeigen werden? Und diese Frage deckt Bich mit 
jener von Eassowitz aufgestellten Frage: „Kann die 
Mutter eines vom Vater her syphilitischen Kindes 
auch weiterhin gesund bleiben?" (Die Frage wird 
von Eassowitz bejaht.) 

Die Beantwortung dieser Frage bringt die 
Entscheidung. Denn wenn wir nachweisen können, daß bisher 
allerdings gesund erscheinende Mütter in späterer Zeit doch 
Erscheinungen von Syphilis bieten, so ist damit natürlich be¬ 
wiesen, daß die Frauen früher nur scheinbar gesund, also 
latent syphilitisch waren, d. h. zur Zeit der Untersuchung ein¬ 
fach keine Erscheinungen von Syphilis hatten, trotzdem aber 
selbst syphilitisch waren. Nun erfahren wir in der 
Tat von einer unabsehbar langen Reihe von Au¬ 
toren, daß solche angeblich bisher gesunde 
Mütter hereditär-luetischer Kinder in späterer 
Zeit plötzlich teils sekundäre, teils tertiäre 
Syphiliserscheinungen bekommen haben. 

Über das Schicksal derartiger Mütter geht die Meinung 
der Autoren in der divergentesten Weise auseinander. Eine 
nicht geringe Zahl von Autoren nimmt nämlich an, daß der¬ 
artige Mütter, obwohl sie bei der Zeugung noch gesund waren 
und auch späterhin von außen nicht infiziert wurden, im 
Verlaufe der Schwangerschaft oder bald nach 
der Entbindung dennoch die Symptome der allgemeinen 
syphilitischen Erkrankung darbieten können. („Syphilis con- 
ceptionelle precoce.“ „Choc en retour.“) 

Eine andere große Zahl von Autoren gibt an, daß die 
betreffenden Frauen zwar nicht im Verlauf der Schwangerschaft 
und auch nicht bald nach der Entbindung, sondern erst nach 
Ablauf einer längeren Zeit, nach mehreren Jahren 
erkranken und zwar sogleich mit tertiären Er¬ 
scheinungen oder unter einer syphilitischen Kachexie. („Sy¬ 
philis conceptionelle tardive,“ „Tertiarismus d’emblee.“) 

Mitsenaaer, Vererbung der Syphilis. 9 


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Matzenau er. 


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Endlich drittens behaupten viele Autoren, daß die an¬ 
scheinend gesunden Mütter syphilitischer Kinder, trotzdem sie 
auch späterhin gänzlich frei von jedem syphilitischen Symptom 
bleiben mögen, dennoch selbst syphilitisch sein müssen, weil 
dieselben nicht mehr von Syphilis infiziert werden können: Das 
beweist schon der Umstand, daß solche auch anscheinend ge¬ 
sunde Mütter ihre hereditär-luetischen Kinder säugen lassen 
können und trotzdem von denselben nicht infiziert werden; 
und außerdem ist die Immunität dieser Mütter gegen Syphilis 
auch durch negative Impfresultate erwiesen. 

Bezüglich der ersten zwei Punkte, daß früher anscheinend 
gesunde Mütter in späterer Zeit entweder sekundäre oder ter¬ 
tiäre Syphiliserscheinungen plötzlich bieten, decken sich unsere 
Anschauungen so ziemlich mit jenen von Kassowitz. Man muß 
in solchen Fällen wohl annehmen, daß die vorausgegangenen 
Syphilissymptome, der Primäraffekt oder die Sekundärerschei¬ 
nungen übersehen worden sind. Denn an eine Syphilis d’emblee 
oder an eine Syphilis durch Choc en retour können wir ebenso 
wenig glauben wie Kassowitz. Doch kommen wir zum gleichen 
Schluß auf Grund anderer Voraussetzungen. Kassowitz 
leugnet nämlich das Vorkommen eines Choc en retour aus dem 
Grunde, weil er den Übergang von Mikroorganismen im all¬ 
gemeinen von der Mutter auf das Kind oder umgekehrt 
vom Kinde auf die Mutter für ausgeschlossen hält. Er stellt 
bekanntlich die Behauptung auf, daß die Scheidewände des 
mütterlichen und fötalen Blutkreislaufes in beiderlei Richtung 
bin für Bakterien unpassierbar sind. Wir haben früher gesehen, 
daß der Übergang von Mikroorganismen von der Mutter auf 
das Kind durch zahlreiche exakte Beobachtungen nachgewiesen 
ist und sogar die einzige bis jetzt erwiesene Übertragungsweise 
darstellt. Unter dieser Voraussetzung müßte man wohl den um¬ 
gekehrten Weg, Übergang der Bakterien vom Kinde auf die 
Mutter als selbstverständlich a priori zugeben. 

Wir halten aber den Choc en retour geichfalls 
für ausgeschlossen, deshalb, weil wir eine Erkrankung 
der Frucht vom Vater her als nicht erwiesen be¬ 
trachten. Nach unserer Meinung spielt der Vater bei der 
Vererbung keine unmittelbare Rolle. Ist das Kind krank, so 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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muß notwendigerweise die Mutter zuerst infiziert worden sein. 
Der Choc en retour ist also schon deshalb ausgeschlossen, weil 
vom Vater her die Frucht immer frei von Krankheitserregern 
bleibt. 

Kassowitz erwähnt, daß die Entstehungsgeschichte des 
Choc en retour darin zu suchen ist, daß Ricords Lehre die 
Infektiosität der sekundären Syphiliserscheinungen leugnete und 
einzig und allein den Primäraffekt als infektiös betrachtete. 
„Hier diente die Theorie des Choc en retour gewissermaßen 
als Rettungsanker, weil sich wenigstens jene Fälle, in denen 
auch eine Konzeption stattgefunden hatte, in der Weise zu¬ 
rechtlegen ließen, daß die Infektion nicht direkt vom Manne, 
sondern indirekt durch den hereditär syphilitischen Fötus er¬ 
folgte.“ Kassowitz sagt nun: „Die Lehre von der Nichtin¬ 
fektiosität der sekundären Syphilisprodukte ist zwar gefallen, 
aber die Theorie der Retroinfektion der Schwangeren durch 
den syphilitischen Fötus ist uns geblieben.“ 

Ich möchte diesen letzteren Satz dahin erweitern, daß 
uns bis heute noch die ganze Lehre von der sper¬ 
matischen Vererbung der Syphilis geblieben ist. 
Denn ebensowenig als sich der Choc en retour durch unzwei¬ 
deutige Beobachtungen erweisen läßt, ebensowenig läßt sich 
überhaupt die spermatische Vererbung der Syphilis erweisen. 
Wir sind dagegen in jedem einzelnen Fall leicht imstande, die 
Erkrankung des Kindes durch die exakt erwiesene intrauterine 
Infektion der Frucht auf placentarem Wege von Seite der 
syphilitischen Mutter zu erklären; wir haben es nicht notwendig, 
auf eine hypothetische paterne Vererbung zu rekurrieren, 
also zu einer Übertragungsweise unsere Zuflucht zu nehmen, 
die wir nicht beweisen können, sondern nur vermuten. 

Es ist hier wohl überflüssig, abermals auf alle die Details 
einzugehen, welche den Choc en retour widerlegen, da dies 
in gründlichster Weise ohnehin schon durch Kassowitz, 
Hochsinger, Szadek, Wolff u. a. geschehen ist Für uns 
bleibt nur aus der ganzen Lehre vom Choc en retour als 
wichtige Tatsache übrig, daß häufig anscheinend gesunde und 
von Ärzten als gesund betrachtete Frauen im Verlauf der 
Schwangerschaft oder später doch sekundäre Syphiliserschei- 

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Matzenauer. 


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nungen bekommen; wie angemein häufig aber das vorkoinmt, 
mag man daraus ermessen, daß diese Lehre viele Jahrzehnte 
hindurch eine allgemein akzeptierte war. 

Nicht nur die französische Schule mit Fournier, 
Diday, Mauriac, Gailleton etc. glaubten an diese Syphilis 
conceptionelle precoce oder Syphilis durch Choc en retour, 
sondern diese Anschauung war überhaupt allerwärts herrschende 
Lehre, und viele Autoren ersten Namens stehen ja heute noch 
auf demselben Standpunkt. 

Die Häufigkeit der Syphilis conceptionelle 
precoce gibt d’Aulnay mit 32% an (zitiert nach Finger) 
„d. h. von 100 Frauen, die latent syphilitische Männer ehelichten 
und mit denselben syphilitische Kinder zeugten, zeigen 32 die 
Erscheinungen, die als frühe konzeptionelle Syphilis bezeichnet 
werden.“ Da Fournier die Häufigkeit der paternen 
Vererbung (von Vätern mit rezenter Syphilis) 
mit 38% angibt, frägt Finger mit Recht: „Sollte 
denn diese auffällige Übereinstimmung der Zahlen 
38% und 32% nur ein reiner Zufall sein?* 

Finger, welcher der Syphilis par Choc en retour gegenüber eben¬ 
falls skeptisch sich verhält, meint nämlich, daß in allen diesen Fällen die 
Frauen ihre Syphilis nicht vom syphilitischen Fötus, sondern direkt vom 
Mann durch das Sperma akquiriert hätten; nach Finger ist der kon¬ 
zipierende Coitus wahrscheinlich gleichzeitig der infizierende; er erklärt 
nun: „Fehlen bei dem Mann kontagiöse Sekundärformen, so ist diese 
Tatsache zwanglos nur so zu erklären, daß das Sperma Syphilisvirua 
führte und die Mutter sowohl schwängerte, als auch Mutter und Kind 
gleichzeitig infizierte, dasselbe Sperma also die Syphilis beider Teile 
bedingte.“ 

Wir stimmen Finger allerdings vollständig bei, wenn er die Ent¬ 
stehung der frischen mütterlichen Syphilis nicht von dem hypothetischen 
Choc en retour ableitet, sondern von der uns sonst wohlbekannten Infektions¬ 
weise, durch Kontaktinfektion; der .Primäraffekt wird, wie auch sonst 
häufig, fast möchte man sagen, wie auch sonst gewöhnlich, einfach 
übersehen. 

Wir können aber den Erklärungsversuch, wonach Mutter und Kind 
von dem angeblich latent syphilitischen Mann durch Sperma infiziert sein 
sollen, nichts weniger als zwanglos ansehen; denn Sperma infiziert 
doch bekanntlich überhaupt nicht Noch nie ist es gelungen, 
durch Sperma einen Primäraffekt hervorzurufen; selbst das Sperma 
von Rezentsyphilitischen ist nicht infektiös, geschweige 
denn von einem Latentsyphilitisehen. (Es wäre ja möglich. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


133 


daß bei Syphilis der Genitalorgane, speziell des Hodens, Syphiliskeiroe 
dem Sperma zufällig beigemengt sein können [Hochsinger]; aber 
dieser Ausnahmsfall kommt in dieser Frage absolut nicht 
in Betracht, auch hat Finger einen solchen bei seinem Erklärungs¬ 
versuch nicht im Auge gehabt.) 

Wirmössen Hochsi nger vollständig beistimmen, welcher in noch 
viel zwangloserer Weise den übersehenen mütterlichen Primäraffekt in 
ganz gewöhnlicher und gewohnter Weise entstehen läßt: von einer (viel* 
leicht unscheinbaren) syphilitischen Erosion des Mannes. 

Mit 38°/ 0 beziffert Fournier die Häufigkeit der paternen 
Vererbung (Kassowitz mit 36°/ u , andere noch weniger 25 
bis 20%)- Mit 32% beziffert d’Aulnay die Häufigkeit des 
Choc en retour, d. h. daß die früher anscheinend gesunden 
Mütter plötzlich doch (sekundäre) Syphiliserscheinungen gezeigt 
haben. Diese auffällige Übereinstimmung der 
Zahlen 38% und 32% überrascht uns nicht mehr, 
sie bestätigt vielmehr nur unsere Erwartung, 
daß in fast allen Fällen von angeblich paterner 
Vererbung beider Mutter doch Syphiliserschei¬ 
nungen auftreten und bei sorgfältiger Unter¬ 
suchung nachzuweisen sind, und daß weiters in 
wirklich allen Fällen von angeblich paterner 
Vererbung doch die Mutter selbst syphilitisch ist. 

Der Lehre von Choc en retour liegt der leitende Qedanke zu Grande, 
„daß solche Frauen stets ein vom Vater her syphilitisches Kind gebären.“ 
Finger erklärt ganz richtig, »daß mit dieser Anführung ein großer, bisher 
unbemerkt gebliebener Trugschluß begangen wird. Daß die Mutter 
«in vom Vater her syphilitisches Kind zur Welt bringt, 
kann ja nnr dann sicher angenommen werden, wenn die 
Frau vor und nach der Gravidität gesund blieb; wenn die 
Fran während der Gravidität einmal Symptome all¬ 
gemeiner Syphilis darbietet, so sind wir ja aber die Prove¬ 
nienz der kindlichen Syphilis im Unklaren und die Basis für 
jedweden Schluß wird uns unter den Füßen weggezogen?“ 

Viele Autorea ersten Namens stehen sogar auf dem 
Standpunkt, daß in jedem Falle von Geburt eines 
hereditär-luetischen Kindes die Mutter durch 
Choc en retour eo ipso infiziert ist» Ich brauche 
nur anzuführen, daß beispielweise Fournier, wie Kassowitz 
selbst erwähnt, »davon mit großer Bestimmtheit und im Tone 
der tiefsten Überzeugung spricht“. 


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Matzenauer. 


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Ich erinnere nur nochmals an den Grundsatz „Keine 
hereditäre Syphilis ohne syphilitische Mütter“, zu welcher 
sich die allermeisten Syphilidologen, wie Colles, Diday, 
Hutchinson, Boeck, Sigmund, Zeissl, Wolff, Four- 
nier, Mauriac, Jullien etc. bekannten. Und ich betone 
hier endlich nochmals, daß für alle diese Autoren, 
welche jede Mutter eines hereditär luetischen Kindes durch 
Choc en retour eo ipso für selbst syphilitisch erklärten, die 
Frage einer paternen Vererbung daher nur bei 
der Geburt des ersten Kindes aufgeworfen werden 
konnte. 

Aber nicht nur sekundäre Erscheinungen sollten die 
früher gesunden Frauen später bieten, sondern, wie erwähnt, 
sollten angeblich auch unvermittelt tertiäre Erscheinungen bei 
einer großen Zahl derselben später aufgetreten sein. Allgemein 
bekannt ist die Anschauung Behrends und Hutchinsons, 
daß derartige Mütter in späterer Zeit eine eigenartige Kachexia 
syphilitica darbieten sollen, daß solche Frauen auch Ulzerationen 
an der Zunge, Flecken an der Hohlhand, Gummata des Unter¬ 
hautzellgewebes, periostale Auftreibungen etc. darbieten sollen, 
u. zw. glaubt Hutchinson, daß die Mütter, je mehr syphi¬ 
litische Kinder sie gebären, umso intensiver erkranken. Er 
glaubt, daß „in etwas weniger als der Hälfte jener 
Fälle, in denen ursprünglich gesunde Frauen von 
syphilitischen Männern syphilitische Kinder ge¬ 
bären, diese Art der spezifischen Erkrankung 
der Mutter eintritt. D’Aulnay beziffert die Häufigkeit 
der „tardiven konzeptionellen Syphilis“ mit 7°/ 0 . Hutchinson 
glaubte allerdings, daß derartige Frauen nicht direkt Syphilis 
hätten, sondern eine Vergiftung durch syphilitische Toxine, wie 
er denn überhaupt der Meinung ist, daß tertiäre Syphilis¬ 
produkte nicht mehr durch den Syphiliserreger selbst, sondern 
durch eine spezifische Modifikation der Gewebe infolge des 
Syphilisgiftes bedingt seien. Er nähert sich in diesem Punkte 
den Anschauungen Fingers, welcher diese Meinung in der 
reinsten Form ausgesprochen hat, daß nämlich die tertiären 
Produkte nicht mehr Wirkung des Syphiliserregers selbst, 
sondern durch dessen Toxine hervorgerufen sind. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


135 


In seiner Arbeit über Immunität gegen Syphilis führt Finger 
näher ans: „Mit jeder Gravidität nimmt die Kachexie zu. Schließlich 
stellen sich neben Allgemeinerscheinungen auch örtliche Erkrankungen 
ein, die den Typus tertiärer Syphilis, periostale Gummen, serpiginöse 
Geschwüre an Haut* und Schleimhäuten darbieten. Wir haben dann das 
Eigentümliche vor uns, daß Frauen, die trotz skrupulöser Untersuchung 
nie Primär- und Sekundärerscheinungen darboten, an tertiären Symptomen 
erkranken.“ 

Diese Beobachtung, sagt Finger, fand bald allgemeine 
Anerkennung: Knoblauch, Diday, Kopp, 1’ Alle man d, 
Maisonneuve, Montanier, v. Bärensprung, Auspitz, 
Reder, Zeissl, ferner Melchior Robert, Fürth, Cus- 
pary, Fournier, Blaise, Tarnowsky, Tan Buren, 
Briant, Mason, v. Zeissl, Riocreux, Charrier, Bar- 
thelemy, Fleiner, Raymond, Colombini, v. Düring, 
Sigmund. Mauriac, Gamberini, Kaposi, Lang. — 
Finger hält diese Beobachtung infolge der außerordentlch 
zahlreichen Bestätigung für so roll wertig, daß er erklärt: „Eine 
Kritik geht zu weit, hört auf wissenschaftlich zu sein, wenn 
sie alles, was ihr nicht in den Kram ihres eben akzeptierten 
Systems paßt, einfach über Bord wirft.“ 

Wir wollen uns nicht mehr in eine Kritik der Finger sehen 
Theorie über die Entstehung tertiärer Produkte durch Toxine 
einlassen, welcher wir durchaus widersprechen müßten;*) wir 
können für das scheinbar unvermittelt plötzliche Auftreten von 
tertiären Erscheinungen natürlich ebenso wenig die Annahme 
einer Syphilis conceptionelle tardive gelten lassen wie im all¬ 
gemeinen eine Syphilis conceptionelle precoce (durch Choc en 
retour); wir können überhaupt einen Tertiarisme d’emblee 
ebenso wenig gelten lassen, wie im allgemeinen eine Syphilis 
d’emblee, weil das Fehlen von nachweisbar vorausgegangenen 
Primär- resp. Sekundärerscheinungen immer durch ein Über¬ 
sehen derselben leicht erklärlich ist und jedesfalls nicht aus¬ 
geschlossen werden kann. 

Es sei hiemit nicht gesagt, daß die Syphilis immer mit einem 
deutlich nachweisbaren Primäraffekt beginnt ; bekanntlich ist ein solcher 
oft so unbedeutend, daß er eben nicht auflfcllt. In exzeptionellen Fällen 
mag vielleicht wirklich an der Eintrittspforte der Infektion überhaupt 


*) Siehe Matzenauer, Lehrbuch der Syphilis und venerischen 
Erkrankungen. Wien 1903. 


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Matzenaner. 


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kein Infiltrat sich entwickeln, das als Primäraffekt bezeichnet werden 
könnte, so daß man dann in der Tat von einer Syphilis d’emblee — 
Syphilis ohne Entwicklung eines Primäraffektes an der Infektionsstelle — 
sprechen könnte; 2 Fälle dieser Art hat jüngst Jnllien (Festschrift für 
Ne um an n) mitgeteilt, in welchen 2 Chirurgen bei der Operation an 
einem syphilitischen Kranken sich durch Nadelstich in gleicher Weise am 
Finger verletzten, keinen Primäraflekt, aber nach auffallend kurzer Zeit 
(5 Wochen) Exanthem bekamen. 

Für uns hier ist nur von Belang die Tatsache, daß eine 
so große Anzahl von Autoren bei früher anschei¬ 
nend gesunden Müttern auf einmal später sicher 
syphilitische Erscheinungen konstatierenkonnten. 

Die früher anscheinend gesunden Mütter 
wurden also einerseits von einer überwältigend 
großen Zahl von Autoren später mit sekundären, 
andererseits von einer ebenfalls sehr großen 
Zahl von Beobachtern mit tertiären Syphilis¬ 
erscheinungen behaftet gefunden. Das ist nun eine 
äußerst bedeutungsvolle, nicht wegzulengnende Tatsache. 

Dadurch wird aber die Zahl der Frauen, welche angeblich 
immer syphilisfrei sein sollen, auf ein Minimum verringert 
Unser Vertrauen zur Annahme, daß die scheinbar gesunden 
Mütter also als wirklich gesund und nicht etwa als latent 
syphilitisch zu betrachten sind, wird dadurch schon tief 
erschüttert! 

Dazu kommt aber noch der Umstand, daß 
solche anscheinend gesunde Frauen gegen eine 
nachträgliche Syphilisinfektion, mag sie nun 
von dem eigenen hereditär-luetischen Kinde oder 
von einer fremden Person ausgehen, immun sind. 

Abraham Colles in Dublin schrieb 1837: 

,1 have never seen or heard of a single instance in wich a syphi- 
litic infant (althaugh its month be ulcerated), suckled by its own motber, 
had prodnced nlcerations of her breats: whereas, very few instances have 
occurred where a syphilitic infant had not infected a hired wet nnrse, 
and who had been previously in good health. It is a cnrioos fact that 
1 have never witnessed nor ever heard of an instance in which a child, 
deriving the infection of syphilis from its parents, has caused an ulcera- 
tion in the breast of the mother. 

Baumes (1840) hat diese Erfahrungstatsache nachdrück- 
lichst bestätigt und gewissermaßen zum Gesetz erhoben. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


137 


Es ist seither von allen Autoren, also auch von Kinder¬ 
ärzten und Frauenärzten, nicht nur von Syphilidologen durch 
tausendfältige Erfahrungen erhärtet und bestätigt worden, daß 
scheinbar gesunde Mütter gegen die Syphilis ihres (angeblich 
ex patre syphilitischen) Kindes immun sind. Dieses Gesetz 
wurde später dahin erweitert, daß solche Mütter auch gegen 
eine Syphilisimpfung von anderen Personen immun sind. 
Caspary, Neumann und Finger haben dieses Gesetz auf 
seine Wertigkeit experimentell geprüft und be¬ 
stätigt gefunden. Sie haben anscheinend gesunde 
Mütter hereditär-luetischer Kinder wiederholt 
mit virulentem Syphilissekret geimpft, ohne daß 
dadurch ein Primäraffekt erzielt worden wäre. 

Dieses erweiterte sogenannte Colles-Baumes- 
sche Gesetz ist von allen Autoren anerkannt. 
Doch wurden im Laufe der Jahre vielfach Ausnahmen davon 
beschrieben. 

Im Verlaufe meiner langjährigen Assistentenzeit an der 
Klinik Neu mann hatte ich in mehreren hunderten Fällen Ge¬ 
legenheit, Mütter von hereditär luetischen Kindern zu untersuchen, 
bei denen angeblich keine Syphilis bestanden haben soll. Durch 
freundschaftliches Übereinkommen hatte sich allmählich der 
Gebrauch herausgebildet, daß von allen drei geburts¬ 
hilflichen Kliniken die Mutter eines hereditär luetischen Kindes 
vor ihrer Entlassung aus dem Spitale zumeist an mich an die 
K linik Neumann geschickt wurde mit der Anfrage, ob bei 
der Mutter Syphilissymptome nachweisbar sind und ob eventuell 
eine Behandlung derselben erforderlich sei. In sehr vielen 
Fällen nun war auf dem Begleitschein der geburtshilflichen 
Klinik bemerkt: „bei der Mutter keine Syphilis nachweisbar u 
oder „angeblich immer gesund, syphilisfrei gewesen“. Nichts¬ 
destoweniger konnte ich in recht vielen dieser Fälle deutlich, 
wenn auch unbedeutende, so doch unzweideutige Symptome 
einer bestehenden Syphilis nachweisen. Hätte ich als Syphilidolog 
von Fach nicht selbst diese Frauen untersuchen können, so 
wären dieselben in den Protokollen der geburtshilflichen Kli¬ 
niken als syphilisfrei geführt worden. 


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Matsenauer. 


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Aufmerksam gemacht durch die mehr und mehr sich 
häufende Erfahrung, daß ich bei den anscheinend und angeblich 
gesunden Müttern hereditär luetischer Kinder doch Syphilis¬ 
symptome nacbweisen konnte, achtete ich nunmehr umso genauer 
auf jeden einzelnen dieser fraglichen Fälle. Manchmal war ich 
nun allerdings trotz genauester Untersuchung absolut nicht im 
stände, Spuren einer vorausgegangenen oder noch bestehenden 
Syphilis zu entdecken. Um der Frage aber auf den Grund zu 
kommen, habe ich manche der Frauen durch viele Monate, 
selbst Jahre hindurch zu einer regelmäßigen Untersuchung 
wiederbestellt, und siehe da, plötzlich nach Monaten oder 
noch nach längerer Zeit konnte ich doch irgend ein zweifel¬ 
loses Syphilissymptom nachweisenl Es sind das nicht etwa 
vereinzelte Beobachtungen von mir, sondern, um einen Kasso- 
witzsehen Ausdruck zu gebrauchen, Massenbeobachtun¬ 
gen. Als Assistent der Klinik für Syphilis habe ich wohl die 
meisten im Verlaufe von 6 Jahren im Wiener allgemeinen 
Krankenhause mit hereditär luetischen Früchten niedergekom¬ 
menen Frauen selbst untersucht, bevor die Mütter aus dem 
Krankenbause entlassen und bevor die hereditär luetischen 
Kinder in die Findelanstalt abgegeben wurden. 

Diese Erfahrungen waren es, welche direkt in mir Zweifel 
wachriefen, ob überhaupt eine paterne Vererbung vorkommt 
oder ob nicht in allen Fällen von hereditär-luetischen Kindern 
die betreffenden Mütter selbst syphilitisch sein müssen. 

Die Tatsache, daß man trotz wiederholter Untersuchung 
hei manchen Frauen keine Sypbilissymptome nachweisen kann, 
läßt sich ja leicht dadurch erklären, daß vorausgegangene 
sekundäre Syphilissymptome übersehen worden sein können. 

Aber eine unüberwindliche Schwierigkeit in der Gene¬ 
ralisierung dieser Annahme stellte sich mir entgegen 
durch die in der Literatur bekannt gewordenen 
Ausnahmen vom Collesschen Gesetz, welche ja 
als direkt beweisend für den paternen Ursprung 
der Syphilis und für das Freibleiben der Mutter 
angesehen werden müssen. Da von den veischiedenen 
Autoren (mit Ausnahme Fingers), welche sich bei paterner 
Vererbung immer wieder auf die Ausnahmen vom Co 11 es- 


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sehen Gesetz beziehen, immer nur einzelne dieser Fälle nam¬ 
haft gemacht werden und sich bezüglich der objektiven Deutuug 
und Geltung derselben sehr bedeutende Differenzen in sub¬ 
jektiver Auffassung ergeben, habe ich mich bemüht, alle diese 
Fälle zu sammeln und im Originaltext nachzulesen. Denn es 
ist selbstverständlich, daß bei der Wichtigkeit derartiger Fälle 
hinsichtlich ihrer prinzipiellen Bedeutung es durchaus notwendig 
ist, jeden einzelnen Fall im Originaltext kennen zu lernen, um 
sich selbst ein eigenes Urteil bilden zu können, und um nicht 
den betreffenden Fall subjektiv gefärbt durch die Brillen an- 
sehen zu müssen, welche einem von einem andern Referenten 
aufgesteckt werde. 

Im nachfolgenden bringe ich daher immer zuerst den 
betreffenden Fall tel quel größtenteils wortgetreu und voll¬ 
ständig, was übrigens umso leichter möglich ist, als die meisten 
Fälle nur kurz skizziert sind. 

Zur leichteren Übersicht habe ich überdies die Fälle in 
3 Gruppen geteilt, je nachdem sich die scheinbare Ausnahme 
erklärt: 

I. Durch extrauterin akquirierte Syphilis des Kindes; 

II. durch eine schon vor der Entbindung akquirierte, aber 
unbeachtete Syphilis der Mutter, deren erste auffällige 
Symptome für rezente Erscheinungen gehalten wurden, 
in Wirklichkeit aber Rezidiven waren; 

III. Sonstige Fälle, sowie mangelhaft beschriebene oder nur 
flüchtig erwähnte Beobachtungen. 

Innerhalb der Gruppen sind die einzelnen Fälle in chro¬ 
nologischer Reihenfolge geordnet. 

I. Gruppe mit extrauterin akquirierter Syphilis des Kindes. 

1. Scarenzio (1883). „Mann hatte vor der Hochzeit ein Genital- 
geschwur mit einem indolenten Bubo, aber ohne Allgemeinerscheinungen. 
Das am normalen Ende der Schwangerschaft geborene Kind bekommt im 
7. Lebensmonate Muodgeschwüre und die Mutter ein induriertes Ulcus 
in der Nähe der Brustwarze, später einen pustulösen Ausschlag.“ 

Da in diesem Falle das Kind erst im 7. Lebensmonat Mund- 
geschwüre bekam und erst zu dieser Zeit Mutter und Kind das erstemal 
gesehen wurden und eine Syphilis des Vaters nicht nachgewiesen ist, so 
ist hier selbstverständlich die Möglichkeit, daß das Kind erst nach seiner 


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Geburt Syphilis acquiriert habe, nicht ausgeschlossen und sogar naheliegend 
und wurde auch wiederholt von anderen Autoren schon eingewendet. 

2. Lucas (1894). „31jährige Frau kam mit 3 Primäraffekten 
an der Brost und mit einem 8raonatlichen syphylitischen Kinde zuerst 
zur Untersuchung. Das Kind hatte Geschwüre im Mund, Condylome ad 
anum, schnüffelte. Die Mundaffektion beim Kind begann vor2Monaten; 
die Geschwüre an der Brust der Mutter traten 1 Monat später auf. Die 
Frau war 13 Jahre verheiratet, hatte 8 Kinder, von welchen 3 im Alter 
von 4 1 1 , resp. 1, resp. */ 4 Jahren gestorben sind. Die anderen 5 leben 
und sind ganz gesund; sie hatte keinen Abortus gehabt, war immer ge¬ 
sund. Der Mann war auch immer gesund. Die folgende Woche trat 
Exanthem auf. u 

Da der Autor das Kind zum ersten Mal gesehen hat, als es bereits 
8 Monate alt war und die Mutter früher nie einen Abortus gehabt, da¬ 
gegen viele gesunde Kinder geboren hat, also offenbar gesund war und 
:.uch der Mann gesund war, so haben wir für die Annahme einer here¬ 
ditären Syphilis gar keine Anhaltspunkte und ist es durchaus wahr¬ 
scheinlich, daß dieses Kind von fremder Seite mit Syphilis infiziert wurde, 
und daß von dem mit akquirierter Syphilis behafteten Kinde die Mutter 
infiziert wurde. Diese Annahme wird noch dadurch gestützt, daß auch 
beim kranken Kinde Condylome ad anum vorhanden waren, welche meist 
auf eine akquirierte Syphilis hindeuten. Wenngleich Condylome ad anum 
auch bei hereditärer Syphilis zweifellos Vorkommen, so ist dies doch we¬ 
sentlich seltener, derart, daß viele der erfahrendsten Syphilidologen 
(Neumann) bis in die jüngste Zeit hierin direkt ein differentialdiagno¬ 
stisches Merkmal zu erblicken glaubten. 

3. Coutt8 (1894) „Ein 8monatl. Kind sah ich zuerst am 7. No¬ 
vember 1892. Vater und Mutter sind 10 Jahre verheiratet und haben 
b Kinder. Die 4 ältesten sind lebend und gesund und haben angeblich 
nie SyphilUerscheinungen gehabt. Der Vater kam sich untersuchen lassen ; 
auch aus der Anamnese der Mutter war kein Verdacht auf vorausge¬ 
gangene Syphilis zu schöpfen. Das Kind war in richtiger Zeit und an¬ 
scheinend ganz gesund geboren. Mit drei Wochen soll es etwas ge- 
schnüffelt haben und leichte rote Flecke an den Nates bekommen haben, 
die etwa nach einer Woche vergingen. Mit 10 Wochen wurde das 
Kind vacciniert Sonst war das Kind gesund bis zur jetzigen Er¬ 
krankung; diese begannn anfangs September, wo Geschwüre im Mund 
und in der Analgegend auftraten. Das Kind zeigte schnüffelnde Nasen* 
atmung, Krusten in der Nase, Rhagaden an den Lippen, Papeln an der 
Zunge, an den Wangen und am weichen Gaumen, elevierte Papeln ad 
anum, spärliches Fleckenexanthem. Eine Woche später nach dem Auftreten 
der Mundaffektion beim Kinde bemerkte die Mutter, welche ihr Kind 
selbst säugte, zwei kleine Geschwüre an ihrer Brust. Diese hatten zur 
Zeit der ersten Vorstellung am 7. November die Größe von einem Six- 
Pence-Stück und waren deutlich hart, scharf umrandet. Axillardrüsen 


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geschwollen. .14 Tage später deutlicher Fleckenausschlag und spezifische 
Mundaffektion, schwere Störung des allgemeinen Wohlbefindens/ 

Der Wert dieses Falles wurde sofort von Cotterel und Ogilvie 
betritten und in natürlicher Weise dahin eridärt, daß das Kind offenbar 
durch die Vaccination mit Syphilis infiziert worden war und später dann 
die Mutter infizierte. Die von Cotterel und Ogilvie brieflich an The 
L a n c e t eingesandten Berichtigungen zum Falle C o u 11 s lauten wörtlich: 

(pag. 1638.) „Dr. Cotterel erklärt, es sei Dr. Coutts vollständig 
mißglückt, einen Beweis zu erbringen, daß sein Fall eine Ausnahme von 
dem Coli es sehen Gesetze bildet, aus folgenden Gründen: 1. Totaler 
Mangel eines Nachweises, daß der Vater des Kindes syphilitisch war. 
2. Vorausgegangene Geburten von 4 gesunden Kindern. 3. Mangel eines 
Beweises, daß die Erscheinungen, weiche im September begannen, durch 
hereditäre und nicht durch eine frühzeitig akquirierte Syphilis hervor¬ 
gerufen sind. Die ganze Geschichte weist vielmehr auf eine frühzeitig ak¬ 
quirierte Infektion hin, die etwa, entsprechend den Erscheinungen im 
September zu urteilen, zu jener Zeit stattgefunden hat, als das Kind 
vacciniert wurde. Daß Dr. Coutts keinen Primäraffekt bei dem Kind 
fand, ist kein Grund zur Annahme, daß ein solcher nicht existiert habe/ 

George Ogilvie (p. 1690) „stimmt Cotterel bei, daß Dr. Coutts 
Fall in keinerlei Weise eine Ausnahme des Co Ile eschen Gesetzes bildet. 
Von einem Ausnahmsfall müßte man mit Fournier folgende Bedin¬ 
gungen erfüllt sehen: Die Frau muß gesund sein, einen syphilitischen 
Mann heiraten, ein syphilitisches Kind gebären, daß sie selbst säugt und 
von dem sie einen Mamillarschanker akquiriert, dem dann die gewöhn¬ 
lichen Syphiliserscheinungen folgen. Da in Dr. Coutts Fall absolut 
kein Nachweis oder auch nur Verdacht auf Syphilis des Vaters vorliegt, 
müßte dieser Fall schon aus diesem Grunde allein als Gegenbeweis des 
C olles sehen Gesetzes fallen gelassen werden. Aber es sind nooh andere 
schwere Einwendungen dagegen: Es liegt kein Beweis vor, daß das Kind 
schon mit 8 Wochen Syphilis gehabt hätte; es hat kein Arzt das Kind zu 
jener Zeit gesehen. Es ist nicht bewiesen, daß das Kind kongenitale Syphi¬ 
lis hatte vor der Vaccination. Die Behauptung, daß während der folgenden 17 
Wochen nach der Vaccination kein Primäraffekt existierte, weder an der 
Impfstelle noch sonstwo, basiert ausschließlich auf der Angabe der Mutter, 
die einen solchen ja leicht übersehen und verkannt haben kann. Aus 
persönlicher Erfahrung kann ich nicht mit Dr. Coutts Angabe überein¬ 
stimmen, daß das klinische Bild der akquirierten und hereditären Syphi¬ 
lis im Kindesalter hinlänglich verschieden seien, um eine Verwechslung 
zwischen beiden zu vermeiden. Ich verweise diesbezüglich auf Fourniers 
„La syphilis höreditaire tardive“ (1886), wo er die Schwierigkeiten der 
Diagnose der im frühen Lebensalter erworbenen und der hereditären 
Syphilis ausführt. Ebenso hält Hutchinson dies für äußerst schwierig 
unter Umständen/ 


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Nachdem aber Co ut ts trotz dieser Einwendungen seinen Fall später 
noch besonders publizierte, beseicbnete Ogilvie in einem späteren Brief 
an The Lancet das Vorgehen Dr. Coutts direkt als irreführend. 

(pag. 227, 1894 II.) „Ich will den schwachen Trost Coutts, seinen 
Fall höchstens als einen „zweifelhaften“ hinzustellen, nicht rauben, 
aber ich kann keinesfalls einen Ausnahmsfall vom Coli es sehen Gesetz 
erblicken, wenn die Quelle der Infektion des Kindes nicht bestimmt ist. 
Nachdem dies aber zweifelhaft ist, ist der Titel, unter welchem 
die Schrift publiziert ist, irreführend, weil er die „Infek¬ 
tion der Mutter durch das eigene Kind* angibt, welches 
aberdas Opfer „kongenitaler Syphilis* war.* 

II. Gruppe: Die echon vor der Entbindung akquirierte Syphilis der Mutter 
blieb unbeachtet; die angeblich rezenten Symptome nach der Geburt waren in 
Wirklichkeit bereits Rezidiverscheinungen. 

4. Cazenave (zitiert bei Diday, Traite de la Syphilis des nou- 
veau-nes 1867, p. 299): „La nommöe C .... 30 ans, n'avait jamais eu 
de Symptome primitif appreciable. Son mari avait ete infecte; et son 
dernier enfant, qu’elle avait nourri, etait mort d’une eruption, que la 
märe disait semblable ä celle dont ePe etait porteur lors de son entree 
ä l’höpital St. Louis. Apres la mort de cet enfant, eile avait eu des en- 
gorgements laiteux suppures, puis des ulcerations aux mamelons. Elle 
jouissait depuis lors d’une boune sante, lorsque sous Pinfluence et lore de 
Papparition des menstrues, cette fern nie vit se dövelloper sur le bras nne 
eruption des petites täches cuivrees, bientot surmontees par des vesicules 
qui, sechant sur place, donnörent lieu ä de petites öcailles furfuracees. 
M. Cazenave y reconnut un syphiiide vesiculeux, qui s’ötendit ensuite 
au con et au front. Dans ce dernier point eile presentait aussi quelques 
tuberoules syphilitiques non ulcerös. 

Die Beschreibung des Sypbilides allein genügt wohl, um die Diag¬ 
nose eines gruppierten papulösen und pustulösen Syphilis re z i d i vs 
zu stellen. 

5. Ranke (1878). „Inder Sektion für Chirurgie hält Dr. Ranke 
(Groningen) einen Vortrag „Über Ansteckung der Mutter mit Lues here- 
ditaria durch ihr eigenes Kind.* 

Der Vater, 30 Jahre alt, vor ca. 11 Jahren infiziert, ist seit neun 
Jahren ohne Symptome. Seit 3 Jahren verheiratet, zeugte er im ersten 
Jahre der Ehe ein syphilitisches Kind, welches nach mehrmaligen Kalomel- 
kuren genas. Die Mutter blieb bis nach der zweiten Entbindung gesund. 
Das 2. Kind, am Ende des 3. Jahres der Ehe geboren, erkrankte in der 
2. Woche an makulösem Exanthem und beträchtlichen fissuralen Mund¬ 
geschwüren. Während des Säugens dieses Kindes entwickelte sich an 
der linken Mamilla aus einer kleinen Rhagade ein exquisiter harter 
Schanker, gefolgt von einer sehr heftigen Roseolaeruption. Eine Mer- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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kurialbehandlung brachte vorläufig Heilung; ein späteres Rezidiv wurde 
in gleicher Weise behandelt. An dem Manne sowie an dem älteren Kinde 
sind während der Beobachtungszeit, vom 7. Monate der 2. Schwanger¬ 
schaft an, absolut keine Krankheitssymptome bemerkt. Ein Absaugen der 
Milch durch eine dritte Person hat nicht stattgefunden. Sicher ist dem¬ 
nach, daß die gesunde Mutter des syphilitischen Kindes während des 
Säugens mit Lues infiziert werde und zwar mit einer an Sicherheit gren¬ 
zenden Wahrscheinlichkeit von ihrem eigenen Kinde. Der betreffende 
Fall wird andernorts ausführlich publiziert werden. 

In der an diesem Vortrag sich anschließenden Diskussion berichtet 
Professor Busch (Bonn) über einen Fall von Lues hereditaria, welcher 
die Beobachtung des Dr. Ranke bestätigt. 

In der kurzen Form, wie der Fall Ranke publiziert wurde, ist 
gegen denselben eigentlich keine Einwendung möglich, denn die Mutter 
hatte angeblich schon 3 Jahre früher ein hereditär luetisches Kind und 
wurde erst von ihrem zweiten wieder hereditär luetischen Kinde mit 
Syphilis infiziert. Es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß ein harter 
Schanker mit regionärer Lymphdrüsenschwellung in der Axilla sich 
entwickelte, der von einem heftigen Roseolaexanthem gefolgt war. Ich 
muß offen zugestehen, daß auch ich jahrelang glaubte, der Fall 
Ranke sei doch ein echter Ausnahmsfall vom Collesschen Gesetz. 
Während bei allen übrigen hier angeführten Fällen die Erklärung sozu¬ 
sagen auf der Hand liegt und man sofort in jedem Falle die richtige 
Deutung findet durch die Berücksishtigung, innerhalb welcher Zeit sioh 
die geschilderten Symptome entwickeln können, so ist im Gegensatz der 
Fall Ranke, so wie er uns geschildert wird, eigentlich unanfechtbar und 
man muß eine Erklärung, die sich nicht von selbst sofort aufdrängt, erst 
für diesen Fall su chen. Die Möglichkeit, daß die Mutter selbst syphi¬ 
litisch gewesen sei und daß der beschriebene harte Schanker etwa doch 
nur als ein sekundäres syphilitisches Infiltrat zu betrachten sei, wie wir 
dies als natürlichste Erklärung in den folgenden Fällen von Lueth, 
Travis-Drennen geltend machen können, ist hier nicht naheliegend, 
da ausdrücklich die Axillardrüsenschwellung angegeben wird und aus¬ 
drücklich gesagt wird, eine heftige Roseolaeruption sei im Anschlüsse 
daran aufgetreten. Es wäre aber durchaus unwahrscheinlich, daß bei 
einer Frau, welche offenbar schon 3 Jahre Syphilis selbst hatte, nach so 
langer Zeit noch eine dichte Roseola auftritt. Die Annahme eines Re- 
zidivexanthems wird umso unwahrscheinlicher, als später wieder ein Re¬ 
zidiv aufgetreten ist. Wir müssen also schon daraus schließen, daß es 
sich wirklich um einen harten Schanker bei der Mutter mit einem fol¬ 
genden Erstlingsexanthem gehandelt habe. Andererseits ist die Annahme 
unmöglich, daß das Kind erst extrauterin Syphilis akquiriert hätte und 
später erst die Mutter infizierte, weil ja das Kind schon am Ende der 
zweiten Woche Syphiliserscheinungen hatte. Es mußte demnach hereditär 
luetisch sein. 


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Ma tzenauer. 


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Eine mögliche Erklärung des Falles Ranke konnte ich mir nur 
denken, wenn das vor 3 Jahren geborene Kind, welches angeblich here¬ 
ditär luetisch gewesen sein soll, nicht syphilitisch war. ln diesem Falle 
wäre es möglich, daß die Mutter etwa gegen Ende der zweiten Schwanger¬ 
schaft mit Syphilis infiziert wurde und Syphilis auf ihr Kind vererbt hat 
Zu dieser Annahme sind wir aber eigentlich nicht berechtigt nach der 
Fassung, wie der Fall Ranke publiziert wurde. 

Zu meiner nicht geringen Überraschung zitiert nun Ogilvie eine 
bisher in der Literatur übersehene Notiz von Michelson, welche als 
Nachtrag und Ergänzung zum Falle Ranke von allergrößter Bedeutung 
geworden ist Michelson scheint sich schriftlich an Ranke um Auf¬ 
klärung über diesen Fall gewendet zu haben. Denn er bringt in den 
Monatsheften für praktische Dermatologie 1883, pag. 366, folgende Auf¬ 
klärung : 

„Dank einer freundlichen Zuschrift des Herrn Professors Ranke 
(Groningen) sind wir heute in der Lage, das erwähnte Referat in will¬ 
kommener Weise zu ergänzen: 

1. Die Diagnose der hereditären Syphilis bei dem erstgeborenen 
Kinde stützt sich ausschließlich auf anamnestische Daten 
(Mitteilung des Vaters, Vorlegen der von dem früher behandelnden Arzt 
für das Kind verschriebenen Rezepte). Dieses Kind soll zwar neben an¬ 
deren deutlichen Erscheinungen der Lues auch Geschwüre an den Mund¬ 
winkeln gehabt haben, ist aber von der Mutter nicht genährt, sondern 
nur mit der Flasche aufgezogen worden. 

2. Bereits vor der Geburt des zweiten Kindes ließ sioh 
in beiden Achselhöhlen eine wenig empfindliche Drüsen¬ 
schwellung konstatieren, die mit einer unter der Mamma 
entstandenen Intertrigo in Zusammenhang zu stehen schien. 

Im übrigen ergab eine sehr sorgfältige, während der Gravidität 
au8gefuhrte Untersuchung absolut keine Anhaltspunkte für die Diagnose 
der Syphilis. Nach dem Auftreten des harten Schankers in der Mamilla 
schwollen die Achseldrüsen der linken Seite zu einem ansehnlichen Pakete 
an. Nunmehr traten uuter ziemlich hohem Fieber schmerzhalte Gelenks¬ 
schwellungen auf, die anfangs an den Beginn eines akuten Gelenks - 
rheumatismus denken ließen. Der weitere in der speziellen Aufeinander¬ 
folge der Erscheinungen durchaus typische Verlauf zeigte jedoch, daß es 
sich nur um prodromale Symptome der Eruption eines fast über den 
ganzen Körper verbreiteten, zuerst an der Brust- und Bauchfläche sich 
zeigenden Fleckensyphilides handelte.“ 

Von allergrößter Wichtigkeit sind hier zwei Daten 1. daß die 
Diagnose der hereditären Syphilis beim erstgeborenen Kinde sich aus¬ 
schließlich auf anamnestische Daten stützt. Dieses Kind wurde von 
Ranke selbst zur Zeit der Geburt des zweiten Kindes vollkommen gesund 
befunden. Es scheint daher durchaus nicht unwahrscheinlich, daß das 
erste Kind vielleicht einen Pemphigus neonatorum non specificus gehabt 
hat, der ja bekanntlich mit einem Pemphigus syphiliticus bis in die aller- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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jüngste Zeit selbst erfahrenen Kinderärzten und Syphilidologen häufig genug 
Anlaß zu Verwechslungen gab. 

2. Der nooh bedeutungsvollere Hinweis auf die wirk¬ 
liche Erklärung dieses Falles ist aber die Aussage Rankes 
selbst, daß bereits vor der Geburt des zweiten Kindes Achse 1- 
drüsenschwellung bestand, die allerdings anfänglich auf eine 
scheinbare Erosion infolge Intertrigo bezogen wurde; eine auffal¬ 
lende Drüsenschwellung infol ge v onlntertrigo ist übrigens 
gar nicht zu er warten 1 Später wurde erst die Diagnose eines syphi¬ 
litischen Primäraffektes klar. Da also bei der Mutter schon vor der 
Geburt des Kindes der Primäraffekt zur Entwicklung kam, 
so ist die Erklärung offenbar in der Tat dieselbe, die wir schon früher 
vermutet hatten, nämlich daß die Mutter (von ihrem Gatten durch Säuge- 
küssen?) an der Brust intra gravididatem infiziert wurde und Syphilis 
auf ihr Kind dann vererbt hat.“ 

6. Lueth-Zeissl (1882). „Zu Lueth in Burtscheid kam im 
September 1875 ein 22j. Mann mit Psoriasis palmaris et plant., Roseola 
syphilitica und Rachenaffektionen. Einige Wochen später heiratete der 
junge Mann; zur selben Zeit akquirierte auch der Vater desselben Syphilis. 
Im Dezember 1876 gebar die Frau des jungen Mannes ein reifes, gesundes 
Kind, das sie selbst stillte. Ende Mai 1877 wurde Lueth zu dem Kinde 
gerufen und fand bei demselben ein maculo-papulöses Syphilid, Psoriasis 
palm. et plant., Rhagaden am Mundwinkel und multiple Drüsenschwel¬ 
lungen. 4 Wochen später klagte die Frau über Wundsein der linken 
Brust. An dieser entwickelte sich entsprechend dem Warzenhof eine 
deutliche syphilitische Induration, die Nackendrüsen waren geschwollen, 
es entstanden bei der Mutter Schleimhautpapeln der Mund- und Rachen¬ 
höhle, Psoriasis palm. et plant. 

Zeissl fügt die erläuternde Bemerkung hinzu: „Was diesen 
Fall des Lueth anbelangt, so war die an dem Kind 5 Monate nach der 
Geburt aufgetretene Syphilis wegen des fehlenden Primäraffektes als here¬ 
ditäre Lues aufzufassen. Die Infektion der Mutter war vom Kinde aus- 
gegangen, weil das Absaugen der Milch durch eine dritte Person nicht 
stattgefunden hat.“ 

Abgesehen von der Erklärung Zeissls, welche wir natürlich von 
vorneherein ablehnen müssen, weil das Fehlen eines Primäraffektes durch¬ 
aus nichts für eine hereditäre Syphilis beweist, erklärt sich der Fall viel¬ 
mehr in natürlicher Weise dahin, daß die Frau von ihrem Manne infiziert 
wurde, ein hereditär-syphilitisches Kind gebar und später Rezidiverschei¬ 
nungen von Syphilis bekam. Die „deutliche syphilitische Induration“ war 
offenbar kein Primäraffekt, sondern ein syphilitisches Infiltrat infolge 
Reizung an der Mamilla, vielleicht durch Saugen, denn es fehlten ja die 
für einen Primäraffekt pathognomoniBchen regionären Lymphdrüsen- 
Schwellungen in der Axilla, während der Autor ausdrücklich die auf 
allgemeine Syphilis zu beziehende Schwellung der Nackendrüsen hervor- 

Matzenauer, Vererbung der Syphilis. \Q 


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Matzenauer. 


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hebt. Außerdem deuten ja die vorhandenen syphilitischen Erscheinungen, 
Papeln im Munde, Psoriasis palmaris et plantaris (ohne gleichzeitiges 
Exanthem am Körper) immer auf ein lokalisiertes Rezidiv hin und zwar 
von einer mindestens halbjährigen bis drei vierteljährigen Krankheitsdauer 
der Syphilis. 

7. King (1882). „Eine 24jähr. Frau G. stammt aus einer Familie 
von 9 Geschwistern. Eine verheiratete Schwester hatte verschiedene Früh¬ 
geburten und leidet seit Jahren an Kopfschmerz, Mund- und Rachen- 
geschwüren. Ihr Mann ist frei von venerischen Erkrankungen. Ein Bruder 
war skrofulös. Frau G. selbst war niemals eigentlich krank, leidet aber 
seit einigen Jahren an Kopfschmerz. Im April 1887 kam sie mit Zwillingen 
nieder, ein Knabe und ein Mädchen. Das letztere war schwächlich, hatte 
ein greisenhaftes Aussehen und war mit einem Hautausschlag bedeckt. 
Bei dem stärker entwickelten Knaben erschien in einigen Tagen ein 
Hautausschlag und beide Kinder begannen zu schnüffeln. Beide bekamen 
in der zweiten Woche Mundgeschwüre. Die Brustwarzen der Mutter 
wurden in der vierten Woche wund und hart. Die Achseldrüsen wurden 
geschwellt und schmerzhaft. Beide Kinder waren kränklich, hatten 
beständig Diarrhoe, und der Hautausschlag blieb bestehen. Bei dem 
Mädchen wurde die Haut entschieden kupferfarbig und in der 5. und 
6. Woche traten bei den Kindern Condylome ad anum auf. Bis zu dieser 
Zeit verwendete ich keine spezifische Behandlung, indem ich mich 
dem Glauben hingab, daß es vielleicht nicht Syphilis sei; 
nun aber verordnete ich dem Kinde intern graue Pillen und Kalomel 
lokal. Die Diarrhoe besserte sich rapid, die Kondylome bildeten sich 
zurück und die Kinder wurden stärker. Das Mädchen bekam im Juli 
einen bullösen Hautausschlag und starb Ende Juli schrecklich abgemagert. 
Keine Obduktion. Der Knabe entwickelte sich kräftig weiter und war, als 
ich ihn zuletzt sab, vor einigen Wochen, gesund aussehend. Ich unter¬ 
suchte sorgfältig den Vater und fragte ihn genau aus, fand aber keine 
Spur einer vorausgegangenen venerischen Affektion. Seine ganze Vor¬ 
geschichte ist derart, daß ich die Krankheit nicht auf die väterliche 
Seite der Familie schieben kann. Der folgende Verlauf bei der Mutter 
ist derart, daß er nach meiner Meinung als syphilitischer Natur aus¬ 
gesprochen werden muß. Im zweiten Monate, etwa 4 Wochen, nachdem 
die Brustdrüsen wund wurden, entwickelte sich ein typischer Ausschlag 
am Körper. Sekundärerscheinungen erschienen im Munde 
und an den Tonsillen und ihr Haar fiel durch mehrere 
Monate hindurch aus. Alle diese Erscheinungen schwanden unter 
spezifischer Behandlung. u 

Dieser Fall ist nach des Autors Meinung ein doppelter Ausnahms¬ 
fall. Denn abgesehen davon, daß dieser Fall nebenbei eine Ausnahme vom 
Collesschen Gesetz darstellen soll, erblickt King das Hauptinteresse 
des Falles darin, daß er den Übergang der Syphilis durch mehrere Gene¬ 
rationen beweisen soll. King glaubt nämlich, daß die Mutter des here- 


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Die Vererbung der 8yphilis. 


147 


ditär luetischen Kindes selbst hereditär luetisch gewesen sei und führt 
deshalb in der Einleitung zur Stütze seiner Annahme an, daß auch von 
den 9 Geschwistern eine Schwester dieser Frau Kopfschmerzen und Früh¬ 
geburten durchgemacht habe und gleichfalls einen syphilisfreien Mann 
hatte, und aus demselben Grunde wird bei der Mutter des hereditär 
luetischen Kindes in der Anamnese vorausgegangener Kopfschmerz ange¬ 
führt. King glaubt also, daß die Mutter selbst hereditär luetisch war 
und daß sie ihre eigene hereditäre Lues auf ihr Kind vererbt hätte, in 
der Zwischenzeit aber plötzlich ihre eigene hereditäre Lues verloren 
habe, ja selbst die Immunität, so daß sie nach der Geburt ihres hereditär 
luetischen Kindes von diesem wieder frisch mit Syphilis infiziert wurde. 

Er suchte in der Literatur bei Hutchinson, Didayu. a. ver¬ 
geblich nach ebenbürtigen Beobachtungen, daß Syphilis durch zwei Gene¬ 
rationen vererbt wurde! 

Weil er annimmt, daß das hereditär luetische Kind seine Syphilis 
von einer hereditär luetischen Mutter ererbt hat, legt, er besonderen 
Nachdruck darauf, daß der Vater des Kindes sicher frei von Syphilis 
gewesen sei. Trotzdem soll aber der Fall eine Ausnahme vom C o 11 e s sehen 
Gesetz sein, wohingegen doch von einer solchen Ausnahme in erster 
Linie verlangt werden muß, daß das Kind seine Syphilis vom Vater 
ererbt habe und nachträglich auf die bis dahin gesunde Mutter übertrage. 

In dem Bemühen Kings, seinen Fall gar zu bedeutungsvoll zu 
gestalten, finden wir verschiedene Anhaltspunkte in subjektiv gehaltenen 
Ausschmückungen, infolge deren wir dem Fall kein volles Vertrauen 
entgegenbringen können. 

Obwohl die Kinder schon nach einigen Tagen einen Ausschlag und 
in der zweiten Woche Mundgeschwüre hatten, fühlte King sioh seiner 
Diagnose nicht ganz sicher. Er versuchte zu glauben („treying to beüeve“), 
es wäre doch vielleicht nicht Syphilis, und verwendete deshalb keine 
spezifische Behandlung. Erst als in der 6. Woche Condylomata ad anum 
auftraten und gar eine starke Diarrhoe (!) fortbestand, verabreichte er 
Quecksilber und richtig besserte sich die Diarrhoe angeblich wesentlich 
darauf. Es steht das allerdings im sonderbaren Widerspruch zu unseren 
eigenen Erfahrungen, nach welchen wir syphilitischen Kiudern mit 
Diarrhoe niemals intern Quecksilber verabreichen, weil dadurch erfahrungs¬ 
gemäß ein Darmkatarrh der Kinder leicht noch gesteigert wird. Aber 
wahrscheinlich hat King diese Diarrhoe für eine spezifische Erscheinung 
angesprochen (?). Um sich und andere über die endlich gestellte Diagnose 
8yphilis zu beruhigen, hat King auch Condylome ad anum konstatiert. 
Ich muß nochmals erwähnen, daß Papeln ad anum bei hereditär luetischen 
Kindern in den ersten Monaten zwar ausnahmsweise Vorkommen 
können, aber jedenfalls eine große Seltenheit darstellen, während sie 
von den verschiedenen Autoren, welche über Ausnahmen vom Collesschen 
Gesetz berichten, auffallend häufig zur Bekräftigung der Diagnose einer 
hereditären Syphilis angeführt werden. Solche Angaben sind durchaus 
geeignet, von vorneherein Mißtrauen gegen eine wahrheitsgetreue Schilde¬ 
rung zu erwecken. in# 


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Matzenaue r« 


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Die Mutter des Kindes soll in der vierten Woche an den Brust¬ 
drüsen, nicht etwa an einer, sondern gleioh an beiden, 
Geschwüre bekommen haben und im zweiten Monate traten bei ihr 
Papeln im Munde und an den Tonsillen und bald ein länger dauernder 
Haarausfall auf. Ich habe ebenfalls wiederholt schon daraufhingewiesen, 
daß ein Haarausfall immer auf eine schon längere Zeit bestehende Syphilis, 
auf eine etwa vor */ 4 Jahren erfolgte Infektion deutet Wenn also in diesem 
Falle nach der Geburt des Kindes eine Roseola, Papeln im Mund und 
an den Tonsillen und Haarausfall sich bei der Mutter zeigten 
und gleichzeitig beide Brustwarzen wund wurden, so scheint wohl die 
einfachste naheliegende Erklärung die zu sein, daß die schon syphi¬ 
litische Mutter durch das Säugen selbst wunde Brustwarzen bekommen 
hat, und daß bei ihr später nach der Geburt ein Rezidivexanthem 
mit gleichzeitigen anderen Rezidiverscheinungen, Papeln 
und Alopecia specifica aufgetreten ist 

8. Merz (1890). r 34jähriger Mann, hat mit 19 Jahren Syphilis 
akquiriert. 3 Jahre später traten noch Papeln im Munde auf, was 
2 Monate nach seiner Heirat war. 6 bis 8 Monate später war seine Frau 
schwanger. Das Kind kam gesund zur Welt und wurde von der Mutter 
gestillt. Nach 15 Tagen erschienen Papeln im Mund beim Kind und 
Pemphigus an Fuß- und Handflächen. Die Mutter wurde gemischt 
behandelt, die Erscheinungen beim Kinde schwanden nach 10 Tagen« 
Ein Monat später erschien eine schmerzvolle Fissur an der linken Brust 
der Mutter, was sich als harter Schanker herausstellte mit Drüsenschwel¬ 
lung in Axilla. Das Geschwür heilte in 15 Tagen. 30 Tage später folgt 
eine Roseola mit Ausfall der Haare, Papeln der rechten 
Wangenschleimhaut. Keine anderen Erscheinungen traten weiter auf.“ 

Die Schilderung dieses Falles enthält einen derartigen Widerspruch, 
daß wir mit Sicherheit einen Primäraffekt ausschließen können. 
Die Angaben des Ausfallens der Haare gleichzeitig mit einer Roseola und 
Papeln an der Wangenschleimhaut, welche unmittelbar dem vermeint¬ 
lichen harten Schanker folgten, beweist, daß die Syphilis in diesem Falle 
ca. schon s / 4 Jahr bestanden haben muß. Ein Defluvium capillitii 
wird niemals gleichzeitig mit der ersten Eruption eines 
syphilitischen Exanthems beobachtet. Immer ist es bereits eine 
Rezidiverscheinung und zwar beginnt der Haarausfall in der Regel 
frühestens 7 bis 8 Monate nach der Infektion und wird nach Ä / 4 oder 
V/ t Jahren nicht mehr beobachtet. Diese Zeitrechnung der 
Infektionsbestimmung führt uns aber genau auf die Zeit 
zurück, als die Frau sich verheiratete! 

9. Bergh (1893). „Eine 20jährige Prostituierte (Scortum seit 
Oktober 1891), die wiederholt in Spitalsbehandlung wegen Excoriationen, 
Urethritis und Condylome gestanden hatte, gebar am 31./I. 1892 ein 
reifes, anscheinend gesundes Kind, bei welchem nach 5 Wochen Syphilis¬ 
erscheinungen, Palmar- und Plantarsyphilid, Papeln im Mund etc. auf- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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traten. Bei der Mutter waren weder vor noch nach der Geburt Erschei¬ 
nungen von Syphilis beobachtet worden. Sie wurde jedoch 6 Monate 
später wieder ins Vestrehospital aufgenommen mit (angeblich) frischer 
Syphilis. Außer Urethritis kamen „ausgeprägte exkoriierte Indurationen an 
den Nymphen und an der Commissura posterior vor, sowie induratives ödem 
der linken Nymphe und Großlippe, ferner Schwellung der inguinalen, 
zervikalen und submaxillaren Drüsen, Kopfsohmerz ohne Fieber, 
Rötung des Schlundes, Haarausfall. Bei lokaler, ohne regionärer Be¬ 
handlung verschwanden die Prodrome, während die Indurationen heilten 
und mitsamt dem indnrierten ödem etwas zurückgingen. Als noch in 
der 9. Woche nach der Aufnahme keine Effloreszenzen aufge¬ 
treten waren, wurde eine Inunktionskur eingeleitet. Etwa 9 Monate 
später wurde die Patientin mit leichter Rezidive (wieder ohne Hautaus¬ 
bruch) in das Hospital aufgenommen. Daß die Mutter bei der Geburt des 
Kindes wirklich gesund war, sollte dadurch bewiesen scheinen, daß sie 6 
Monate später Indurationen mit nachfolgender Polyadenitis, Prodrome, 
Haarausfall und Schlundaffektion erwarb. Naoh 9 Wochen war aber noch 
kein Hautausbruch aufgetreten. Die Symptome verschwanden bei merkurieller 
Behandlung. Daß dieser der erste Ausbruch von Syphilis war, kann kaum 
bezweifelt werden. Sic war im Spital wohl bekannt und hat nie ein quoad 
lnem verdächtiges Symptom dargeboten. Von Reinfektion kann hier nicht 
die Rede sein.“ 

Daß die Mutter nicht, wie Bergh meint, bei der Geburt des Kindes 
wirklich gesund, sondern vielmehr nur latent syphilitisch war, wird durch 
die dankenswert genaue Schilderung des Falles bewiesen, aus welcher man 
ein vollständig klares Bild gewinnt. Die exeoriierten Indurationen 
die übrigens gar nicht an der Mamma, sondern am Genitale 
auftraten, waren offenbar keine multiplen Primäraffekte, 
sondern Papeln; denn der gleichzeitige Haarausfall 
deutet ja mit Sicherheit auf eine mindestens 8 /JährigeKrankheits¬ 
dauer der Syphilis hin, d. i. genau auf jene Zeit, zu welcher sich 
das Mädchen der Prostitution ergab. Die Kopfschmerzen waren 
daher auch von keinem prodromalen Fieber begleitet. Es bestand einfach 
nur eine Cephalalgia luetica ohne Fieber; und deshalb trat auch kein 
Exanthem auf, auf welches Bergh volle 9 Wochen umsonst 
wartete. 

10. C. Travis- Drennen (1897). „ßljähr.Mann, war syphi¬ 
litisch infiziert 7 Jahre vor seiner Heirat mit einer anscheinend vollständig 
gesunden 22jährigen Frau. Ein Jahr nach der Heirat wurde ein Mädchen 
geboren mit wohl ausgeprägten Zeichen hereditärer Syphilis, mit 3 Jahren 
wurde das arme Kind hemiplegisch. Einige Wochen vor Geburt dieses 
Kindes hatte der Vater oft zu leiden an Hemikranie, namentlich Nachts, 
und an Schmerzen von Knochenauftreibungen beider Tibien. Unter syphi¬ 
litischer Behandlung schwanden die Schmerzen nach 10 bis 14 Tagen; 
nach 3 Wochen gab Patient selbst die Behandlung auf; dieser Mann hatte 


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früher keinerlei Behandlung gegen sein Leiden gebraucht als 4 Flaschen 
Sarsaparilla, indem er nach Heilung des Schankers alles aufgab. 

Das zweite Kind wurde zwei Jahre nach dem ersten geboren und 
hat bis jetzt keine Erscheinungen yon Syphilis gezeigt, schien vielmehr 
vollständig gesund und kräftig. Dann folgten 2 Abortus, im 3. resp. 
5. Monat. 

3 Jahre nach der Geburt des 2. Kindes wurde wieder ein Kind 
geboren, welches alle Erscheinungen von hereditärer Syphilis zeigte, wie 
Plaques im Mund und ad anum, Schnüffelln durch die Nase, charakte¬ 
ristische Hauteruptionen etc. Dieses Kind starb nach 6 Wochen. Die 
Mutter, welche bis zu dieser Zeit augenscheinlich vollständig gesund 
blieb, zeigte jetzt Erscheinungen eines wohl entwickelten Falles von 
sekundärer Syphilis und, wie es schien, einen typischen und charakte¬ 
ristischen Schanker an der linken Brustwarze. Es ist nun 6 Monate oder 
etwas mehr, daß ihr Leiden begann und sie hat zeitweise das Auftreten 
von Halsweh und Schleimhautpapeln (outbreak of sore throat and mucous 
patches) mit ganz deutlicher Schwellung der Inguinal-, Cubital- und 
Zervikaldrüsen; sie scheint also tatsächlich eine wohl ausgebildete Form 
sekundärer Syphilis dnrchzumachen. 

Sichergestellt ist also diesfalls, daß der Vater Syphilis hatte. Ob 
aber die Mutter überhaupt je früher von einem Arzt untersucht oder 
beobachtet wurde, darüber erfahren wir vom Autor nichts. Der Autor 
hat die Mutter erst seit der Geburt ihres letzten Kindes beobachtet und 
gibt an, sie hätte jetzt (wann?) einen, wie es schien, typischen und 
charakteristischen Primäraffekt gehabt und wohl entwickelte se¬ 
kundäre Syphilis, nämlich Papeln im Mund. Eine genaue Zeit¬ 
angabe, wann die ersten Erscheinungen aufgetreten sind, fehlen. 

Da das Kind überhaupt nur 6 Wochen alt wuide, so 
konnte zu dieser Zeit also bei der Mutter höchstens ein 
Primäraffekt, aber gewiß noch keine sekundäre Syphilis 
entwickelt sein. Wir wollen daher aunehmen, daß der Autor erst 
einige Wochen später die Sekundärerscheinungen zuerst gesehen habe; 
als solche führt er an: Halzschmerzen und Schleimhautpapeln, 
Inguinal-, Cubital- und Zervikaldrüsenschwellung. 
Von einer pathognomi sehen regionären Lymph- 
drüsenschwellung in axilla, welche ja nach dem Primäraffekt an 
der Brustwarze zu erwarten gewesen wäre, spricht der Autor nicht; 
auch von dem Auftreten eines Exanthems ist keine Bede. 
Es scheint daher sehr fraglich, ob hier wirklich ein Primäraffekt an der 
Brustwarze vorhanden war, oder ob nicht vielmehr an der infolge des 
Saugens wunden und gereizten Brustwarze ein syphilitisches Infiltrat sich 
bildete, wie derartige Vorkommnisse infolge Reizwirkung bei Syphilis 
häufig genug beobachtet werden. (Cauterisatio provocatoria!) Ist diese 
Erklärung zutreffend, dann ist es auch begreiflich, daß keine regionäre 
Lyraphdrüsenschwellung in axilla und später kein Exanthem auftrat. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Die Beschreibung dieses Falles legt deshalb die Annahme viel 
näher, daß die Mutter schon vor Jahren Syphilis akquiriert hatte, deshalb 
auch zweimal abortierte, und daß zur Zeit des dritten Kindes lokale 
Rezidiven an den Reizstellen auftraten, nämlich eine infiltrierte Rhagade 
oder Erosion, kurz ein syphilitisches Infiltrat an der Brustwarze infolge 
Säugens; gleichzeitig Papeln im Mund wahrscheinlich infolge Reizung 
der betreffenden Schleimhautstellen durch scharfe Zahnkanten. 

11. Sternthal (1897), „20>jähr. Frau wurde am‘26./VIII. 1896 
zuerst untersucht. Geschwür (wahrscheinlich Primäraffekt) an der rechten 
Mamilla. Axillardrusen wallnußgroß, derb. Auf Rumpf und Extremitäten 
bestand deutliche Roseola. Das Kind war 8 Wochen vor dem Besuch des 
Verfassers geboren und hatte 3 bis 4 Tage nach der Geburt „Blasen“ 
am Körper bekommen. Am 2H./VIII. zeigte es ein pustulöses Exanthem 
über dem ganzen Körper, nässende Papeln ad anum, Plaques an den 
Mundwinkeln und schnüffelte. Das Kind war rechtzeitig geboren und sah 
auch gut genährt aus. Der Vater des Kindes war bisher nicht gegen 
Syphilis behandelt worden, bot aber am 6./VI1I. ein papulo-serpiginöses 
Exanthem am Penis und Skrotum und Psoriasis palmaris dar.“ 

Als das Kind 8 Wochen alt war, hatte die Mutter bereits außer 
dem Primäraffekt eine „deutliche Roseola“. Es ist durchaus unwahr¬ 
scheinlich, daß die Mutter vom Kind genau am ersten Tage der Geburt 
infiziert wurde, so daß also nach der mindestens 8 Wochen erforderlichen 
Inkubationszeit bereits ein Exanthem erwartet werden konnte. Der Autor 
sagt ausdrücklich, daß nicht etwa ein Exanthem in proruptione auf¬ 
trat, sondern daß bereits eine deutliche Roseola bestand. Besteht 
aber einmal eine solche, so hat die Infektion schon vor mehr als 8 Wochen 
Btattgefunden. Es ist auch vom Autor nicht konstatiert worden, daß das 
Kind mit Syphiliserscheinungen zur Welt gekommen ist, im Gegenteil, 
es soll das rechtzeitig geborene, gesunde Kind 3 bis 4 Tage nach der 
Geburt Blasen am Körper bekommen haben. Diesen Blasenausschlag 
hat der Autor wieder nicht gesehen, auch sonst hat kein Arzt das Kind 
untersucht, geschweige denn Syphilis zu jener Zeit konstatiert. Da jener 
Blasenausschlag offenbar eine vorübergehende Erscheinung war und beim 
Kinde erst mehrere Wochen später die vom Autor gesehenen hereditär 
luetischen Erscheinungen auftraten, ist es sehr wahrscheinlich, daß jener 
Blasen au sschlag am Körper nicht Syphilis, sondern ein Pemphigus neona¬ 
torum war, umsomehr als Pemphigus syphiliticus fast immer 
zuerst an Handtellern und Fußsohlen sich entwickelt, 
während jener B lasen a u s s chlag „am Körper“ auftrat. 
Außerdem ist es durchaus unwahrscheinlich, daß ein 
Kind, bei welchem gleich nach der Geburt ein Pemphigus 
syphiliticus sich entwickelt, kräftig entwickelt und gut 
genährt wäre. Der gute Ernährungszustand des rechtzeitig geborenen 
Kindes bekräftigt vielmehr die Annahme, daß Sternthal das Kind mit 
den wirklich ersten, nach der Geburt auftretenden Syphiliserscheinungen 
gesehen hat. 


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Da alsodas Kind nicht schon mit kongenitaler Syphilis 
zur Welt kam, konnte auch dieMutter nicht schon am Tage 
derGeburt deeKindes von diesem infiziert worden sein. Zu* 
dem hat die Matter infolge der deutlichen Roseola eine ältere 
Krankheitsdauer der Syphilis als das Eind überhaupt alt 
war, als Sternthal Mutter und Eind zuerst untersuchte. 

Alle diese Umstände weisen darauf hin, daß die Mutter in den 
letzten Monaten der Schwangerschaft von ihrem Mann durch Säugek&ssen 
an der Brust infiziert wurde und infolge dessen ein kräftiges, anscheinend 
gesundes Eind zur Welt brachte, hei welchem mehrere Wochen Bpäter, 
wie das gewöhnlich der Fall ist, Syphiliserscheinungen auf treten. 

III. Sonstige Fälle, sowie mangelhaft beschriebene oder nur flüchtig erwähnte 

Beobachtungen. 

12. Von Jullien wird als die älteste Angabe über Ausnahmen 
vom C o 11 e 8 sehen Gesetz * Pietro R 0 S t i n i 0 (Venedig 1559) namhaft 
gemacht 

„Die französische Erankheit kann man bekommen an der Brust¬ 
warze. Denn bei der Säugung erhitzen sich sowohl die Brustwarzen als 
die Lippen. Die geschwellten Gewebe können leichter die Erankheit von 
der Mutter uberkommen, welche sie in ihrer Milch enthält. Umgekehrt, 
wenn das Eind krank ist, absorbiert die geschwollene Brustdrüse das 
Contagium des Eindes. Das war einmal der Fall bei einer jungen Dame, 
die im 7. Monate gravid war und dann für ihr Eind eine Amme suchte. 
Es ereignete sich nun, daß von dem Einde, welches bereits infiziert auf 
die Welt kam, die Amme das Übel erbte, und während diese sich be¬ 
handelte, die Mutter ihrerseits das Übel bekam. a 

Ein Eommentar zu der Geschichte aus altersgrauer Zeit ist wohl 
durchaus überflüssig, ich zitiere den Fall tel quell 

13. Brizio Cocchi (1858, zitiert nach Finger): 

I. Fall: „Ein Mann, der 6 Jahre vor der Ehe konstitutionelle Sy¬ 
philis durchgemacht hatte, heiratet eine gesunde Virgo. Das erste Eind 
starb atrophisch l 1 /, Monate alt. Es infizierte seine Amme mit Sklerose 
an der Mamma, Plaques am Genitale und diese ihrerseits infizierte wieder 
ihren Mann. Das 2. Eind starb 1 Monat alt an Hepatitis, zeigte kein 
Exanthem. Das 3. Eind, ein Jahr später scheinbar gesund geboren, zeigte 
in der 6- Woche ein zweifelloses syphilitisches Exanthem, magerte ab 
und starb trotz Behandlung. Die dasselbe säugende Amrae akquirierte 
Syphilis von dem Kinde und infizierte ihren Mann. Das 4. Eind, ebenso 
scheinbar gesund geboren, zeigte ebenso in der 6. Woche ein syphili¬ 
tisches Exanthem und starb. Bisher war die Frau stets gesund geblieben. 
Als nun ein 5., scheinbar gesundes Eind zur Welt kam, entschloß sich 
die Mutter, abgeschreckt durch die bisherigen trüben Erfahrungen mit den 
Ammen, dasselbe selbst zu nähren. Als das Eind 10 Monate alt war — 
an der Haut keine Erscheinungen darbot — zeigte die Mutter eine 


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8klerose an der Mamma, Plaques an den Tonsillen und am Genitale und 
heilte auf antiluetische Behandlung. “ 

14. II. Fall: »Eine 20 Jahre alte Frau wurde mit ihrem syphili¬ 
tischen Neugeborenen im Hospital aufgenommen. Das Eind zeigte bei 
der Geburt ein syphilitisches Exanthem und Rhagaden an den Mund¬ 
winkeln. Von der Mutter genährt, infizierte das Kind, 6 Monate post 
partum, von Papeln an den Mundlippen aus, die Mutter mit einer Sklerose 
der Mamma, die von Consecutivis gefolgt war.“ 

Die beiden Fälle von BrizioCocchi, welche mir im Original 
nicht zugänglich waren und welche ich daher nach Finger zitiere, 
lassen nach der kurzen Schilderung der Erscheinungen bei der Mutter 
die Frage offen, ob bei der Mutter wirklich ein Primäraffekt auftrat oder 
ob die vermeintliche Sklerose an der Mamma nicht doch bloß eine indu- 
rierte Excoriation infolge Säugens war. Denn es ist in beiden Fällen keine 
Rede von einer regionären Lymphdrüsenschwellung in der 
Axilla, nicht von einem folgenden Exanthem, schon gar 
nicht von einer rezenten Form eines Exanthems, sondern es 
heißt im ersten Falle bloß, daß Plaques an den Tonsillen und am Genitale 
auftraten, welche auf antiluetische Behandlung abheilten, und im 2. Falle, 
daß die angebliche Sklerose von „Consecutivis tf gefolgt gewesen sei. 

15. Müller (1861): 

»Vater ist ein Sßjähriger Offizier, der wiederholt, zuletzt vor zwei 
Jahren, mit Hg behandelt wurde. Das acht Wochen alte Kind zeigt flache 
Kondylome, Hautpapeln, heisere Stimme, nässende Mundwinkel, Atrophie 
und wurde von der Mutter gesäugt. Die Mutter hat ein nässendes 
Erythem um beide Mammae, ist übrigens bis auf Fluor albus gesund. tf 

Müller sagt in der Zusammenfassung, welche er über seine 11 
verschiedenen Fälle gibt: „Im (3.) Falle wurde die Mutter später vom 
Kinde örtlich an der Mamma infiziert.“ 

Müller scheint die Bedeutung einer derartigen Behauptung 
absolut nicht erfaßt zu haben, es findet sich die erwähnte Bemerkung 
nur ganz nebenbei. 

Natürlich ist auch seine Bezeichnung, daß die Mutter ein nässendes 
Erythem um beide Mammae hatte, absolut unverwertbar, um daraus 
etwa auf einen Primäraffekt schließen zu können. 

16. Guibout (1879): 

„Notre savant et trös distinguö collegue M. Alfred Fournier 
nous a dit n’avoir jamais trouvö un seul fait donnant un dementi ä cette 
loi- — Cependant le hasard nous a fourni Poccasion de lui montrer un: 
nous lui avons fait voir une femme, qui avait allaite son enfant de la 
contagion. Cette femme avait allaite son enfant et eile en avait eu quatre 
chancres, dont un indure, diagnostique par M. Fournier lui möme et 
siögant, tous le quatres, au tour de mamelon du sein gauche. tt 

Auffällig ist es — schon Caspary wies darauf hin — daß 
Fournier in seinen später als das Guibout sehe Buch erschienenen 
Vorlesungen über „Syphilis et mariage“ den Guibout sehen Fall nicht 


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erwähnt (Michelson). Eine weitere Kritik erscheint demnach wohl 
überfld88ig. 

17. Drysdales (1882): 

„Unter anderen habe ieh einen eigentftmlichen Fall im Jahre 1867 
gesehen: 

Eine Fran brachte ein Kind, welches an interstitieller Korneitis 
litt und zapfenartig eingekerbte Zähne hatte. Dasselbe war früher mit 
Ansschlägen und Schnupfen behaftet gewesen. Die Mutter war nie syphi¬ 
litisch, wohl aber hatte der Vater vor seiner Verheiratung an Ausschlägen, 
Halsgeschwüren und anderen syphilitischen Symptomen gelitten. Einige 
Jahre später wurde die Mutter, welche von ihrem Manne getrennt lebte, 
von einem anderen Manne infiziert. Ich schickte sie im J. 1871 an das St. 
Bartholomäushospital, wo sie von Dr. Holmes Coote an Roseola, 
nässenden Papeln, Halsgeschwüren u. dergl. einige Zeit behandelt wurde. 
Wofern man nicht sagen will, daß sich die Frau zweimal echte Syphilis 
zugezogen hat, scheint mir dies ein Fall zu sein, wo der Fötus allein 
durch den Vater infiziert ist.“ 

Dieser Fall könnte eventuell Anspruch erheben, zu den Reinfek¬ 
tionen gezählt zu werden. Doch geht aus der Angabe, daß die Frau vier 
Jahre nach dem hereditär luetischen Kind „Roseola, nässende Papeln, 
Halsgeschwüre und dergl. 4 * hatte, keineswegs hervor, ob die Syphilis¬ 
erscheinungen bei der Frau wirklich als rezente oder nicht vielmehr als 
Rezidive angesprochen werden dürften. 

18. V i 01 i (1889) berichtet über Syphilis in der Türkei und spe¬ 
ziell über seine Beobachtung von kongenitaler Syphilis. Er sagt: 

„Das (von einem Armenier gezeugte) Kind stammt von einem 
syphilitischen Vater und von einer Mutter, bei welcher sich Syphilis¬ 
erscheinungen erst entwickelten während des Säugens. Am 52. Tage 
erschien an der linken Brustwarze eine kleine Schwellung, gefolgt von 
einem harten Schanker, später Plaques an den Tonsillen. 4 * 

Mangels einer genaueren Beschreibung, namentlich mangels der 
Angabe von einer regionären axillaren Drüsenschwellung und eines even¬ 
tuellen Exanthems muß die Angabe Violis über einen „Schanker“ wohl 
sehr in Zweifel gezogeu werden, zumal nach dem angeblichen Schanker 
nur Plaques an den Tonsillen auftraten. 

19. Max Joseph (1895): 

„Die 22jährige Punktiererin Emma R. gelangte am 22. Juni 1888 
zur Aufnahme in meiner Poliklinik. Wir konstatierten einen syphilitischen 
Primäraffekt an der Unterlippe und submaxillare Lymphdrüsenschwellungen. 
Angeblich soll die Erkrankung seit 4 Wochen bestehen. Patientin hatte 
vor 2 Jahren häufigen geschlechtlichen Verkehr mit einem wegen seiner 
Lues in Behandlung stehenden jungen Manne. Vor einem halben Jahre 
gebar sie ein Kind, welches gleich nach der Geburt Hautausschläge bekam 
und nach wenigen Wochen an Gehirnlähmung und Darmkatarrh (nach 
Aussage des behandelnden Arztes) starb. Patientin will stets gesund 


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gewesen sein, nnr föblte sie sich nach der Geburt lange Zeit krank und 
elend. Die jetzige Affektion führt die Patientin darauf zurück, daß sie 
vor 2 Monaten einen jungen Mann kennen lernte, dem sie nur einmal 
einen Kuß gegeben haben will. 

Bei der Aufnahme konstatierten wir bei der Patientin an der 
rechten Seite der Unterlippe eine oberflächliche Uizeration mit ziemlich 
harten, infiltrierten Rändern. Auf derselben Seite bestand eine ziemlich 
erhebliche Schwellung der submnxillaren Lymphdrusen. Die Behandlung 
bestand zunächst nur in Auflegen von Quecksilberpflastermull auf das 
Ulcus und die Drüsen. 

Ara 3. Juli war das Ulcus bereits vernarbt und nur noch eine 
mäßige Härte zu fühlen. Die submentalen Drüsen waren jetzt ebenfalls 
induriert zu fühlen und zwar rechts stärker als links. 

Am 24. Juli zeigte sich ein deutliches maculo-papulöses Syphilid 
und eine universelle Lymphadenitis, zugleich bestanden Plaques muqueuses 
am rechten arcus palatoglossus und auf der Zunge. 

Trotzdem also diese Patientin vor einem halben Jahre ein offenbar 
syphilitisches Kind geboren hatte und keine sichtbaren Zeichen der Lues 
autwie8, wurde sie jetzt durch einen Kuß von einem zweiten Manne 
infiziert.“ 

£8 scheint mir ziemlich willkürlich anzunehmen, daß dieses 
Mädchen schon früher Syphilis hatte, zumal weder bei ihr noch auch bei 
ihrem vor einem halben Jahre geborenen Kind der behandelnde Arzt Syphilis 
konstatiert hatte. Sicher ist in diesem Falle nur, daß das Mädchen eine 
frische Syphilis akquiriert hatte, deren Provenienz das Mädchen selbst 
offenbar ganz richtig angab. 

20.—21. Ogilvie (1896): 

Im Bericht der Royal medical and chirurgical society heißt es: 

„Dr. G. Ogilvie hält einen Vortrag über die Ausnahmen vom 
Coli esseben Gesetz. Die Zahl der bisher publizierten Fälle beträgt 
etwa 20; doch sind nicht alle unanfechtbar. Er führt die Bedingungen 
aus, welche bei einem unzweifelhaften Fall erfüllt sein müssen. Solche 
Fälle existieren nun wirklich. Ogilvie führt zwei solche Fälle 
an, wovon der eine nicht vollständig beobachtet, der 
andere vollständig verfolgt worden ist.“ 

In der Diskussion sagt Präsident Hutchinson: Er habe eine 
große Zahl von Mamillarschankern gesehen bei Ammen, die selbst nicht 
die Mütter des betreffenden Kindes wären, aber syphilitische Kinder 
säugten; er habe jedoch nicht einen einzigen Fall gesehen, in welchem 
die Mutter durch ihr syphilitisches Kind infiziert worden wäre. 
Da aber die Mütter sich der Infektion durch ihre syphilitischen 
Kinder außerordentlich häufig aussetzen, müßten solche Fälle, wenn das 
Collessche Gesetz nicht wahr wäre, häufige Vorkommnisse sein. Die 
von Autoren berichteten Ausnahmsfälle würde er nach seinem Dafür¬ 
halten für eine zweite Infektion mit Syphilis betrachten. 


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Cotterel argumentiert in der Diskussion gegen die von Ogilvie 
berichteten Fälle, welche nicht als zweifellose Ausnahmsfälle desColles- 
schen Gesetzes akzeptiert werden können. In dem einen Falle war der 
Vater 11 Jahre frei von Syphilis geblieben und doch sollte er Syphilis 
auf sein ungeborenes Kind übertragen haben. Iu dem anderen Falle hatte 
das Kind offenbar einen Pemphigus, welchen man für syphilitisch hielt. 
Aber ein syphilitischer Pemphigus entwickelt sich selten später als eine 
Woche nach der Geburt. Pemphigus syphiliticus stellt gewöhnlich eine 
schwere Erkrankung vor und doch waren die Läsionen beim Kinde in 
10 Tagen vollständig abgeheilt, obwohl nur die Mutter behandelt wurde. 
Cotterel findet daher, daß in diesen beiden Fällen der Nachweis nicht 
evident ist, daß die Mutter von ihrem Kinde infiziert wurde. 

Colcott Fox sagt, er hätte nie einer Ausnahme vom C oll es- 
sehen Gesetz begegnet. Eine große Zahl von Frauen, welche unverkenn¬ 
bar tertiäre Formen an den Beinen hatten, boten früher weder anam¬ 
nestische Anhaltspunkte noch Erscheinungen von Syphilis. 

Da ich eine ausführliche Publikation über die zwei von Ogilvie 
berichteten Fälle nirgends finden konnte und Ogilvie selbst in seiner 
Arbeit »The exceptions to Colles’law“ seine eigenen 2 Fälle nicht 
anführt, sondern von allen bisher publizierten Fällen nur den Fall 
Ranke und Merz als beweiskräftig ansieht, dürfen wir wohl annehmen, 
daß die von Cotterel sogleioh geäußerten Gegenargumente gegen die 
2 von Ogilvie berichteten Fälle stichhältig waren. 

22. Corlett (1897): 

Corlett sah Mutter und Kind ein einziges Mal. 

»Eine 38jährige Frau brachte ihr 2 Monate altes Kind mit einem 
dunkelrotbraunen Fleckausschlag auf dem ganzen Körper (inklusive an 
Handtellern und Fußsohlen). Das Kind war bei Geburt vollständig gesund 
und kräftig, erst nach 3 Wochen bemerkte die Mutter Flecken, bald 
auch Blasen, es begann zu schnüffeln. Die Diagnose Syphilis war außer 
Zweifel. Die Mutter war anämisch, von fahlem Kolorit und klagte 
über leichte Knochenschmerzen in den Beinen. Es fand sich ein Geschwür 
an der linken Brust, welches etwa nach Angabe der Frau 14 Tage später 
aufgetreten sein soll als die wunden Stellen im Mund des Kindes. Drüsen¬ 
schwellung in axilla; Nuchaldrüsen ebenfalls vergrößert. Rötung der 
Gaumenbögen. Keine anderen Erscheinungen im Mund, die Haut frei 
von Ausschlägen oder Narben. Die Frau hatte aus erster Ebe 2 gesunde 
Kinder. Vor einem Jahr heiratete sie ihren jetzigen Gemahl. Dieser war 
früher ebenfalls schon verheiratet, hatte 4 gesunde Kinder, war dann 
8 Jahre Witwer. Die Frau gab an, daß ihr jetziger Mann seit ihrer 
Heirat wegen einer unbekannten Krankheit in Behandlung stehe und 
oft Medizinen trinke. Doch hätte sie nie einen Ausschlag an ihm gesehen. 

Weitere Beobachtung war ausgeschlossen, da die Familie 4 Tage 
später unbekanntenorts abreiste.“ 

Die Deutung dieses Falles ist so zweifelhaft und so vage, daß der 
Autor selbst sagt: »Diese Geschichte ist unvollständig und bietet k e i ü e n 


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überzeugenden Beweis von Ausnahme gegen das Collessche 
Gesetz, obwohl ioh glaube, daß die Mutter von ihrem Kinde infiziert 
wurde.“ Die Mutter hatte also ein Geschwür an der Brust, welches viel¬ 
leicht nach der Meinung des Autors als ein Primäraffekt anzusprechen 
sein könnte, zumal auch Drüsenschwellung in axilla bestand. Bei dem 
Mangel einer weiteren Beobachtung erfahren wir aber nicht einmal, ob 
das Geschwür an der Mamma wirklich luetischen Ursprungs war oder 
nicht ein einfaches traumatisches Geschaür mit einem Bubo axillaris. 
Ausdrücklich wird erwähnt, daß keine anderen Erscheinungen von Syphilis 
vorhanden waren. Doch soll die Mutter anämisch, von fahlem Kolorit 
gewesen sein und über Knochenschmerzen in den Beinen geklagt haben. 
Falls der Autor der Meinung ist, daß die Knochenschmerzen und das 
Aussehen der Frau auf luetischen Ursprung znrückzuführen sind, konnte 
er doch wohl andererseits nicht gut erwarten, daß aus dem Geschwüre 
an der Brustwarze ein syphilitischer Primäraffekt sich entwickeln 
werde. Die ausdrückliche Anführung des anämischen, fahlen Kolorits und 
der Knochenschmerzen in den Beinen hat aber andererseits nur eine 
Bedeutung in der sonst knappen Skizzierung des Falles, wenn der Autor 
diese Erscheinungen auf Syphilis beziehen zu dürfen glaubte. 

23. Neuhaus (1899): 

„Ein Kaufmann, 30 Jahre alt, zieht sich einige Wochen nach einem 
verdächtigen Coitus ein hartes Geschwür im Sulcus coronarius zu. 
Anschwellung der beiderseitigen Leistendrüsen, Auftreten eines allge¬ 
meinen fleckigen Ausschlages auf dem Rumpf und den Extremitäten, 
Schwellung der Halsdrüsen, Geschwüre im Mund sichern die Diagnose 
Syphilis, welche in einer dermatologischen Universitätsklinik Österreichs 
gestellt wurde. Der Patient wurde dann auch 6 Wochen lang dortselbst 
mit Einreibungen und grauer Salbe behandelt, alle Erscheinungen von 
Syphilis schwanden. Der Mann siedelte nach München über und erfuhr 
7 Monate nach dem Auftreten des Primäraffektes ein Rezidiv, weswegen 
er in meine Behandlung trat. Es bestanden Geschwüre im Mund und 
Rachen, einzelne Pusteln auf dem Kopf, Schwellung der Zervikaldrüsen 
und als auffälligstes Symptom ein doppelseitiges papulöses schuppiges 
Syphilid in der Hohlhand (Psoriasis syphilitica). Letzteres war bald 
beseitigt, auoh die Eiterbläschen auf dem Kopfe schwanden in Kürze; 
nur die Erosionen und Geschwüre im Mund und Rachen wollten nicht 
heilen trotz der sonst so erfolgreichen Cbromsäurebepinselungen. Die 
Schuld lag an dem Patienten, welcher als leidenschaftlicher Raucher 
durch seine 30—40 Zigaretten pro die die wunden Stellen ständig reizte. 
Erst als ich denselben soweit brachte, diesen Tabakskonsum erheblich 
einzuschränken, heilten Erosionen und Geschwüre bald und bildeten sich 
die geschwollenen Drüsen zurück. So waren unterdessen 2 weitere Monate 
vergangen. Trotz meiner wiederholten Warnungen knüpfte Patient jetzt 
ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen an, das bis dahin unbescholten 
und ohne geschlechtliche Beziehungen geblieben war. Der Zufall wollte, 


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daß ich das Paar täglich sehen und beobachten konnte. Wie voraus- 
Zusehen war, so kam es. Der sehr gewandte, gewissenlose Mann wußte 
das Mädchen sehr bald zum geschlechtlichen Verkehr zu bringen, angeblioh 
benützte er zuerst Präservativs, später aber nicht mehr. Nachdem so 
3 Monate geschlechtlichen Verkehrs vorübergezogen waren, konzipierte 
das Mädchen, ich konnte konstatieren, daß die ersten 6 Monate der 
Schwangerschaft leicht verliefen, das Aussehen blieb gut. Auch die 
übrigen 3 Monate haben wohl daran nichts geändert Zur normalen 
Zeit kam dann das Mädchen leicht nieder und gebar ein reifes 
mittelstarkes lebendes Kind. Aber Rhinitis syphilitica und Papeln 
am After zeugten bald von der väterlichen und ererbten Lues, während 
die Mutter in kürzester Zeit von den Anstrengungen des Wochenbettes 
sich erholte. Nichts deutete bei ihr auf irgend eine spezifische Infektion. 
Unter örtlicher Behandlung mit Kalomel und Anwendung von Sublimat¬ 
bädern verloren sich beim Kinde Papeln, besserte sich die Rhinitis Die 
Ernährung wurde mit Kuhmilch durchgeführt, es trat keine Verdauungs¬ 
störung ein. Trotzdem stellte sich etwa 6 Wochen nach der Geburt bei 
dem Kinde ein Kollapszustand ein, dessen direkte Ursache nicht klar 
wurde. Sektion konnte nicht vorgenommen werden. Die Mutter blieb auch 
weiters gesund, sah blühend aus. 6 Monate nach der Entbindung hatte 
das Mädchen auch noch nicht iro geringsten zu klagen gehabt. Nun nahm 
das Mädchen ihre schon abgebrochenen Beziehungen mit ihrem Geliebten 
wieder auf und akquirierte einen Primärafifekt am rechten großen Labium, 
welcher von Leistendrüsenschwellung und später von makulösem Exan¬ 
them gefolgt war, es stellen sich Pharyngitis und Laryngitis specifica ein, 
einige seichte symmetrische Geschwüre in der Mitte der Wangen Schleim¬ 
haut. Die Hsare gingen stark aus, was sonst noch nie der Fall war. Das 
Allgemeinbefinden litt wesentlich, das Aussehen wurde ein schlechtes. 
Es unterlag für mich unter diesen Zeichen keinem Zweifel, daß hier ein 
syphilitischer Primärafifekt Vorgelegen und dann sekundär - luetische 
Erscheinungen hinzugetreten seien. Nach allem, was ich von dem Be¬ 
nehmen und der Vergangenheit des Mädchens wußte, hatte ich keinen 
Zweifel, daß die Anamnese wahrheitsgetreu geschildert worden war. Der 
Verlauf des Ganzen sprach auch für die Richtigkeit der Ansicht, daß das 
Mädchen erst durch den letzten Coitus mit ihrem noch luetischen 
Freunde infiziert worden sei. Die hierauf eingeleitete antisyphilitische 
Behandlung mit Hg brachte alle Symptome in zirka 6 Wochen völlig 
zum Schwinden. Ich konnte hierauf die Patientin noch jahrelang beob¬ 
achten. Sie bekam etwa y a Jahr später einige Geschwüre im Mund, 
welche schon auf örtliche Behandlung hin rasch heilten. Diese Patientin 
heiratete später 3 Jahre nach ihrer Infektion einen anderen Mann, hat 
aber bis jetzt, trotz 3jähriger Ehe, nicht mehr konzipiert, jedoch angeblich 
keinen Rückfall mehr erlitten, auch den Mann nicht infiziert. Ihr früherer 
Geliebter hat bald nach der oben erwähnten Verlobung geheiratet und 
mit seiner Frau 1 Jahr später einen gesunden, kräftigen Knaben gezeugt, 
welcher noch lebt.“ 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Von allen Ausnahmsfallen vom Coli es sehen Gesetz fallt es mir 
am schwersten, gegen diesen Fall Neu haus Einsprache zu erheben, 
nicht etwa deshalb, weil demselben vielleicht wirklich eine überzeugende, 
unabweisbare Beweiskraft innewohnen würde, sondern weil es immer 
eine persönlich odiose Sache bleibt, die Richtigkeit einer Diagnose — 
wenn auch in noch so delikater und rein sachlicher Form — anzuzweifeln. 
Gegenüber der Eingangs recht breit angelegten Schilderung des Syphilisver¬ 
laufes beim Vater und gegenüber der gleichfalls ziemlich genau geschil¬ 
derten Syphilisinfektion bei der Mutter muß wohl die dürftige Angabe 
über die Syphilis des Kindes auffallen: Rhinitis und Papeln ad anum. 

Eine Rhinitis ist sicherlich ein viel zu vages Symptom, um daraus 
schon auf hereditäre Syphilis schließen zu dürfen; ob die Rhinitis wirklich 
syphilitischer Natur war, mag bezweifelt werden; dieses Symptom allein 
beweist uns jedenfalls noch nichts, namentlich da sonst keine Syphilis¬ 
erscheinungen weder an der Haut des Stammes oder an Handtellern und 
Fußsohlen, noch an den Knochen, noch an den Visceralorganen bei dem 
reifen, mittelstarken Kind nachweisbar waren. Aber Papeln ad anum 
sollen bestanden haben 1 Es ist freilich schwer, dieser ausdrücklichen 
Angabe des Autors zu widersprechen. 

Bei Syphilis ist nun allerdings bekanntlich alles möglich, doch nicht 
alles wahrscheinlich 1 Dieses Symptom scheint mir durchaus unwahrschein¬ 
lich. Ich habe schon mehrfach erwähnt, daß Papeln ad anum bei hereditär¬ 
luetischen Säuglingen kein gewöhnliches Vorkommnis darstellen, noch 
ungewöhnlicher wäre es, daß ein relativ so seltenes Vorkommnis so 
häufig gerade mit den noch selteneren angeblichen Ausnahmsfallen vom 
Co 11 es sehen Zusammentreffen sollte. 

Wenn aber schon wirklich Papeln ad anum bei hereditär-luetischen 
Säuglingen Vorkommen, dann sind dies zumeist schon mehrmonatliche 
Kinder, bei welchen sich infolge mangelhafter Reinigung und Trocken¬ 
legung lokale Rezidiven in Form von nässenden Papeln ad anum (wie 
bei Erwachsenen) bilden. Das Kind im Falle Neu haus wurde aber über¬ 
haupt nur 6 Wochen alt; da die „Papeln“ bereits unter „örtlicher An¬ 
wendung von Kalomel und Sublimatbädern sich gebessert“ hatten, mußten 
sie mindestens schon entstanden sein, als das Kind etwa 2—3 Wochen 
alt war. 

Diese Papeln konnten also nicht durch Reizung entstandene Rezi¬ 
diven sein, sie hätten vielmehr eine Teilerscheinung eines papulösen 
Exanthems sein müssen; nun bestanden aber sonst keine Syphilisefflores- 
zenzen weder am Stamm noch an den Handflächen oder Fußsohlen, 
sondern es fanden sich angeblich lediglich ad anum „Papeln“. Isolierte, 
papulöse Lentikulär-Effioreszenzen ad anum in den ersten 2—3 Lebens¬ 
wochen (NB. ohne irgend welche sonstige Syphiliserscheinungen) sind 
meines Wissens bisher noch nie beobachtet worden. 

Ich habe schon wiederholt (d. h. 3 od. 4 Fälle) nässende elevierte 
Papeln ad anum als Rezidiverscheinungen isoliert bei mehrmonatlichen 
Kindern gesehen. Ich habe auch einmal erodierte papulöse Effioreszenzen 


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ad anum bei einem mehrwöchentlichen Kind gesehen, bei welchem gleich¬ 
zeitig sonst (namentlich auch angrenzend ad nates, an Handtellern und 
Fußsohlen) ein dichtes maculo-papnlöses Exanthem bestand. Aber ein 
ausschließlich auf die Analgegend beschränktes papulöses 
Exanthem in den ersten Lebenswoohen halteich für ein bisher 
noch nicht beobachtetes Ereignis. 

Ich halte die Diagnose „Papeln ad anum“ daher in dem Falle 
Neahaus für durchaus unwahrscheinlich und unglaubwürdig; wahr¬ 
scheinlicher kommt mir die Annahme vor, daß das „reife, mittelstarke“, 
sonst gesunde Kind der gesunden Mutter ein Ekzema intertrigo ad anum 
hatte, welches der Autor umso eher geneigt war, als spezifische Erschei¬ 
nung zu deuten, als er von dem syphilitischen Vater ein syphilitisches Kind 
erwartete; dieses Ekzema intertrigo heilte natürlich unter Trockenlegung 
und Einstauben mit Kalomelpulver ab. Das künstlich ernährte Kind starb 
mit 6 Wochen, Sektion fand keine statt. Ein halbes Jahr später akqui¬ 
rierte die Mutter Syphilis. 

24. Von Jullien ist ein sonst nicht publizierter Fall von 
Pietro Pellizzari mitgeteilt. Jullien sagt: „Ich verdanke die 
Mitteilung davon Pietro Pellizzari selbst, welcher den Fall an seiner 
Klinik in Florenz verfolgt hat. 

Ein junger syphilitischer Mann verheiratete sich und hatte drei 
Kinder, alle drei syphilitisch, und alle drei wurden von der eigenen 
Mutter gestillt. Die Mutter selbst, welche zu verschiedenen Zeiten sorg¬ 
fältig untersucht wurde, blieb vollständig frei, bis sie beim Säugen des 
letzten Kindes einen Schanker an der Brustwarze bekam, einen echten, 
unzweifelhaften harten Schanker, von einem Kranz kleiner Papeln um¬ 
geben, wie man das oft um Syphilome in dieser Region sieht, mit einer 
charakteristischen Drüsenschwellung und gefolgt am 45. Tage von einer 
allgemeinen Eruption. tf 

In der kurzen Darstellung mit Julliens Worten, wie der Fall 
vorliegt, ist natürlich keine Einwendung dagegen zu erheben; man muß 
die Angaben von Pellizzari entweder einfach glauben oder aber Pe 11 iz- 
zaris Diagnostik mißtrauen. 

Angesichts des Mangels einer detaillierten Schilderung des Falles 
von Pellizzari selbst können wir denselben aber nicht gelten lassen; 
durch eine ausführliche Mitteilung von Seite Pellizzaris selbst hätte 
der Fall sich vielleicht anders dargestellt als durch J u 11 i e n s 
kurzes Referat; denn daß Jullien natürlich eine einwandsfreie 
Skizze entwirft, wenn er den Fall seines Freundes überhaupt für 
glaubwürdig hält, durfte man wohl selbstverständlich er¬ 
warten. Jullien, der außer dem Falle von Pellizzari noch 
Guibout, Ranke, Rostinio und Scarenzio zitiert, sagt selbst: 
„Sicherlich wäre es leicht, Zweifel gegen die Deutung dieser Fälle zu 
erheben, und eine solche könnte einer eingehenden Besprechung schwer 
standhalten.“ 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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25. Parker (1895) bespricht in einem kurzen Artikel die Frage, 
ob die hereditäre Syphilis überhaupt infektiös sei und sagt unter anderem: 

„Abgesehen davon, daß meine eigenen Erfahrungen mir wenigstens 
einen Fall von Ausnahme vom C o 11 e s sehen Gesetz geboten haben .. . 
(„Apart from the circumstance the own expeiience furnishes me with at 
least one exeption to Colles’law. 44 etc.) 

Nicht mehr und nicht weniger als diese Wortei Aber er wird in 
der Literatur und auch von Finger als Ausnahme vom C o 11 e s sehen 
Gesets gezählt 

26. Busch (siehe Ranke) „berichtet in der an den Vortrag 
Rankes sich anschließenden Diskussion über einen Fall von Lues here- 
ditaria, welcher die Beobachtung des Herrn Dr. Ranke bestätigt 41 

27. Ebenso sagt G&mberini ganz kurz, „er habe einen zweifel¬ 
losen Fall von Infektion der Mutter von ihrem hereditär syphilitischen 
Kinde gesehen. 44 (Zitiert nach Finger.) 

28. u. 29. Zingales will 2 Fälle gesehen haben. 

30. U. 31. C O U118 will außer seinem ausführlich beschriebenen 
Fall (vergl. Nr. 3) noch 2 (nach Finger sogar 4 [?]) weitere Fälle be¬ 
obachtet haben, die er aber nicht näher mehr mitgeteilt hat. 

Ich glaube, man darf sich George Ogilvie anschließen, wenn er 
darüber meint: (Lancet 1894, II. p. 227.) 

„I should not again have touched upon Dr. Goutts iuteresting, 
though doubtful case were I not anxious to learn more about the other 
two cases whioh had come under his notice, since the publication of his 

paper.I feel eure that Dr. Coutts would do good Service, by 

either himself giving the desired Publicity to these cases, or by prevai- 
ling upon bis informants to make them known. 44 

Das sind, soweit mir bekannt, alle in der Literatur ver- 
zeiebneten Fälle von Ausnahmen des Co 11 es sehen Gesetzes, 
im ganzen 31 Fälle. Dieselben wurden mitgeteilt von Bergb, 
Busch, Brizzio Coccbi (2 Fälle). Cazenave, Corlett, 
Coutts (IFall * 2 [?]), Drysdale, Gamberini, Guibout, 
Joseph, King, Lucas, Lueth, Merz, Müller, Neuhaus, 
Ogilvie (2 Fälle), Parker, Pellizzari, Ranke, Rostinio, 
Scarenzio, Sternthal, Travis-Drennen, Violi, Zin¬ 
gales (2 Fälle). 

Ich bringe absichtlich ein Verzeichnis der Namen der 
Beobachter, um zu zeigen, daß merkwürdiger Weise unter der 
Liste jener Autoren gerade jene Namen fehlen, welche wir am 
ehesten hätten vermuten sollen, Namen großer Kliniker, denen 
ein so wichtiges Vorkommnis von prinzipieller Bedeutung 
gewiß nicht entgangen wäre. Warum hat denn ein Fo umier, 

Ma tiemoer, Vererbung der Syphilis. \ \ 


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Matzenauer. 


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Hutchinson, Sigmund, Ricord, Diday, Jullien, Lewin, 
Hebra, Neumann, Kaposi, Lesser, etc. derartige Be¬ 
obachtungen niemals gemacht, obwohl gerade diese infolge ihres 
weltbekannten Riesenmateriales die berufensten sein sollten? 

Die Zahl (30) der Ausnahmen vom C olles sehen Gesetz 
Ist aber deshalb so hoch, weil darunter alle jene Fälle auch 
mit inbegriffen sind, welche bereits verschiedenerseits mehr als 
einmal vollständig widerlegt und als irrig ausgeschieden 
worden sind. Trotzdem wurden später dieselben Ausnahmsfälle 
von verschiedenen Autoren als vollwertige Beobachtungen immer 
wieder in der Literatur zitiert, und zwar derart, daß der eine 
Autor einen bestimmten Fall für ungenügend beobachtet, für 
nicht erwiesen, kurz für Null und nichtig erklärt, und dafür 
eine andere Beobachtung als vollgültig bewiesen hinstellt. Ein 
anderer Autor dagegen hält gerade umgekehrt den ersten Fall 
für den beweisenden und den letzteren für ganz unmaßgebend. 

Finger zählte 1898 in seiner Arbeit über „die Vererbung der 
Syphilis“ 26 Fälle von Ausnahmen des Collesschen Gesetzes; er hat 19 
davon referiert und kommt zum folgenden Resumö: 

„Ziehen wir die fraglichen Fälle von Cazenave, Guibout, 
Lueth, Lucas ab, so bleiben 15 einwandfreie (!) Fälle. Hiezu kommen 
noch einige Fälle, die von den Verfassern als zweifellose Fälle von Aus¬ 
nahmen des Collesschen Gesetzes mitgeteilt wurden, in die uns aber 
mangels detaillierter Angaben der kritische Einblick fehlt So sagt Garn- 
berini, er habe einen zweifellosen Fall von Infektion der Mutter von 
ihrem hereditär syphilitischen Kind gesehen. Busch sprach von einem 
solchen Fall auf der Kasseler Naturforscherversammlung. Coutts, dessen 
einen Fall wir erwähnten, sagt, noch 4 (?) weitere zweifellose Fälle beob¬ 
achtet zu haben. Zingalös sah 2, Parker und Mittler (?) sahen auch 
je einen analogen Fall. Es gibt dies 10, also in Summe 26 Fälle von Aus¬ 
nahmen des Collesschen Gesetzes.“ 

Ich kann nicht umhin, dagegen doch entschiedene Verwahrung ein- 
zulegen, diese letzten 10 Fälle ohne weiters mitzuzählen, zumal uns ja 
„mangels detaillierter Angaben der kritische Einblick fehlt“. Die Angabe 
des betreffenden Autors aber, „einmal einen solchen Fall auch schon 
gesehen zu haben,“ können wir nicht einfach auf Treue und Glauben 
hin nehmen, nachdem wir nun einmal Grund genug zu haben glauben, 
mißtrauisch zu sein. 

Ich habe übrigens in meinem obigen Verzeichnis über die Colles¬ 
schen Ausnahmsfälle die betreffenden Angaben von Busch (Nr. 24) und 
Parker (Nr. 23) wörtlich gebracht. Coutts sprach, soweit es mir 
möglich war zu ermitteln, nicht von „4 weiteren zweifellosen Fällen“, 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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sondern nur von 2 weiteren Fällen, die er aber nicht näher mehr publi¬ 
ziert hat (Nr. 28, 29) 

Gamberinis und Z i n g a 1 ö s eigene Worte im Original zu 
lesen, war mir absolut nicht möglich. 

Mittlers Fall endlich, welcher von Finger gleichfalls unter 
den Ausnahmen vom Co 11 es sehen Gesetz angeführt wird, hat mit 
diesem Gegenstand überhaupt nichts zu tun. 

„Dr. Mittler berichtet über einen von ihm beobachteten Fall, 
wo eine Frau von ihrem Mann luetisch infiziert wurde und nach sieben 
Jahren von einem gesunden Mann ein hereditär luetisches Kind gebar, 
ohne zu dieser Zeit Zeichen einer luetischen Affektion zu zeigen/ 

Dieser Fall wird von Finger gleichfalls unter den Ausnahmen 
vom Coli es sehen Gesetz angeführt, wiewohl derselbe, wie ersichtlich, 
absolut nichts mit diesem Gegenstände zu tun hat. 

Abgesehen von diesen 10 letztbesprochenen Fällen bleiben also 
nach Fingers Rechnung noch immerhin 15 „einwandfreie“ Fälle, unter 
welchen, wie nur beispielsweise erwähnt werden mag, auch der Fall von 
Pietro Rost in io figuriert aus anno Domini 1569 (in dem Zitat Fingers 
heißt es infolge eines unterlaufenen Druckfehlers: 1859). 

Über die älteren Fälle von Rostinio, Cazenave, Brizio 
C o c c h i und Müller, denen sich noch eine erhebliche Zahl angeblicher, 
nicht näher beschriebener Beobachtungen von Coutts, Gamberini, 
Guibout, Parker, Violi, Zingalös etc. anreihen, herrscht fast all¬ 
gemein nur ein Urteil, daß nämlich dieselben absolut nicht verwertbar 
sind. Trotzdem werden sie aber immer wieder zitiert und wenigstens als 
zweifellose Fälle hingestellt. 

Finger nimmt den Fall Brizio Cocchis wieder vollwertig 
auf, den Kassowitz und Vajda „als ungenau beobachtet“ nicht gelten 
ließen. 

Kassowitz hingegen anerkennt die Fälle von Guibout und 
Lueth, welche Finger gerade „als fraglich“ von den 19 zitierten 
Fällen ausgeschieden hat. Der Fall Guibout soll bekanntlich von 
Fournier gesehen, aber nicht anerkannt worden sein. Von Lueth, 
Scarenzio, Busch sagt Kassowitz, daß die letztgeuannten Fälle 
„im hohen Grade berücksichtigenswert sind, daß man ihnen nichts 
wesentliches aussetzen könne“. Busch hat aber überhaupt niemals einen 
Ausnahmsfall vom Coli es sehen Gesetz publiziert, sondern nur gele¬ 
gentlich der Mitteilung von Ranke die Bemerkung angeschlossen, er 
hätte auch so einen Fall einmal gesehen. Der Fall Scarenzio, bei 
welchem weder die Syphilis des Vaters nachgewiesen wurde, noch bei 
der Syphilis des 7monatlichen Kindes der hereditäre Ursprung der Sy¬ 
philis erwiesen wurde, wird von Kassowitz als vollwertig anerkannt, 
ebenso der Fall Lueth, bei welchem die Frau doch eine typische 
Rezidiverscheinung bot. 

Sternthal sagt: „Allerdings scheint uns der Fall Lucas nicht 
ganz einwandsfrei, nicht anfechtbar dagegen ist ein von Coutts sehr 

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ausführlich mitgeteilter Fall, bei dem es absolut ausgeschlossen ist, daß 
das Kind etwa nach der Geburt infiziert wurde und seinerseits die Mutter 
ansteckte.“ 

Diesem Autor (Sternthal) ist offenbar der Protest 
von Seite Cotterels und Ogilvie entgangen. 

Die 2 von Ogilvie berichteten Fälle widerlegte Cotterel, dem 
sich auch Hutchinson und Golcott Fox anschlossen. 

Von den meisten Autoren wurde der Fall Ranke als absolut 
beweisend angeführt und Lesser hält ihn sogar für den einzig einwands¬ 
freien Fall. 

Corlett hält hinwieder den Fall Merz als einen „in jedem Detail 
vollständigen.“ M i c h e 18 o n, welcher eine scharfe Kritik an die bis dahin pu¬ 
blizierten Fälle anlegt, reiht wieder an die eigentlichen Fälle von schein¬ 
baren Ausnahmen des Gollesschen Gesetzes die Fälle von intrauteriner 
Infektion in den letzten Monaten der Schwangerschaft an und sagt: 
„Auch die Mehrzahl dieser Beobachtungen ist nicht ganz einwandsfrei, 
aber der v. Rinecker-Wiedesehe Fall zum mindesten verdient nächst 
dem Rank eschen genannt zu werden, wenn es sich darum handelt, die 
Infizierbarkeit der gesund gebliebenen Mutter hereditär-syphilitischer 
Kinder darzutun.“ 

Kurz, wenn auch ein Fall durch eine scharfe Kritik bereits als 
abgetan erscheint, so taucht er nichtsdestoweniger wie ein Kopf der 
Hydra in späteren Publikationen immer wieder aufl 

Von vielen Autoren wurde nämlich die Zahl der Aus¬ 
nahmen vom Collesschen Gesetz noch durch Mitreohnung 
jener Fälle erhöht, bei welchen nicht die Mutter eines be¬ 
reits geborenen hereditär luetischen Kindes nachträglich 
infiziert wurde, sondern von diesem noch intra gravidi- 
tatem in den letzten Monaten der Schwangerschaft in¬ 
fiziert wurde. Man hat früher solche Fälle auch als Ausnahmen vom 
Collesschen Gesetz hingestellt, insoferne jene Mütter, die nach der da¬ 
maligen Anschauung durch ihre angeblich ex patre her hereditär syphi¬ 
litische Frucht bereits immun hätten sein sollen, trotzdem noch Syphilis 
durch Infektion von außen während der Gravidität akquirieren konnten. 

Die Anhänger der paternen Vererbung erklärten eben, daß die 
intra graviditatem akquirierte Syphilis der Mutter nicht auf das Kind 
übergehe; nach ihrer Anschauung sollte nämlich das später geborene 
hereditär luetische Kind schon ursprünglich von einem syphilitischen 
Vater seine Syphilis überkommen haben. Dio Mutter hätte also während 
des Verlaufes der Gravidität immunisiert sein sollen; da sie aber doch 
Syphilis durch Kontaktinfektion akquirieren konnte, mußte man zur Er¬ 
klärung dieser Verwirrung, die man sich selbst bereitete, wieder zu einer 
Ausnahme Zuflucht nehmen. Allerdings hätte man nach der früheren 
Toxintheorie erwarten sollen, daß eine Frau, welche schon seit 6, 7 oder 
8 Monaten mit einer angeblich ex patre her hereditär luetischen Frucht 
gravid ist, bereits durch die vom Kind auf die Mutter übergegangenen 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Toxine gegen Syphilis immun ist. Denn von wann an soll denn die 
Immunität bei der Mutter bestehen, wenn sie im 8. Monate der Gravi* 
dität (gegen alle Erwartung) noch mit Syphilis infiziert werden kann? 

Die Frage, wieviel Zeit erforderlich sei, damit die 
anscheinend gesunde Mutter eines ex patre hereditär 
syphilitischen Kindes von diesem aus immunisiort wird, 
ist von den Anhängern der paternen Vererbung wieder¬ 
holt ventiliert worden, und sie kamen zu ganz widerspre¬ 
chenden Beobachtungen. 

Hochsinger meint, „es werde nach erfolgter Konzeption mit dem 
Sperma eines Syphilitischen immerhin ein längerer Zeitraum verstreichen 
müssen, bevor eine für die Immunisierung der Frau ausreichende Menge 
von immunisierender Substanz aus der fötalen in die mütterliche Säfte¬ 
masse übergetreten ist. Der Impfschutz wird erst allmählich gebildet. 
Darüber können wohl die ersten Monate der Gravidität verstreichen. 
Erwacht aber das spermatisch vererbte Syphilisvirus in der Frucht zum 
Unglück erst in einem späteren Stadium der Entwicklung zur Aktualität, 
dann ist möglicherweise noch nicht die 8pur irgend einer immunisie¬ 
renden Aktion von Seite der ex patre syphilitischen Frucht auf die 
Mutter eingetreten, die Mutter ist daher immer noch infizierbar“. 

Neumann zitiert folgenden Fall: 

„Eine 35jährige Frau, im 8. Monate gravid und mit rezenten 
Papeln und mit maculo-papulösem Syphilid aufgenommen, gebar 4 Wochen 
später ein 1500 g schweres atrophisches Kind, welches einige Stunden 
später starb. Bei der Sektion ergab sioh Osteochondritis, Hepatitis syphi¬ 
litica etc. Die Frau hatte nur mit einem einzigen Manne verkehrt und 
war auch von demselben infiziert worden. Trotzdem also das Kind, das 
sie in utero barg, schon vom Vater her syphilitisch war (?), konnte sie 
doch im 4. Monate der Gravidität infiziert werden. Bis zu dieser Zeit 
hatte also kein Choc en retour stattgefunden. u 

Bei der Annahme, daß die Mutter eine schon vom Vater her here¬ 
ditär luetische Frucht in utero barg, wären also in diesem Falle die 
Immunsubstanzen von der syphilitischen Frucht bis im 4. Monat der 
Gravidität noch nicht übergegangen, denn zu dieser Zeit hatte die Mutter 
durch Kontaktinfektion Syphilis akquiriert. Nach unserer Meinung ist es 
selbstverständlich, daß die Mutter nicht ein ex patre hereditär luetisches 
Kind in utero beherbergte, sondern daß sie deshalb eine syphilitische 
Frucht gebar, weil sie mehrere Monate vor der Geburt des Kindes intra 
gravididatem selbst mit Syphilis infiziert wurde. 

Neumann bringt aber einen noch viel illustrativeren Fall: 

„Ein Mädchen, welches von einem syphilitischen Mann gravid ge¬ 
worden, wurde im 8. Graviditätsmonate mit einem Primäraffekt aufge¬ 
nommen. Am normalen Schwangerschaftsende wurde eine tote Frucht 
geboren.“ 


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Einen ganz gleichen Fall habe ich selbst an 
der Klinik Neumann zu beobachten Gelegenheit 
gehabt: 

„Eine 28jährige Frau kam anfangs des 9. Graviditätsmonates mit 
einem wohl eingebildeten Primäraffekt an der Oberlippe zur Aufnahme. 
Die Frau hatte nur mit ihrem Manne, der vor 2*/i Jahren Syphilis ak¬ 
quiriert batte, geschlechtlichen Verkehr. Sie hatte also von ihm konzipiert 
und wurde von demselben im 8. Graviditätsmonate infiziert. Die Frau 
gebar am normalen Ende der Schwangerschaft ein kräftiges, anscheinend 
gesundes Kind, welches aber in der 6. Lebenswoche ein universelles 
maculo-papulöse8 Syphilid zeigte. Bei der Frau trat 10 Tage nach der 
Entbindung erst das Exanthem auf. 

Die Anhänger der paternen Vererbung würden in diesem Falle 
annehmen können, daß das Kind von dem syphilitischen Vater Syphilis 
ererbt hat. Dieser Annahme aber steht die unüberwindliche Schwierig¬ 
keit im Wege, daß doch dann die Mutter schon im 8. Monate der Gra¬ 
vidität endlich von ihrem Kinde immunisiert sein müßte. Das war sie 
aber nicht; denn sie konnte ja noch von demselben Manne, von dem 
sie angeblich ein syphilitisches Kind haben sollte, infiziert werden. Wie 
lange soll aber dann wirklich die Immunsubstanz brauchen, um von einer 
angeblich infizierten Frucht auf die Mutter überzugehen, wenn diese 
noch nicht im 8. Monate der Gravidität von ihrem vermeintlich syphi¬ 
litischen Kinde immunisiert ist? 

Die Beobachtungen solcher Fälle, wie sie zuerst von Rinecker 
Weil, v. Rosen, Behrend, Lewin, Arning, Neumann etc. mit¬ 
geteilt wurden, mehrten sich bald in neuerer Zeit immer mehr und mehr, 
so daß sie infolge ihrer einseitigen klaren Deutung geradezu zum Aus¬ 
gangspunkt für die richtige Erkenntnis wurden, von welcher Seite und 
auf welchem Wege Syphilis eigentlich vererbt werde. Heute anerkennen 
wir ja die intrauterine als die einzig und allein erwiesene Art der 
Vererbung einer Infektionskrankheit. 

Endlich kann ich nicht ganz verschweigen, daß von den verschie¬ 
denen Autoren, welche die Ausnahmsfälle vom C olles sehen Gesetz 
zitieren, nicht selten ein oder der andere Name des bisher unbekannten 
Autors unrichtig wiedergegeben wird. Beispielsweise wird Ogilvie 
zumeist als „Ülgivie“, „Oglivie“, auch „Oglivia“, Corlett dafür „Colet* 
Parker dagegen „Pauker“ etc. genannt. Die Angabe, wo die betreffende 
Publikation erschienen ist, wird nicht selten unrichtig zitiert, so daß sich 
dem objektiven Kritiker unwillkürlich die Vermutung aufdrängen muß, 
daß die meisten Autoren die von ihnen herangezogenen Ausnahmsfalle 
nicht im Original gelesen haben, sondern nur nach einem anderen Zitat 
wieder zitieren. 

Wir haben also unter all den angeführten Ausnahme- 
fällen nicht einen einzigen gefunden, welcher einer eingehen¬ 
deren Kritik Stand halten könnte, und bei welchem alle die 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Bedingungen erfüllt sind, die man dabei verlangen müßte. Bei 
allen diesen Fällen haben wir die Erklärung, die sich sozusagen 
von seihst aufdrängt, in natürlichster Weise — ohne die hypo¬ 
thetische Annahme der Vererbung der Syphilis von Vater auf 
das Kind — geben können, entweder dadurch, daß das Kind 
eztrauterin Syphilis akquirierte und später seine Mutier infi¬ 
zierte (Scarenzio, Lucas, Coutts), oder daß die Mutter 
selbst früher Syphilis hatte und die angeblich rezenten Syphilis¬ 
erscheinungen derselben bereits Rezidiven teils lokaler teils 
allgemeiner Art waren (Cazenave, Ranke, Lueth, King, 
Merz, Bergh, Travis-Drennen, Sternthal). Das Gros 
jener Fälle ist endlich so mangelhaft beobachtet oder be¬ 
schrieben oder zitiert, daß sie für die Frage überhaupt nicht 
herangezogen werden können. (Pietro Rostinio, Brizio 
Cocchi [2 Fälle], Müller, Guibout, Drysdale, Violi, 
Ogilvie [2 Fälle], Corlett, Pellizzari, Parker, Busch, 
Gamberini, Zingales [2 Fälle], Coutts [2 weitere Fälle]. 

Und diese vagen Angaben, welche wir jetzt in 
nichts zusammensinken sehen, bildeten eine 
Hauptstütze für den Beweis der paternei Syphilis¬ 
vererbung! Es ist höchste Zeit, daß man endlich 
ein so morsches Gebäude vom Grund aus zerstört 
und daß die Haltlosigkeit derartiger Angaben 
endlich allgemein bekannt wird. 

Die großen Praktiker wie Fournier, Hutchinson, 
Sigmund, Neumann u. a. waren ja von der Vollwertigkeit 
des Co 11 es sehen Gesetzes stets felsenfest überzeugt. 

So sagt Neumann ausdrücklich: „So viele Deutungen und so 
viele Widersprüche auch dieses Gesetz (Colies), daß die Mutter eines 
mit hereditirer Syphilis behafteten Kindes sich immun gegen Syphilis 
verhalt, erfahren haben, so werde ich unbeirrt an demselben festhalten. 
Weder Impfungen, welche Caspary an der Mutter, noch welche ich (und, 
fügen wir bei, auch Finger) vorgenommen, haben einen positiven Impf* 
erfolg erzielt, abgesehen davon, daß ich nie einen Fall beobachtet habe, 
der das Gegenteil erwiesen hätte.“ 

Fournier (Syphilis und £he) sagt: „Ich für meine Person habe 
bis auf den heutigen Tag nicht ein einziges zuverlässiges Faktum beob¬ 
achtet, das mit dem Colleeschen Gesetz in Widerspruch stände.“ 

Hutchinson erklärt, „er habe zwar eine große Zahl von 
Mammillarechankern gesehen bei Ammen, die nicht selbst die Mutter 


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Matzenauer. 


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des betreffenden Kindes waren, aber er habe nicht einen einzigen Fall 
gesehen, in welchem die Mutter durch ihr syphilitisches Kind infiziert 
worden wäre. Da aber die Mutter sich der Infektion durch 
ihr syphilitisches Kind außerordentlich häufig aussetzen, 
müßten solche Fälle, wenn das Collessche Gesetz nicht 
wahr wäre, häufige Vorkommnisse sein.“ 

Aber selbst Kassowitz, Finger, v. Düring und alle, 
welche am energischesten für eine paterne Vererbung, für das 
völlige Gesundbleiben der Mutter eingetreten sind und die 
selbst gewiß auch über eine große praktische Erfahrung ver¬ 
fügen, haben nie selbst einen derartigen Fall zu beobachten Ge¬ 
legenheit gehabt. KaBsowitz selbst, welcher nach seiner eigenen 
Angabe in seinem Kinderambulatorium hauptsächlich mit ärmeren 
Berufskreisen zu tun hatte, bei welchen fast durchwegs die 
anscheinend gesunden Mütter selbst durch längere Zeit ihre 
syphilitischen Kinder gestillt hatten, versichert: „Trotzdem 
habe ich selber niemals eine Infektion der Mutter beobachtet, 
obwohl die Kinder häufig genug mit Mundgeschwüren behaftet 
waren.* 

Hochsinger erklärt: 

„Bei 102 von den 166 lebend geborenen hereditär luetischen Kin¬ 
dern (in den 72 Familien von rein paterner Vererbung der Syphilis) liegt 
die ausdrückliche Angabe vor, die betreffenden Kinder seien von ihren 
eigenen Müttern gestillt worden. Keine einzige von diesen 72 Frauen ist 
aber infiziert worden.“ 

„Wenn man dem gegenüber in Rücksicht zieht, welche enorme 
Zahl von Müttern spermatisch infizierter Früchte frei von nachträglicher 
Ansteckung bleibt, wenn man des Ferneren erwägt, daß bei dem hohen 
Interesse, welches die Frage der Coli es sehen Immunität seit Jahren 
erregt hat, exzeptionelle Fälle sicherlich nur ganz ausnahmsweise un- 
publiziert geblieben sein dürften, wenn man sich schließlich vor Augen 
hält, daß die Überzahl der heute ordinierenden und praktizierenden 
Syphilidologen, Gynäkologen und Paediater, welche zusammen doch über 
ein recht umfangreiches Material verfügen, dennoch noch niemals einen 
Ausnahmsfall von der Immunitätsregel bei den Müttern beobachtet haben, 
dann wird man zu dem Schlüsse kommen: die Co lies-Baum es sehe 
Lehre hat ihre Richtigkeit trotz der veröffentlichten Fälle von Fehl¬ 
schlagen der Immunität.“ 

Während manche Autoren, darunter in neuerer Zeit 
Hochsinger, die Forderung stellen, daß man infolge der 
sich mehrenden Ausnahmen vom Co 11 es sehen Gesetz die an¬ 
scheinend gesunden Mütter nicht ihre eigenen hereditär 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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luetischen Kinder säugen lassen dürfe, ist Kassowitz 
selbst doch so felsenfest von der Voll Wertigkeit dieses Gesetzes 
überzeugt, daß er „sich mit dieser drakonischen Maßregel 
keineswegs einverstanden erklären könnte,“ die er für „eine 
übertriebene Vorsicht halten würde.“ 

Hochsinger, der solche Frauen nur für immun, nicht aber für 
latent syphilitisch hält, zieht noch weitere Konsequenzen daraus und 
erklärt: „Eine Mutter, welche ein hereditär syphilitisches Kind geboren 
hat, selbst aber einer Kontaktinfektion entgangen ist, darf während der 
Laktation keinesfalls merkurialisiert werden. Denn es ist klar, daß durch 
die Quecksilbertherapie ihre von der syphilitischen Frucht abstammende 
Immunität eher abgeschwächt als verstärkt werden kann. Die Immunität 
eines syphilitisch gewesenen Individuums gegen neue Infektion erlischt 
doch bekanntlich am raschesten infolge energischer Merkurialtherapie. 
Behandeln wir dagegen eine solche Mutter während der Laktation, so 
bringen wir sie vielleicht um ihre Immunität, welche sie doch notwendig 
braucht, um nicht von ihrer ex patre syphilitischen Nachkommenschaft 
angesteckt zu werden. 

Umgekehrt, wenn die Mutter syphilitisch, aber das Kind gesund 
ist, dann nehme die Mutter ihr Kind, wenn es sonst möglich ist, stets 
an die eigene Brust. Dabei soll die Mutter merkurialisiert werden. 

ln beiden Fällen aber nehme man den Vater in energische Be¬ 
handlung, um eine eventuelle spätere Nachkommenschaft von dem Lose 
der angeborenen Syphilis zu schützen.“ 

Gegen Hochsinger möchte ich folgendes einwenden: 
Es ist allerdings logisch, eine Frau, welche man (wenn auch 
irrtümlich) für gesund hält, nicht einer Infektionsgefahr durch 
das syphilitische Kind auszusetzen, und es ist ebenso klar, 
daß man eine wirklich gesunde Frau nicht zu merkurialisieren 
brauchte. Es ist aber ebenso klar, daß die Quecksilbertherapie 
doch auch von Hochsinger weit überschätzt wird, wenn er 
fürchtet, daß eine immune (i. e. dauernd immune) Mutter durch 
eine Merkurialisierung sogleich ihre Immunität verlieren könnte 1 
Unbesorgt! Ist jemand wirklich immun gegen Syphilis, dann raubt 
ihm selbst eine chronische Quecksilberintoxikation seine Im¬ 
munität nicht. Wir müßten sonst viel mehr Reinfektionen sehen. 

Immunität. 

Wir haben also gesehen, daß die Mutter eines here- 
ditär-syphilitischenKindes, wenngleich sie keine 
Erscheinungen von Syphilis bietet, ausnahmslos 
in jedem Falle immun gegen Syphilis ist. 


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Matzenauer. 


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Doch ist die Meinung darüber geteilt, ob aus der be¬ 
stehenden Immunität der Mütter allein schon auf eine über¬ 
standene Syphilis geschlossen werden kann. 

Nahezu einstimmig haben alle Autoren vor Finger in 
der bestehenden Immunität gegen Syphib's den Beweis erblickt, 
daß tatsächlich Syphilis vorausgegangen sein müsse. Fournier 
brachte diese Anschauung in dem Satze klar zum Ausdruck: 
„E8 gibt kein Mittel, der Syphilis zu entgehen, als 
das, sie schon zu besitzen.“ (II n’est vraiment qu’une 
seule fagon de resister ä la syphilis, c’est de 
1’ a v o i r.) 

Seit Finger8 berühmter Arbeit „Die Syphilis als In¬ 
fektionskrankheit vom Standpunkt der neueren Bakteriologie“ 
hat sich jedoch allgemein die Auffassung über die diagnostische 
Bedeutung einer bestehenden Immunität gegen Syphilis wesent¬ 
lich geändert. 

Finger wies darauf hin, daß bekanntlich auch bei an¬ 
deren Infektionskrankheiten nicht notwendig Immunität durch 
vorausgegangene Krankheit selbst bedingt sein müsse, daß 
Immunität auch unabhängig von der Krankheit 
übertragen werden könne, daß daher eine beste¬ 
hende Immunität mit vorausgegangener Krankheit 
nicht identifiziert werden dürfe. 

Er wies auf die Analogie mit anderen Infektionskrank¬ 
heiten hin, bei denen wir bekanntlich durch präventive Im¬ 
pfungen mit den von den Krankheitskeimen isolierten Toxinen 
(und Antitoxinen) künstlich einen Schutz gegen nachträg¬ 
liche Infektion mit den Kraukheitskeimen erzeugen können. 
Er wies endlich darauf hin, daß die Jungen von Tieren, welche 
während der Gravidität infiziert wurden, von der Krankheit 
verschont und dagegen immun sein können. 

Nach Chauveau bleiben die Jnngen von Schafen, die während 
der Gravidität mit Milzbrand infiziert wurden, von der Erkrankung ver¬ 
schont, waren aber für Milzbrand immun. 

Finger folgert daraus also, .daß die Immunität allein noch 
kein Beweis für die vorausgegangene Krankheit sei und kommt 
zu dem Schlüsse, „daß die Immunität gegen Syphilis in drei¬ 
facher Weise akquiriert werden kann: 1. Indem man die Er¬ 
krankung durchmacht. 


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Ohne die Syphilis selbst durchzumachen: 

2. Wenn man Mutter wird eines vom Vater syphilitischen 
Kindes und der Infektion vom Vater und vom Kinde entgeht. 

3. Als Kind syphilitischer Eltern, wenn man der Verer¬ 
bung der Syphilis entgeht.“ 

Diese Anschauung Fingers wurde bald fast allgemein 
akzeptiert, so daß heute niemand wagt, ein Indivi¬ 
duum nur aus dem Grunde allein schon für syphi¬ 
litisch zu erklären, weil es nachweislich gegen 
Syphilisinfektion immun bleibt. Man glaubt all¬ 
gemein mit Finger seither, daß Mütter hereditär 
luetischer Kinder ohne Syphilissymptome wirk¬ 
lich gesund sein können, daß ihre dauernde Immunität, 
welche allerdings durch tausendfältige Erfahrung erprobt und 
durch künstliche Impfungen erhärtet wurde, keinen Beweis 
gegen ihre wirkliche Gesundheit involviere; denn Immunität 
gegen Syphilis könne ja auch unabhängig von der Krankheit 
(von den ex patre syphilitischen Kindernj übertragen werden. 

Wir wollen nun diese Finger sehe „Toxintheorie“, welche 
seinerzeit begreiflicherweise eine beifällige Aufnahme fand, einer 
vom heutigen Standpunkt der Bakteriologie ausgehenden Kritik 
unterziehen. 

A priori möchten wir vielleicht erwarten, daß Immunität 
allein und unabhängig von der Krankheit selbst auch bei 
Syphilis übertragen werden kann. Einen Beweis hieflir haben 
wir allerdings nicht in Händen, insoferne als es bisher noch 
nicht gelungen ist, eine Schutzimpfung gegen Syphilis auszu¬ 
führen; im Gegenteil sind bisher die dahin abzielenden Ver¬ 
suche negativ ausgefallen. So hat Neißer bekanntlich gesunde 
jugendliche Individuen mit Syphilisserum geimpft, wodurch aber 
trotzdem in späterer Zeit eine Infektion mit Syphilis nicht 
verhindert werden konnte. Freilich kommt diesen negativen 
Resultaten auch keine Beweiskraft zu; denn wenngleich durch 
Impfungen eine Immunität vorübergehend erzielt werden mag, 
so pflegt doch die künstlich erworbene Immunität 
bei den verschiedenen Infektionskrankheiten nach kürzerer oder 
längerer Dauer wieder zu schwinden; sie pflegt außer¬ 
dem bei aktiver Immunisierung (mit Toxinen) viel 


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länger nachhaltig als bei passiver Immunisierung 
(mit Antitoxinen) zu dauern. 

Wir können also nicht a priori die Möglichkeit negieren, 
daß auch bei Syphilis wie bei anderen Infektionskrankheiten 
vielleicht eine getrennte Übertragung der Immunität und des 
Krankheitserregers stattfinden kann. Vielleicht — und zu 
hoffen wäre es! —gelingt es auch wirklich einmal dem Studium 
der Bakteriologie, zum Segen der Menschheit dieses pium desi- 
derium zu finden! 

Bisher ist es uns aber nicht gelungen, künstliche Immu¬ 
nität unabhängig von den Syphiliserregern zu übertragen weder 
durch aktive noch durch passive Immunisierung. 

Nach der Theorie von Finger „kann Immunität, ohne 
Syphilis selbst durchzumachen, akquiriert werden: wenn man 
Mutter wird eines vom Vater syphilitischen Kindes und der 
Infektion vom Vater und vom Kinde entgeht" Kassowitz 
sagt: „Derjenige von beiden Organismen, welcher trotz des 
placentaren Säfteaustausches von der Syphilis verschont bleibt, 
habe einen hoben Grad von Immunität gegen die Syphilis¬ 
infektion erlangt." Suchen wir nach einer Analogie bei anderen 
Infektionskrankheiten! Wir suchen — aber vergeblich! Daß 
eine Mutter ein vom Vater krankes Kind zur Welt bringt, 
aber selbst gesund bleibt, bloß immun wird, dafür gibt es 
in der gesamten Pathologie der Infektionskrank¬ 
heiten kein Analogon; ein solches Vorkommen bei Syphi¬ 
lis würde eine einzig dastehende Ausnahme bilden! 

Bei den anderen Infektionskrankheiten wird die Krankheit 
ja überhaupt niemals direkt vom Vater ererbt, eine Erkrankung 
des Kindes setzt immer die Infektion der Mutter voraus. 

Eine Analogie mit andern Infektionskrankheiten ist also 
schon dadurch getrübt und kompliziert, daß bei der Syphilis 
eine supponierte, aber in der gesamten Pathologie einzig da¬ 
stehende Fähigkeit des Vaters hinzukommen soll, die Krankheit 
selbst auf das Kind zu vererben. (Sperma soll, wenngleich es 
sonst nicht infektiös ist und eine Frau in gewöhnlicher Weise 
nicht zu infizieren vermag, doch in einer vielleicht noch un¬ 
geahnten, mysteriösen Weise [Fournier] das Ovulum infizieren.) 
Unter dieser nicht erwiesenen Voraussetzung der spermatischen 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Vererbung soll also das Kind vom kranken Vater her (zwar 
nicht die Immunität sondern) die Krankheit selbst überkommen, 
und vom kranken Kinde dann die gesunde Mutter (nicht die 
Krankheit selbst sondern) die Immunität erwerben. 1. Die 
nicht erwiesene Möglichkeit der spermatischen Vererbung vor¬ 
ausgesetzt und 2. das gleichfalls nicht erwiesene Gesundbleiben 
der Mutter vorausgesetzt, schließen die Anhänger der paternen 
Vererbung, daß die Mutter nur immun gegen Syphilis ist und 
daß in der Tat Immunität unabhängig und getrennt von den 
Syphiliserregern von der angeblich ex patre syphilitischen 
Frucht auf die angeblich gesunde Mutter übertragen werde. 

Die Geschichte vom Choc en retour ist gefallen, sie war 
heute nicht mehr aufrecht zu erhalten, wodurch seinerzeit Immuni¬ 
tät und etwaige spätere Syphiliserscheinungen der Mutter er¬ 
klärt wurden. Eine Theorie kann ja aus dem Wege geräumt 
werden; die Tatsache aber, daß anscheinend gesunde Mütter 
ausnahmslos Immunität besitzen und häufig später sogar Syphi¬ 
lissymptome aufweisen, konnte nicht aus der Welt geschafft 
werden. Eine andere Erklärung mußte an Stelle des depla¬ 
zierten Choc en retour gefunden werden: Kassowitz erklärte 
jene anscheinend gesunden Mütter, welche früher oder später 
sekundäre oder tertiäre Syphiliserscheinungen aufwiesen, für 
syphilitisch, jene anderen, bei welchen man keine Syphilis¬ 
symptome nachweisen konnte, lür nicht syphilitisch. So weit 
ging die Sache allerdings noch ganz einfach. 

Mehr Schwierigkeiten bereitete jedenfalls das konsequente 
Phänomen, daß derartige Mütter ausnahmslos immun sind. 
Eine Erklärung hiefür suchte Fingers Theorie zu gehen: 
wenngleich zwar die Bakterien durch das normale Placentar- 
filter aufgehalten werden, so daß sie nicht vom kranken zum 
gesunden Organismus passieren können, so müssten doch jedes- 
falls die im Blute gelösten Toxine und Antitoxine diffundieren, 
welche den von den Krankheitskeimen verschonten gesunden 
Organismus immunisieren. Es könnten also die immunisieren¬ 
den Substauzen unabhängig von den Krankheitskeimen über¬ 
tragen werden auf ein gesund bleibendes Individuum. Gerade 
so wie von der syphilitischen Mutter bloß Immunität und nicht 
zugleich auch die Krankheit aufs Kind übertragen werde, wo- 


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durch sich das P r o f e t a sehe Gesetz erkläre, ebenso läßt sich 
unter der — allerdings nicht erwiesenen nur supponierten — 
Voraussetzung einer spermatischen Krankheitsvererbung aufs 
Kind annehmen, daß vom kranken Kind bloß Immunität auf 
die Mutter übertragen wird und nicht die Krankheit selbst, 
welch letztere ja mangels Krankheitserscheinungen nicht zu er¬ 
weisen ist. 

In befriedigender Weise schien dadurch die nach dem 
Colles-Baumesschen Gesetz immer bestehende Immunität 
der Mutter erklärt und gleichzeitig auch deren wirkliche Ge¬ 
sundheit aufrecht erhalten, quod erat demonstrandum! Denn 
wenn jede gegen Syphilis immune Frau selbst syphilitisch ist, 
d. h. wenn es wirklich keine hereditäre Syphilis ohne syphili¬ 
tische Mütter gibt, dann haben wir ja offenbar gar keinen 
schlagenden Beweis mehr übrig für die pateme Vererbung 
überhaupt. Um diese zu retten, mußte man der Immunität, 
„diesem schwerwiegenden Einwurf“, die Bedeutsamkeit be¬ 
nehmen. Wenn wir also eine paterne Vererbung voraussetzen, 
so ließe sich allerdings, wenn die Mutter nicht krank, sondern 
bloß immun wird, aber gesund bleibt, wieder auf die Existenz¬ 
berechtigung der paternen Vererbung zurückschließen: in der 
Tat ein entzückend kreisrunder Circulus vitiosus! 

Das Vorkommen von Gesundheit und Immunität einer 
Mutter, welche ein vom Vater her krankes Kind gebärt, wäre 
aber bei der Syphilis ein Unicum, ein Novum: da 
uns zu einer derartigen Annahme kein Analogieschluß von 
anderen Infektionskrankheiten berechtigt, so fehlt uns hiefür 
eine solide Basis und entschwindet uns hier der Boden unter 
den Füßen. 

Nach der Theorie von Finger kann zweitens 
„Immunität, ohne Syphilis selbst durchzumachen, 
das Kind syphilitischer Eltern erlangen, wenn es 
der Vererbung der Syphilis entgeht“. 

Diese letztere Behauptung wird durch das sogenannte 
Profetasche Gesetz gestützt, wonach Kinder syphili¬ 
tischer Mütter immun gegen Syphilis sein sollen; außerdem 
konnte auch Finger auf ein analoges Vorkommen der 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Immunitätsvererbung von Mutter auf Kind bei anderen In¬ 
fektionskrankheiten verweisen. 

Finger hat schon auf die berühmten Versuche von Chauveau 
hingewiesen, wonach die Jungen von Schafen, die während der Gravidität 
mit Milzbrand infiziert wurden, von der Erkrankung verschont blieben, 
aber für Milzbrand immun waren. 

Wir haben seither noch eine Reihe ähnlicher Immunisierungsver¬ 
suche kennen gelernt, so von Thomas und von Eitasato gegen 
Rauschbrand, von Thomas und Klemperer gegen Pneumonie¬ 
kokken, von Burchhardt gegen Ovine, vonEhrlich undHübener 
gegen Tetanus, von Wernicke gegen Diphtherie etc. 

Bezüglich des Vorkommens einer Immunitätsvererbung von 
Mutter auf Kind können wir also einen Analogieschluß zwischen 
anderen Infektionskrankheiten und Syphilis nicht von der Hand 
weisen. Im Jahre 1865 schrieb Profeta, daß ein von einer 
syphilitischen Mutter gesund geborenes Kind „unmöglich früher 
an Syphilis erkranken kann, als bis sich durch das Wachstum 
der Organismus erneuerte“. 

Profeta schloß damit nicht die Möglichkeit einer in späteren 
Jahren erfolgenden Infektion aus, zumal ja auch bei sicher selbst früher 
syphilitischen Individuen eine Reinfektion vorkommt, er stellte aber damit 
die Behauptung auf, daß die gesunden Kinder syph ilitischer 
Mütter wenigstens innerhalb der ersten Lebensjahre 
gegen Syphilisinfektion durch die ererbte Immunität ge¬ 
schützt seien. 

Von späteren Autoren wurde die Geltung des Profeta- 
schen Gesetzes auf die Kinder nicht bloß syphilitischer Mütter, 
sondern syphilitischer Eltern überhaupt ausgedehnt. 

„Obwohl Profeta nur von der mütterlichen Syphilis sprach, sehen 
wir heute aber die Kinder auch syphilitischer Väter für immun an. 
(Finger.) u „Ebenso wie die gesunde Mutter eines vom Vater her here¬ 
ditär luetischen Kindes gegen Syphilisinfektion immun ist (nach dem 
Colles8chen Gesetz), ebenso gelte mutatis mutandis diese Immunitäts¬ 
regel auch für den umgekehrten Fall, nämlich für gesunde, respektive 
syphilisfrei gebliebene Kinder syphilitischer Eitern; solche Kinder haben, 
soferne sie während der Intrauterinperiode einer Infektion entgangen sind, 
Immunität gegen Syphilis erlangt und zwar auf genau dieselbe Weise 
und durch dieselben Toxine und Antitoxine wie die gesunden Mütter 
spermatisch syphilitischer Früchte.“ (Hochsing er.) 

Wir müssen uns zunächst hier wieder in Analogie mit an¬ 
deren Infektionskrankheiten die Frage vorlegen, wie und von 
wem wird überhaupt Immunität übertragen? 


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Matzenauer. 


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Nach Finger kann die Immunität der Kinder syphilitischer Eltern 
auf zweierlei Weise entstehen: 

1. Echte, ererbte Immunität, bedingt dadurch, daß der elterliche 
Organismus, durch die abgelaufene oder ablaufende Erkrankung immun, 
diese Giftempfindlichkeit dem Ei oder Sperma, als einem Bestaudteil 
seines Organismus mitteilt. 

2. Die intrauterin erworbene Immunität, die dann entsteht, wenn 
ein von gesunden Eltern gezeugtes Kind von der postkonzeptionell er¬ 
krankten Mutter per placentam durch Aufnahme von Toxinen immuni- 

r siert wird. 

Ich will nicht verschweigen, daß schon Finger selbst 
auf einen inneren Widerspruch in dieser Theorie über die 
germinative Art der Immunitätsvererbung aufmerksam ge¬ 
macht hat: 

„Die Erfahrung nun, daß, wenn beide Eltern syphili¬ 
tisch sind, daeKind doch an hereditärer S yphili s erkrankt, 
spricht gegen das Vorkommen ererbter Immunität. 

Es ist ja eine Eigentümlichkeit der sekundären kontagiösen Syphilis¬ 
periode, daß, wie ich bereits in meiner „Syphilis als Infektionskrankheit" 
betonte, der Organismus immun ist gegen fremdes, von 
außen neu eindringendes Virus, er gleichzeitig dochgegen 
das eigene, im Organismus proliferierende Virus nicht 
immun ist, denn dieses vermehrt sich und bedingt trotz der 
Immunität gegen Neuinfektion immer neue Lokalherde. 

Wenn nun aber ein Ovulum, das von der syphilitischen Mutter 
zur Giftunempfänglichkeit gegen fremdes Virus, als Teil des mütterlichen 
Organismus, mitbrachte, mit einem Sperma, das väterliches Virus im¬ 
portierte, durch den Akt der Befruchtung zusammenkommt, dann müßte 
die von der Mutter ererbte Immunität die Proliferation des vom Vater 
herstammenden, also fremden Virus im Ovulum verhindern. 

Wenn aber das Ovulum von der syphilitischen Mutter Virus mit¬ 
bekommt, gegen das es, als das eigene Virus, nicht immun ist, dann 
müßte die mit dem väterlichen Sperma mitgebrachte Immunität ebenso 
eine Infektion des Ovulum unmöglich machen. 

Diese Erwägung müßte also dazu führen, die ererbte Immunität 
des Fötus zu leugnen, und nur das Bestehen postkonzeptionell 
intrauterin erworbener Immunität zuzugeben. Eine Über¬ 
legung, auf die ich nur en passant hinweisen wollte". 

Bei anderen Infektionskrankheiten wird nach den Ergeb¬ 
nissen neuerer Forschung Immunität immer nur von der 
Mutter auf das Kind, niemals vom Vater her über¬ 
tragen. „Dus Idioplasma des Sperma ist nicht im stände, 
Immunität zu übertragen.“ (Ehrlich.) 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Ehrlich knüpft in einer Fußnote hiezu die Bemerkung: „Ich 
möchte hiezu bemerken, daß diese Anschauung in der menschlichen Pa¬ 
thologie nur in einem Falle in Betracht kam, nämlich bei dem sogen. 
Profetaschen Gesetz, laut dem die gesunde Nachkommenschaft syphili¬ 
tischer Eltern auch ihrerseits gegen diese Affektion geschützt seien. Dieses 
Gesetz wird jedoch von der Mehrzahl der Syphilidologen als ganz unbe¬ 
wiesen, ja bei rein paterner Vererbung nicht einmal als wahrscheinlich 
angesehen." 

Ehrlich war zu diesem Ergebnis schon bei seinen Versuchen mit 
den pflanzlichen Toxinen Ricin, Abrin und Robin gekommen, welche sich 
den Bakteriengiften vollkommen analog verhalten; seither wurde dieses 
Gesetz von verschiedenen Autoren bei verschiedenen Infektionskrankheiten 
stets nur bestätigt gefunden, so von Ehrlich und Hüben er bei Teta¬ 
nus, von Wernicke bei Diphtherie etc. 

Ehrlich und Hübener haben bei Tetanus die jungen Mäuse und 
Meerschweinchen 1. von immunen Vätern und normalen Müttern und 2. 
umgekehrt von immunen Müttern und normalen Vätern geprüft und jedes¬ 
mal gefunden, daß bei normalen Müttern von immunen Vätern keine 
Immunität übertragen wird (diese Versuchsreihe wurde bei 62 Mäusen 
und 3 Meerschweinchen geprüft), während umgekehrt bei normalen Vätern 
von viel weniger hoch immunisierten Müttern jedesmal Immunität über¬ 
tragen wird (geprüft an 17 Mäusen und 3 Meerschweinchen). 

Die nicht einwandsfreien „unzweckmäßigen“ Versuche von Tiz- 
zoni und Ce nt an i, sowie von C harr in und Gley wurden schon von 
Ehrlich und Hübener widerlegt; die letzteren Autoren suchten zu 
erweisen, daß durch den immunisierten Vater die Immunität auf die 
Weibchen, welche von ihnen Junge gebären, übertragen werde. Ehrlich 
und Hübener stellten ver gleiche nde Kontrollversuche an, 
welche di e völlige Unhaltbarkeit derartiger Angaben er¬ 
wiesen: „Ein Meerschweinchen im Gewicht von 400 g, das von einem 
Bock geschwängert war, der zur Zeit der Begattung die 30.000fach tät¬ 
liche Giftdosis ertragen hatte, wurde 8 Wochen nach der Geburt von 
ausgetragenen kräftigen Jungen auf seine Immunität geprüft. Es erhielt 
0 000.008 g einer Tetanussubstanz, deren absolut tätliche Dosis 0*000.001,5 
pro 100 g Körpergewicht betrug, also 0*000.002 g auf 100 g Gewicht und 
erlag dem Eingriff nach 3 Tagen, genau ebenso wie das Kontrolltier, dem 
bei gleichem Gewicht die gleiche Menge injiziert war. Wäre hier nur 
eine Andeutung von Immunität vorhanden gewesen, so 
hätte sich, zumal bei der nur geringgradig erhöhten Gift¬ 
dosis, wenigstens eine Verzögerung des Exitus zeigen 
müssen.“ Ehrlich und Hübener erklären deshalb auf Grund ihrer 
Versuche beim Tetanus: 

1. Es gibt auch beim Tetanus keine vom Vater über¬ 
tragene Immunität. 

2. Nur die Mutter ist im stände, eine solche zu über¬ 
tragen. 

Matzenauer, Vererbung der Syphilis. ]2 


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Matzenaoer. 


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3. Diese Immunität erlischt mit demEnde deizweiten, 
sicher naoh dem dritten Monat. 

Die im mütterlichen Organismus gelösten Antitoxine ge¬ 
langen immer nur auf dem Wege der Blutbahn in den kind¬ 
lichen Organismus. Nach Ehrlich „kann von der Ei¬ 
zelle ebensowenig wie vom Spermatozoon Immuni¬ 
tät übertragen werden, es findet somit eine erb¬ 
liche Übertragung der Immunität im eigentlichen 
Sinne nicht statt“, ebensowenig wie eine erbliche Über¬ 
tragung einer Infektionskrankheit selbst durch die Keimzelle. 

Ehrlich ist bei seinen Untersuchungen zu dem Schluß gekommen: 

1. Daß das Idioplasma des Sperma nicht im stände ist, Immunität 
zu übertragen. 

2. Daß ebensowenig wie dem Sperma der Eizelle die Fähigkeit 
zukommt. 

3. Daß die Immunität, die wir bei der Nachkommenschaft immuner 
Mütter beobachten, auf einer Mitgabe der mütterlichen Antikörper durch 
das Blut beruht und nur kurze Zeit (8—4 Wochen) andauert. 

4. Daß die Milch das eigentliche Agens ist, welches dem säugen¬ 
den Organismus die immunisierenden Substanzen zuführt. 

6. Daß diese Immunität mit der Dauer der Säugung wächst. 

6. Daß dieselbe eine passive ist und zeitlich insofern begrenzt, als 
sie nur eine Dauer von 2 bis höchstens 3 Monaten besitzt. 

A priori dürfen wir darauf gefaßt sein, daß vielleicht 
auch bei der Syphilis Immunität von Mutter auf Kind vererbt 
wird, was eben zur Aufstellung der Profetaschen Regel ge¬ 
führt haben könnte. 

Von diesem Profetaschen Gesetz wurde aber bald eine 
Reihe wohlbeobachteter Ausnahmen konstatiert, was sehr be¬ 
greiflich scheint, wenn wir bedenken, daß auch bei den anderen 
Infektionskrankheiten die Übertragung der Immunität 
von Mutter auf Kind keinen dauernden, sondern 
nur vorübergehenden Effekt produziert. 

Von vorneherein aber müssen wir ungläubig einer an¬ 
geblich vom Vater aufs Kind vererbten Immunität gegenüber¬ 
stehen. 

Wenn man aber doch es versuchte, die Geltung des 
Profetaschen Gesetzes auf die Kinder nicht bloß syphilitischer 
Mütter, sondern syphilitischer Eltern überhaupt auszudehnen, 
so müssen wir natürlich umsomehr sogenannte Ausnahmen er¬ 
warten, als ja das Kind eben nur von einem Teil der Eltern, 


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Die Vererbung der Syphilis. 


179 


nämlich von der Mutter, Immunität überkommen kann. War 
die Matter aber gesund und der Vater allein syphilitisch, so 
kann eben das Kind keine Immunität besitzen; in diesem Falle 
wird das Kind, wenn es einer Syphilisinfektion später unter¬ 
liegt, natürlich eine scheinbare Ausnahme vom Profetaschen 
Gesetz vorstellen müssen. Nach unseren heutigen Be¬ 
griffen kann das aber unmöglich als eine Aus¬ 
nahme vom Profetaschen Gesetz, sondern als eine 
natürliche Folge des ausnahmslosen Gesetzes 
gelten, daß eben vom Vater her keine Immunität 
vererbt wird. Für eine paterne Immunitätsvererbung man¬ 
gelt nicht nur eine Analogie bei anderen Infektionskrankheiten, 
sondern fehlt auch tatsächlich jeglicher Beweis bei der Syphi¬ 
lis speziell; schon Ogilvie und Brüggemann haben daher 
das Profetasche Gesetz nur in seiner ursprünglichen be¬ 
schränkten Fassung aufrecht erhalten, aber die paterne Über¬ 
tragung der Immunität fallen gelassen. 

Von den in der Literatur publizierten Ausnahmsfällen 
vom Profetaschen Gesetz hat Finger (1898) 21 Fälle ge¬ 
sammelt, von denen wir aber 6 nicht zählen dürfen, weil nur 
die Syphilis des Vaters konstatierbar (war (Riocreux, Bar- 
thelemy, Mireur, 4 Fälle v. Dürings). Außerdem kam 
aber ein jüngst von Glück publizierter Fall hinzu. 

Nachstehend die Ausnahmsfälle vom Profetaschen Ge¬ 
setz (zitiert z. T. nach Finger). 

1.—8. Bo eck: Eine Frau wurde im Alter von 10 Jahren wegen 
konstititationeller Syphilis im Krankenhause behandelt und hatte später 
2 tertiäre Rezidiven. Verehelicht hatte sie 5 Kinder, deren erstes 1859 im 
Alter von 2 Jahren starb. Das 2. Kind 1861, das 3. 1863, das 
4. 1866 wurden gesund geboren, blieben es, bis sie 1865 alle drei von 
einem kranken Dienstmädchen mit Syphilis infiziert wurden. Die Mutter 
aber gebar 1866 ein hereditär syphilitisches Kind. 

4. Obtulowicz: Eine Frau, die im 8. Monate der Gravidität 
Initialaffekt, später Roseoie darbot, gebar ein gesundes, kräftiges, gesund¬ 
bleibendes Kind, das, durch 6 Monate in ärztlicher Beobachtung, nie auf 
Syphilis verdächtige Erscheinungen bot. Als das Kind 10 Monate alt 
war — die Mutter hatte damals eine Rezidive von Plaques am Munde — 
zeigte das Kind Kondylome an der Zunge, den Tonsillen, ad nates, 
bedeutende Drüsenschwellungen. 

6. Arning: Ein Malergeselle, der 4 Jahre verheiratet ist und 
bereits 2 gesunde Kinder mit seiner Frau erzeugte, kehrte im Sommer 

12 * 


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Maizena u er. 


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1882 von einer Reise mit Syphilis frisch infiziert heim nnd infizierte seine 
im 4. Monate gravide Frsn. Am 25./X. gebar dieselbe ein kräftiges, 
gesundes, gesundbleibendes Kind. Die Mutter stillte dasselbe zunächst 
an beiden Brüsten, dann wegen Rhagaden der linken nur an der rechten 
Brust. Etwa 6 Wochen alt akquirierte das Kind eine ausgebreitete zer¬ 
fallende Sklerose der Oberlippe, die 2 Monate spater von ausgebreitetem 
papulösen Syphilid, Papeln an Anus und Vulva gefolgt war. 

6. Neumann: Eine Frau wurde im 7. Monate der Gravidität von 
ihrem rezent syphilitischen Manne mit Lues infiziert. Ende Juni 1883 
zeigte sie ein erstes makulöses Syphilid und gebar am 9./V1I. 1883 einen 
gesunden, reifen Knaben, der, 7 Monate alt, wahrscheinlich von den 
nässenden Papeln am Genitale der Mutter, mit der er in einem Bett 
schlief, eine Sklerose am Nabel mit konsekutivem luetischen Exanthem 
darbot. 

7. Harding: Eine Frau wurde um die Zeit der Konzeption von 
ihrem während der Ehe syphilitisch infizierten Mann mit Syphilis infiziert 
und zeigte im 2. Monate der Gravidität ein Exanthem. Sie gebar ein 
gesundes, kräftiges Kind, das sie selbst stillte. 8 Jahre später, die Mutter 
hatte eben eine Rezidive in Form eines pustulösen Syphilids, zeigte ihr 
Kind, das mit der Mutter das Bett teilte, an einer Stelle am rechten 
Arm, wo es durch eine Nadel geritzt worden war, eine typische 
Sklerose, multiple Drüsenschwellungen, Roseola, Plaques am Munde, 
Genitale, Anus. 

8. und 9. Bohrend (zitiert nach Knoblauch) beobachtete in 
2 Fällen die Ansteckung der Kinder syphilitischer Mütter durch den 
Geburtsakt von Seite kontagiöser Lokalformen am mütterlichen Genitale 
und konnte bei den Kindern den Initialaffekt nachweisen. 

10. Weil beobachtete bei einem in normaler Schädellage geborenen 
Kinde einer Mutter, die zur Zeit der Entbindung ausgebreitete Papeln 
an den großen und kleinen Labien darbot, in der 4. Woche nach der 
Geburt eine Sklerose an der Nasenwurzel, die in der 11. Woche nach 
der Geburt von einem ausgebreiteten makulo-papulösen Exanthem, Pso¬ 
riasis palmaris et plantaris gefolgt war. 

11. Grünfeld: Eine Frau wurde in der Mitte der Gravidität von 
ihrem rezent syphilitischen Manne infiziert; sie zeigte zur Zeit der Ent¬ 
bindung Papeln am Genitale und ein papulöses Syphilid. Sie gebar ein 
gesundes Kind, das, 8 Wochen alt, eine charakteristische Sklerose am 
behaarten Kopfe mit syphilitischem Exanthem darbot. 

12. und 13. In den beiden Fällen von Laurent und Thiry 
handelte es sich um rein postkonzeptionelle Syphilis der Mutter, die ihre 
sekundären Symptome in der Gravidität darboten. Infektion der Kinder 
per partum von Papeln am Genitale der Mütter, die Sklerose der oberen, 
resp. unteren Lippe mit Konsekutivis 8—10 Wochen nach der Geburt 
darboten. 

14. und 15. v. Düring: I) Ein Ehepaar zeigte ausgesprochene Er¬ 
scheinungen tertiärer Syphilis, insbesondere die Mutter ein frisches 


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Die Vererbung der 8yphilis. 


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serpiginös-ulzeröses Syphilid der Brust. 2 ältere Kinder zeigen, 20 und 
17 Jahre alt, tertiäre Erscheinungen. Das jüngste Kind, ein Sjähriges 
kräftiges Mädchen zeigt elevierte, vegetierende Papeln an Mundschleim¬ 
haut und Anus und wurde durch Kuß infiziert. 

II. Beide Eltern luetisch, Sohn 7 Jahre alt, frisches papulöses 
Exanthem, Papeln an Mund und After. 

Von Glück wurde jüngst folgender Fall publiziert: 

16. Eine 20j. Bäuerin hatte am 16./XII. 1900 entbunden. Am 9./IIL 
1901 kamen Mutter und Kind in Spitalsaufnahme. Bei der Mutter be¬ 
stand eine Roseola annulata an Stamm und Extremitäten, nässende Papeln 
ad gen., roamillas, ad anum, ad linguam et palatum, universelle Drüsen¬ 
schwellung. Die ersten Syphiliserscheinungen sollen im IV. Graviditäts¬ 
monate aufgetreten sein. Das Kind war zur Zeit der Untersuchung und 
am 9./UL gesund. Am 17./UL, also 8 Tage nach der Spitalsaufnahme war 
ein leicht erhabenes, dunkelrotes Knötchen in der Mitte der Furche ober¬ 
halb des Kinnes und eine Drüsenschwellung am Kieferwinkel aufgetreten. 
Am 24./III. war da3 Infiltrat bereits über doppeltlinsengroß, die Drüsen 
haselnußgroß. Es bildete sich ein typischer Primäraffekt von Hellergröße, 
wobei gleichzeitig auch die Nackendrüsen geschwellt waren. Am 13./V. 
zeigte das Kind ein makulöses Syphilid, welches vor einer Woche auf¬ 
getreten war. 

Die nachfolgenden, von Finger gleichfalls zu den Aus¬ 
nahmen vom Profetaschen Gesetz gezählten Fälle können 
nicht als solche gelten, weil, wie schon erwähnt, die Syphilis 
der Mutter nicht erwiesen ist, und daher die infizierten Kinder 
zwar von einem syphilitischen Vater, aber von einer gesunden 
Mutter stammen konnten und somit selbst gesund sein mußten. 

Mireur (1867): „Herr M. C. infizierte sich im Jänuer 1863 mit 
Syphilis und machte eine Behandlung durch. Temporär frei von Symp¬ 
tomen, verehelichte sich Patient gegen den Rat seines Arztes. Seine Frau 
wurde bald gravid und gebar im Oktober 1864, selbst gesund, einen 
reifen, gesunden Knaben, der auch durch volle 2 Jahre ganz gesund blieb, 
bis er Dezember 1866 von seinem eigenen Vater, der damals leichte ero¬ 
dierte Plaques an den Lippen darbot, durch einen Kuß mit einer Lippen¬ 
sklerose infiziert wurde, auf welche in der typischen Zeit Consecutiva 
folgten. 

Ein von Riocreux beobachteter Fall Barthölemys betrifft den 
Sohn eines luetischen Vaters, der, gesund geboren und geblieben, 20 Jahre 
alt, eine recht schwere Syphilis akquirierte, die auch mehrere tertiäre 
Rezidiven im Gefolge hatte. Die Mutter war stets gesund. 

v. Düring berichtet (I. und II.) über die rezente akquirierte Lues 
zweier Brüder von 28 und 30 Jahren, deren Vater er vor kurzem an 
den Späterscheinungen einer vor 40 Jahren akquirierten Lues be¬ 
handelt hatte. 


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Matxenauer. 


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UI. Vater alte tertiäre Lues, Tochter, 15 Jahre alt, papulöses 
Syphilid am Körper, große ulzerierte Papel (Initialaffekt?) der rechten 
Tonsille. 

IV. Vater alte tertiäre Lnes, Sohn, 20 Jahre alt, Initialaffekt am 
Penis, syphilitisches Exanthem, Plaqnes am Skrotum, Anus. 

Die Infektion des von einer syphilitischen Matter stam¬ 
menden Kindes, welches nach dem Profetaschen Gesetz im¬ 
mun hätte sein sollen, war in den zitierten Ausnahmsfallen 
erfolgt: mehrfach erst nach Jahren (Boeck, Harding, v. Düring), 
mehrfach auch schon nach Monaten (Obtulowicz, Neu- 
mann, Glück) oder Wochen (Arning), in 6 Fällen aber 
(Behrend (2 Fälle), Thiry, Laurent, Weil, Grünfeld), 
unmittelbar während der Geburt (Infektion au 
passage). 

Wir wollen nun prüfen, ob diese Ausnahmen vom Pro¬ 
fetaschen Gesetz durch die herrschende Finger sehe Theorie 
in befriedigender Weise erklärt werden können. Zunächst 
könnte man vielleicht daran denken, daß während der Zeit, 
die zwischen der Geburt und der Infektion der gesunden Kinder 
verstrichen ist, bereits eine ererbte Immunität erloschen ist. 
Denn daß gesunde Kindes syphilitischer Eltern in ihrem spä¬ 
teren Leben Syphilis akquirieren können, ist eine bekannte 
Tatsache. 

Daß auch hereditär luetische Kinder in ihrem späteren Leben 
Syphilis neuerdings akquirieren können, ist durch zahlreiche (47) Be¬ 
obachtungen sicbergestellt, was aber einer Reinfektion gleichkommt und 
daher für eine Immunitätsvererbung hier nicht herangezogen werden darf. 

Die oben zitierten (16) Ausnahmsfälle vom Profetaschen 
Gesetz umfassen aber natürlich nur solche Fälle, in welchen die 
Infektion eines von einer rezent syphilitischen Mutter stam¬ 
menden gesunden Kinder in frühester Kindheit (längstens nach 
3 Jahren, meißt sogar aber schon viel früher) erfolgt war. 
Diese Fälle bilden also jedenfalls wirklich echte Ausnahmen 
gegen das Profetasche Gesetz. 

Man könnte nun vielleicht daran denken, daß die Dauer 
der ererbten Immunität nach deren Intensität verschieden groß 
sei; a priori möchte man ja vielleicht erwarten, daß im all¬ 
gemeinen (wie bei der Vererbung der Krankheit selbst), die 
Intensität, Dauer und die Wahrscheinlichkeit überhaupt einer 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Immunitätsvererbung von der kranken Matter aufs gesunde 
Kind umso größer ist, je rezenter und virulenter die Syphilis 
der Mutter ist, und proportional mit zunehmendem Alter der 
mütterlichen Erkrankung geringer wird, his sie endlich voll¬ 
ständig erlischt, so daß von einer Mutter mit einer viele Jahre 
alten Syphilis in der Regel gesunde und nicht immune Kinder 
stammen. Aber in den oben zitierten Ausnahmsfallen hatten 
die betreffenden Mütter alle eine rezente virulente 
Syphilis. 

Für jene Ausnahmsfalle vom Profetaschen Gesetz, bei 
welchen die Infektion des vermeintlich immunen Kindes nach 
Wochen, Monaten oder Jahren erfolgt war, mag man immer¬ 
hin annehmen, daß eine vielleicht vererbte Immunität zu jener 
Zeit bereits erloschen war. 

Für jene 6 Fälle von Infectio sub partu 
aber muß man eine Vererbung der Immunität 
überhaupt ausschließen, obwohl die mütterliche Syphilis 
ganz rezent, also vollvirulent war. 

Wie ist es aber dann möglich, daß die im 
Blute gelösten Toxine oder Antitoxine in dem 
einen Fall von Mutter auf Kind übergehen sollen 
und ein andermal nicht, da sie doch immer durch 
die Blutgefäße diffundieren können? 

Ogilvie sagt ganz mit Recht: „So einfach und plausibel die 
Erklärung klingen mag, (daß nämlich die Krankheit von der Durch - 
lißigkeit der Placenta abhängt, während die gelösten Toxine durch die 
Blutgefäße diffundieren können), so ist dies doch nichts als Spekulation, 
die überdies unzureichend ist; denn abgesehen von anderen 
Dingen läßt sie jeneFälle unerklärt, inwelchenweder eine 
Infektion noch Immunisation eintritt. Solche Fälle kommen 
aber nicht nur bei Syphilis, sondern auch bei anderen Infektionskrank¬ 
heiten vor. Das gesund geborene Kind von einer blatternkranken Mutter 
kann die Krankheit bekommen gleich bei der Geburt oder bald darauf 
im Extra-Uterinleben und muß daher durch Vaccination geschützt werden. 
Impfung der Mutter während der Gravidität mit Vaccine erzeugt Immuni¬ 
tät des Kindes gegen Vaccination in höchstens */ g der Fälle. Um gesund 
geborene Kinder einer blatternkranken Mutter vor der Krankheit zu 
schützen, müssen sie vacciniert werden, was mit Erfolg geschehen kann. 
Von Zwillingen kann bloß einer davon variolös geboren werden.“ 

„Es scheint, daß während intrauterine Übertragung 
der Blattern keineswegs selten ist, eine intrauterine Im- 


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Matzenauer. 


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mnnisation selten, wenn überhaupt je, stattfindet. Das 
Sind, wenn es frei ron der Krankheit geboren ist und gesund 
bleibt, ist weder refraktär gegen Bl attern noch gegen 
Vaccination.* 

Max Wo!ff impfte 20 8ebwangere mit Vaccine, nnd zwar 17 mit 
positivem Erfolg. Die an den Neugeborenen dieser Frau vorgenommenen 
Impfversuche fielen alle positiv aus. 

Bei Variola und Vaccine sehen wir also, daß, wenn 
überhaupt je eine Immunitätsvererbung vorkommt, doch diese 
vererbten Immansnbstanzen entweder nicht wirk¬ 
sam genug oder zu flüchtig und zu wenig be¬ 
ständig sind, um das gesunde Kind vor nach¬ 
träglicher Infektion zu schützen, welches des¬ 
halb vacciniert werden muß; und gerade das Ge¬ 
lingen einer Vaccination beweist selbst schon 
daß das Kind keine Immunität gegen die Krank¬ 
heit ererbt hat. 

Das sicher konstatierte Vorkommen einer 
Infektion desKindes während der Geburt von der 
kranken Mutter fordert uns geradezu heraus, die Frage 
aufzurollen, ob überhaupt eine Vererbung der Immu¬ 
nität gegen Syphilis erwiesen ist?, ob überhaupt 
ein Profetasches Gesetz zu Recht besteht? 

Die Erfahrung, daß syphilitische Mütter ihre gesunden 
Kinder in der Regel nicht infizieren, mag ja vor allem schon darin 
seine Erklärung finden, daß rezent syphilitische Mütter in der 
Regel syphilitische Kinder gebären, und daß gesunde Kinder 
in der Regel von Müttern stammen, welche selbst schon eine 
alte latente oder in nicht infektiösen Erscheinungen sich 
äußernde Syphilis haben. 

Absolute Beweise für die Geltung desProfeta- 
schen Gesetzes, für die Vererbung einer Immunität 
gegen Syphilis fehlen uns bis heute mangels aus- 
ge de hnterlmpfv ersuche. Dagegen haben wir durch jene 
Fälle von Infectio sub partu absolute Beweise vor 
uns, daß eine Vererbung der Immunität wenigstens 
in diesen Fällen nicht stattgefunden hat. 

Gegen die Erfahrung, daß syphilitische Mütter ihre ge¬ 
sunden Kinder pflegen, säugen und küssen können, ohne sie zu 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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infizieren, kann man immer leicht einwenden, daß die Kinder 
durch Zufall einer Infektion von Seite der Mutter entgangen 
sind, sie hätten jedoch ebenso zufällig dabei infiziert werden können. 

Man könnte dabei geltend machen, daß eine Überschätzung 
der Ansteckungsgefahr zur Aufstellung des Profetasehen Ge¬ 
setzes geführt hat, daß aber in Wirklichkeit die Wahrschein¬ 
lichkeit einer Ansteckung sowohl des Kindes von Seite einer 
syphilitischen Amme als auch der gesunden Amme von Seite 
eines syphilitischen Kindes geringer sei; denn wiederholt wurde 
von verschiedenen Autoren eine Infektionsmöglichkeit dabei 
gänzlich geläugnet, ja bekanntlich sogar die Infektiosität der 
hereditären Syphilis überhaupt aus demselben Grunde negiert. 

Auch Glück kommt auf Grund seiner Erfahrungen bei 
endemischer Syphilis (mit meist in frühester Kindheit extra¬ 
genital akquiriertem Primäraffekt) zur Überzeugung: 

„Das Pr ofeta sehe Gesetz selbst ist nicht erwiesen! Es ist be¬ 
kannt, daß rezent syphilitische Frauen selbst dann, wenn sie post kon¬ 
zeptionell infiziert wurden, nur ausnahmsweise gesunde Kinder gebären, 
ln den meisten Fällen abortieren sie oder haben Frühgeburten etc. Hier¬ 
aus folgt nun, daß selbst sehr erfahrene Ärzte nur selten in die Lage 
kommen, das Profetasche Gesetz auf seine Richtigkeit zu prüfen. 

Tatsächlich liegen bis jetzt weniger Beobachtungen 
vor, welche dieses Gesetz beweisen sollen, als sogenannte 
Ausnahmen von demselben. 

Wäre die Profetasche These begründet, so müßte 
naturgemäß in Ländern, wo die Syphilis seit längerer Zeit als Volks¬ 
krankheit vorherrscht, die extrauterin erworbene Kinder¬ 
syphilis zu den Seltenheiten gehören. Leider ist das nicht der 
Fall! Wenigstens haben meine langjährigen Erfahrungen in Bosnien 
mir die Überzeugung beigebracht, daß die akquirierte Lues bei Kindern 
daselbst ein verhältnismäßig häufiges Vorkommnis bildet. 10 % a ^ er an 
rezenter erworbener Syphilis leidenden Patienten ist nicht über 15 Jahre 
alt, wovon ungefähr ein Drittel auf Kinder zwischen 6 Monate und 
5 Jahre entfällt. Gleichzeitig waren in der Mehrzahl der Fälle die 
Mütter teils mit rezenter, teils mit tardiver Lues behaftet.“ 

Im gleichen Sinne wie Glück spricht sich auch v. 
Düring auf Grund seiner Erfahrungen über endemische Sy¬ 
philis aus: 

„Bei meinen Untersuchungen in Kleinasien habe ich in Dörfern, 
in denen fast die gesamte erwachsene Einwohnerschaft die unverkenn¬ 
baren Spuren abgelaufener Syphilis zeigte „Schulendemien“ von frischer 
Syphilis unter den Kindern gesehen. 


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Wenn z. B. in einem Dorf von etwa 160 Einwohnern 110 zweifellos 
syphilitisch sind — d. h. also Spuren bestehender oder abgelaofener 
Syphilis aufweisen und hierunter fast keine Erwachsenen mit Frühsymp¬ 
tomen, sondern fast alle mit abgelaufenen oder noch bestehenden gum¬ 
mösen Erkrankungen —, dafür aber 30 Kinder unter 12 Jahren und hier¬ 
unter 25 Schulkinder von 7—12 Jahren mit frischer Syphilis, so muB 
eine solche „Massenbeobachtung" der Giltigkeit des (Diday-) Profeta- 
schen Gesetzes schon einen gewaltigen Stoß geben. Es wäre doch ge¬ 
künstelt, anzunehraen, daß nur die Kinder der nicht syphilitischen Eltern 
frisch erkrankt und noch dazu die Eltern dieser Kinder von einer An¬ 
steckung verschont geblieben seien. 

Aber auch ein näheres Eingehen auf die Fälle ergab mit Sicher¬ 
heit, daß zahlreiche Eltern mit Syphilis, die unzweifelhaft älter war als 
die kindliche (i. e. vor der Geburt derselben erworben war) frisch infi¬ 
zierte Kinder hatten .... 

Ich habe in meinen Listen über 100 Aufzeichnungen von Fällen, 
in denen bei Kindern von Eltern, die unanfechtbar vor der Ehe erworbene 
Syphilis hatten, frische Syphilis festzustellen war, also ein Fehlen jeder 
Immunität .... 

Wenn übrigens eine nur irgendwie ausgesprochene Immunität auf 
die Kinder syphilitischer Mütter überginge, so wäre es ganz unverständ¬ 
lich, daß diese Endemien nicht innerhalb weniger Generationen von 
selbst erloschen" .... 

v. Düring hat bei seinen Ausführungen immer das so¬ 
genannte erweiterte Profetasche Gesetz im Auge, wonach 
die Kinder nicht bloß syphilitischer Mütter, sondern syphilitischer 
Eltern überhaupt immun sein sollten und sagt selbst: 

„Es ist hier nicht die Gelegenheit, die Frage zu beantworten, ob 
das eigentliche Profetasche Gesetz, daß eine syphilitische Mutter ihr 
gesundes (symptomfreies) Kind stülen kann, ohne es anzustecken, zu 
Recht bestehe .... 

Aber meine Erfahrungen fordern uns jedenfalls auf, die ganze 
Lehre von der Immunität gegen Syphilis von neuem einem eingehenden 
Studium zu unterziehen. 

Jedenfalls steht eines fest: Was heute als Profeta sches Gesetz 
gilt, hat Profeta niemals gesagt, und was dieses Gesetz behauptet, ist voll¬ 
ständig haltlos: Eine vererbte Immunität gegen Syphilis, ja nur eine Abschwä- 
chung der Syphilisinfektion bei Nachkommen Syphilitischer gibt es nicht." 

Absolute Beweise, 1 ) daß eine Immunität von Mutter auf Kind 
übertragen wird, fehlen uns also bei Syphilis ebenso wie bei Variola. 

*) Finger, dessen in der Wiener klin. Wochenschrift publiziertes 
Referat vom Pariser Kongreß 1900 mir leider entgangen ist, betont gleich¬ 
falls, daß „die Vererbung der Immunität bisher erschlossen, supponiert, 
aber nicht bewiesen worden ist," und daß daher die Frage der Vererbung 
der Immunität, wie auch schon Neisser hervorhob, „dringend der Re¬ 
vision bedarf“. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Nun haben aber andererseits die schon zitierten Versuche 
von Chauveau, Thomas, Klemperer, Barchhardt, 
Kitasato, Ehrlich etc. etc. dargetan, daß bei anderen In¬ 
fektionskrankheiten eine intrafötale Immunisierung Vorkommen 
kann. Wie sollen wir uns also erklären, daß in der einen Ver¬ 
suchsreihe Immunität von Mutter auf Kind nachweislich über¬ 
tragen wurde, und in einer anderen, scheinbar analogen Ver¬ 
suchsreihe Immunität nachweislich fehlt, da eine Infektion mit 
den Krankheitskeimen haftet? 

Die Erklärung hiefür kann heute wohl nicht mehr zweifel¬ 
haft sein. 

Wir unterscheiden bekanntlich zwei Arten von Immunität, 
eine aktive und eine passive. 

„Bei der ersten Form der Immunisierung *»r' welche 

durch die von den Bakterien selbst produzierten Toxine hervorgerufen 
wird, handelt es sich um eine eigentliche Adaption des Organismus, die 
in vielen Fällen durch eine außerordentliche Sta bilität charakteristisch 
ist. Wenn in diesem Falle der Organismus befähigt ist, antitoxische 
oder bakterioide Stoffe aktiv zu bilden, so handelt es sich bei 
der zweiten Form der Immunität um die passive Zufuhr schon 
fertig gebildeter Antikörper (Behring, Kitasato). Wenn es 
auch gelingt, auf diesem Wege (durch Zuführung von Antiserum) einem 
bestimmten Organismus sofort beliebig hohe, oft staunenswerte Qrade 
der Immunität zu verleihen, so ist diese Art der Festigkeit nach der 
Natur der Sache eine zeitlich eng begrenzte. Sobald der Antikörper 
ausgeschieden ist — und dies erfolgt je nach der Art innerhalb einiger 
Wochen — ist selbstverständlich jede Andeutung von Immunität er¬ 
loschen (Ehrlich)." 

Nach den Ausführungen von Ehrlich (über Immunisierung 
mit Giften, Ricin, Abrin, Robin), von Ehrlich und Hüben er 
(über Immunisierung mit Tetanus), W ernike (über Diphtherie) 
etc. etc. kann es, wie Ehrlich selbst erklärt „nicht zweifel¬ 
haft sein, daß die Immunität, die wir bei der Nach¬ 
kommenschaft immuner Mütter beobachten, unter 
die zweite Kategorie der passiven Immunität zu 
rechnen ist und auf eine Mitgabe der maternen 
Antikörper beruht.“ 

Wenn man dem Muttertier allmählich große Dosen von 
Toxinen einverleibt, so bildet der mütterliche Organismus be¬ 
kanntlich aktiv stark antitoxische und baktericide Stoffe, welche 
eine (bei verschiedenen Infektionskrankheiten verschieden) 


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lange andauernde Immunität hinterlassen. Von der (durch 
Toxine, als auch durch aktive Immunisierung) immunen Mutter 
gehen auf das Kind die schon fertig gebildeten Antikörper 
über. Das Kind erbt also von der Mutter nicht eine 
durchToxine bedingte aktive und daher dauernde 
Immunität, sondern blos eine durch Antitoxine 
hervorgerufene passive und daher bald vorüber¬ 
gehende Immunität. Die aufs Kind vererbte passive Im¬ 
munität ist umso größer und umBO nachhaltiger, je höher der 
Immunitätsgrad der Mutter durch hohe Dosen von Toxinen 
getrieben wurde, d. h. je größer und intensiver die mütterliche 
Produktion von Antitoxinen augeregt wurde, welche eben auf 
das Kind übergehen. Die vererbte passive Immunität ist bei 
den einzelnen Infektionskrankheiten in ihrer Dauer und Inten¬ 
sität verschieden, erlischt aber gewöhnlich schon nach ein, zwei, 
längstens 3 Monaten (z. B. beim Tetanus). 

Ehrlich und Hübener haben die jungen Mäuse von normalen 
Vätern und immunen Müttern (Tabelle IV) bei Tetanus nach verschieden 
langer Zeit geprüft und gefunden, daß zwischen 49.-85. Tag nach der 
Geburt noch Immunität der Jungen bestand, wenngleich die Mutter zur 
Zeit der Konzeption nur die 400fach tötliche Giftmenge ertrug, daß aber 
nach dem 85. bis zum 99. Tag nach der Geburt keine Immunität der 
Jungen mehr vorhanden war, wenngleich die Mutter zur Zeit der Kon¬ 
zeption auch eine vielfach höhere Giftmenge ertrug, die von der 750- 
bis auf die 3200fache tötlicbe Giftmenge getrieben wurde. 

Wie Ehrlich durch seinen interessanten Vertauschungs¬ 
versuch der Ammen nachgewiesen hat, werden dem Säugling 
auch durch die Milch noch weiterhin Antikörper zugeführt, 
welche „dem säugenden Organismus eine hohe, mit der Dauer 
der Saugung wachsende Immunität verleihen.“ 

Da die V ersuche über Immunitätsvererbung von Chauveau 
bei Milzbrand 14 Tage nach dem Wurf vorgenommen wurden, 
von Thomas bei Rauschbrand 12—16 Tage, von Burch- 
hardt bei Ovine 4—6 Wochen, von Kitasato bei Rausch¬ 
brand 50 Tage nach der Geburt, so muß man mit Ehrlich 
annehmen, daß „auch diese Versuche noch in die 
Wirkungssphäre der maternen Antikörper fallen,“ 
d. h. daß sie nicht die Vererbung einer dauernden Immuni¬ 
tät erweisen. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Wir müssen also nach unseren heutigen Kenntnissen über 
eine Vererbung der Immunität hei anderen Infektionskrank¬ 
heiten dasVorkommen derVererbung einer dauern¬ 
den Immunität überhaupt negieren. 

Wenn bei einer speziellen Infektionskrankheit eine Im¬ 
munitätsvererbung vorkommt, so ist die vererbte Immunität eine 
passive, d. h. in kurzer Zeit erloschen; ich möchte sie deshalb 
eine passagere Immunität nennen. 

Fraglich mag aber noch bleiben, ob bei jeder Infektion 
eine, wenn auch bald vorübergehende passive Immunität über¬ 
tragen wird? Denn wir sehen doch bei Variola, Tuberkulose, 
Lepra, Syphilis etc., daß die gesunden Kinder, welche von 
kranken und daher durch Toxine aktiv höchst immunisierten 
Müttern stammen, dennoch keine Immunität besitzen und von 
den eigenen kranken Eltern infiziert werden können! 

Sind bei diesen Krankheiten also von der hoch immunen 
Mutter überhaupt keine, wenn auch noch so rasch ausge¬ 
schiedene, Antikörper übergegangen? Nichts steht doch der 
freien Passage der löslichen chemischen Körper im Wege! 
Anderseits werden bei Variola und Syphilis von der Mutter 
auch sicher Antikörper gebildet, denn die Mutter, welche die 
Krankheit üherstanden hat, bleibt ja dauernd selbst immun; 
Und doch haben die Kinder nicht die geringste, nicht einmal 
eine für mehrere Tage bestehende Immunität ererbt, denn in 
den Fällen von Infektion au passage waren die Kinder schon 
während des Geburtsaustrittes gegen Infektion nicht mehr 
geschützt! 

Sind hier keine Antikörper übergegangen? Oder waren 
übergegangene Antiköper zu schwach, um vor Infektion zu 
schützen? Von der rezent syphilitischen Mutter mußten doch 
sicherlich hochwertige antitoxische Körper gebildet sein! 

Die Erklärung dieser Erscheinungen ist nach unseren 
jetzigen Anschauungen eine sehr einfache. 

„Wenn wir eine Schutzimpfung mit den Stoffwechselprodukten der 
Bakterien vornehmen, so wird, selbst unter der an und für sich sehr 
wahrscheinlichen Voraussetzung, daß die Placenta derartige Stoffe leicht 
passieren läßt, noch nicht ohne weiters die Notwendigkeit eines gleichen 
positiven Effektes bei der Frucht hervorgehen. Ein solcher müßte nur 
dann erfolgen, wenn die embryonalen Gewebe diesen Stoffen gegenüber 


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Matzenaue r. 


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ebenso empfindlich wären, wie die mütterlichen. Aber gerade die Er¬ 
fahrungen von Schreiber über das Fehlen jeder Reaktion von Seite 
der Neugeborenen selbst bei großen Dosen von Tuberkulin bewiesen zur 
Evidenz, daß die Initabilität der embryonalen Gewebe gegenüber den 
Bakterienprodukten eine ganz andersartige sein kann — in diesem Falle 
also eine weit geringere — als die des au9gebildeten Organismus. Wenn 
der Immunisierungsvorgang eine Reaktion auf eine vorhergegangene 
Aktion darstellt, so beruht die Fähigkeit des Körpers, immun 
zu werden, eben auf dieser spezifischen Reizbarkeit. (Es 
steht damit die Erfahrung im Einklang, daß ein Tier, je empfänglicher 
es für ein Gift ist, umso leichter zu hohen Graden der Immunität ge¬ 
bracht werden kann). Fehlt aber dem Embryo diese spezifische 
Reizempfänglichkeit, so wird bei ihm, trotzdem in seinen 
Geweben dasselbe Agens kreist, das die Mutter immuni¬ 
siert, doch der spezifische Effekt, id e st die Immunisierung 
ausblei ben. a 

Wir haben früher schon die ungleiche Widerstandskraft 
des mütterlichen und kindlichen Organismus, aus welcher sich 
die ungleiche Intensität der Syphilis bei Mutter und Kind er¬ 
klärt, darauf zurückgeführt, daß im kindlichen Organismus im 
allgemeinen weniger Schutzstoffe vorhanden sind. („Das müt¬ 
terliche Serum wirkt stärker agglutinierend, stärker baktericid, 
antifermentativ, antitoxisch etc. etc.“ (Halban und Land- 
8 t einer.) 

Wir haben früher auch schon in der ungleichartigen Be¬ 
schaffenheit des mütterlichen und kindlichen Blutes, d. h. in 
der Verschiedenheit des Nährbodens, den Grund erblickt, warum 
die im mütterlichen Organismus schon abgeschwächten Bakterien, 
sobald sie in den kindlichen Organismus übergegangen sind, 
wieder zu neuem Leben erwachen, in analoger Weise wie bei 
Infektion eines fremden Individuums. Daraus ging hervor, daß 
sich den Toxinen gegenüber der kindliche Orga¬ 
nismus anders verhält als der mütterliche. 

Und nunmehr werden wir uns nicht mehr wundern, wenn 
wir jetzt erfahren, daß sich auch den Antitoxinen 
gegenüber der kindliche Organismus anders ver¬ 
hält als der mütterliche. 

„Bei Typhus von Schwangeren agglutiniert das mütterliche 
Blut den Typhusbazillus sehr stark, während das fötale in 
der Regel nicht agglutiniert. 1 ) 

') „Nur Chambreleut und Saint-Philippe, Mose und Dan nic 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Bei Tieren fanden Remlinger, Dieudonne, daß das fötale 
Bl nt von Meerschweinchen and Kaninchen nach Immunisierung der 
Matter mit Typhus, resp. mit Cholera, viel schwächer aggluti- 
nierte als das mütterliche und daß die Agglntinine nach 
einigen Monaten verloren gehen.“ 

„Daß die Agglntinine, welche der Fötus während der Schwanger¬ 
schaft bei Infektion der Mutter von dieser besieht, wieder nach einigen 
Monaten verschwinden (Bemlinger, Dieudonnö), erklärt sich daraus, 
daß es sich hiebei nur um von der Mutter bezogene Stoffe, also um pas¬ 
sive Immunisierung bandelt, was schonEhrlich hervorhebt, während 
die gravide Uatter selbst durch aktive Immunisie¬ 
rung dauernd immun wird.* (Halben;. 

Der Erfolg einer Immunisierung hängt also von der Reaktion 
des betreffenden Organismus ab. Die Reaktion ist ceteris 
paribus (bei Immunisierung mit gleichen Antitoxinen) indivi¬ 
duell verschieden auch zwischen Mutter und Kind. 

Die Reaktion des kindlichen Organismus den Antitoxinen 
gegenüber ist bei den einzelnen Infektionskrankheiten verschieden. 
Bei Tetanus, Typhus, Rauschbrand, Ovine, Milzbrand etc. ist 
sie weitaus stärker als bei Tuberkulose. Infolge dessen werden 
bei ersteren vom fötalen Organismus auch stärker Antitoxine 
gebildet, welche dem Kinde nach der Geburt wenigstens für 
eine kurz vorübergehende Zeit Schutz gegen Infektion gewähren. 
Bei Tuberkulose dagegen reagieren die embryonalen Gewebe 
weniger als die der Erwachsenen (nach Schreiber „vertragen 
Neugeborene subkutane Injektionen von so großen Tuberkulin¬ 
dosen, welche bei Erwachsenen stets hohes Fieber hervorrufen, 
ohne jede Reaktion“); infolge der geringeren Reaktion werden 
auch weniger Antitoxine gebildet und das Kind ist gegen 
Infektion nicht geschützt. 

Eine gleiche Erklärung dürfen wir wohl offenbar auch 
für den Mangel einer kindlichen Immunität bei Variola, Lepra 
und Syphilis heranziehen. 

Der kindliche Organismus reagiert anders als der mütter¬ 
liche gegen dieselben Antitoxine, welche in beiden Körpern in 
gleicher Weise zirkulieren. „Fehlt aber dem Embryo die spe¬ 
zifische Reizempfänglichkeit (oder ist sie nur gering), so wird 

haben in dieser Hinsicht positive Resultate, alle anderen, Plano hu und 
Galavardin, Kasel und Mann, Dogliotti, Etienne u. a. berichten 
über vollständig negative Grub er -Vi dal sehe Reaktion beim Fötus.“ 


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bei ihm, trotzdem in seinen Geweben dasselbe Agens kreist, 
das die Mutter immunisiert, doch der spezifische Effekt, i. e. 
die Immunisierung ausbleiben“. 

Aus der Analogie mit der Tuberkulose dürfen wir wohl 
schließen, daß ebenso wie bei Tuberkulose der kindliche Or¬ 
ganismus weniger als der des Erwachsenen auf Tuberkulose 
reagiert, wahrscheinlich auch bei Syphilis der kindliche Orga¬ 
nismus weniger als der des Erwachsenen auf das ererbte Anti- 
titoxin reagiert und deshalb weniger Antitoxine bildet. 

Wenngleich also auch bei Syphilis Anti¬ 
toxine Ton Mutter auf Kind übergegangen sind, 
so produzieren sie doch bei diesem nicht den¬ 
selben spezifischen Effekt, sie sind zu schwach, 
um auch nur eine flüchtige, passagere (passive) 
Immunität dem Kind zu gewähren. 

Aus unseren bisherigen Erfahrungen geht hervor, daß 
hei den verschiedenen Infektionskrankheiten, wenn über¬ 
haupt nachweislich, eine Immunität vererbt wirdt 
die Vererhungsimmunität immer nur eine passive 
durch Antitoxine bedingte und daher rasch vor¬ 
übergehende, passagere ist. Eine dauernde Immu¬ 
nität, wie sie der Organismus durch Aufnahme von Toxinen, 
resp. durch Infektion mit den Krankheitserregern aktiv bildet, 
wird überhaupt niemals vererbt. 

Aus der Analogie mit den andern Infektionskrankheiten 
müssen wir folglich schließen, daß, wenn bei Syphilis über¬ 
haupt eine Immunität vererbt werden sollte, die Vererbung 
derselben auf Grund der allgemein gütigen Prinzipien statt¬ 
findet, d. h. daß auch bei Syphilis eine supponierte 
Vererbungsimmunität ebenso wie bei anderen In¬ 
fektionskrankheiten höchstens eine passive, durch 
Antitoxine bedingte und daher nur passagere 
sein könnte. 

Vergleichen wir Theorie und Praxis. 

A priori dürften wir nach unserer »Antitoxintheorie“ er¬ 
warten, daß bei Syphilis von Mutter auf Kind, wenn überhaupt, 
höchstens eine äußerst flüchtige passive Immunität vererbt 
wird, mit welcher wir daher in praxi nicht rechnen können. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Tatsächlich bestätigt sich unsere theoretische Voraus* 
Setzung durch die praktische Erfahrung, daß bei Syphilis eine 
Immunitätsvererbung, welche bisher überhaupt nicht erwiesen 
werden konnte, unwahrscheinlich ist (endemische Syphilis Glück, 
v. Düring) und daß gesunde Kinder rezent syphilitischer 
Mütter sogar unmittelbar während der Geburt schon infiziert 
werden können. 

Wir haben also zu Gunsten des Profetaschen 
Gesetzes weder eine Analogie bei andern Infek¬ 
tionskrankheiten, noch Beweise bei der Syphilis 
speziell gefunden. Im Gegenteil spricht Theorie 
und Erfahrung gegen die Geltung desselben. 

Das Profetasche Gesetz ist heute nicht mehr 
aufrecht zu erhalten und muß fallen gelassen 
werden. 

Daraus folgt aber weiter, daß auch die ganze heute 
allgemein akzeptierte Fingersche Theorie, wonach 
„ Immunität (i. e. dauernde Immunität) gegen Syphilis akquiriert 
werden kann, ohne Syphilis selbst durchzumachen,“ heute 
nicht mehr aufrecht erhalten werden kann und 
fallen gelassen werden muß. 

Gegen die Annahme, daß die nach dem Collesschen 
Gesetz immunen Frauen blos immun, aber doch wirklich ge¬ 
sund und nicht latent syphilitisch seien, spricht: 

1. daß in der gesamten Pathologie der Infektionskrank¬ 
heiten und auch bei Syphilis eine spermatische Vererbung nicht 
zu erweisen ist, sondern eine Vererbung derselben immer nur 
von der Mutter aufs Kind stattfindet. 

2. daß bei Syphilis überhaupt keine nachweisliche Ver¬ 
erbung der Immunität stattfindet. 

3. daß bei anderen Infektionskrankheiten die Vererbung 
einer dauernden Immunität überhaupt niemals vorkommt, 
sondern daß eine vererbte Immunität höchstens eine passive, 
passagere sein könnte. 

Um die Bedeutung der dauernd bestehenden Immunität 
jener anscheinend gesunden Mutter, welche ein angeblich ex 
patre hereditär - luetisches Kind gebären, voll zu würdigen, 
müssen wir einerseits konstatieren, daß eine einmal über- 

Mat sei) auer, Vererbnng der Syphilis. 


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M&tzen&uer. 


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standene Syphilis (mit wenigen Ausnahmen) für die 
Dauer des ganzen Lebens Immunität hinterläßt, und wir 
müssen andererseits zugestehen, daß eine dauernde Im¬ 
munität gegen Syphilis immer nur dann zu finden 
ist, wenn das betreffendelndividuum schon früher 
Syphilis überstanden hat! 

Eine nachweislich bestehende dauernde Im¬ 
munität gegen Syphilis ist also in der Tat nach 
unsern bisherigen Erfahrungen nur auf eine vor¬ 
ausgegangene überstandene Syphilisinfektion zu 
beziehen. 

Sie ist sogar, wenn längst schon alle Syphiliserscheinungen 
geschwunden sind, das einzig bleibende Merkmal der 
abgelaufenen Krankheit. Die anscheinend gesunden Mütter 
hereditär luetischer Kinder müssen also doch Syphilis selbst 
Überstunden haben; sie könnten sonst nicht dauernd immun sein! 

Die hohe Bedeutung dieses Symptoms, aus welchem wir 
mit Sicherheit auf eine vorausgegangene Infektion schließen 
können, wurde auch seit jeher richtig gewürdigt und anerkannt. 

Sohon v. Bärensprung erklärte aas diesem Grande alle Mütter, 
weil gegen Syphilis immun, für latent syphilitisch. 

Caspary erklärte die Frage, ob es gesunde Mütter hereditär 
luetischer Kinder gebe, erst in dem Augenblick für entschieden, als der 
Nachweis geliefert würde, daß eine kürzlich von einem luetischen Kind 
entbundene Mutter an Primäraffekt mit Consecutivis erkranken könne. 

Die Anerkennung der Bedeutung der mütterlichen Im¬ 
munität fand ihren beredten Ausdruck in der Aufstellung des 
Grundsatzes: „Pas de syphilis hereditaire sans infection de la 
mere,“ wozu sich nicht blos alle Gegner, sondern auch viele 
Anhänger der patemen Vererbung bekannten. 

Von den Anhängern der patemen Vererbung wird auch 
allseits als der wichtigste Gegengrund gegen die paterne Ver¬ 
erbung die dauernde Immunität anscheinend gesunder Mütter 
hereditär luetischer Kinder zugestanden und als „der einzig 
wirklich bemerkenswert« Einwurf gegen das völlige Verschont¬ 
bleiben der Mutter eines mit ererbter Syphilis behafteten 
Fötus“ bezeichnet. (Kassowitz). 

Es ist charakteristisch, daß die Anhänger der pateraen 
Vererbung als besonders beweiskräftig für dieselbe immer so- 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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fort die Ausnahmen vom Co 11 es sehen Gesetz anfiihren und 
■möglichst viele davon zu sammeln hestrebt waren, d. h. zu er¬ 
weisen trachteten, daß die Mutter eines hereditär-luetischen 
Kindes wirklich völlig gesund bleiben kann und nicht jenes 
verräterische Symptom der Immunität bietet. 

Denn wenn es gelänge, durch eine größere Zahl von Beobachtungen 
festsustellen, daß die anscheinend gesunde Mutter eines hereditär lue¬ 
tischen Kindes später Syphilis akquirieren kann, so ist durch den späteren 
Primärafiekt in der Tat bewiesen, daß die Mutter früher syphilisfrei war; 
denn man kann nicht für solche exzeptionelle Fälle immer eine Reinfektion 
annehmen, die ja selbst wieder eine ungeheuere Rarität vorstellt Die An¬ 
hänger der paternen Vererbung haben also daher versucht, eine möglichst 
große Zahl von Ausnahmen gegen das Collessche Gesetz su finden. 

Die hohe diagnostische Bedeutung der Eigenschaft eines 
Individuums, dauernd gegen Syphilis immun zu sein, wurde 
also gar niemals verkannt, aber die Anhänger der paternen 
Vererbung snehten die Bedeutung dieses Symptomes herab¬ 
zudrücken. 

Da es bei Syphilis keine nachweisbare Vererbungsimmunität 
von Mutter auf Kind gibt, so kann natürlich auch nicht ein 
analoger Vorgang für die nach dem Collesschen Gesetz 
immunen Mütter als Erklärung herangezogen werden, und 
damit ist Fingers Theorie der Boden unter den Füßen ent¬ 
zogen. Die nach dem Collesschen Gesetz immunen Mütter 
haben zudem nicht etwa eine passagere, sondern eine dauernde 
Immunität. Da diese Mütter ihre dauernde Immunität nicht 
von Seite des Kindes ererbt haben können, und auch nicht 
durch künstliche Impfung, etwa durch Serotherapie erlangt 
haben, so können sie logischerweise ihre dauernde Immunität 
nur durch eine vorausgegangene Syphilisinfektion selbst erworben 
haben: „II n’est vraiment qu’une seul fa<jon de resister ä la 
syphilis c’est de l’avoir“. (Fournier.) 

Wir haben also den Nachweis erbracht: 

1. Daß es keine Ausnahmen vom Collesschen 
Gesetz gibt; jede Mutter eines hereditär-lueti- 
8chen ^Kindes ist ausnahmslos immun gegen 
Syphilis. 

2. Daß dauernde Immunität nicht durch Ver¬ 
erbung erworben werden kann (das Profetasch e 

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Gesetz hat keine Geltung) und daß daherlmmuni- 
nität gegen Syphilis in der Tat ein Beweis für 
eine vorangegangene Infektion ist. 

Daraus folgt mit Notwendigkeit: 

3. Daß alle — wenngleich symptomenlosen, 
so doch immunen — Mütter hereditär-luetischer 
Kinder selbst syphilitisch sind. 

Die prinzipiell entscheidende Frage: „Kann 
eine nicht syphilitische Mutter ein syphilitisches 
Kind gebären?“ an welcher die Existenzberechti¬ 
gung der Annahme einer paternenVererbung hängt, 
müssen wir also entschieden verneinen. 

Die »weite Kardinalfrage: „Wird die im Verlauf der 
Schwangerschaft akquirierte Syphilis auf den von der 
Zeugung her gesunden Fötus übertragen?“ müssen wir ent¬ 
schieden bejahen. 

Aus diesen beiden prinzipiellen Unterschieden resultieren alle 
weiteren Divergenzen. Es ist klar, daß, wenn Kassowitz annimmt, 
eine gesunde Mutter könne ein heredit&r-luetisches Kind gebären, die 
Syphilis auf die Frucht nur vom Vater her vererbt worden sein konnte. 

Dagegen müssen wir daran festhalten, daß die paterne 
Vererbung keineswegs bis jetzt durch klinische Erfahrungen 
erwiesen oder auf Grund bakteriologischer Untersuchungen 
durch Analogie mit anderen Infektionskrankheiten auch nur 
nahe gelegt worden ist: Vielmehr konnten wir für alle jene 
Beobachtungen, welche von den Anhängern der paternen Ver¬ 
erbung für diese geltend gemacht wurden, leicht in unge¬ 
zwungenster Weise eine Erklärung finden durch Vererbung der 
Syphilis von Seite der Mutter. Wir kennen keinen Fall, in 
welchem wir bei Syphilis des Kindes Syphilis der Mutter aus¬ 
schließen könnten und daher gezwungen wären, einen anderen 
Vererbungsmodus als den auf maternem Weg anzunehmen. 
Wenn auch Mütter hereditär-luetischer Kinder anscheinend 
gesund sind, so weist doch die bestehende Immunität dieser 
Mütter auf eine vorausgegangene, aber nicht beachtete Syphilis 
hin, da es eine von der Krankheit selbst unabhängig über¬ 
tragene dauernde Immunität gegen Syphilis überhaupt nicht 
gibt, folglich auch eine Vererbung der Immunität 
von einer angeblich ex patresyphilitischenFrucht 
auf die Mutter nicht möglich ist. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Da es schließlich keine hereditäre Syphilis ohne Syphilis 
der Matter gibt, und da andererseits von einer syphilitischen 
Mutter die Krankheit zweifellos vererbt werden kann, so folgt 
daraus, daß wir eine Vererbung der Syphilis in jedem Falle 
von einer syphilitischen Mutter ableiten können und die 
Hypothese einer paternen Vererbung nicht anzu¬ 
nehmen brauchen. 

Die ganze Lehre von der Vererbung der Syphilis ist 
nunmehr ungemein vereinfacht. 

Die Geschichte der Syphilisvererbung war bisher von 
traditionellen Hypothesen und von einem ganzen Sagenkreis 
umsponnen und durchweht, eine Gesetzmäßigkeit war nirgends 
durchzublicken, grundsätzlich galt nur als Regel: „keine Regel 
ohne Ausnahme“. 

Gegenüber anderen Infektionskrankheiten sollte die Syphilis 
eine ganz spezielle Sonderstellung einnehmen, bei ihr sollte 
alles sich anders verhalten können. 

Nunmehr aber sehen wir bei Syphilis genau dieselben 
Gesetze der Natur obwalten wie bei den anderen Infektions¬ 
krankheiten. 

Die Konsequenzen für die Praxis ergeben sich jetzt von 
selbst. 

1. Die Mutter eines syphilisischen Kindes muß, auch 
wenn sie keine Symptome bietet, mit Quecksilber behandelt 
werden. 

Sobald eine Fran einmal eine syphilitische Frucht geboren hat, 
müssen wir annehmen, daß sie schon früher von ihrem Mann infiziert 
worden ist; auf das Schicksal ihrer weiteren Nachkommen¬ 
schaft ist eine Behandlung des Vaters irrelevant; Einfluß 
darauf nimmt nur die Behandlung der Mutter selbst. 

Ich habe in den letzteren Jahren etwa 50—60 anscheinend 
und angeblich gesunde Mütter hereditär-luetischer Kinder be¬ 
handelt und glaube, über sehr zufriedenstellende Erfolge dabei 
berichten zu dürfen. Natürlich darf man keine allzu hoch 
gespannten Erwartungen daran knüpfen. Bekanntlich läßt sich 
die Vererbungsfähigkeit der Syphilis auch bei Müttern mit 
nachweislichen Syphiliserscheinungen selbst durch eine energische 
Quecksilberbehandlung nicht geradezu kupieren, so daß die 
syphilitischen Frauen häufig trotz wiederholter Behandlung 


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Matzen au e r. 


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dennoch ihre Syphilis noch weiter vererben; wir haben aus 
diesem Grunde dem Argument Fingers keine Beweiskraft 
beim essen können, welcher den angeblichen Erfolgen der väter¬ 
lichen Behandlung die Mißerfolge der Therapie bei den angeb¬ 
lich gesunden Muttern gegenüberstellt, über welche A. Schön- 
berg nnd Blaise berichteten. 

Ich habe mich deshalb nicht darauf beschränkt, die 
Mütter einer bloß einmaligen Kar zu unterziehen, sondern 
habe den P'rauen immer geraten, nach mehrmonatlichem 
Intervall eine zweite und eventuell noch dritte 
Quecksilberbehandlung durchzumachen und in 
der Zwischenzeit auch Jod zu gebrauchen. 

Da es nicht unwahrscheinlich ist, daß in der TJteruswand 
selbst von einer vorausgegangenen Placentarerkrankung Testie¬ 
rende, nicht völlig resorbierte syphilitische Zellinfiltrate (selbst 
Jahre lang) liegen bleiben können, von welchen späterhin 
gelegentlich einer neuen Schwangerschaft durch Proliferation 
der alten Zelldepöts lokale Rezidiven in Form neuerlicher 
Placentarerkrankung ausgehen, mag es vielleicht zweckent¬ 
sprechend sein, außer wiederholten Allgemeinkuren auch eine 
Lokalbehandlung mit Globuli vaginales aus grauer Salbe nach 
dem Vorschlag Riehls zu versuchen. 

Ich glaube wohl sagen zu dürfen, daß diese Behandlungs¬ 
art (mit wiederholten Quecksilber-Allgemeinkuren) der angeb¬ 
lich gesunden Mütter hereditär*luetischer Kinder weit eher 
geeignet ist als die Behandlung der Väter, die Vererbungs¬ 
fähigkeit der Syphilis zu kupieren, wenn man überhaupt von 
einer solchen Möglichkeit sprechen dürfte. 

2. Die Mutter eines syphilitischen Kindes kann ungescheut 
ihr Kind selbst stillen. 

3. Die syphilitischen Eltern eines gesunden Kindes können 
möglicherweise das Kind infizieren. 

4. Ein syphilitischer Mann soll, um die Infektion seiner 
Frau zu vermeiden, nicht vor Ablauf mehrerer Jahre seit seiner 
Infektion und nicht ohne mehrfach wiederholte Quecksilber- 
bebandlung in die Ehe treten. 

Ich muß mich ausdrücklich verwahren gegen einen Irrtum 
von D i d a y und F o u r n i e r. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Diday (Dictionnaire encyclopedique) meint. „Der Schluß, die 
väterliche Vererbung sei null und die Kinder syphilitischer Vater seien 
gesnnd tt birgt eine große Gefahr für die Familie, insbesondere für den 
Arzt, der über die Gesundheit des Kindes sn wachen verpflichtet ist. Sie 
wiegt beide in falsche Sicherheit. Der syphilitische Mann wird an der Ehe 
nicht verhindert durch die Furcht, seine Frau zu infizieren, denn er 
weiß, daß er die Gefahr umgeht, wenn er eheliche Berührung vermeidet, 
sobald an den Sexualorganen Erscheinungen von Syphilis auftreten; aber 
er weiß auch, daß er ein syphilitisches Kind zu erzeugen vermag, auch 
dann, wenn er im Augenblick der Zeugung von allen Syphiliserscheinungen 
völlig frei ist. Nimmt man ihm diese Furcht, und die Zahl syphilitischer 
Ehen wird sich vermehren, zum großen Nachteil der Kinder, der Mütter, 
der Ammen und ihrer Familien. 

Fournier (Vererbung der Syphilis) sagt: Diese neuen Ansichten 
sind sehr gefährlich (1). Diese Ansicht entlastet nämlich die Syphilis 
eines großen Teiles ihrer hereditären Gefahren und öffnet in unvorsichtiger¬ 
weise einer ganzen Gruppe syphilitischer Männer die Pforten der Ehe, 
die ihnen die Furcht, der Nachkommenschaft zu schaden, bisher 
verschloß. 

Man darf wohl ganz im Gegenteil erwarten, 
daß eine allgemeine Aufklärung über die wahre 
Infektionsgefahr am sichersten wirklich gegen 
Syphilisübertragung schützt. 

Es ist selbstverständlich, daß ein rezent syphilitischer 
Mann keine Ehe eingehen soll; denn die Gefahr ist imminent, 
daß er nässende Papeln bekommen wird, mit welchen er 
infizieren kann. Erst 1. nach mehreren Jahren und 
2. nach mehrmaligen Quecksilberkuren, dieselbst 
dann durchgeführt werden sollen, wenn seit Jahr 
und Tag auch keine Syphiliserscheinungen mehr 
aufgetreten sind, und 3. erst, wenn der Verlauf 
der Syphilis ein derartiger ist, daß wir mit einer 
an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit 
keine nässenden Syphilisformen mehr erwarten 
dürfen, erst dann wird der Arzt seine Einwilligung 
zur Eheschließung geben können. 

Wir können daher die Ergebnisse unserer Er¬ 
örterungen in folgende Thesen zusammenfassen: 

I. Die Vererbung der Syphilis von Seite der Mutter er¬ 
folgt durch intrauterine Infektion der Frucht. 


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Matzenauer. 


A. Dio postkonzeptionelle, intra gravidit&tem acqnirierte 
Syphilis der Mutter kann nur auf placentarem Weg durch 
intrauterine Infektion auf die Frucht übergehen. 

1. Analogie mit den anderen Infektionskrankheiten. 

2. Zahlreiche einwandfreie Beobachtungen bei Syphilis selbst. 

a) Nach den bisher mitgeteilten Fällen jedoch ist es noch 
keineswegs sichergestellt, ob auch von einer innerhalb der 
letzten 2 Schwangerschaftsmonate infizierten Mutter Sy* 
philis aufs Kind übertragen werden kann. 

b ) Die Intensität der kindlichen Syphilis ist in der Regel 
desto schwerer, je früher während der Gravidität die In¬ 
fektion der Mutter erfolgt ist. 

c) Die intrauterine Übertragung der Krankheit von der intra 
graviditatem infizierten Mutter auf das Kind ist kein 
obligater, sondern nur ein fakultativer Vorgang. 

B. Eine Vererbung auf germinativem Weg durch das 
infizierte Ovulum (Vererbung im eigentlichen Sinne) ist nicht 
erwiesen. 

C. Wir können daher annehmen, daß die Vererbung auch 
von der schon vor der Konzeption syphilitischen Mutter aufs 
Kind immer nur durch intrauterine Infektion der Frucht erfolgt 

Der Übergang der Bakterien von Mutter auf Kind setzt 
Placentarerkrankungen voraus. 

a) Die Intensität der Placentarerkrankung muß nicht der 
Intensität der mütterlichen oder kindlichen Erkrankung 
entsprechen; es genügen au sich unbedeutende Gefäßver¬ 
änderungen. 

b ) Bei Zwillingen, von denen einer gesund, der andere krank 
ist, verhält sich die entsprechende Placenta ebenso. 

c) Aus der Verteilung der Placentaerkrankung, ob diese die 
Placenta materna oder Placenta foetalis betrifft, kann kein 
Rückschluß auf den Ursprung der Syphilis nach dem Zeuger 
gezogen werden. 

d) In Fällen von angeblich rein paterner Ver¬ 
erbung war trotz anscheinender Gesundheit 
der Mutter auch der mütterliche Anteil der 
Placenta erkrankt. 


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Die Vererbung dpr Syphilis. 


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D. Die Vererbung von der schon vor der Konzeption 
syphilitiscen Mutter (auf placentarem Weg) findet ebenfalls 
nicht unbedingt, sondern nur fakultativ statt. 

(Zwillinge, von denen der eine gesund, der andere krank ist.) 

E. Die Intensität der kindlichen Erkrankung entspricht 
nicht immer der Intensität der mütterlichen Erkrankung. 

Die verschiedene Intensität der Syphilis bei 
Mutter und Kind erklärt sich: 

1. Durch die ungleiche Widerstandskraft des 
mütterlichen und kindlichen Organismus. 

2. Die Intensität der kindlichen Syphilis hängt 
ferner davon ab, zu welchem Zeitpunkt während 
der Gravidität infolge einer eingetretenen Placentar- 
erkrankung die Bakterien von der Mutter auf 
den Fötus übergegangen sind; sie ist im allgemei¬ 
nen umso größer, je früher die Infektion der 
Frucht erfolgt. 

F. Die mit zunehmendem Alter, d. h. mit abnehmender 
Intensität der mütterlichen Erkrankung in der Regel pro¬ 
portional abnehmende Intensität der Vererbungssyphilis darf 
nicht direkt durch die Abschwächung der Bakterienvirulenz 
erklärt werden, so zwar, daß die Bakterien, weil sie im 
mütterlichen Organismus im Laufe der Zeit in ihrer Virulenz 
sich schon abgeschwächt haben, dann auch im kindlichen 
Organismus eine geringere Virulenz entfalten: Die all- 
mäliche Abschwächung der Vererbungssyphilis 
ist vielmehr höchst wahrscheinlich hauptsächlich dadurch 
bedingt, daß bei älterer und daher schon abge¬ 
schwächter, mütterlicher Syphilis eine Placentar- 
erkrankung relativ später, langsamer und sel¬ 
tener, wenn überhaupt noch, eintritt als bei 
rezenter und daher vollvirulenter mütterlicher 
Syphilis, bei welcher es häufiger, frühzeitiger 
und rascher zur Entwicklung einer Placentar- 
erkrankung kommt. Je früher aber dielnfektion 
der Frucht erfolgt, desto schwerer pflegt sich 
die kindliche Erkrankung zu äußern. 


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Matzenauer. 


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O. Alternierende Vererbung (Rückschlag): 
Geburt eines gesunden (oder leichter erkrankten) 
Kindes zwischen zwei kranken (oder schwerer 
erkrankten). 

II. Eine paterne Vererbung ist nicht erwiesen. Eine Ver¬ 
erbung der Syphilis auf germinativem Wege (durch das in¬ 
fizierte Spermatozoon oder Ovulum), d. h. eine Vererbung im 
eigentlichen Sinne, ist überhaupt nicht erwiesen. 

Beweise lür und gegen die paterne Vererbung: 


Beweise: 

Analogie mit anderen Krank¬ 
heiten : angeborene Mißbil¬ 
dungen, Anomalien einzelner 
Organe und physiologische 
Eigentümlichkeiten können vom 
Vater her vererbt werden. 


Die hereditäre Syphilis ist mit 
der acqnirierten nicht identisch 
(Kassowitz). 

In der Mehrzahl der Ehen 
hat der Mann die Syphilis von 
früher her in die Ehe gebracht. 


Gegenbeweise: 

Analogie mit anderen In¬ 
fektionskrankheiten: Es gibt 
keine Infektionskrank¬ 
heit, welche auf sperma¬ 
tischem Weg vererbt 
würde (auch nicht die 
Pebrine der Seidenrau¬ 
pen, die Tuberkulose uud 
Lepra, bei welchen man die 
Krankheitserreger im Sperma 
[dem Spermasekret beigemengt] 
aber nicht innerhalb der Sper- 
matozoen gefunden hat). 

Das Sperma eines Sy¬ 
philitikers ist nicht in¬ 
fektiös. 

Die hereditäre Syphilis ist von 
der acqnirierten nicht verschieden, 
sondern mit derselben identisch nnd 
einheitlich. 

In den Ehen gibt es viel 
mehr syphilitische Väter als 
syphilitische Kinder. 

Die Konstatierung der väter¬ 
lichen Syphilis allein (ohne 
Nachweis der mütterlichen Ge¬ 
sundheit) ist kein Beweis, daß 
die kindliche Syphilis vom Vater 
stammt. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Die eingeetandene und kon¬ 
statierte ältere und im Beginn 
der Ehe entweder latente oder 
in nicht infizierbaren Symp¬ 
tomen sich äußernde Syphilis 
des Mannes (Kassowitz). 

Die Geburt eines reifen, 
lebensfähigen, wenn auch sy¬ 
philitischen Kindes spricht ge¬ 
gen eine rezente (1—2jährige) 
nicht behandelte Syphilis des 
Vererbenden (Kassowitz.) 

Geburt gesunder Kinder nach 
spontanem oder künstlich 
herbeigeführtem Erlöschen der 
Vererbungsfähigkeit der Sy¬ 
philis des Vaters (Kassowitz). 

Frauen können von ihren 
Männern, die an alter Syphilis 
litten, syphilitische Kinder ge¬ 
bären, ohne selbst zu erkran¬ 
ken und nach dem Tode des 
ersten Mannes mit dem zweiten 
nicht syphilitischen Manne so¬ 
fort gesunde Kinder zeugen. 


Rezent syphilitische 
Väter zeugen gesunde 
Kinder, wenn nur die 
Mutter gesund blieb. 

Mit zunehmender Exakt¬ 
heit der Beobachtungen 
und genauerer Kenntnis 
der Krankheitserschei¬ 
nungen in neuerer Zeit 
werden angebliche Be¬ 
obachtungen von ver¬ 
meintlich rein paterner 
Vererbung immer sel¬ 
tener. 

Die Übertragung der Syphilis 
von Mann auf Weib durch 
Kontaktinfektion nach vielen 
Jahren ist mindestens ebenso 
wahrscheinlich, als eine paterne 
Vererbung nach so langer Zeit. 

Eine Vererbung erfolgt nicht 
unbedingt, sondern nur fakul¬ 
tativ. Die Intensität der ver¬ 
erbten Syphilis entspricht 
durchaus nicht immer der In¬ 
tensität und dem Alter der 
mütterlichen Erkrankung. 

Gegenteilige Beobachtungen, 
daß anscheinend gesunde Frauen 
nicht nur von ihrem ersten sy¬ 
philitischen, sondern auch von 
einem zweiten, eventuell dritten 
gesunden Manne wieder syphi¬ 
litische Kinder haben. 


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Überschätzung der Hg- 
Therapie. Erklärung durch Er¬ 
löschen der Vererbungsfähig¬ 
keit; alternierende Vererbung. 

Die Erklärung setzt in jedem 
Falle getrennte Placenten vor¬ 
aus (siehe Vererbung von Seite 
der Mutter). 

Bei Placentarunter- 
suchungen wurde trotz 
angeblich rein paterner 
Vererbung eine Erkran¬ 
kung der Placenta materna 
nachgewiesen. 

III. Jede — auch anscheinend gesunde — Mutter eines 
hereditär-luetischen Kindes ist ausnahmslos selbst syphilitisch. 
A) Das Fehlen von nachweisbar vorausgegangenen oder 
bestehenden Syhpilissymptomen genügt nicht, um eine vor¬ 
ausgegangene Infektion auszuschließen, Primäraffekt und se¬ 
kundäre Erscheinungen bleiben häufig unbeachtet. 

a) Stellung der Hausärzte, Frauen- und Kinderärzte, sowie 
Syphilidologen zu der Frage: Kann eine nicht syphi¬ 
litische Mutter ein syphilitisches Kind gebären? 

b) Art und Zeitpunkt der Untersuchung. 

KasBowitz hat die betreffenden Mütter alle 
erst ein- bis mehrere Jahre nach der wahr¬ 
scheinlichen Infektion untersucht und dabei 
eine Genitaluntersuchung nie durchgeführt, 
e) Dasselbe Faktum, das Fehlen von nachweislich voraus¬ 
gegangenen Syphiliserscheinungen, interpretiert Kasso- 
witz parteiisch in verschiedenem Sinne: beim Choc en 
retour und beim Tertiarisme d’emblee nimmt er ein Über¬ 
sehen vorausgegangener Symptome an, bei den Müttern 
hereditär-luetischer Kinder erblickt er darin einen Beweis 
für die Gesundheit. 

d) Die Zahl der anscheinend gesunden Mütter 
syphilitischer Kinder beträgt 20—38°/ 0 . 


Ausschließliche Behandlung 
des Vaters in Ehen mit syphi¬ 
litischer Nachkommenschaft 
reicht meist hin, gesunde Kinder 
zu erzielen (Finger). 

Zwillinge, von denen einer 
gesund, der andere krank ist 
(Kassowitz). 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Bei sicheren Tertiärerscheinungen ist eine 
vorangegangene Syphilis in 30—40% nicht 
nachweislich. 

Wird urften daher von vornherein erwarten, 
daß in einer annähernd gleich hohen Zahl 
bei Müttern hereditär - luetiseher Kinder 
keine vorangegangene Syphilis nachweis¬ 
bar ist. 

«) Die — wenngleich latente, symptomlose, so 
doch bestehende — Syphilis der Muttte wird 
geradezu durch Geburt eines syphilitischen 
Kindes entlarvt. 

B) Es gibt keine Syphilis conceptionelle pre- 
coce (Choc en retour). 

Die Sekundärerscheinungen ohne nachweislich vorangegan¬ 
genen Primäraffekt sind nicht auf eine Infektion der Mutter 
durch die angeblich ex patre syphilitische Frucht zu beziehen 
sondern sind durch das überaus häufige Übersehen des 
Primäraffektes zu erklären, den die Frau in gewöhnlicher 
Weise durch Kontaktinfektion akquiriert hatte. 

Das Kind ist nicht vom Vater her durch spermatische 
Infektion erkrankt, sondern deshalb, weil die Mutter schon 
vor der Entbindung syphilitisch war. 

Die nahezu gleiche Häufigkeitszahl eines an¬ 
geblichen Choc en retour (32%) und einer an¬ 
geblich paternen Vererbung (38%) beweist, daß 
in fast allen Fällen von angeblich paternerVer- 
erbung doch bei der Mutter Syphiliserschei¬ 
nungen nachweislich auftreten. 

C. Es gibt keine Syphilis conceptionelle tar- 
dive und keinen Tertiarisme d’emblee. 

Die große Häufigkeitszahl von solchen angeblichen 
Vorkommnissen beweist aber wieder, daß die an¬ 
scheinend gesunden Mütter doch schon früher 
(latent-) syphilitisch waren. 

D. Es gibt keine Ausnahmen vom Collesschen 
Gesetz. 


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Alle als solche in der Literatur bisher be¬ 
schriebenen Fälle beruhen auf leicht nachweis¬ 
baren Irrthümern. 

Jede Mutter eines hereditär-luetischen Kin¬ 
des ist ausnahmslos immun. 

IV. Eine Vererbung der Immunität gegen Syphilis ist 
nicht erwiesen. 

Die bisher akzeptierte „Toxintheorie“ von 
Finger muß fallen gelassen werden. 

A. Bei anderen Infektionskrankheiten wird 
Immunität weder durch das Spermatozoon, noch 
durch das Ovulum übertragen. 

Eine Vererbung der Immunität im eigent¬ 
lichen Sinne durch die Keimzellen gibt es ebenso 
wenig wie eine Vererbung der Krankheit selbst 
auf germinativem Wege. 

B. Eine Vererbung der Immunität findet bei 
anderen Infektionskrankheiten immer nur von 
Mutter auf Kind auf placentarem Wege statt. 

Die von syphilitischen Vätern, aber gesunden 
Müttern stammenden gesunden und nicht im¬ 
munen Kinder könnten deshalb keineswegs als 
Ausnahmen vom Profetasehen Gesetz bezeichnet 
werden. 

C. Die Geltung des Profetaschen Gesetzes ist 
nicht erwiesen. 

Gegen das Profetasche Gesetz sprechen 

1. die bisher sichergestellten sog. Ausnahmsfälle (16), 

2. die Erfahrungen über akquirierte Syphilis im Kindesalter 

bei endemischer Syphilis. 

D. Eine vererbte Immunität ist bei anderen 
Infektionskrankheiten niemals eine (durch Toxine 
bedingte aktive und daher) dauernde, sondern 
immer nur eine (durch Antitoxine erzeugte pas¬ 
sive und daher rasch innerhalb Wochen) vor¬ 
übergehende passagere Immunität. 

E. Nicht bei jeder Infektionskrankheit wird 
überhaupt eine Immunität vererbt. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Die Antitoxine gehen zwar von Matter auf 
Kind über, erzeugen aber b ei diesem infolge der 
ungleichen Reaktion des kindlichen und mütter¬ 
lichen Organismus nicht denselben Effekt wie 
bei der Mutter (Tuberkulose). 

F. Bei Syphilis sind die von Mutter auf Kind 
übergegangenen Antitoxine zu schwach, um auch 
nur eine flüchtige Immunität dem Kinde zu ge¬ 
währen. (Analoge mit Variola, Lepra [?], Tuberkulose.) 
Bei Syphilis wurden 6 Fälle von Infectio sub partu bekannt. 

Das Profetasche Gesetz muß fallen gelassen 
werden. 

Da es einerseits eine Vererbung einer dauern¬ 
den Immunität nicht gibt, und da andererseits 
jede (auch anscheinend gesunde) Mutter eines 
h er e di tär - lue ti8 ch e n Kindes ausnahmslos 
dauernd immun ist, muß folglich jede — auch 
anscheinend gesunde, aber immune — Mutter 
selbst (latent-) syphilitisch sein. 

Da es also schließlich keine hereditäre Sy¬ 
philis ohne Syphilis der Mutter gibt, und da 
andererseits von einer syphilitischen Mutter 
die Krankheit zweifellos vererbt werden kann, 
so folgt daraus, daß wir eine Vererbung der 
Syphilis injedemFalle von einer syphilitischen 
Mutter ah leiten können und die Hypothese einer 
paternen Vererbung nicht anzunehmen 
brauchen. 


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Matzenaue r. 


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Die Vererbung der Syphilis. 


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Bd. II. p. 480. 1865. — Vitanza. Sulla transmissibilitä dell* infezione 
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Contribuzione allo stu dio dell’ infezione pneumoniae congenita. Rif. 
medica. 1890. Nr. 97. 98. — H. Walther. Zieglers Beiträge. XVI. 1894. 
p. 274. — Ward. On the pathol. of syphilis. Lancet. 1892 — We- 
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Deutsche Zeitschr. f. prakt. Medizin. 1877. Nr. 42. — Über den gegenw. 
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klinischer Vorträge. 1878. (Nr. 130.) — W e n d t. Dio Kinderkrankheiten 
systematisch dargestellt. Berlin und Leipzig. 1822 p. 172. — Wester¬ 
mayer. Beitrag zur Vererbung der Tuberkulose. Inaug. - Dissert. Er¬ 
langen. 1893. — Wiede. Beitr. zur Kasuistik der hereditären Syphilis. 
Inaug.Dissert. Würzburg. 1880. — W o 1 f f. Zur Frage der paternen In¬ 
fektion. Straßburg. 1879. — W o 1 f f. Lehrbuch der Haut- und Geschlechts¬ 
krankheiten. Stuttgart. 1893. — W o 1 f f Max. Über die Vererbung der 
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Über die Vererbung der Infektionskrankheiten. Internationale Beiträge 


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Matzenauer. Die Vererbung der Syphilis. 


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Virch. Arch. Bd. CV. p. 192. — Zeissl H. Zur Lehre von der Ver¬ 
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1882. Nr. 87. — Zeissl M. Ein neuer Fall von Infectio in utero. 
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anat. patologica. Turin. 1892. I. 


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